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Periodical volume Sonnabend, 10. Februar 1900 Nr, 6

Full text: Der Bär Issue 26.1900

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schräger Richtung von ihr hinweg, eriveitertc sich zu einer Art 
von Kessel, um durch eine senkrechte, mächtige, gelbgrau aus 
Oliven- und Lorbcergrün auftauchende Felswand scheinbar 
geschloßcn zu werden- Links auf der Höhe des Weges dann 
Bezzuglio selbst, mit seinen grauen Häusern an der Berges 
lehne hängend, vom weißen Kirchengiebel in Renaissanceform 
überragt, durch die vertikal in braunen, weißen und schwarzen 
Streifen gemusterten Citronenhäuscr den anderen Orten an 
dieser milden Küste so nahe verivandt. Edith hatte die Bauten 
dieser Art zu Anfang sehr häßlich gefunden, jetzt ivaren auch 
sie ihr lieb geworden, und gern übte ihr scharfes Auge sich 
damit, in den schwarzen Lücken zwischen den weißen Pfeilern 
und hölzernen, braunen Perschlüssen das Gold der Citronen 
zu erkennen, die gleich kleinen Sternen aus der scheinbaren 
Finsternis innerhalb der Gebäude hervorleuchteten. Von dort 
stieg ihr Blick dann noch höher hinan und ruhte liebend aus 
dem mächtigen Amphitheater, zu dem die Berge sich hier 
cmportürmten, dorthin, wo der tote Winter über Frühling 
und Sommer wohnte, wo nur ein mattes Grün zwischen 
Grau und Weiß noch lebte, und rotbraune Flecken die Stellen 
anzeigten, an denen Bäume ihr trockenes Laub noch fest 
hielten wie einen verwitterten Mantel gegen den Frost. Hier 
unten aber das immergrüne Leben, und ganz in der Tiefe 
der See, — das Meer, wie ihn Edith zu nennen pflegte, — 
von dem die Sonne den Nebel fast schon hinweg getrunken 
hatte, so daß nur noch an einzelnen Stellen ein durchsichtiges 
Weiß in Streifen und Flächen über der blauen, dunkel herauf- 
leuchtcuden Flut kaum erkennbar mehr schwebte. 
Wohl eine halbe Stunde lang hatte Edith so gesessen, 
als der Ton eines Schrittes, von rechts her sich nähernd, 
sie aufhorchen ließ. Noch konnte sie niemanden erkennen, die 
Biegung des Weges entzog den Kommenden dem Auge, — 
warum nur klopfte ihr das Herz'? Und warum klopfte es 
noch stärker, als eine Gestalt jetzt nahe vor ihr erschien, in 
der sie Nauchmann erkannte? Er sah sie nicht gleich; seine 
Blicke waren zu Boden gerichtet, er schien sehr ernst und 
ging nur langsam vorwärts. Erst als er unmittelbar vor 
der Bank angekommen war, schaute er empor, doch heiterte sein 
Gesicht sich nicht auf; mit einer gewissen feierlichen Höflichkeit 
hob er die Hand an den Hut und sagte: „Sic sind es, 
gnädiges Fränlein? Haben Sie noch einen Platz für mich 
frei? Der Weg herauf ist doch ziemlich steil." 
Sie rückte ein wenig bei Seite, ivas nicht nötig gewesen 
wäre, bückte sich über ein paar Blumen, die sie im Gehen 
gepflückt hatte, und antwortete freundlich: „Platz genug, da 
Fräulein Häseler wieder einmal im Grünen lagert." 
Er ivarf nur einen flüchtigen Blick auf die Stelle zu 
seinen Füßen, wo die Genannte, vom Gestrüpp des Weg 
randes überdacht, undeutlich sichtbar wurde; sie hatte des 
Sängers Kommen offenbar nicht gehört. Dann setzte er sich 
nieder und starrte schweigend vor sich hin. Edith beobachtete 
ihn von der Seite; so hatte sie ihn noch niemals gesehen,— 
was konnte ihm fehlen? Jedenfalls war es gut, ihn ein 
wenig aufzuheitern; es raubte ihr ohnedies den Atem, so 
stumm an der Seite des fremden Mannes zu sitzen. 
Darum begann sie, ein unterdrücktes Lachen in der 
Stimme, wieder zu sprechen. „Als ich einen Schritt hörte, 
zerbrach ich mir den Kopf, wer wohl kommen möchte. Wissen 
Sie, was ich gedacht habe?" 
„Nun?" Er fragte offenbar nur aus Höflichkeit; seine 
Gedanken schienen weit fort zu sein. 
„Ich dachte, es wäre mein Lebensretter." 
