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Periodical volume 4.Februar 1899 Nr, 5

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Die „Gewiucrnacht" ist eines der wirkungsvollsten Dramen, die 
Wildenbruch geschrieben hat, trotz des nicht völlig befriedigenden Schlusses. 
Der Dichter wurde von den Darstellern nicht getragen. Einzig 
tadellos war Pitschau als Oberst von Schönberg: seine hohe Gestalt 
und sein kraftvolles Organ kamen ihm bei dem Spiel sehr zu statten. 
Die Erregung und Verbitterung des Mannes klang aus jeder Silbe 
hervor, die er herausschnictterte, und die Weichheit bei der Erinnerung 
an seine Kinder drang zu Herzen. Pitschau erntete Beifall auf offener 
ihr über Staatsgeheimnisse unterhält. Und was die Königin betrifft, 
die von Marie Fraucndorfer gespielt wurde ■— nun, Königinnen sollten 
nur von Königinnen gespielt werden, wenn das möglich wäre. 
Die Darstellerin der Charlotte, Fräulein Emma Schubert hat eine 
unbezwcifelbare dramatische Begabung: ihr Organ ist volltönend, wenn 
auch etwas zu hell und ihr Aeußeres einnehmend. Hoffentlich sehen 
wir sie auch in einer anderen Rolle, die ihrem Talent besser angepaßt ist. 
Die beiden letzten Akte waren wie in einen dünnen Nebelschleier 
Grwitternarhl. Ende des IV. Aktes. 
Charlotte: Herzkönig hat mich verlassen — ist tot. (Sie ringt mit einer eijmimtfjt.) 
Szene, er gab dem Dichter, was ihm gebührte und dieser war dem 
Darsteller zu Dank verpflichtet. Auch Sommcrstorff gab sich Mühe, 
den Waltram dem Publikum nahezubringen. Im ersten Akt traf er 
ganz vorzüglich den Grübler und unbeugsamen Rechthaber, dem die 
vorgefaßte Meinung höher gilt, als sein und seiner Schwester Wohl 
ergehen: er paßte sich den Absichten des Dichters an und verdiente 
reichlich den Beifall, der ihm gespendet wurde. Im letzten Akt jedoch 
schien er sich doch im Ton vergriffen zu haben. Die Auseinandersetzung 
mit der Königin war heftig, und da er die Königin duzte, war er 
vielleicht im Recht, wenn er heftig wurde; allein in den Gemächern 
einer Königin, und gar noch einer solchen, die von Brühls Spionen 
umgeben war, schreit man nicht aus Leibeskräften, wenn man sich mit 
Berliner Chronik. 
Am 22. Januar starb der Berliner Schriftsteller Wilhelm Röseler 
auf einer Reise in Hamburg im 51. Lebensjahre. Röseler stammte aus 
Rcnmünster und war seit 20 Jahren Bürger der deutschen Reichshaupt- 
stadi Er darf als ein guter Kenner des Berliner Lebens gelten. Als. 
Schriftsteller ivar er namentlich auf dem Gebiete der Litteratur- und 
Kulturgeschichte thätig. 
Am 28. Januar wurde Anton von Werner, der Hauptgegner 
der Berliner Sezession, zum ersten Vorsitzenden des Vereins Berliner 
Künstler gewählt. 
An demselben Tage starb der General-Leutenant z.D. Johann Friedrich 
Wilhelm von Schultz, der Organisator der Eiscnoahntruppen (geboren 
13. September 1829 in Stettin, zur Disposition gestellt 1888, geadelt 1896). 
Am 26. Januar, dem Todestage Zielens, wurde an dem Neubau 
Kochstraße 62, das sich an Stelle des alten Zietenhauses erhebt, die 
. Gedenktafel, die der Verein ehemaliger Zictenhusaren 1886 gestiftet, 
Laufs neue enthüllt. Ueber der Tafel hat der gegenwärtige Besitzer des 
Dauses, Hofpianosortefabrikant Schmechten, ein vom Bildhauer Werner 
"ch'dclliertes, in Bronce gegossenes Rcliefbild Zielens anbringen lasien. 
\ Am 27. Januar, dem Geburtstage des Kaisers, wurde Fürst 
Herbert von Bismarck, der am 28. Dezember 1819 in Berlin ge- 
l ’ ori 'n ist, zum charakterisierten Generalmajor ä 1a suite der Armee ernannt, 
i9ln demselben Tage erhielten Professor Rudolf Birchow die 
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gehüllt, besonders der vierte Akt litt an der Unzulänglichkeit des Grafen 
Rynar, des Verführers der Charlotte, der wohl ein guter Salonplauderer 
ist, aber die bebenden Laute der inneren Leidenschaften nicht hervorzu 
bringen vermag. Allerdings ist auch Wildenbruch von dem Vorwurf 
nicht fteizusprechen, daß er der Haupt- und Staatsaktion einen zu breiten 
Platz einräumte, wodurch der Erfolg der beiden letzten Akte nicht so durch 
schlagend und hinreißend war wie der des dritten und der vorhergehenden. 
Die Ausstattung war glänzend; die Direktion stattete Wildenbruchs 
Novität mit dem Pomp aus, der einem Wildenbruchschen Stück gebührt; 
auch das flotte Zusammenspicl bewies, daß Intendant Prasch die 
„Gcwittcrnacht" mit großer Liebe und sicherer Hand die Einstudierung 
und Inszenierung geleitet hat. M. F. 
goldene Helmholtz-Medaillc, Professor A. Hauck in Leipzig den großen 
Verdun-Preis (8000 M. in Gold und eine goldene Denkmünze) von 
der Berliner Akademie der Wissenschaften. Professor Hauck bekam den 
Verdun-Preis für seine Kirchcngcschichte Deutschlands. 
Am 28. Januar feierte der Stadtverordnete und Kirchenältestc der 
Georgengemeinde Langcnbucher seine goldene Hochzeit. 
Der ordentliche Professor der philosophischen Fakultät der Berliner 
Universität und Historiograph der brandenbnrqischen Geschichte, 
I)r. Gustav Schmoller, sowie der Professor Dr. Joseph Joachim 
sind zu stimmberechtigten Rittern des Ordens pour le weilte für 
Wissenschaften und Künste ernannt worden. 
Die silberne Medaille für Verdienste um das Bauwesen wurde 
dem Geheimen Ober-Baurat Dr. Zimmermann im Ministerium der 
öffentlichen Arbeiten verliehen. Dr. Zimmermann, Mtglied der Akademie 
des Bauwesens, ist ein hervorragender Konstrukteur und hat u. a. die 
Kuppel des Reichstagsbcbäudes berechnet. Sein Spezialgebiet ist der 
Eiscnbahnbau. 
Kleine Mitteilungen. 
§ Das Haus Dorokhrrnstrage 10, welches links neben der kgl. 
Universitätsbibliothek liegt, soll nach dem Staatshaushaltsetat der 
letzteren überwiesen werden, in welcher sich seit langer Zeit ein empfind 
licher Raummangel bemerkbar macht. Dieses Hans spielt seit fast zwei
        
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