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Periodical volume 23.Dezember 1899 Nr, 51

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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grübe zu einem langen Graben erweitert. Gern werden hier die 
in der Umgegend etwa veranstalteten Missionsfeste abgehalten. 
Dann wird vor dem Steinriesen eine Kanzel errichtet, und die Zu 
hörer placieren sich auf den mit Bruchstücken des Steines be 
festigten, schräg ansteigenden Grabenwänden. Neben dem Stein 
steht eine Holztafel; auf dieser lesen wir: „Höhe des Steins über 
der Erde 4 Meter 70 Centimeter, in der Erde 1 Meter 90 Centi 
meter." Doch das ist nur ein kleiner Bruchteil des ursprünglichen. 
Davon wird man erst nachträglich überzeugt, wenn man die Riesen 
schale betrachtet, die, aus dem Mittelstück dieses Steines gemeißelt, 
seit 70 Jahren ihren Platz im Lustgarten vor dem alten Museum 
hat. Die Chronik schreibt darüber: 
„Im Jahre 1826 wurde der größere Markgrafenstein aus 
seiner Ruhe gestört. Auf Befehl König Friedrich Wilhelms III. und 
unter der bewährten Leitung des Bauinspektors Cantian machte 
man sich damals daran, aus dem 5000 Centner schweren Granit 
block eine kolossale Schale zu meißeln. Fast zwei Jahre hindurch 
hatten Steinmetze und Tagelöhner ihren hinreichenden Erwerb 
durch die Arbeit gehabt; endlich im September 1828 war die un 
geheure Schale bis zur Schleifung vollendet. Sie faßte bequem 
44 Personen, hatte 22 Fuß im Durchmesser und ein Gewicht von 
mehr als 1500 Centner. Mit großen Schwierigkeiten verbunden 
war ihr Fortschaffen von der Rauenscheu Waldhöhe hinab zu der 
s / 4 Meilen entfernten Spree. Es mußte ein eigner Weg dazu 
gebahnt und dieser stellenweise 15 Fuß tief abgegraben werden." 
(Das wird wohl die oben erwähnte Schießbahn sein!) „Sechs 
Wochen dauerte der Landtransport, dann wurde aber die Schale 
auf einen zum Lasttrageu besonders eingerichteten Spreekahn ge 
hoben und zu Wasser nach Berlin geführt, wo sie glatt geschliffen 
und als eins der merkwürdigsten Monumente vaterländischer Kunst 
vor dem alten Museum aufgestellt worden ist." Die Spaltung des 
Steins in drei Schichten geschah durch Bohrlöcher und Keile. Das 
Mittelstück muß eine ursprüngliche Höhe von über acht Metern 
gehabt haben, da die daraus gefertigte Schale sieben Meter Durch 
messer hat. 
Wenige Schritte führen aus der Grube des großen Steins 
hinaus um diesen herum auf die Höhe des „kleinen" Markgrafen 
steins. Wie das Bild zeigt, ist dieser seiner Form nach wohl einer 
der schönsten Findlinge der Mark. Vorn, rechts und links sieht 
man — das Bild giebt es deutlich wieder —- eine bald über dem 
Erdboden beginnende, ziemlich ein Meter breite, flache Vertiefung, 
wie eine gelinde (rechts bedeutendere) Einschnürung, zu vergleichen 
mit der Taille einer sehr, sehr korpulenten Dame. Es dürfte der 
Schluß berechtigt sein, daß der Stein, auf der Endmoräne eines 
Gletschers liegend, auf drei Seiten durch das nachdringende Eis 
sanft ausgeschliffen worden ist. Die Höhe dieses Steins über der 
Erde beträgt drei Meter 70 Centimeter, in der Erde zwei Meter. — 
Nachdem wir der von unserer freundlichen Führern» fürsorglich 
gefüllten Tasche einen Imbiß entnommen — er schmeckte nach der 
Bewegung in frischer Luft doppelt gut — und uns durch einen 
Schluck echt braudenburger Johannisbcerwein gestärkt hatten, 
machten wir uns auf den Rückweg. Als wir in das Dorf zurück 
kehrten, war die Sonne soweit herumgegangen, daß die Kirche 
in günstiger Beleuchtung stand. Die Steinmasse, aus der der 
Turm mehr wuchtig als elegant aufgebaut ist, erinnerte mich an 
die Ols - Kirk auf Bornholm, die ebenso als Festung gedient 
hat, wie sie die Gemeinde zum Gottesdienst versammelte. 
