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Periodical volume 4.Februar 1899 Nr, 5

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Bildflächc verschwunden sind und nur noch in alten Berliner Possen 
fortleben. 
Hören wir, was Don Quixote von drei dieser Gruppen zu sagen 
weih. Da ist zunächst der Eckensteher, von dem er folgendes mitteilt: 
„Ter Eckensteher wird auch Lazzaroni, Sonncnbrater und Schildkröte 
genannt: er ist einfach aber zerrissen angezogen; gewöhnlich trügt er eine 
Jacke, die löcherlich ist, ja man sieht sogar welche, die barwade gehen, 
ans dem linken Arm hat Jeder ein Schild mit einer Nummer; über 
ihren Schultern hängt eine Hilfe und ihre Kopfbedeckung ist eine Mütze. 
Sie stehen gewöhnlich an einer Straßenecke, von der eine Destillations- 
Anstalt nicht weit ist. Ihr Charakter ist menschenfreundlich, bescheiden 
und standhaft; sie tragen alles mit Geduld, und fordern hernach 10 bis 
15 Silbcrgroschcn. Das Hauptgeschäft der Eckensteher ist Möbel tragen 
und Karren, zu den Nebengcschäften gehört: Müßiggang, Schnapstrinken 
und Prügeln. Das Liebliugslied der Eckensteher aber ist folgendes: 
Tat beste Leben hab' ick doch. 
Ick kann mir nich beklagen; 
Pfeift och der Wind durch's Acrmclloch, 
Det will ick schonst verdragen. 
Det Morgens, wenn mir hungern dhnt, 
Eß ick ne Butterstulle, 
Dazu schmeckt mir der Kümmel jut 
Aus meine volle Pulle. 
Ick sitz mit de Kainradcn hier, 
Mit alle groß un klcene, 
Beleidigt och mal eener mir. 
So stech' ick ihm jlcich eene. 
Und drng' ick endlich mal wat aus. 
So kann ick Jroschens kneifen, 
Hol' ivicder meine Pulle raus 
Und dhuc eenen pfeifen. 
Dann wendet sich der Berliner Chronist den Thorwagenkntschern 
zu, die vor dem Brandenburger Thor hielten und das Publikum nach 
Charlottenhnrg fuhren. Aus letzterem Grunde wurden sie Charlotten 
burger genannt. Bon ihnen erzählt Don Quixote: 
Sie sind verschieden gekleidet, aber meistens sehr unsauber. Lassen 
sich ein Paar Personen in ihrer Nähe sehen, so umzingeln sic dieselben 
und offerieren ungestüm ihre schlechten Wagen. Sie sind roh, zudringlich 
und naseweis. Haben sie wenig zu thun, so begeben sich vier bis sechs 
solcher Individuen zusammen und spielen in einem ihrer Rippcubrcchcr 
Karten. Fast unmenschlich gehen sic mit ihren Pferden um, und cs ist 
nichts Seltenes, daß man 8 bis 11 Personen von einem Pferde gezogen 
sieht, dem die Rippe» über eine halbe Elle hervorstehen. Bon dem 
vielen Anschreien bat dies Völkchen eine widerlich heisere Stimme be- 
kommcn, und cs ist eben nicht angenehm anzuhören, wenn sic sich ein 
ander zurufen: „Lude, hast Du schon zu 'ne Priese Tobak verdient? 
Joseph! leuchte mal hierher mit de Laterne; der Baron hat een Sechser 
verloren! Kilian, mach die Sitze rccne, jetzt wird Schafkop gespielt! 
Talbot, nimm mal den Proppcn ab, laß mir eenen runter würgen! 
Chrischian! hier woll» se Keilerei haben; ick habe aberscht Anhang — 
die janze Chassec steht mir bei! u. s. w." 
Auch die Charlottenburger haben ihr eigenes Bundeslied; das 
lautet so: 
Branntwein trinken, Schafkops spielen, 
Det is mein Plaisir 
Uf de Wagens hier. 
Häcksel fressen, Wasser saufen 
Muß mein Pferd, un düchtig laufen, 
Dann bringt's Groschens mir, 
Det is mein Plaisir! 
Keufsen, Bussen, Tabak rochen, 
Det is mein Plaisir 
Uf de Wagens hier. 
Eene lumpigte Person 
Fehlt hier bloß noch. Herr Baron, 
Fahren Sie mit mir, 
Det is mein Plaisir! 
