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Periodical volume 30.Dezember 1899 Nr, 52

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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unzweifelhaft hervor, daß das preußische Königshaus den Jahr 
hundert-Anfang vor hundert Jahren erst am 1. Januar 1801 
gefeiert hat. 
Die beiden Betrunkenen, die unser Bild darstellt, sind zwei 
Straßentypen aus deut Berlin der dreißiger Jahre, deren Spezies auch 
in der Gegenwart leider noch nicht ausgestorben ist. „Kümmelbrüder" 
nennt sie der Berliner und trifft mit dieser Bezeichnung den Nagel auf 
den Kopf. Arm i» Arm taumeln die beiden Kumpane, deren Gesicht 
auf deni farbigen Original im schönsten Kupferrot prangt, aus dem 
Schnapsladen — selig von dem betäubenden Fusel. Der Zustand, in 
dem sie sich befinden, wird drastisch durch das Zwiegespräch gekennzeichnet, 
das die beiden Saufbrüder nach der Unterschrift des Originals führen. 
„Du," sagt der eine Kumpan, „ick schlendre meinen Schlendrian 
un habe meinen Kopp vor mir," worauf der Bruder zur Linken 
im blauen Frack und in grünen Hosen, der die grüne „Kümmelpulle" 
hoch hält, die schnapsphilosophische Antwort giebt: „Weeßt Du wat, 
Jevatter? Wenn ick ne Kiepe hädde, so setzt ick mir rindar un 
drüje mir nach Scheeneberg, denn dhäten mir die Beene 
»ich weh!" Das ist der Berliner Schnapsbruder, wie er leibt und 
lebt, und wie er sich unverfälscht bis auf die Gegenwart erhalten hat. 
Vereins-Nachrichten. 
„Vrandenburgia", Gesellschaft für Heimatkunde 
der Provinz Brandenburg zu Berlin. 
Die 12. (6. ordentliche) Versammlung des 8. Vereiusjahres fand 
am 12 Dezember im Sitzungssaals des Brandenburgischen Ständehauses 
in der Matthäikirchstraße statt. Herr Gcheimrat Friede! teilte zunächst 
mit, daß die Versuche mit dem neuen Müllschnielzofen abgeschlossen 
seien, und daß man das Verfahren einstweilen eingestellt habe. Proben 
der Schmelzprodukte, welche wie dickes grünes Flaschcnglas aus-' 
sehen, lagen vor, ebenso ein Bogen des aus diesem Schmelzprodukt her 
gestellten Schmirgelpapiers. Ferner besprach der Vorsitzende die 
neue Agenda des Kaufhauses Rudolph Hertzog, welche anläßlich 
des Jahrhundcrtwechsels besonders prächtig ausgestattet ist. Sie enthält 
eine reich illustrierte Uebersicht über die Geschichte Berlins von den 
ältesten Zeiten bis zur Gegenwart und außerdem eine Zusammenstellung der 
sämtlichen Gruppen in der Siegesallec. Unter den Abbildungen befinden 
sich außerdem Reproduktionen verschiedener seltener, bisher noch nicht ver 
öffentlichter Stiche bezw. Holzschnitte. Außerdem wurde die Photographie 
des Zweiges einer Nüster vorgelegt, welcher zuSympathiczwecken zusammen 
geknüpft war und auf den, der ihn löste, die „eingebundene" Krankheit 
übertragen sollte, und eine Abbildung der Gegend an der Ecke der 
Müller- und Triftstrabe aus deni Jahre 1858. Gehcimrat Friede! be 
sprach sodann ausführlich die Funde, welche im September dieses Jahres 
in dem großen Hünen grabe bei Seddin in der Westprignitz gemacht 
worden sind. Die Prignitz hat des Elbstronics wegen von altcrsher ein 
sehr günstiges Kulturleben gehabt, und infolgedessen haben sich dort mehr 
kulturgeschichtliche Denkmäler erhalten als audersivo. Wo die Denk 
mäler bereits verschwunden find, werden Sagen von ihrem Vorhanden 
sein überliefert. So befindet sich ein großer megalithischer Bau bei 
Mölln, in der Nähe von Lenzen, eine Anzahl aufrechtstehender Stein- 
blöcke mit einer mächtigen Steinplatte darüber, unter denen der Ricsen- 
könig begraben liegt, so wird beim Dorfe Kemnitz, in der Nähe von 
Pritzwalk, das Grab eines Riesenkönigs gezeigt, welches 120 Schritt im 
Umfange mißt, ebenso hat sich früher bei Pröttlin, nach der mecklen 
burgischen Grenze zu, ein Hünengrab nüt aufrechtstchendeu Steinblöckcn 
