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Periodical volume 11.Februar 1899 Nr, 6

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Herr des Himmels — hatte der ungewohnte Kognakgenuß 
ihm vielleicht die Sinne umnebelt so umnebelt, daß er in 
angetrunkenem Zustande nach Hohen-Kraatz gekommen war? Daß 
er vollständig vergessen, was er gestern Abend noch mit Herrn 
von Tübingen verhandelt hatte?! . . 
Freese suhlte, wie ihm kalter Schweiß ans die Stirn trat. 
Aber er wollte wenigstens Gewißheit haben. 
„Herr Riedecke •— noch einen Moment . . . Sagen Sie 'mal 
— ich war wohl gestern Abend so ei» ganz kleines bißchen — na, 
machen wir keine Umstände: so ein bißchen im Schumin —?" 
Riedecke lächelte noch feiner als sonst. 
„Es mar so, Herr Doktor," erwiderte er, „aber Du lieber 
Gott —" 
Und dann zog er die Schultern hoch, als wolle er damit an 
deuten, daß das schon einmal passiere» könne. 
Freese streckte sich im Bette wieder aus und zog die Decke 
bis an das Kinn hinauf. Er war sehr blaß geworden . . . Es 
hatte also seine Richtigkeit. Er hatte sich in total betrunkenem 
Zustande dem Baron Tübingen vorgestellt — der künftige Haus 
lehrer seinem künftigen Hausherrn . . . Damit war alles ver 
loren — sede Hoffnung und jede Aussicht — es war zum verrückt 
werden! . . Niemals — nein, niemals im Leben hatte er zu viel 
getrunken — er war im Gegenteil immer eine sehr nüchterne Natur 
gewesen — und gerade im cnlscheidenslen Augenblicke seines Lebens 
mußte er sich vergessen ... D, dieser teuflische Kognak! . . 
Ricdecke klinkte au der Thür. 
„Na, da will ich man gehn," sagte er. 
Der Kandidat raffte sich gewaltsam aus seiner verzweifelten 
Lethargie empor. 
„Riedecke," hub er mit schwacher Stimme abermals au, „sagen 
Sic mir doch bitte noch: ist es denn sehr aufgefallen —? . . ich 
meine, ist der Herr Baron sehr — ungehalten über meinen — 
Zustand gewesen?" 
„Was denn?" gab Riedecke fragend zurück. „Unser junger 
Herr Baron? . . unser gnädiger Herr? . . Aber, Herr Doktor! 
Ra, wo wird der denn ungehalten gewesen sein! . . Der war ja 
doch selbst so 'n bißchen! . . Ich hab's schon gemerkt. Ich merke 
das gleich immer — dann spricht er das r ganz anders aus und 
hat überhaupt 'ne schwere Zunge. Das kenn' ich von früher her!" 
Er lachte leise in sich hinein und verließ das Zimmer. 
Freese blieb ruhig im Bette liegen. Die Fliege, die sich vorhin 
für den Bellerophon interessiert hatte, umkreiste jetzt seine Rase, 
die sic anzulocken schien. Aber Freese war das gleichgiltig; er 
rückte und rührte sich nicht. Eine ganze Flucht von Gedanken stob 
durch sein Hirn. 
Also der Baron war selbst ein iveiüg angeheitert gewesen . . . 
Das war im Grunde genommen ein Glück. Wenn man gleichfalls 
einen Schleier vor de» Augen hat, sieht tiian die Gebrechen anderer 
nicht so scharf. Vielleicht hatte der Baron gar nichts bemerkt.. . 
Nach dem, was Riedecke sagte, konnte man das schon annehmen. 
Und Freese schwor sich: wenn er bei all' seinem Unglück diesmal 
noch Glück hatte, bann wollte er nie wieder an seinem Stern ver 
zweifeln — nie wieder! . . 
Es dauerte nicht lange, so klopfte es von neuem an die Thür. 
Der Diener brachte die Garderobe Freescs zurück; aber diesmal 
war es nicht der alte Riedecke, sondern ein junger Bursche in ge 
streifter Leinenjacke und prallen Lederhosen, der die Sachen fein 
säuberlich auf den Stuhl am Bette legte imb die Stiefeln daneben 
stellte. 
„Entschuld'gen der Herr Doktor," meinte er dabei, „soll ich 
dem Herrn Doktor den Koffer auspacken helfen?" . . 
Den Koffer! — ,Sille Wetter/ schoß es Freese durch den Kops, 
.wo ist denn mein Tornister geblieben?! Den kann ich in meiner 
Besinnungslosigkeit doch nicht verloren haben!' . . Und univill- 
kürlich schaute er sich im Zimmer um. 
Der kleine Groom bemerkte das, und ein vergnügtes Grinsen 
huschte über sein lustig unverschämtes Gesicht. 
„Hier ist der Koffer nicht," sagte er; „ich habe auch schon 
Slugusten gefragt, ob er noch auf dem Wagen wär'; aber August 
sagt nee, er hätte gar keinen mitbekommen. Ich dachte, Riedccke 
hatt' ihn vielleicht wo hin gestellt . . ." Und der Kleine schaute 
sich gleichfalls um, dabei fortfahrend: „Wenn er in Schnittlage 
geblieben ist, dann kann ihn Gellrich oder Eisenbart ja mit dem 
Wiedehopf mitbringen . . ." 
