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Periodical volume Sonnabend, 24. Februar 1900 Nr, 8

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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worden, von einem habsburgischeu Fürsten glaubte man, die 
Sicherung der deutschen Freiheit und die Stärkung der tiaiser- 
gewalt, eine Regelung der religiösen Streitigkeiten und einen Schutz 
gegen die drohende Türkengefahr und von der Vereinigung der 
Habsburgischen und spanischen Macht ein Uebergcwicht gegen die 
päpstliche Autorität erwarten zu dürfen. Zur Gewähr dieser 
Von der Pariser Weltausstellung: Eingang zunr Schweixerdors. 
(Mittelalterliches Burgthor.) 
Hoffnungen verpflichtete man den neuen Herrscher vor der Wahl 
zur Annahme bestimmter Bedingungen und glaubte nun alles 
gethan zu haben, um Deutschlands Zukunft aussichtsvoll und 
glänzend zu gestalten. 
Kaiser Karl liess zwar durch seine Bevollmächtigten alles, was 
die deutschen Kurfürsten verlangten, versprechen und unterzeichnen, 
aber gehalten hat er sich an diese Zusagen niemals. Deutschlands 
Wohlfahrt lag ihm ebenso wenig am Herzen wie die der meisten 
Staaten seines ausgedehnten Machtgebietes, er betrachtete seine 
Erwählung zum Deutschen Kaiser als Mittel zum Zweck: als 
gewaltiges Oberhaupt der abendländischen Christenheit glaubte er, 
seine Hausmacht vermehren und seine Weltpolitik leichter durch- 
führen° zu können. Wie wenig ihn Deutschlands Angelegenheiten 
interessierten, zeigte er schon dadurch) dass er erst nach Jahresfrist 
zur Krönung in Deutschland erschien und auf dem ersten Reichs 
tage zu Worms die Entscheidungen in Sachen der Reformation 
ganz im päpstlichen Sinne traf, ohne die nationale Bedeutung 
dieser Bewegung oder die berechtigten Forderungen um Abstellung 
der kirchlichen Mißstande irgendwie in Erwägung zu ziehen. Er 
durfte es mit dem Papste nicht verderben, da er seine Hilfe sowie 
die des katholischen Deutschland im Rivalitätskricge mit Franz l. 
gebrauchte, und.durch die Neutralität des Papstes und mit Hilfe 
deutscher Landsknechte wurden die Schlachten bei Piaeenza, Biccoca 
und Pavia gewonnen und Frankreich zur Nachgiebigkeit gezwungen. 
Als dann der Papst, durch die wachsende Macht Karls V. be 
unruhigt, sich mit Frankreich und dm italienischen Partiknlarstaatcn 
verband, waren es wiederum deutsche Krieger, die Karls Fahnen 
von Sieg zu Sieg führten und schließlich das heilige Rom eroberten. 
