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Periodical volume Sonnabend, 17. Februar 1900 Nr, 7

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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/,Was steht da?" Es war Edith, die gefragt hatte, — 
mit einer veränderten, kalten und harten Stimme. Sie war 
aufgestanden und nahe zu der andern herangetreten; ihre 
Augen aber hafteten auf Nauchmann. 
„Nu, ich will's vorlesen; Heeren Sie nur zu. Hier — 
nee, da steht es: „Ein wenig gelesenes Münchener Blatt 
brachte vor einigen Tagen die Nachricht von der Verlobung 
des beriehmten Wagnersängers Karl Rauchmann mit seiner 
nicht minder beriehmten Kollegin Milka Millerta. Wegen der 
eigentiemlichen Form der Veröffentlichung standen wir der 
Nachricht skeptisch gegenüber, da sic jedoch die Runde durch 
die Presse macht, so geben auch wir sie mit Vorbehalt wieder." 
Ja, nu missen Sie's uns aber sagen, Herr Rauchmann, ob 
man gratulieren darf oder nich?" 
„Ist es wahr? Darf man gratulieren?" Edith fragte 
es gleichzeitig mit Fräulein Häseler, Rauchmann aber schien 
nur sie zu hören und gab ihr seine Antwort. 
„Es ist wahr und auch nicht wahr. Die Zeitungen sind 
so indiskret — wenn man der Oeffentlichkeit angehört, — es 
ist mir höchst unangnehm, daß diese Notiz hierher gedrungen ist." 
„Dann wollen wir die Sache ruhen lassen." Ediths 
Worte klangen stolz und hart wider ihren Willen. Sie war 
zornig, im Tiefsten erbittert, fühlte schmerzlich die grelle 
Störung eines unvergeßlich schönen Augenblicks. Aber die 
Gefühle wurden ihr nicht gleich klar, und sie schalt sich zuerst 
wegen des schroffen Stimmungswechsels, während wie von 
weitem die singenden Worte des sächsischen Fräuleins zu ihr 
tönten, die ihre Neugierde nicht gleich zum Schweigen bringen 
konnte. Dann aber, als die drei auf Ediths Vorschlag den 
Heimweg antraten und stumm neben einander gingen, da 
suchte sie ihr Gefühl zu erklären und zu begründen, da sie 
es nicht zu ersticken vermochte. Die Außemvelt mit all ihrer 
Schönheit sprach während dieser schmerzvollen Wanderung 
nicht mehr zu ihr; sic ging, die Blicke auf den grangclben 
Pfad, auf seine weißen, bläulichen und rötlichen Steine 
gerichtet und grübelte in sich hinein. 
An der Wahrheit der Zeitungsnachricht von Wotans 
Verlobung zweifelte sie keinen Augenblick; seine Verwirrung, 
sein Mißmut hatten deutlich genug gesprochen. Er ivar ver 
lobt, — konnte das die Ursache der Empfindungen sein, die 
sie mit so jäher Gewalt überfallen hatten? Nein, nein, das 
nicht! Er ivar frei, war Herr seiner Handlungen, durfte 
thun, was er wollte. Nein, das war es nicht, sicherlich nicht. 
Was kümmerte es sie, ob er verlobt war? Aber warum that 
ihr das Herz nur so weh? Eine Kränkung, eine Beleidigung, 
irgend etwas Häßliches mußte da sein, das ihr — nun schon 
zum zweitenmal in der Nähe dieses Mannes — das Gleich 
gewicht der Seele rauben wollte. Und nun fand sie's aus, 
plötzlich war es ihr klar: Er hatte noch einmal die Un 
wahrheit gesagt, ihr, der Wahrheitsliebenden. Das erste 
mal hatte er gelogen, als er seinen Beruf verleugnete, das 
zweitemal, als er auf der Herfahrt lachend jeden Verdacht 
der Krankheit von sich wies. Was er zur Entschuldigung 
gesagt, und was sie zuvor gedankenlos, willig hatte gelten 
lassen, das genügte ihr jetzt nicht mehr. Durfte ein Mensch 
denn nicht krank sein, weil er ein Künstler war; mußte ein Sänger 
als Halbgott gelten, allen irdischen Leiden entrückt? Mit 
frecher Stirn, mit fester Stimme hatte er damals die Wahrheit 
geleugnet, und es half nichts, daß er ihr jetzt nachträglich die 
Ehre gegeben hatte. Eine Kluft öffnete sich mit einemmale 
wieder zivischcn ihm und ihr; für sie gab es keine Gemein 
schaft mit univahrhaftigen Menschen. 