Die Hökerinnen endlich bilden die dritte Gruppe, welche von Don 
Quixote folgendermaßen geschildert wird: 
Sie verkaufen ans Körben oder Tonnen alle Früchte, welche die 
verschiedenen Jahreszeiten uns darreichen. Man teilt sie in gangbare 
— solche, die von Haus zu Hans ihre Waare feil bieten — und in 
sipsamc — solche, die an einem bestimmten Ort immer anzutreffen sind. 
Die letztere Klasse zerfällt aber wieder in zwei Unterabteilungen: in 
Bndcnsipendc und in Budenlose, die Hökerinnen, welche eine Bude be 
sitzen und in derselben verkaufen, sind die vornehmsten. 
Die Kleidung der Hökerinnen ist reinlich, ihr Charakter: Empfind 
lichkeit. Durch den kleinsten Tadel ihrer Waaren werden sie gereizt, 
und machen ihrem Herzen durch ein ins Unendliche gehendes, sogenanntes 
Aufbieten Luft. In diesem Aufbieten aber sind sic Virtuosinncn, ja 
es ist nichts Seltenes, daß kerngesunde Witze dasselbe würzen. Man 
möchte glauben, sie bereiteten sich auf ihre Schimpfereien vor; aber 
nein, cs ist alles extemporiert. 
„Er grünschnäbligter Tietkcndreher! halt er sich doch de Dogen zu, 
damit er nich vor sich selbst erschrickt; stech er doch seinen dehmlichen 
Kop in de Feuerticnc, damit er nich bloß hinter die Ohren naß is!" 
„I er durch und durch verfädclter Schneidergeselle, wat kost denn 
det halbe Pfund Kalbflccsch von ihm? Wat redt er? ick soll ihm een 
bisken Platz machen? dhu er sich nich so dückc, son Kerl, wie er is, 
den laß ick janz durch!" 
„Wat willst Du, Du vcrsalznet Stück Pökclsleesch, Du besoffner 
Jüngling mit de umgekippte Vatermörder? Ick will ihm ne Laterne 
geben, damit er sich unterm Rennsteen leuchten lassen kann!" 
Das sind nur einige schwache Beispiele ihres ungeheuren Talents. 
Auch den Berliner Hökerinnen der vormärzlichcn Zeit wird ein 
Licblingslied in den Mund gelegt, welches folgenden Text hat: 
Mr kümmert jar nischt in die Welt, 
Ick dhue mir nich jrämen. 
Wem meine Waare nich gefällt, 
Der kann sich andere nehmen. 
Man immer ran, Herr Muschkcticr, 
Recht saft'ge Pcrjamotten hier. 
Wat sägt er? Sind nich schöne! 
Mach' er sich nich gemeene. 
Madamken, kecne Aeppel heut? 
Sechs Fröschen man de Metze! 
Ick jlobe Sie is nich gescheut, 
Wat hör ick da, wat redt se? 
Drei Silberjroschen biet'se mir? 
Na, Schönste, pack se sich von hier 
Mit ihrem Hut und Frcese, 
Ick wünsch' Ihr jutc Reese. 
Volkstppen von so ausgesprochen Berlinischen Charakter, wie sie 
hier geschildert sind, giebt es heutzutage nicht mehr. Wären sie auch 
vorhanden, die Finthen der Weltstadt gingen über sie hinweg, und kein 
Lokaldichter griffe mehr in die Saiten, uni ihren Ruhm der Nachwelt 
zu verkünden. P. Kunzendorf. 
