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Periodical volume Sonnabend, 17. Februar 1900 Nr, 7

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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die Rollen als Thekla (Wollenstem), Gretchcn, Lciwre Sanvitale, 
Königin (Don Carlos), vor allen Dingen aber die vorzügliche 
Darstellung der Brunhilde (Nibelungen) hervorgehoben) Amanda 
Lindner ist durch das Herzoglich Meiningische, sowie das Sachscn- 
Kobnrg-Gothaische Verdienstkreuz für Kunst und Wissenschaft aus 
gezeichnet, dem sich in diesen letzten Tagen das Sachsen-Alten- 
bnrgische Verdienstkreuz, das der Herzog für die Darstellung des 
Gretchen der Künstlerin übersandt, anreihte. 
Auch Fräulein Rosa Poppes Kunst erfreut sich der Anerkennung 
der verschiedensten Herrscher. So haben mit Orden die kunst 
sinnigen Herrscher von Oldenburg, Meiningen und Renß-Gera, durch 
Ilebersendnng einer kostbaren Brillantbrosche der russische Zar die 
Verdienste, welche sich die Tragödin unseres Hoftheaters, um die 
darstellende Knust erworben, belohnt, und durch ehrende Aus 
zeichnungen ■ hat auch Kaiser Wilhelm II. Fräulein Poppes nie 
rastendes Vormärtsstreben anerkannt. Seit zehn Jahren gehört 
diese Künstlerin dem Schauspielhanse als Mitglied an, nachdem 
sie in Ischl und Hamburg die ersten Lorbeeren in ihrem jetzigen 
Rollenfach geerntet. Wer heut die zarte Anmut der Künstlerin 
als Krienihild im ersten Teil der Nibelungen und das allmähliche 
Hineinwachsen in den leidenschaftlichen, einzig von dem Gefühl 
der Rache erfüllten Charakter dieser Fraucngestalt im zweiten 
Teil bewundert, sie als Medea, Lady Milford und Orsina sicht, 
kann kaum begreifen, daß man ihr zu Anfang ihrer Bühnen 
laufbahn am Karltheater zu Wien Talentlosigkeit vorwarf und 
sie teils in ganz kleinen Rollen, teils sogar nur als Statistin 
beschäftigte. Rosa Poppes Können liegt im Hochdramatischen. 
Gräfin Terzky, Thusnelda, Maria Stuart, Judith, Prinzessin 
(Tasso) zählen nicht minder als Prinzeß Natalie (Prinz von Hom 
burg) und die Witwe des Kaisers Heinrich (Burggraf—Laufs) zu 
ihren Glanzrollen. Ihr großes Talent und rastloser Fleiß lasse» 
jeden Franencharäkter in seiner eigenen Weise aufs trefflichste indi 
vidualisieren. Hat doch die Künstlerin auch im modernen Lustspiel 
reiche Erfolge errungen. 
Als Hauptdarstellerin jugendlicher Mädchengestalten sei Vilma 
von Mayburg genannt, eine Ungarin wie Fräulein Poppe, und, 
wie Frau Stollberg, in Wien ausgebildet. Ihr erstes Engagement 
führte sie an das Wallnertheater in Berlin. Nachdem sic nur 
kurze Zeit dort geweilt, gastierte sie am Residenztheater als Annchen 
in der „Jugend", durch ihr anmutiges, natürliches Spiel die Auf 
merksamkeit'der Kritik auf sich lenkend, so daß sie sofort für das 
Schauspielhaus gewonnen wurde. 
Vilma von Mayburg ist besonders dazu geschaffen, vornehme 
Mädchen in ihrer herben Jungfräulichkeit und graziösen Anmut 
darzustellen. Sie ist die berufenste Vertreterin wahrer, reiner 
Mädchennatnren, nicht sowohl durch ihre Erscheinung, wie durch 
die pocsicvolle Anmut ihres Spieles. 
So zählt die Titelrolle im Käthchen von Heilbron» zu ihren 
Glanzrollen. Man glaubt ihr das keusche, unberührte, innige 
Gemüt dieses in Schönheit und Unschuld prangenden Mädchens, 
das sein ganzes Selbst in der Persönlichkeit des Geliebten auf 
gehen läßt,' und die warmen Herzenstöne, welche die Künstlerin zu 
finden weiß, lasse» selbst gewisse Unwahrscheinlichkeiten in Käthchens 
Charakter glaubhaft erscheinen. Nicht weniger vorzüglich ist 
Fräulein von Mayburg als Perdita (Wintermärchen), Melitta 
(Sappho), Prinzessin (Niemand weiß es) u. s. w. 
Für die derberen Mädchengestalten ist Fräulein Bertha 
Hausner gewonnen. Auch sie ist Oesterreicherin und kam nach 
einem kurzen künstlerischen Versuch in Graz nach Berlin an das 
Deutsche Theater, dort von l'Arronge eigentlich erst in der Schau 
spielkunst unterwiesen, 1888—90. Am königlichen Schauspielhaus 
wirkt sie jetzt nicht nur im modernen Lustspiel, sondern stellt auch 
jugendlich weibliche Charakterrollen dar. A. M. W. 