Die Aufnahme war bald gemacht, und wir betraten das Gotteshaus. 
Sein Alter konnte uns unser Erklärer, einer der Lehrer des 
Orts, nicht angeben. Jedenfalls stand es schon lange vor der 
Reformation. An die katholische Zeit erinnern noch einige unter 
dem Treppenaufgang untergebrachte Heiligenbilder aus Holz, wahr 
scheinlich St. Petrus, St. Paulus und St. Johannes, sowie die 
Mutter Maria darstellend. Scho» bald nach Beginn der Refor 
mation trat Rauen über. 1541 wurde in der Gegend um 
Fürstenwalde die erste lutherische Kirchenvisitation abgehalten. Die 
Konkordienforntel ist unterschrieben vom Pfarrer Caspar Zanik 
und dem Küster Gallus Schmidt. 1579 zählte Rauen 168 Ein 
wohner. Durch die im Jahre 1613 ausgeorochene Pest und den 
dreißigjährigen Krieg hatte der Ort viel zu leide». Ernst von 
Mansfeld, Tilly, Wallenstein, Gustav Adolf ans seinem Wege 
nach Cöpenick—Berlin, zogen hier durch. Der Wiederaufbau der 
bis auf die Grundmauern zerstörten Kirche soll ans dem Jahre 1684 
stammen, wo Rauen mit Markgrafpieske kirchlich vereinigt wurde. 
Erst 1877 erhielt es wieder einen eigenen Geistlichen. — Aus der 
Kirche stiegen wir auf den Turm, auf dessen um die Pyramide 
gelegenen äußeren Umgang man zuletzt mittelst einer nicht gerade 
bequemen Leiter gelangt. Aber die Mühe ist reich belohnt. Von 
hier oben bietet sich dem Auge ein herrliches Rundbild, dessen 
Vordergrund vom Dorfe Rauen und weiter nach der Rordseite 
von Fürstenwalde mit seinem hübschen Turm, nach der Südseite 
von den bewaldeten Bergen eingenommen wird. Rach Westen hin 
erblickt das Auge — weite Waldflächen überspringend — den 
Rücken der Müggelberge, nach Nordwesten die Kranichberge bei 
Woltersdorf, nach Osten hin die Türme von Frankfurt. Nur 
schwer trennen wir uns von dem Anblick, der den Abschluß des 
hübschen Ausfluges bildete. Die Sonne warf ihre gelblichen 
Lirche in Baue». 
Strahlen schräg über die Landschaft, als wir, von Rauen kommend, 
die letzte Thalwellc durchschritten und die Stadt nahe vor uns 
sahen, und es dunkelte bereits, als wir von dem sich in Bewegung 
setzenden Zuge aus unserer Begleiterin einen letzten Dank zu 
winkten. R. Baltin. 
Als der Großvater die Großmutter nahm. 
kose Skizzen aus dem Berlin vor sechzig Jahren. 
ls der Großvater die Großmutter nahm — in einer Hetz- 
Ei- peitschen-Aera lebte man in Berlin damals noch nicht; es 
war behaglicher, ruhiger; kein Hasten, Jagen, kein Ileberrennen des 
andern; was man heute nicht erreichen konnte, das verschob man 
aus morgen, nicht aus Trägheit oder Unlust ■— nein, die Berliner 
sind ein ruhiges, betriebsames Völkchen, das müßiges Stillestehen 
nicht kennt, sondern weil man wußte, daß man doch noch zum 
Ziele kam, und weil ein nervenzerreibendes Drängen von anderer 
Seite auch nicht stattfand. Man lebte eben noch nicht in dem Zeit 
alter der fortgeschrittenen Elektrizität, der Fahrräder, der aegyptischen 
Augenkrankheiten, der offiziellen Nervenleiden und anderer charak 
terisierender Merkmale des Todesjahrzehnts unseres gewaltigen
        
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