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Periodical volume 4.Februar 1899 Nr, 5

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Jahrhunderten eine wichtige Rolle in dem wissenschaftlichen Leben 
Berlins. Die Akademie der Wissenschaft kaufte im Jahre 1708 das an 
der damaligen „letzten Straße" bcleacne Grundstück — der Name 
„Dorotheenstraße" wurde erst durch Kabincts-Ordre vom 25. April 1822 
eingeführt — für 6000 Thaler. Anfangs wohnten daselbst der Astronom 
und der Chemiker der Akademie, später nur der letztere, der seit der 
Gründung der Berliner Universität zugleich an dieser Professor war. 
Von berühmten Chemikern haben in dem Hause gewohnt: Andreas 
Sigismund Margarets (1709—1782), der 1747 den Zuckergehalt 
in der Runkelrübe entdeckte; sein Schüler Franz Karl Achard (1753 
bis 1821), der die Gewinnung des Rübenzuckers zuerst industriell aus 
nutzte und in Kaulsdorf im Großen Rüben anbaute; Martin Heinrich 
Klaproth (1748—1817), vor Berzelius der größte Analytiker; Eilhard 
Mitscherlich (1793—1868), der Entdecker der Lehre von der Isomorphie, 
die der Chemie und Mineralogie neue Bahne» wies; endlich August 
Wilhelm von Hoffmann, der namentlich die Kenntnis der Theer 
farbstoffe bereicherte. Gegenwärtig hat der Professor der Chemie Emil 
Fischer in dem Hauke seine Dienstwohnung. Ter hintere Teil des 
Grundstückes (nach der Georgenstraße hin) hat seit den sechsziger Jahren 
das chemische Institut ausgenommen, und so ist das Haus Torotheen- 
straßc 10 seit dem Jähre 1708 eine Heimstätte der Chemie, von welcher 
eine Reihe der wichtigsten Entdeckungen ausgegangen ist. Seit dem 
Jahre 1892 sind an dem Hause die Broncebüsten von Marggraf und 
Achard, den Begründern der Rübenzuckerindustrie, angebracht, welche 
der „Bär" im 18. Jahrgang (S. 604 und 605) im Bilde vorführte. 
§ Eiich Verzeichnis der Straßennamen Berlins wird Geh. 
Rcg.-Rat Friedei im Aufträge des Berliner Magistrats herausgeben. 
Das Verzeichnis wird sämtliche von 1876—1900 entstandene Straßen 
in alphabetischer Anordnung enthalten, und zwar mit dem Datum des 
allerhöchsten Ernennungs-Erlasses und mit Anmerkungen über die Be 
deutung des Straßennamens. Das Verzeichnis wird im Jahre 1901 
in Form einer Broschüre erscheinen, und eine dankenswerte Ergänzung 
zu dem Werke: „Die Straßennamen Berlins" von Hermann Vogt, 
ivelches der Verein für die Geschichte Berlins im Jahre 1885 ver 
öffentlichte, bilden. 
§ Dir Stadt Brandenburg a. B. besitzt ein überaus wertvolles 
Stadtarchiv, das über 1200 Urkunden und 700 Codices enthält, und 
dessen ältestes Dokument aus dem Jahre 1170 stammt, während z. V. 
die älteste Urkunde des Berliner Archivs nur bis 1272 zurückgeht. 
Zum wissenschaftlichen Verwalter dieses Archivs ist jetzt nach der 
„Boss. Ztg." der Oberlehrer und Historiker Dr. Otto Tschirch im 
Rebenamte ernannt worden, der den Lesern des „Bär" kein Fremder 
ist. Im Jahre 1889 hatte Archivrat Sellv eine Ren-Ordnung des 
Brandenburger Archivs begonnen, deren Vollendung durch die lleber- 
dcr nächsten Schildwache vorüberkamen unterließ diese das dem Prinzen 
zustehende Honneur. Das ärgerte den zukünftigen Monarchen gewaltig 
aber er sagte nichts. Bald darauf führte der Weg an einer anderen 
Schildwache vorbei, doch auch diese salutierte nicht. Weinend lief nun 
der kleine Hohcnzollcrnsproß nach dem Palais zurück und beklagte sich 
bei seinem Vater über das respcktwidrigc Verhalten den beiden Posten, 
„Und das wundert Dich?" lachte der Kronprinz. „Die Leute haben 
ganz recht gehandelt. Reinliche Soldaten präsentieren niemals vor 
einem schmutzigen kleinen Prinzen!" Diese Znrcchtweftung verfehlte 
ihre Wirkung nicht. Der Prinz erhob gegen das Waschen fortan keinen 
Eimwand mehr. * M. M. 