Dem Kandidaten wirbelte der Kops. 
„Wer ist denn Wiedehopf und Eisenhut?" fragte er mit er 
sterbender Stimme. Ihm wurde immer schlechter. 
„Bart," verbesserte der Kleine, „Eisenbart. Das ist der Milch 
mann und Gellrich ist unser Gärtner. Und der Wiedehopf ist das 
Milchpserd. Eisenbart fährt alle Tage zweimal nach Plehningen. 
und holt die Posttasche ab und dann bringt er Butter und Sommer- 
gemüse nach dem Tiescwiher Vorwerk und Mömpelsdorf, und ge 
wöhnlich hält er auch in Schuittlage au, um zu fragen, ob man 
dort etwas braucht . . ." 
Freese wußte nicht, was er zu all' dem sagen sollte. Er 
kannte Schuittlage gar nicht . . . wie sollte denn sein Tornister 
gerade nach Schuittlage kommen? . . . Er hatte nur das eine 
Bedürfnis, schleunige Aufklärung zu schaffen. Und das sollte auf 
der Stelle geschehen. 
„Wie heißt Du, Kleiner?" fragte er. 
„Stupps, Herr Doktor." 
Franz schüttelte den Kopf. Was war das wieder für ein 
närrischer Raine. Es war alles so merkwürdig in diesem rätsel 
vollen Hanse! — 
„Eigentlich heiße ich Fritz mit Vornamen, Herr Doktor," fuhr 
der Kleine fort, der die Verwunderung Freeses merkte; „aber sie 
nennen mich alle Stupps . . . Ich weiß auch nicht, wie's kommt!" 
Der Kandidat griff nach seinen Strümpfen. 
„Hör' 'mal zu, Stupps," sagte er. „Ich muß den Herrn 
Baron von Tübingen sofort sprechen —" 
„Die Herrschaften sind schon beim Frühstück," antwortete 
Stupps, „— unten im Gartenzimmcr — nur der Herr Slssessor 
schlafen natürlich noch . . ." Und Stupps lächelte verschmitzt, 
während er aus das Wort „natürlich" einen besonders starken 
Nachdruck legte . . . „Wünschen der Herr Doktor vielleicht sonst 
noch etivas?" 
Franz dankte und erhob sich aus seinem Bette, während sich 
Stupps mit einem Kratzfuß empfahl. 
Der Kandidat versuchte nunmehr zunächst, seinen äußeren 
Menschen ein wenig in vorstcllungssähige Verfassung zu bringen. 
Er begann damit, daß er den ganzen Kopf in das Waschbecken 
steckte und dabei den Atem wie ein Taucher anhielt, um so lange 
wie möglich unter Wasser bleiben zu können. Und siehe da — 
das erfrischte ihn sichtlich. Es blieb nur noch eine außergewöhn 
liche Empfindlichkeit der Kopfhaut übrig, der traurige Rest seines 
Katzenjammers, das, was der Franzose sehr bezeichnend mal aux 
cheveux nennt. Dann kleidete er sich schleunigst, doch auch mit 
möglichster Sorgfalt an und beschaute sich in dem Spiegel, der 
über der Waschtoilette hing. Sein Gesicht gefiel ihm durchaus 
nicht; es sah blaß und gedunsen aus. Slber es half nichts; er 
war fest entschlossen, sich über die seltsame Situation, in der er 
sich befand, Klarheit zu schaffen und sei es auch auf Kosten aller 
seiner Hoffnungen und Zuknnftsträume . . . 
Stuf der Treppe zum Entresol kam ihm der alte Ricdecke entgegen. 
„Der Herr Assessor schlafen noch immer," begann er, aber 
Freese schnitt ihm das Wort ab. 
„Ich möchte den Herrn Baron von Tübingen sprechen," sagte 
er, „verstehen Sic mich recht: den Herrn des Hauses!" 
Etwas verblüfft deutete Riedccke nach einer Glasthür rechts 
seitig des Treppenflurs. 
„Bitte schön, Herr Doktor — die gnädigen Herrschaften früh 
stücken im Gartensalon! . . ." 
Freese näherte sich der Thür, aber der Mut erstarb ihm, als 
er durch die Glasfenster die vielköpfige Gesellschaft sah, die sich 
um den Frühstückstisch vereinigt hatte. Im selben Moment be 
gannen die Hunde anzuschlagen; sie mußten die fremde Stimme 
gehört, vielleicht auch die Erscheinung des Kandidaten hinter den 
Scheiben bemerkt haben. Der grimme Baß Cäsars erscholl zuerst; 
hierauf setzte Lord, der Boxer, mit langtöuendcm Gekläff ein — 
dann meldete sich Mohrchen mit seinen gellen, noch jugendlich 
klingenden Lauten, und dazwischen schrillte der Diskant Cosps 
durch das Haus. (FortjctzlNiß folgt.)
        
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