„Ihr Lebensretter?" Auch jetzt noch war keine innere 
Anteilnahme in seinen Worten. 
„Jaivohl, ich habe hier einen Lebensretter. Einen Ein 
geborenen aus Bezzuglio dort oder höher hinauf aus Suchiane. 
Voriges Jahr habe ich seine Bekanntschaft gemacht auf einer 
meiner halsbrecherischen Exkursionen, durch die ich meine gute 
Mutter so oft in Angst versetze. Ich habe nämlich die Leiden 
schaft, immer neue Wege auszukundschaften, und je ungang 
barer sie sind, — wissen Sie, wenn es auch nur ein ganz 
schmaler Ziegenpfad ist, auf dem man eben noch über dem 
Abgrunde schwebt, das gefällt mir erst recht. Und da war 
ich denn eines Tages auf solch einem Wege, der eigentlich kein 
Weg 'mehr war, hier in die Schlucht hinuntcrgeklettert —" 
„Hier in die Schlucht?" Jetzt hatte sich seine Rede doch 
belebt; Mißbilligung und Sorge um das gefährliche Unter 
nehmen sprachen daraus. Auch seine Augen redeten mit, die 
sich von der Ferue gelöst und auf Ediths Gesicht gerichtet 
hatten. 
„Es ist nicht so schlimm," sagte sie und lachte. „Von 
hier oben sieht es eigentlich nach gar nichts aus. Aber unten 
kann es doch etwas ungemütlich werden. Ich stieg also 
hinunter, tiefer und tiefer, und war gar nicht mehr weit vom 
Grunde der Schlncht, schon ganz nahe über dem Wasser, da 
saß ich plötzlich fest. Der Weg hörte auf, und unter mir 
war eine Felswand, vielleicht doppelt so hoch wie ein Mensch; 
ich sah kein Mittel, hinunter zu kommen. Den Weg zurück 
zu machen und wieder auf die Höhe zu steigen, dazu hatte 
ich keine Lust, und weil ich nichts besseres zu thun wußte, so 
blieb ich einstweilen stehen und sah betrübt in das Wasser 
unter mir. Ich muß wohl ein recht dummes Gesicht gemacht 
haben; denn plötzlich hörte ich jemanden lachen, immerfort, 
ohne Aufhören. Und wie ich nach der Richtung hinsah, da 
stand der junge Bauer, von dem ich gesagt habe, mir gegen- 
iiber am anderen User, schaute mich an und lachte und lachte. 
Zum Glück spreche ich etwas italienisch, und als ich ihm 
meine Not klagte, — was eigentlich nicht nötig gewesen wäre, 
denn die Situation redete deutlich genug — da war er gleich 
voll Eifer, mir zu helfen. Er hatte eine von den Oliven- 
leitern bei sich, die Sie vielleicht schon gesehen haben, — ein 
einziger langer Stamm mit Sprossen an beiden Seiten in 
recht unbequemen Zwischenräumen, — mit der sprang er gleich 
ins Wasser hinein und kam zu mir herüber. Das heißt, bis 
an den Felsen, auf dem ich stand, und dann mußte ich die 
Leiter hinunter balancieren, und dann — dann hat er mich 
über das Wasser hinüber getragen." 
Sie hatte erwartet, daß Rauchmann lachen würde, doch 
blieb er ernst wie zuvor und fragte langsam: „Und was hat 
Ihre Frau Mutter gesagt, daß Sie Ihr Leben so in Gefahr 
gebracht hatten?" 
„Gescholten hat sie und auch ein wenig geweint. Aber 
nein, so gefährlich ivar es wirklich nicht. Wenn's schlimm 
wird, dann kehre ich doch von selber um; ich lebe nämlich 
furchtbar gern. So gern, — wissen Sie, wenn ich gesund 
bliebe, dann möchte ich hundert Jahre alt werden und jedes 
Jahr wieder hierher kommen. Ach, hier zu leben —" 
Sie verstummte jäh; ihr eben noch heiteres Gesicht war 
wie von einem Wolkenschatten überflogen. Auch sie sprach 
jetzt langsam und ernsthaft, als sie fortfuhr. „Der Mensch 
ist doch eigentlich ein grausam selbstsüchtiges Geschöpf. Da 
freut mau sich seines Daseins und genießt all' die Schönheit, 
als könnte es gar nicht anders sein, und vergißt dabei die armen 
Wesen, die hier sterben müssen. Es kommen ja so viele nur 
dazu hierher. Man sagt freilich, es stürbe sich leichter hier 
in der südlichen Luft, ich aber finde es furchtbar schwer, 
gerade aus dieser schönen Welt fortzugehen." 
<Fortski,tt»g folgt.)
        
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