befunden, in dessen Innern eine bronzene Urne (jetzt in Schwerin) stand, 
und schließlich berichtet eine Sag daß bei Trieglitz der Riesenkönig 
in einem goldenen Sarge begraben liege; ein großer, jetzt zersprengter 
Stein bezeichnete die Grabstätte. Alle diese Grabstätten übertrifft die bet 
Seddin an Größe ganz erheblich. Der mit einzelnen Bäumen be 
standene Hügel ist 11 in hoch, mißt 90 m im unteren Durchmesser und 
hat einen Umfang von 300 Schritten; es ist einer der größten Grab 
hügel, die überhaupt vorhanden find. Auch von diesem Hügel berichtet 
die Sage, daß darin der Riesenkönig in einem goldenen Sarge be- 
raben liege, und verschiedene Versuche, selbst mit der Wünschelrute, 
nd gemacht worden, um de» Schatz zu heben, leider vergeblich. Jetzt 
ist es »un gelungen, das Grab bloßzulegen und den „goldenen Sarg", 
eine Aschcnurne aus Goldbronze, an das Tageslicht zu fördern, ein 
Beweis, daß die Sage sich auf Grund alter historischer Ueberlieferungen 
gebildet hat. Die Entdeckung gelang dadurch, daß ein Unternehmer 
viele Fuhren Steine abgefahren hat und dabei in einer bestimmten Tiefe 
die das Grab verschließende Steinplatte zum Vorschein kam. Aus die 
Benachrichtigung seitens des Pflegers für die Prignitz. Rechtsanwalt 
Heineman», begaben flch Geheimrat Friede! und die Pflegschafts- 
Mitglieder Pütz und Maurer zur Untersuchung nach der Fundstätte, 
stellten die Lage und Beschaffenheit der Grabstätte genau fest und er 
warben die in der Grabkämmer gefundenen Gegenstände für das 
Märkische Museum. Ter Hügel selbst wurde später auf Veranlassung 
des Konservators für die Provinz Brandenburg, Geheiuirat B luth, von 
der Provinz angekauft und soll mit der Grabkammer als kulturgeschicht 
liches Denkmal erhalten bleiben. Die Grabkammer wird von neun 
Steinen, die fest aneinander passen, gebildet; über diesen großen Grund 
steinen ist durch eine Reihe überragciider Steine, »ach Art der kyklopischen 
Bauten (vergl. Schatzkammer des Atrcus in Mykene), eine Kuppel er 
richtet, und dieser ganze Raum ist mit einer Art Stuck überzogen, auf 
dem sich Spuren roter Bemalung in Form von Wandornaineiiten 
befinden. Diese Eigentümlichkeiten des Seddiner Grabes find bisher 
von anderen Gräbern nicht bekannt gewesen. In der Grabkammer 
fanden sich eine große Urne aus Ton mit einem durch Niete befestigten 
Deckel, welche Asche und Kuochenteile barg. Letztere gehörten, nach den 
Untersuchungen von Sanitätsrat L iss au er, einem männlichen Jndi- 
vidnum im Alter von 30 Jahren an. Nebe» dieser Urne stand ein 
thönernes Deckelgefäß mit Schmucksacben und Knochenresten einer Frau 
in den zwanziger Jahre», und außerdem fand sich in der Kammer noch 
eine dritte, mit einem Mahlstein bedeckte Urne mit Ueberresten einer noch 
jüngeren Frauensperson. An der größten Urne stand aufrecht ein 
Bronzeschwert von 60 ein Länge, in der Bronzeurne fanden sich Reste 
einer Lanzenspitze und zwei Celte aus Bronze, ein derbgearbeiteter 
schalenförmiger Becher mit einem Ringe zum Anhängen am Gürtel und 
zwei, kleine zierlich gearbeitete Schalen, ebenfalls aus Bronze. In der 
zweiten Urne lagen außer verschiedenen Schmucksachen ein breites 
Messer und eine Pinzette aus Bronze, in der dritten außer andere» 
Wirtschaftsgeräten eine eiserne Nadel. Geheimrat Friede! nimmt an, 
daß das Grab seiner Größe wegen als Ruhestätte eines germanischen 
Häuptlings anzusehen ist, der um 500 v. Chr. Geburt mit seiner 
Gattin und einer Verwandten (oder Sklavin), die sich beide dem 
Flammentode weihten, bestattet wurde. Da die Verbrennung fürstlicher 
Leichen in Gemeinschaft mit Lieblingstieren, Leibdienern und Kriegs 
gefangenen »och um 1341 n. Chr. Geburt in Litthauen üblich war, so 
kann, bei der allgemeinen Verbreitung ähnlicher Sitten in der vorchrist 
lichen Zeit, hier ein solcher Fall von Totenbcstattung sehr wohl vorliegen. 
