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Periodical volume 11.Februar 1899 Nr, 6

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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meist fruchtbarem Boden geschaffen wurde, quälte sich die Haupt 
straße Alt-Moabit noch mehrere Jahrzehnte laug in unserem 
Säculum durch den Dünensand bei Lictzow und Charlottenburg 
vorbei nach Spandau hindurch, bis endlich eine Chaussee entstand. 
Ein Rest dieses sandigen Höhenznges auf der Südseite der 
Straße Alt-Moabit ist der alte, ehrwürdige Kaninchenberg, im 
Volksmunde Karnickelberg genannt, von welchem wir nicht ohne 
eine gewisse historische Rührung Abschied nehmen, da er in wenigen 
Wochen verschwunden sein wird, wie die alten Häuser, welche, aus 
ihm stehend, schon seit einigen Jahren reserviert und verdutzt in 
das Mietskasernengehäuf blickten, das im Laufe kurzer Zeit rings 
herum entstanden ist. In fast paradiesischer Ruhe konnten hier 
einige Beamtenfamilien des Hauses Borsig nach Belieben schalten, 
die Wipfel verwilderter Park- und Gartenbäume guckten über die 
mit hohen Holzzäunen besetzte rote Ziegelfuttermauer des Bergs, 
und Amseln und andere Singvögel ließen es sich hier wohl sein. 
Den Namen führte der jetzt vor dem abtragenden Spaten 
verschwindende Sandhügel von einem Tierchen, hinsichtlich dessen 
Herkunft man in leichter Veränderung des Verses von Schillers 
„Mädchen ans der Fremde" sagen könnte: 
Es war nicht in dem Thal geboren, 
Man wußte nicht, woher es kam. 
Ja, so ist es, sowohl das wilde Tier, wie seine domestizierten 
Abarten, letztere noch immer die Freude der Berliner Jugend und 
der Staatsbraten des Berliner Proletariers, ist in unseren Gauen 
ursprünglich ein Fremdling, gleich dem Damhirsch, eine mehr süd 
europäische Tierform. Wann das Tier bei uns eingeführt ist, er 
scheint unsicher, vielleicht schon im 16. Jahrhundert, wo Ein- 
gewöhnnngsversnche mit fremdem Wild bereits bei den Landesherren 
beliebt waren. Insbesondere hat der Große Kurfürst, und seinem 
Beispiel folgend, der märkische Landadel das Tier im 17. Jahr 
hundert eingeführt und ausgesetzt. Deshalb, weil das Kaninchen 
kein altheimisches Jagdtier ist, macht der brandenburgische Jäger 
sich noch heut wenig ans dem nicht waidgcrechten Nager und ver 
achtet seinen Braten, während in Frankreich und Spanien wo, 
das Tier nreinheimisch ist, dasselbe als vollkommen jagdgerechtes 
Wild gilt. Selbst der Damhirsch, als importiertes Hegewild, gilt 
bei uns dem echten Nimrod, der im Rothirsch das edelste Jagd 
tier verehrt, bekanntlich nicht besonders viel auf dem Wildanger. 
Viele Jäger und Forstwirte sind sogar der Meinung, der 
Große Kurfürst hätte besser gethan, die Kaninchen nicht so zu be 
günstigen, denn sie sollen, zumal ihr Braten weit niedriger im 
Ansehen und Preise als der Hase steht, durch ihr unterirdisches 
Wühlen und ihr Benagen der Wurzeln und Baumrinden erheblich 
mehr Schaden als Nutzen stiften. Dem sei wie ihm wolle, jeden 
falls haben sich die Tierchen seit der Zeit des Großen Kurfürsten 
vor den Thoren Berlins, namentlich in den Stadtteilen Moabit 
und Wedding, so eingerichtet, daß sie schwer ausrottbar erscheinen. 
Das wilde Kaninchen ist freilich jetzt aus dem Moabiter Karnickel- 
berg und fast aus dem ganzen Stadtteil durch die zunehmende 
Bebauung verdrängt worden; aber in dem größere Flächen bietenden, 
mit den angrenzenden, unbebauten Feldmarken der Vororte ver 
bundenen Stadtteil Wedding scheinen die Kaninchen vorläufig noch 
eine gesegnete Zukunft zu haben. Wenigstens klagen die Garten 
besitzer des nördlichsten Zuges der Müllerstraße noch jetzt sehr über 
Schädigung ihrer Pflanzungen durch die freßlustigen „falschen 
Hasen"; man sucht sich ihrer durch Frettchen-Jagd — ein etwas 
teures Waidvergnügen — oder durch Schlingen zu erwehren. Im 
eigentlichen Berlin ahnt man hiervon wenig, und so gerieten denn 
die Zeitungen im vergangenen Jahre in Erstaunen, als gemeldet 
wurde, daß die Gärten in der Gegend des Paul Gerhardt-Stifts 
vom Kaninchenfraß viel zu leiden hätten und daß sich in einer 
Kaninchenfalle ein Mensch, ein jämmerlich schreiender, kleiner Knirps 
gefangen habe. Der Baugrund der ehemaligen Karnickelberge er 
weist sich als ein vortrefflicher und tröstet in Etwas für das schlechte 
„Liegende", mit welchem wir uns zu beschäftigen haben werden. 