So vergrub sie sich tiefer und tiefer in ihren Zorn, ohne 
zu bemerken, daß sie selbst — ihr Gefühl erklärend — un 
wahr wurde gegen sich selbst. Mit kühlem Gruß verabschiedete 
sie sich, im Hotel angekommen, von Ranchmann und ihrer 
Begleiterin, um fast zu erschrecken, als ihre Mutter sic nach 
kurzem, prüfendem Anschauen mit den Worten begrüßte: 
„Was hast Du, Kind? Du bist ja leichenblaß. Was ist Dir 
geschehen?" Edith versuchte zu lächeln und gab eine aus 
weichende Antwort; rasch aber ging sie auf ihr eigenes Zimmer, 
setzte sich nieder und weinte. Nicht über Wotans Verlobung, oh 
nein! Nur darüber, daß sie ihn zum zweitenmal auf einer 
Unwahrheit ertappt hatte. 
In demselben Augenblick war auch Nauchmann nicht 
allzufern davon, zu weinen, und wenn das Gefühl, das in 
Edith tobte, in Wirklichkeit Zorn war, dann hatten sic beide 
dasselbe Motiv. Sein Ingrimm aber galt einem Brief, den 
er beim Nachhausckommcn vorgefunden hatte, und der „Deine 
Dich liebende Milka" unterzeichnet war. Sie schalt ihn, daß 
er ihr noch nicht geschrieben habe, sprach von Sehnsucht und 
Trennungsschmerz und verivertete viele schöne Redensarten, 
die aus lieberfüllten Theaterstücken in ihrem Gedächtnis hängen 
geblieben waren. In dem Brief aber lag ein Zettel mit 
folgendem Wortlaut: „Du mußt mir wirklich einmal schreiben; 
hier sind viele Bekannte von Dir, und ich muß doch irgend 
etwas vorzeigen können. Schreib' mir auch einen Gruß an 
die Freunde hinein; die Namen werden Dich nicht interessieren, 
cs genügt, wenn Du vou Freunden sprichst. Mein Brief ist 
so eingerichtet, daß er dort auch gelesen werden kann; mir 
wäre das nicht unangenehm, weil ich mit Mailand wegen 
eines Gastspiels an der Skala unterhandle, und es kommen 
doch auch ivohl Mailänder nach Fasano? Wird etivas aus 
dem Gastspiel, dann fahre ich jedenfalls über dort, und die 
Leute sollen die Freude haben, uns zusammen zu sehen. 
Adieu!" 
„Die Person ist verrückt geworden," grollte Rauchmann 
vor sich hin, aber der Zornausbruch tilgte das Mißbehagen 
in seiner Seele nicht, das in Wahrheit schon eine Stunde 
vor Ankunft dieses Briefes darin gewohnt hatte. 
Bei Tische ging alles wortkarg her; die Generalin ließ 
erstaunte und ein wenig besorgte Blicke von Edith zu 
Nauchmann und umgekehrt wandern, aber sic fragte nicht 
noch einmal. Der Sänger hatte seinen Platz neben ihr, da 
der Oekonomierat Zimmermann — der Herr mit der Billard 
kugel — den Wunsch ausgesprochen hatte, neben Fräulein 
Häseler zu sitzen. Zur größten Ueberraschung der ganzen 
Gesellschaft; denn er galt als ausgesprochener Weiberfeind 
und hatte sich Rauchmann gegenüber nach kurzer Bekannt 
schaft auch als solcher enthüllt, indem er sagte: „Un wenn 
man in die Sechzig is, heiraten wollen einen die Weiber 
doch immer-noch." Von der Citronendamc schien er aber 
ausnahmsweise nichts für seine tief eingewurzelten Jung- 
gesellcn-Gewohnheiten zu fürchten. „Die hat 'n Korken und 
hat 'n Papagei, die braucht keinen Mann mehr," hatte er 
entschieden und zugleich Ranchmann gebeten, den Platz mit 
seiner Nachbarin zu wechseln, sofern sie einverstanden sei und 
gleichfalls das Bedürfnis fühle, das beiderseitige, ähnliche 
Leiden täglich ausführlich zu besprechen. Fräulein Häseler, 
die oft ganz wunderbare Dinge verstand, an die kein Mensch 
dachte, hatte bei Rauchmanns Aufstehen zuerst geglaubt, daß 
irgendwo Feuer ansgebrochcn sei und hatte fortlaufen wollen, 
um ihren Polly zu retten. Dann aber war ihr die Sache 
klar gemacht worden, und sie hatte errötend — trotz ihrer 
Jahre konnte sie wirklich noch erröten, — mit einer gewissen 
Freudigkeit in die Veränderung der Situation gewilligt. So 
saß sie jetzt neben dem Oekonomierat, der ihr täglich mindestens 
zweimal darüber Bericht erstattete, ob seine Billardkugel rot 
oder weiß, groß oder klein sei, was die Vertraute seiner
        
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