Den zweiten Vortrag hielt vr. E. Bahrfeldt über „Berlins 
Münzgeschichte von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart", 
in dem er eine interessante Uebersicht über die seit hem 14. Jahrhundert 
in Berlin geprägten Münzen gab, die städtischen und landesherrlichen 
Münzmeistcr bezeichnete und verschiedene neue Nachrichten über die 
Berliner Münzgebäude mitteilte. t. 
Büchertisch. 
Hie gnt Brandenburg alletyeg! Geschichts- und Kultur- 
bilder aus der Vergangenheit der Mark und aus Alt- 
Berlin bis zum Tode des Großen Kurfürsten. Heraus 
gegeben von Richard George. Mit reichem Bilderschmuck nach 
geschichtlich überlieferten Originalen. Berlin 1900. Verlag von 
W. Paulis Nachf. Jerosch und Dünnhaupt. 
„Der Jugend zur Lust, dem Volk zum Nutzen!" könnte man als 
Motto dem vorliegenden Sammelwerk beifügen, welches sowohl die 
Freude und das Interesse der Jugend an der vaterländischen Geschichte 
wecken, wie auch dem Volk in populärer Weise die Kenntnis von der 
Vergangenheit übermitteln soll. Neben der politffchen Geschichte sind 
die Kulturgeschichte der Mark Brandenburg und die Lokalgeschichte des 
alten Berlin berücksichtigt worden, und neben streng historischen Dar 
stellungen finden sich Sagen und märkische Dichtungen, historische 
.Novellen und landschaftliche Schilderungen. Der Herausgeber hat sein 
Werk so vielseitig wie möglich zu gestalten versucht und zu diesem Zweck 
dem großen Schatze märkischer Publikationen manch wertvolles Stück 
entnommen; auch unter den Mitarbeitern finden sich Namen von gutem 
Klang. Außerdem ist das Werk mit reichem Bilderfchmuck ausgestattet, 
der zum Schauen und zum Lesen anlockt und eine schätzenswerte 
Ergänzung zum Texte bildet. Wer sich über die Gestalten der branden- 
burgischen Herrscher und ihrer hervorragendsten Diener, über Gewan 
dung und Waffen, über Münzen und Siegel, über märkische Städte 
und Landschaften, über Baukunst und Kunstgewcrbe in Brandenburg 
unterrichten will, der findet in dem vorliegenden Werk Stoff genug und 
Anregung zu weiteren Forschungen, und keiner wird das Buch miß 
mutig aus der Hand legen. 
Inhalt: Berliner Wandelbilder. Von vr. Georg Malkowsky. 
— Berlin im Jahre 1899. Von Richard George. — Berliner Sekt. 
Von Paul Hirschfeld. — Kunst und Wissenschaft (Ludwig Pietsch. — 
Karl Helnierding ch). — Aus Süd-Afrika. — Berliner Chronik. — Mär 
kische Chronik. — Berliner Totenschau des Jahres 1899. — Kleine 
Mitteilungen. — Vereins-Nachrichten. — Büchertisch. 
Verantwortlicher Redakteur: Dr. M. Foitictneano, Berlin. — Druck U,u> Verlag: Friedrich Schirmer, Berlin 8W„ Reuenburger Straße Ha.
        
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