Ephrainnkrn. Die Kosten des Krieges, das Versiegen der 
englischen Subsidien, der Wunsch, seine schon ohnehin durch die Leiden 
des Feldzuges hart mitgenommenen Unterthanen möglichst zu entlasten, 
hatte Friedrich den Großen zu dem vcrzivcifeltcn Hilfsmittel greifen 
lassen, schlechteres Geld ausprägen zu lassen. Ein Kenner der Ver 
hältnisse berichtet darüber: „Da der König sich als Herr von Sachsen 
betrachtete, so ließ er zunächst auf Kosten dieses Landes schlechtes Geld 
mit dem sächsischen Wappen und sogar mit dem Brustbilde des Kur 
fürsten prägen, was vermutlich um deswillen geschah, daß im Publikum 
nicht sogleich die schlechten Münzen von den besseren unterschieden 
werden konnten, daher um so leichter in Kurs kamen. Als nun gar 
die Münze an Ephraim in Berlin verpachtet wurde, brachte dieser das 
Geschäft bald in solchen Schwung, daß eine unglaubliche Menge 
schlechter Geldsorten aus der preußischen Münze hervorging. Bald 
blieb cs nicht mehr beim sächsischen Gepräge; man fertigte auch preußisches, 
mecklenburgisches und bernburgisches Geld. Das Geschäft brachte dem 
König viel ein; denn wenn auch die Münzsorten von Jahr zu Jahr 
schlechter wurden, so stieg doch auch die Pacht mit jedem Jahre höher, 
so daß diese die Höhe von 7 Millionen Thalern erreichte. Zuletzt war 
das Geld so geringhaltig, daß ein sächsischer Augustd'or, dessen ge 
wöhnlicher Wert 5 Thaler war, kaum 1V 2 Thaler an Wert hatte. Die 
guten Augustd'or und FriedrichSd'or galten 20 Thaler in den verfälschten 
zirkulierenden Silbermünzen, die man spottweise Ephraimiten oder 
auch Blech kappen nannte. Dieses Uebel, bei dem in der ersten Zeit 
viel zu gewinnen war, verbreitete sich bald weiter und auch 
andere Regenten ahmten es lediglich aber aus schnöder Gewinnsucht 
nach. Die minderwertigen Münzen nahmen in solch erstaunlicher 
Menge zu, daß man sie Heckmünzen taufte. Nach dem Friedensschluß 
1763 sah es daher besonders schlimm aus, denn der Wert des zumeist 
kursierenden Geldes war kein wirklicher, sondern nur ein eingebildeter. 
Viele wohlhabende Leute fielen dadurch der Verarmung anheim und 
achtbare Handelshäuser fallierten. 
Der „alle Dessauer" und die Spielleuke. Der altcDcssauer 
hatte bekanntlich eine so mangelhafte Schulbildung, daß er kaum lesen 
und schreiben konnte. Auch für Kunst und Wissenschaft besaß er keinen 
Sinn, mit einziger Ausnahme der Musik, die er sehr liebte, freilich 
nur lärmende, kriegerische Märsche, mit möglichst viel Blechinstrumenten. 
Seine Licblingsmelodie war der nach ihm genannte „Dcssauer Marsch," 
nach welchem er sogar alle Kirchenlieder sang, unbekümmert um das 
Spiel der Orgel und die von der Gemeinde gesungene korrekte Melodie. 
Einst hörte er in seiner Garnisonstadt Halle nach der Wachtparadc 
der Militärmuflk zu, was er stets zu thun pflegte, wenn ihn nicht 
Dienstgcschäftc abhielten. 
Ein Teil der Hantboistcn setzte die Instrumente ab, um die in den 
Noten vorgeschriebenen Pausen zu halten. 
Kaum gewahrte dies der Fürst, als er wütend an die Musiker 
herantrat und sic fragte, weshalb sic nicht weiterspielten. 
„Durchlaucht, wir haben zu pausieren," berichtete einer der Musiker 
salutierend. 
„Was, pausieren?" schrie der General mit weithin schallender 
Stimme. „Ihr Canaillen ich will Euch lehren, im Dienste zu pausieren!" ■— 
und che es sich die erschrockenen Spielleute versahen, fühlten sie den 
gewaltigen Stock des Fürsten auf ihrem Rücken. 
In der Meinung, das Tonstück habe sich nicht des Beifall ihres 
hohen Vorgesetzten zu erfreuen, hörten jetzt auch alle übrigen Musiker 
auf zu blasen, was den Fürsten nur noch wütender machte. Hageldicht 
fielen die Hiebe auf die armen Künstler, bis sie endlich, wie auf ein 
gegebenes Zeichen, ihre Instrumente aufrafften und davonliefen. 
Noch denselben Tag ließ er den Musikmeister zu sich kommen und 
ein furchtbares Donnerwetter wegen der Faulheit seiner Leute entlud 
sich auf dessen Haupt. 
Mt Mühe gelang es dem Direktor, dem General einen Begriff 
von der Notwendigkeit der Pausen beizubringen. 
Unwillig schüttelte der Fürst das Haupt und sagte: 
„Höre Er, die Musikstücke mit den Pausen taugen nichts, die 
machen Seine Leute nur faul. Spiele Er mir also auf der Parade 
keine Sachen mehr, in denen Pausen vorkommen!" 
Und mit einer ziemlich ungnädigen Handbcwcgung war der ver 
blüffte Kapellmeister entlassen. — du — 
Beraniwortlicher Redakteur: Dr. M. Folticineana, Berlin. — Druck und Berlag: Friedrich Schirmer, Berlin SV., Neuenburger Straße 14a.
        
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