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Periodical volume Sonnabend, 17. Februar 1900 Nr, 7

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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Anarchisten frühstückt und am Abend einer der sybaritische» Festlich 
keiten moderner Millionenfürsten beiwohnt. 
Die großartigste Reporterleistung wird wohl einstweilen immer 
noch Stanleys Auffindung Livingstones bleiben. Stanley erzählt seine 
Geschichte selbst folgendermaßen: „Im Oktober 1869 war ich in 
Spanien, als ich ein Telegramm erhielt: „Kommen Sie sofort Paris. 
Wichtige Angelegenheit." In der folgenden Nacht kam ich in 
Paris an, begab mich sofort ins Grand Hotel und klopfte an die 
Thür von Gordon Bennet, dem 
Besitzer meiner Zeitung. Jin Bett 
empfing er mich. „Glauben Sie, 
daß Livingstone noch lebt? — 
Möglich. — Gut, Sie werden 
gehen, ihn zu suchen; Sie haben 
einstweilen einen Kredit von 
25 000 Francs und werden so 
lange suchen, bis Sie ihn finden. 
— Soll ich sofort auf die Suche 
gehen? — Nein, Sie werden der 
Eröffnung des Suezkanals bei 
wohnen, von da werden Sie den 
Nil hinauffahren. Baker soll nach 
Ober-Aegypten aufbrechen; in 
formieren Sie sich genau über 
seine Expedition. Aus der Rück 
fahrt auf bei» Fluß schreiben Sie 
einen praktischen Reiseführer durch 
Aegypten. Bon da gehen Sie 
nach Konstantinopel und infor- ^ 
mieren sich über das Verhältnis des Khedive zum Sultan. Dann 
fahren Sie durch die Krim und besuchen die Schlachtfelder; dann 
gehen Sie den Kaukasus entlang bis ans kaspische Meer. Dort 
soll, eine Expedition nach Khiwa aufbrechen, über die Sie berichten 
Der König aller Reporter ist aber der Kriegskorrespondent. 
Berühmte Namen giebt's in den Listen dieser Spezies. Auch 
Märtyrer ihres Berufs, denn der Aufenthalt in den Gegenden, 
wo die Kugeln pfeifen, ist ja nicht ganz ungefährlich, noch 
weniger die oft tagelangen Ritte und Fahrte» zum nächsten prakti 
kabel» Post- oder Telegraphenamt. Wie der Kriegsrcporter arbeitet 
und sich ausrüstet, davon geben unsere Abbildungen eine Idee. 
SOi'it großem Wagen- und Pferdepark und Beglcitnngsstaffetten geht 
er auf den Kriegsschauplatz; denn 
er muß möglichst unabhängig sein 
von allcnZufälligkeiten undHinder- 
nissen, muß auf dem Sattel seines 
Pferdes einen glänzenden Artikel 
schreiben, in seinem Reisewagen 
Photographien entwickeln und 
kopieren und immer seine reitenden 
Boten mit der Korrespondenz rück 
wärts fliegen lassen au das Blatt, 
das ihn aussandte. Im letzten 
griechisch-türkischen Kriege haben 
zwei englische Korrespondenten es 
fertig gebracht, sich während deS 
Kugclpfeifens in der Schützenlinie 
im Laufgraben gegenseitig zu 
photographiere». 
Den schwierigen Umständen ge 
mäß ist der Kriegskorrespondent 
natürlich reich von seinein Blatte 
mit dem nervus omnium rerum 
ausgerüstet. Krieg führen kostet eben für eine Zeitung auch Geld — 
Geld — und nochmals Geld. Der Korrespondent hat einen un 
beschränkten Telegrammkredit. Im russisch-türkischen Kriege war 
der Durchschnittspreis der Depeschen, die Mr. Pognon der Ägence- 
Pognon ini russisch-türkischen 
ge. (Jn der für Korrespondenten 
vorgeschriebenen Uniform.) 
Ein Interview im Finge. 
Tlnncholle und General SauMrr. 
profrstor ludwig pietsch. 
Berichterstatter der „Bossischei, Zeitung' 
werden. Bon da 
gehen Sie durch 
Persien nach Indien, 
schreiben von Perse- 
polis, Bagdad, über 
bie Euphratbahn 
interessante Artikel. 
Bon Indien aus 
gehe» Sie nach 
Afrika, Livingstone 
zu suchen. Falls er 
dann nicht schon in 
Zanzibar ist, gehen 
Sie in das Innere 
und suchen Sie, bis 
Sie ihn haben. 
Falls er tot ist, 
bringen Sie un 
trügliche Betveise. 
Und nun gute Nacht 
und Gott mit 
Ihnen!" — Das 
war der Reporter- 
auftrag; wie er 
ausgeführt wurde, 
ist weltbekannt. v 
Vag an der Fcurrlinir im griechisch-türkischen Kriege. 
Havas sandte, 800 
Franks. Ein Kor 
respondent des Bu 
reau Reuter schickte 
einmal eine einzige 
„dringende" De 
pesche von 3000 
Worten für 6450 
Franks. Das Wort 
kostete 2,15 Franks. 
In der deutschen 
Presse hat der Spe 
zialberichterstatter 
noch nicht die Be 
deutung erlangt, wie 
in der französischen 
und englischen. Eine 
Ausnahme bildet 
Professor Ludwig 
Pietsch, der die 
„Bossische Zeitung" 
bei allen außeror 
dentlichen Gelegen 
heiten vertreten hat 
und sie noch ver 
tritt.
        
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