Aus den Kunstsalons. 
Bei Schulte eine Ausstellung der Künstlervereinigung „Sport 
und Jagd". Die ausgestellten Werke weisen kaum irgend etwas 
persönlich Eigenartiges auf, so erübrigt sich für uns, Nanien zu 
nennen. Jedenfalls wird sie ihren Zweck, den Künstlern in den 
Reihen der ja immer begüterten Liebhaber von Jagd, Hund und 
Pferd auch die kaufenden Liebhaber ihrer Bilder zu werben, kaum 
verfehlen. Und das ist ja ihr Zweck. 
Die künstlerischen Qualitäten der Schnlteschen Ausstellung 
repräsentiert Meister Lenbach und ein junger Maler siebenbürgi'cher 
Abkunft, Wellmann. Dieser bringt in einer Anzahl von italie 
nischen Landschaften mit großen Ziegenherden und in ein Paar 
weiblichen Köpfen ein äußerst gediegenes Können zur Schau. Das 
„Persönliche" mangelt den Arbeiten etwas, sonst ivürden sie sicher 
einen neuen Künstler einführen; so ist ihr Schöpfer nur ein Maler 
von erster Qualität. 
Lenbach zeigt in seinem Hammacher Bildnis und in ein 
paar Hcrrcnporträ'ts, daß er noch ganz über die bekannte Meister 
schaft verfügt, sein Joachim-Bildnis ist nicht ganz so hervor 
ragend. Es ist äußerst interessant, wie im Gegensatz zu dem vorher 
genannten Maler bei Lenbach gerade der Künstler den Maler 
vergessen macht. 
Berliner Chronik. 
Am L. Februar starb im 88. Lebensjahre Profeffor Nr. Franz 
Ludwig Steinmener, der Senior der theologischen Fakultät der 
Universität Berlin. Der Verstorbene war atii 15. November 1812 zu 
Beeskow in der Mark geboren. Ter Berliner Universität gehörte er 
seit 1858 als Professor der praktische» Theologie an. 
Am 6. Februar feierte Robert Guthery, ein Schauspieler, dessen 
Name eng mit der Geschichte des Berliner Theaters verknüpft ist, feinen 
75. Geburtstag. Der Jubilar, der Vater von Franz Guthcry vom 
Lessing-Theatcr, war zur Glanzzeit des Viktoria-Theaters in der Münz- 
straße Komikcr und Regisseur an demselben. 
Am 6. Februar waren 50 Jahre verflossen, seitdem König Friedrich 
Wilhelm IV. den Eid ans die preußische Verfassung geleistet, die am 
31. Januar 1850 die königliche Unterschrift erhalten hatte. Die Eides 
leistung erfolgte im Rittersaal des königlichen Schlosses. Der König 
betonte in seiner Ansprache, daß er vor den Mitgliedern der Kamincrn 
erscheine „wie nie zuvor und nie hernach," „als er selbst allein, als ein 
Mann von Ehre, der sein Teuerstes, sein Wort geben will, ein Ja, ver 
nünftig und bedächtig." — „Ein freies Volk unter einem freien König, 
das war meine Losung seit zehn Jahren, das ist sie heut und soll cs 
bleiben, so lange ich atme." Als eine Lebcnsbcdingung seines Königs- 
tums bezeichnete der Herrscher, daß ihm „das Regieren mit diesem Gesetz 
möglich gemacht werde, denn in Preußen muß der König regieren." 
Am 7. Februar feierte Professor vr. Karl Möbius, General 
direktor des Museums für Naturkunde, seinen 75. Geburtstag. 
Am 7. Februar starb in Meran der Mnstkschriftsteller vr. Otto 
Gnmprecht, der von 1849 bis 1889 für die „Nationalzcitnng" Musik 
kritiken geschrieben hat. Der Verstorbene, der bereits als Knabe er 
blindete, gehörte zu den feinsinnigsten Mustkschriflstcllern der Gegenwart, 
verhielt sich aber gegen die moderne, durch Richard Wagner und Franz 
Liszt vertretene Richtung völlig ablehnend. Von seinen Vcrösientlichnngen 
verdienen die in den 1880er Jahren erschienenen „Musikalischcti 
Charakterbilder" Hervorhebung, die klassische und romantische Komponisten 
umfassen, ferner die Essays, die Gnmprecht in Westcrmanns „Monats 
heften" veröffentlicht hat. 
Am 8. Februar nahm Kaiser Wilhelm II. im Rittersaal des 
königlichen Schlosses den Eid des neuen Erzbischofs von Köln, 
vr. Hubertus Simar, entgegen. 
Ter Justiz min ist er Schönstedt ist von der juristischen Fakultät 
der Berliner Universität zum Ehrendoktor^ ernannt worden. 