ettaktgrfülzl Friedrich des Grossen. Die Gewohnheit der 
Fürsten die Uniform desjenigen Landes zu tragen in welchem sie einen 
Besuch abstatten, datiert aus der Zeit Friedrich des Großen. Im Jahre 
1770 besuchte der König auf Schloß Neustadt in Mähren den Kaiser 
Joseph II. von Oesterreich und da kaum sieben Jahre nach dem preußisch- 
österreichischen Kriege vergangen waren, in dem Oesterreich bekanntlich 
besiegt wurde, so glaubte der „alte Fritz" daß die blaue Uniform seiner 
Armee die Blicke des Kaisers und dessen Umgebung leicht beleidigen 
könnte. Deshalb griff er zu einem Auswege, welcher darin bestand, 
daß der König und alle Personen seines Gefolges- sich in Neustadt in 
weißen Phantasie-Uniformen mit Silbcrstickcreien und ohne Achselstücke 
zeigten, welche in einem gewissen Grade der österreichischen Armee- 
unisorm ähnelten. Diese Aufmerksamkeit fand unter den regierenden 
Fürsten Nachahmung und wurde es durch die Ernennung fremder 
Monarchen zu Chefs von Regimentern allgemein Usus, daß die Regenten 
bei Besuchen an anderen Höfen die Uniform ihrer ausländischen Regimenter 
anlegen, während der besuchte Fürst dem Besucher ebenfalls „zu Ehren 
seines Gastes" in fremdländischer Uniform empfängt. M. M. 
§ Ein barlfeindlicher Hohenzoller war Markgraf Sigismund, 
ein Sohn des Kurfürsten Joachims II. Sigismund, der von 1588 bis 
1566 lebte, 1552 Erzbischof von Magdeburg wurde und als solcher die 
lutherische Konfession annahm, zeigte eine fanatische Abneigung gegen 
die Bärte. Im Jahre 1564 überredete er, als er Gast des Grafen von 
Mansfeld war, diesen und die ganze Tischgesellschaft, sich de» Barl 
abnehmen zu lassen; ebenso bestand er darauf, das; der Hallenser 
Magistrat, den er einlud, sich den Barl abscheren ließ, bevor er auf 
sein Schloß kam. Ter Vater Sigismunds, Kurfürst Joachim II., teilte 
die Abneigung seines Sohnes gegen die Bärte nicht; er trug vielmehr 
einen stattlichen Vollbarl. 
Volks-Typen ans dem vormärzlirssen Berlin. „Berliner 
Don Quixote" nannte sich der Referent einer Zeitschrift, die hier unter 
dem Titel „Erinncrungshlätter für gebildete Leser aus allen Stünden" 
zu Anfang der dreißiger Jahre erschien. Wieviel Jahrgänge sie erlebte. 
Gewitternacht. Schluss des fünften Alltes. 
(Walüam eilt auf die Terrasse, wo er sich erschießt.) 
siedelung Cellos von Magdeburg nach Oldenburg leider unterbrochen 
wurde. 
„Unser Fritz" als Erxietzer. Eines Tages kam der Gouverneur 
der kronprinzlichen Kinder und meldete dem erst vor Kurzem auS dein 
Kriege gegen Oesterreich hcimgekehrten Sieger von Königgrätz, daß 
Prinz Wilhelm sich am Morgen nach dcni Aufstehen geweigert habe 
sich seilt Gesicht zu waschen. „So!" meinte der Kronprinz, „dann lassen 
Sie ihn ungewaschen gehen; Sic werden sehen, daß der Junge sich 
morgen um so gründlicher waschen wird." Am selbigen Tage machte 
der Prinz mit seinem Gouverneur einen Spaziergang und als sie bei 
läßt sich kaum feststellen, jedenfalls aber ist sie ein Kind des vormärzlichcn 
Berlin geblieben und hat die Stürme von 1848 nicht überdauert. Der 
erste Jahrgang dieser für damalige Verhältnisse vortrefflich redigierten 
Zeitschrift vom Jahre 1833 liegt vor mir. Die vergilbten Blätter be- 
ivahren manchen litterarischen Schatz, welcher verdiente, aitfs Neue ge 
hoben zu werden. Einen besonders breiten Raum nimmt der Hnnior 
ein, und hier ist es besonders Don Quixote, der gar ergötzlich allerlei 
Schnurren erzählt und über Berliner Verhältnisse recht amüsant 
zu plaudern versteht. In seinen „Bildern auS Berlin" führt er eine 
Reihe von Volkstypen damaliger Zeit vor, die heut längst von der
        
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