Path:
Periodical volume 11.Februar 1899 Nr, 6

Full text: Der Bär Issue 25.1899

88 
geschlafen und ist nicht zum Aufwachen zu bringen. Ihr hört, wie 
er schnarcht! Tragt ihn vorsichtig auf sein Zimmer, zieht ihn aus 
und bringt ihn zu Bette! Aber möglichst lautlos' Großpapa hat 
einen leisen Schlaf." . . 
Riedecke und Stupps machten verschmitzte Gesichter. Sie 
konnten sich denken, wie die Sache stand. Aber sic erwiderten 
nichts, sondern traten schweigend näher an den Wagen heran, 
während ihr junger Herr sich in der Thür zum Gartensalon, 
eines der Lichte in der Hand, nochmals umwendete: 
„Also leise, Kinder," wiederholte er, „möglichst leise! Ich kann 
mich nicht mehr darum kümmern — mir thun alle Glieder weh! 
Der Esel, der August, hat uns umgeworfen) wir hätten allesamt 
den Hals brechen können!" . . 
Hub dann verschwand er hinter der Thür. Riedecke und 
Stupps machten sich an die Arbeit, den zweiten, im Fond des 
Wagens unbekümmert weiter schnarchenden Herrn an Kopf und 
Füßen zu nehmen und ihn aus der Kalesche herauszuheben. Der 
Alte schüttelte dabei wiederholt wie mißbilligend den grauen Kopf, 
während sich Stupps kaum das Lachen verhalten konnte. 
„Der ist gut! Riedecke -— der ist gut — was?!" kicherte er. 
Aber Riedecke entgegnete mit verweisendem Blick: 
„Du hast zu schweigen, Stupps, denn eine solche Aeußerung 
verletzt den Respekt, den Du Deinen Herrschaften und deren 
Freunden schuldig bist. Wenn der Herr Doktor auch wirklich gut 
ist — was geht Dich das an?! Ich habe große Persönlichkeiten 
in ähnlicher Verfassung gesehen; dazu schweigt man. Mensch 
bleibt immer Mensch. Und nun faß' an — aber mit Delikatesse!" .. 
Inzwischen begann auch August ans dem Bocke ans seinem 
Halbtraume zu erwachen und ganz leise, aber unausgesetzt vor 
sich hinzu schimpfen. Der Aerger darüber, daß er umgeworfen hatte, 
brach erst jetzt bei ihm durch; es kam Alles ein wenig spät bei 
ihm, weil sein Hirn langsamer zu arbeiten pflegte als das anderer 
Menschen. 
Sechstes Raxitel. 
In deni die Komödie der Irrungen weiterspielt, aber doch auch zu einem 
vorläufigen günstigen Abschluß kommt, während neueFndcn sich anknüpfen. 
Als Franz Freese nach festem und traumlosen Schlafe erwachte, 
schaute er sich zuerst außerordentlich verwundert ringsum und schloß 
sodann schnell wieder die Augen. Er war sehr erschrocken, lind 
da er gewöhnt war, sich über die ihm sichtbar werdenden wie un 
sichtbar bleibenden Vorgänge seines Seelenlebens möglichst gennn 
Rechenschaft zu geben, so versuchte er sofort, die Ursachen seiner 
Schrcckwirkung kritisch zu zergliedern. 
„Das ist ja merkwürdig," sagte er sich. „Zunächst: träume ich, 
das heißt schlafe ich noch, oder befinde ich mich bereits im Zustande 
völligen Wachseins?" . . . Um dies zu ergründen schlug Freese erst 
das linke und hierauf das rechte Auge auf, indem er bei der letz 
teren Manipulation das linke wieder schloß. Die Muskulatur 
spielte nach seinen Wünschen: er war also thatsächlich wach. Und 
das erfüllte ihn von neuem mit -einem so gewaltigen Schrecken, 
daß er mit beiden Beinen zugleich aus dem Bette fuhr und eine 
geraume Weile ans dem Bettrand sitzen blieb. 
Das war ja etwas ganz Unerhörtes! Wo befand er sich 
eigentlich?! . . 
In einem hübschen und behaglichen Zimmer, das etwas schmal, 
dafür aber desto länger war, also ungefähr die Form eines Hand 
tuchs hatte. Au den Wänden hingen ein paar Dagucrrotypcn 
unter Glas und Rahmen, wie es schien ausrangierte Familicu- 
bilder, sowie ein Stahlstich, der ein großes Schiff darstellte, und 
darunter stand „Bellerophon". Auf dem Hauptmast des Bellc- 
rophon saß eine dicke Fliege und kletterte langsam über die franzö 
sische Flagge auf die dem Beschauer zugewandte Bordseite. Freese 
verfolgte mit den Augen diese Fliege aufmerksam. Sie lenkte seine 
Gedanken von dem, was er überlegen mußte und was ihm zu 
überlegen schrecklich war, gefällig ab. Wer plötzlich flog die Fliege, 
ehe sie noch die Deckverschanzung erreicht hatte, laut summend auf 
und davon und zwar nach der Richtung des einzigen Fensters. 