Die Stadt- und Ringbahn, die Straßenbahnen und die 
Omnibusse beförderten im Jahre 1899 414 Millionen Personen. Die 
Zunahme gegen das Vorjahr beträgt 52 Millionen. Die Straßenbahnen 
wurden von 244 Millionen, die Stadt- und Ringbahn von 94 Millionen, 
die Omnibnffc von 75 Millionen Personen benutzt. 
Der alte Garnisonkirchhof in der Linicnstraße soll, ivic 
hiesige Blätter melden, znm Verkauf gelangen, »in dem MilitärfiskuS 
die Kosten zur Bestreitung des Umbaus der Garnisonkirche in der 
Neuen Friedrichstraßc zu verschaffen. Es wird jedoch nicht der Verkauf 
des gesamten Friedhofes beabsichtigt, sonder» nur des Soldatcn- 
kirchhofcs, der zwischen der Rücker- und Gorinannstraße belegen ist, 
während der westlich belegene Offizicrkirchhof, der sich von der 
Gormatinstraße bis zur Kleinen Rosenthaler hinzieht, erhallen bleiben 
wird. Die Erhaltung dieses westlichen Teiles ist einfach eine Pietät, 
denn es ruhen hier die irdischen Ilebcrrestc einer großen Zahl von 
Offizieren, die sich um das Vaterland verdient gemacht haben, und deren 
Rainen zum Teil für immer mit der preußischen Geschichte verknüpft ist, 
so der Gencralfeldmarschall Kleist von Nollendorf sgestorben 1823), 
der Generalmajor von Lntzow sgestorben 1843), der Führer der Frei 
willigen Jäger im Befreiungskriege, und der Artilleriegcneral Karl 
Friedrich von Holtzcndorff, der sich bei Warschau, Danzig, Möckern, 
Großbeeren, Dennewitz und Ligny auszeichnete (gestorben 1828). Ein 
hohes Sandstcindenkmal erinnert an de» Dichter Friedrich Baron 
de la Motte-Fonqu«, den Verfasser der „Undine" und des „Zauber- 
rings" sgestorben 1843). Auch Julius von Voß, der Verfasser des 
„Stralauer Fischzuges", der ersten Berliner Lokalposse, die 1822 auf der 
Bühne des königlichen Schauspielhauses mit großem Erfolge gegeben 
wurde, ruht auf dem alten Garnisonkirchhof. Noch vor wenigen Jahren 
bettete man den Hospredigcr Fromme! dort zur civigen Ruhe, und die 
vielen geschichtlichen Erinnerungen, die sich an'dieses Fleckchen Erde 
knüpfen, lasse» es geradezu als undenkbar erscheinen, daß man diesen 
Friedhof in andere Hände übergehen oder gar in den Besitz von Bau 
unternehmern gelangen läßt. Auch der östliche Soldatenkirchhof 
müßte der Stadt als öffentlicher Park erhalten bleiben, der jenem ivink- 
ligen und von Bänmen enblößten Stadtteil bitter not thut. Leider ist 
der Preis von 1 748 250 Mark, de» der Militärsiskus für die 
12 950 Luadratmcter fordert so ungeheuer hoch (138 Mark für den 
Ouadratmeter!), daß der Magistrat auf das Verkaufsangebot nicht ein 
gehen konnte; es ist dringend zu wünschen, daß zwischen den fiskalischen 
und den städtischen Interessen ein Ausgleich erzielt wird.' — Die Anlage 
des alten Garnisonkirchhofes fällt in den Anfang des 18. Jahrhunderts. 
Das Kirchhvfsterrain wurde der Garnisonkirche 1705 überwiesen, in 
welchem Jahr auch die „Circnnivallationslinie", die heutige Linien 
straße, abgesteckt wurde. Tie Gorinannstraße, die erst vor wenigen 
Jahren bis zur Lothringcrstraßc verlängert wurde, entstand 1699 und 
hieß ursprünglich „Laufgassc". Ihren jetzigen Namen erhielt sie erst 
1867 nach dem Töpfermeister Gorniann, „welcher in dieser Straße ein 
Hans besessen und sich durch Verwendnng des Thons für die Architektur 
Verdienste erworben." Die Kleine Roscnthalerstraße hieß ursprünglich 
„Totcugasse im Spandaucr Viertel"; sic führt ihrei, gegenwärtigen 
Namen seit 1862; von 1826—62 hieß sie Weinbcrggasse. Die Rücker 
straße, die den Garnisonkirchhof östlich begrenzt, entstand Ende des 
17. Jahrhunderts und hieß „Wüste Gasse". Ihre jetzige Bezeichnung 
erhielt sie 1862 nach dem Wohlthäter der Berliner Armen, dem Accise- 
direktor Stanislaus Rücker, dessen Vater in der Nähe der Gasse ein 
Wohnhaus gebaut und Ackerland besessen hatte. —s.
        
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