Berlin im Jahre 1699. 
urfürst Friedrich III. hatte als Förderer auch der Künste und 
Wissenschaften die Bahn seines großen Vaters mit so glücklichem 
Erfolge betreten, daß Berlin mit seine» neuen Anlagen bereits 
zu Beginn des 18. Jahrhunderts an 
Ansehen gewonnen hatte, das mit der 
Erhebung des Landes zum Königreich 
stetig wuchs und die Stadt gewisser 
maßen zu der große» Rolle vorbe 
reitete, welche sic dereinst als Haupt 
stadt des wiedererstandenen deutschen 
Reiches spielen sollte. 
In der nachstehenden Schilderung 
wollen wir den Blick nur auf das an 
Säkularerinnerungen reiche Jahr 1699 
richten. 
Die von dem großen Kurfürsten 
erfolgte Anlegung der Festungswerke 
Berlins, nach denen die Stadt alsbald 
die Benennung einer „Festung erhielt, 
machte unter seinen Nachfolgern durch 
das Anwachsen der außerhalb der 
Umwallung entstandenen Dorothccn- 
und Friedrichstadt um 1699 eine Er 
weiterung erforderlich. Unter Be 
lastung der alten Festungswerke wur 
den beide Stadtteile mit einem soge 
nannten Vormverk umgeben, an wel 
ches die Namen der „Mauer-" und 
„Kleinen Wallstraße" (seit 1836 
„Schadowstraße") erinnern. Die 
.Dorotheenstadt, damals überwiegend 
von dem vornehmeren Teil der cingc- 
wandcrten Franzosen bewohnt, nannte 
man mit Vorliebe auch „fisuartisr äos 
noblss". Die Grenze zwischen beiden 
Stadtteilen bildete» die „Linden", an 
deren Ausgang (vor dem heutigen 
Russischen Gesandtschaftshotcl) die 
„Ticrgartcnbrückc", auch das „grüne" 
oder „Tiergartenthor" einen Durchlaß 
gewährte. 
Im Jahre 1699 wurden auf Ver 
anlassung des Rektors Johann 
Bernhard Frisch, welcher sich die 
Errichtung von Maulbcerpflanzungen 
und die Züchtung von Seidcn- 
würmern mit großem Eifer angelegen 
sein ließ, die noch erhalten gebliebenen 
Wälle innerhalb der Stadt durch die 
mit Maulbeerbäumen bepflanzt; doch 
mcnaden nur von Standespersonen benutzt werden. 
Bei der angestrebten Königskrone genügte dem prachtliebenden 
Kurfürsten das Schloß seiner Vorfahren nicht mehr. So beauftragte er 
Rathaus mit Roland in Stendal. 
„Gesellschaft der Wissenschaften" 
durften die so gebildeten Pro- 
dcnn im Jahre 1699 Andreas Schlüter, unter gleichzeitiger Er 
nennung desselben zum Schloßbaumeister, mit der Umgestaltung des 
von Kaspar Theils; erbauten Joachimischen Schlosses. Wie der geniale 
Meister, der „nordische Mchclangelo", 
in staunenswerter Weise unter mög 
lichster Schonung des Alten seine Aus 
gabe gelöst, bedarf hier keiner weiteren 
Ausführung. Erinnern muß man sich 
aber, daß seine riesenhafte Kraft und 
Thätigkeit gleichzeitig mit der bild 
nerischen Ausstattung des Zeughauses 
und mit der Reitcrstatue des Großen 
Kurfürsten in Anspruch genommen war. 
Mit dieser Umgestaltung begann 
1699 auch die langwierige Aufhöhung 
und Verbreiterung der Burgstraße, 
einer schmutzigen Passage, die sich nur 
wenig über das Niveau der Spree 
erhob und bei hohem Wasscrstande 
derselben nicht selten überschwemmt 
wurde. Ursprünglich „Hinter der 
Heiligegeiststraße" benannt, lief der 
Weg an Zäunen und Hausbuden 
dieser Straße bis zun; Garten des 
Hofrentmcistcrs Michael Mathias 
(Nr. 20 der Burgstraßei entlang, wo 
die Stadtmauer mit einem Wasterturm 
abschloß. Hier bildete das „Spree- 
gäßlein" — später nach den dort 
wohnenden, „an der Unehre sitzen 
den" Frauen auch „Fraueugüßlein" 
genannt — einen Durchgang nach 
der Heiligegeiststraße, der seit 1657 die 
Bezeichnung „Wassergaste", dann 
„Durchgang" und später den Namen 
„Kleine Burgstraße"' erhielt. 
Während des Jahres 1699 wurde 
der durch die Fahrlässigkeit des Hof- 
baumeisters Braun eingestürzte Teil 
des Kuppelgewölbes der Parochiatkirche 
wieder hergestellt und eine Aenderung 
am Portale derselben vorgenommen. 
In jenem Jahre auch überwies der 
Kurfürst das zum „Ringel- und 
Ouintanrenncn" sowie zur Aufbe 
wahrung des Jagdzeuges dienende 
„Reithaus" auf dem Werderscheu 
Markt zum Ausbau einer Kirche für 
die deutsch-evangelische und französisch-reforniierte Gemeinde. Erstere 
versammelte sich bis dahin ini Wcrderschcu Rathanse, das überdies 
noch den Stadtkeller, das Gefängnis, einen Brotscharren und die 
„Fricdrichsschule" sdaS spätere Friedrichswerdcrsche Gymnasium) in sich 
vereinigte.
        
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