Der Blick Freescs folgte ihr abermals. Vor dem Fenster hing ein 
unmodernes Rouleau, auf dem sich eine Alpenlandschaft befand, 
mit einem schalmeiblasenden Schäfer im Vordergründe, der die 
Größe des schneegekrönten Berges dahinter hatte. Helles Sonnen 
licht ließ das Rouleau fast transparent erscheinen. 
Freese erhob sich und schritt mit bloßen Füßen und zaghaften 
Schritten an das Fenster heran und lugte, das Rouleau ein wenig 
lüftend, in's Freie hinaus. Er schaute auf einen großen Wirt 
schaftshof. Knechte bespannten soeben einen Leiterwagen; ein paar 
Hunde umkläfften die Pferde; ein alter Mann stand mitten im 
Hose und schien sich mit zwei Dirnen zu zanken, die mit gesenkten 
Köpfen vor ihm standen. 
Franz faßte sich au die Stirn. Da schmerzte ihn etwas, das 
seine Gedanken nicht so recht zu logischer Entwickelung kommen 
lassen wollte. Nun klopfte es auch leise an die Thür — und mit 
raschen Sätzen flog Freese in sein Bett zurück. 
„Herein!" rief er. 
Ricdccke trat ein, vorsichtig und auf den Zehenspitzen 
balancierend. Als er Freese aber aufgerichtet im Bette sitzen sah, 
trat er fester auf und verbeugte sich unterwürfig. 
„Schönen guten Morgen, Herr Doktor," sagte er. 
„Guten Morgen," antwortete Freese mit etwas belegter Stimme. 
Riedeckc näherte sich mit seinem schönsten Diplomatenlächeln 
dein Bett. 
„Hoffentlich habe ich den Herrn Doktor nicht im besten 
Morgenschlaf gestört," fuhr er fort. „Es ist nämlich in der nennten 
Stunde — und ich wollte gern die Sachen des Herrn Doktor zum 
Reinigen holen." ... 
Freese suchte in seiner Erinnerung nach einem AnknüpfnngS- 
pnnkt, der ihm wenigstens einigermaßen hätte Ansklärnng über das 
Verwunderliche der Situation geben können. Aber er suchte ver 
geblich. Der Schmerz hinter dem Stirnbein nahm zu. Ein Surren 
und Summen klang durch sein Hirn und eine heimliche Bohr 
maschine begann ihre Thätigkeit in seinem Kopse. 
Inzwischen hatte Riedeckc die Kleidungsstücke vom Stuhl ge 
nommen und die Stiefeln unter dem Bette hervorgesucht und wollte 
sich lautlos wieder entfernen, als ein Anruf des Kandidaten ihn 
zurückhielt. 
„Einen Augenblick, mein Lieber," sagte Freese; „wie — wie 
heißen Sie eigentlich?" 
„Ich bin der alte Ricdccke," entgegnete dieser mit seinem feinen 
Lächeln und blieb stehen. 
Trotz des wütenden Kopfschmerzes machte Freese nunmehr 
ernstliche Anstrengungen, seine Gedanken zn sammeln. Er mußte 
wissen, wo er war — wollte sich andererseits vor dem alten Diener 
aber auch keine Blöße geben. Es galt also, ihn politisch aus 
zuforschen. 
„Sie sind wohl schon lange hier im Hanse?" begann Freese 
deshalb vorsichtig abermals. 
Riedeckc nickte. 
„An die vierzig Jahr," antwortete er. „Das heißt, nicht 
g'radc im Hause — aber ich gehörte doch immerhin znui Hause. 
Ich war nämlich zuerst Kammerdiener bei Seiner Exzellenz dem 
Herrn Grafen voit Tcupen —" 
„Aha," machte Freese, dainit sein wachsendes Erstaunen nicht 
auffalle. 
„Jawohl, Herr Doktor — und als dann der Herr Graf den 
Abschied nahmen und sich ganz und gar hier ans Hohen-Kraatz 
einquartierten — na, da bin ich ihm dann gefolgt .... An 
andern guten Anerbietungen hat cs ja nicht gefehlt ■— aber Du 
lieber Gott, der Mensch gewöhnt sich — und ich müßte sehr un 
dankbar sein, wenn ich sagen wollte, ich hätte mich hier beim 
Herrn Baron von Tübingen auch nur ein einziges Mal zn be 
klagen gehabt . . ." 
Freeses Kopf sank immer tiefer; aber dafür hüpften die Ge 
danken desto toller durch das schmerzende Hirn ... Er war in 
Hohen-Kraatz beim Baron von Tübingen — wo er hin gewollt 
hatte. Das stand nunmehr fest. Doch wie war er hierher 
gekommen?! ... Er rekapitulierte. Abreise von Berlin — Billet 
schwierigkeiten in Frankfurt a. O. — Guhsewitz-Plehniugen -— 
Marsch durch den Buchenwald — Wegweiser — verlaufen — 
Kognak getrunken ... Da riß der Gedankenfaden mit Plötzlich 
keit ab. Wer ein neuer Schreck stellte sich ein und trieb Freese 
alles Blut in die Wangen.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.