Karl verdankte mitbin Deutschlands Unterstützung einen großen 
Teil seiner Erfolge, und es wäre nicht mehr als billig gewesen, 
wenn der Kaiser jetzt, nachdem er seine Gegner nachdrücklich besiegt 
hatte, als Ausdruck seiner Dankbarkeit sich eine ersprießliche Er 
ledigung der deutschen Religionsstreitigkeiten und anderer Mißstände 
hätte angelegen sein lassen. Aber nichts deutete auf eine solche 
Absicht hin, als der Kaiser nach achtjähriger Abwesenheit wieder 
in Deutschland erschien und die Stände zu einen, Reichstage nach 
Augsburg entbot. Vielmehr schien er seine kaiserliche Macht mit 
allem Nachdruck geltend machen zu wollen, um die protestantischen 
Fürsten zur Nachgiebigkeit zu zwingen. Er hatte jedoch die 
Verhältnisse unterschätzt; die Reformation hatte sich seit dem 
Wormser Reichstag unauffällig, aber init siegender Gewalt 
im Reich ausgebreitet, und die protestantischen Stände waren 
nicht geneigt, ihre Glaiibensrichtung auf einen kaiserlichen Macht- 
spruch bin ohne weiteres 311 ändern. Sie überreichten als Be 
kenntnis ihres Glaubens die Augsburgische Konfession und schlossen 
sich, als der Reichsabschied die Ungehorsamen mit der Acht bedrohte, 
zum Schmalkaldener Bunde zusammen. Die Beharrlichkeit der 
protestantischen Fürsten brachte den Kaiser in eine schwierige Lage, 
sein kaiserliches Ansehen war bloßgestellt, und dennoch mußte er der 
Türkengefahr wegen nachgeben, ja sogar 1532 den Nürnberger Reli 
gionsfrieden mit den Protestanten schließen. Dieses scheinbare Nach 
geben von seiten des Kaisers war nur die Stille vor dem Sturm; der 
Stachel, den deutsche Standhaftigkeit in seinem Herzen zurückgelassen 
hatte, schmerzte ihn beständig, und obwohl er jahrelang von Deutsch- 
land abwesend und mit den verschiedensten Unternehmungen beschäftigt 
war, dachte er doch stets daran, die widerspenstigen Fürsten und 
Stände zu demütigen. Zwar hatten ihm die Reichsstände, und 
unter diesen auch Schmalkaldische Bundesgenossen, wiederholt Hilfe 
geleistet, so gegen den Herzog von Cleve, gegen Franz I. von 
Frankreich und gegen die Türken; aber das Gefühl der Dankbar 
keit wurde durch den Wunsch, die Ketzerei in Deutschland aus 
zurotten, unterdrückt, und als die Verhandlungen auf dem Reichstage 
zu Regeusburg 1546 zu keinem befriedigenden Ergebnis führten, 
entschloß sich der Kaiser zum Kriege gegen die Mitglieder des 
Schmalkaldische» Bundes. Er verband sich mit dem Papste, mit 
feinem Bruder Ferdinand und dem Kurfürsten Moritz von Sachsen, 
benutzte geschickt die Unthätigkeit der Bundesgenossen und die Un 
einigkeit der Führer, zwang die Städte und Fürsten einzeln zur 
Unterwerfung und beendete durch den Sieg bei Mühlberg 1547 
den wenig ruhmvollen Widerstand der Protestauten. 
Der verhältnismäßig leicht errungene Sieg veranlaßte den 
Kaiser zu herrischem Auftreten gegen die deutschen Stände; er 
fühlte sich jetzt als Herr der Situation, erließ das Interim und 
behandelte die gefangenen protestantischen Fürsten in unwürdiger 
Weise. Erregte er hierdurch schon den Unwillen der Stände, so 
steigerte er die Unzufriedenheit derselben noch mehr, als er mit der 
Absicht umging, seinem strenggläubigen Sohne Philipp die Nach 
folge im deutschen Reiche zu übertragen. Moritz von Sachsen 
versuchte es zunächst auf gütlichem Wege, den Kaiser günstiger zu 
stimmen und das Los der gefangenen Fürsten zu erleichtern; als 
aber diese Unterhandlungen zu keinem Ziele führten, verband er 
sich niit einigen protestantischen Fürsten und mit Heinrich II. von 
Frankreich und zwang den Kaiser zum Passauer Vertrage, durch 
von der Pariser Weltausstellung: 
Der groste wastcrsall im Schwegcrdorf. 
welchen die meisten der gegen die Protestanten gerichteten Erlasse 
aufgehoben oder gemildert wurden. 
Dieser Glücksumschlag war entscheidend für das fernere Ver 
halten des Kaisers Deutschland gegenüber. Seine Würde als 
deutscher Kaiser war befleckt worden, und da sein Versuch, die 
Franzosen für ihren Einfall in Lothringen zu züchtigen und ihnen
        
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