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Periodical volume 23.Dezember 1899 Nr, 51

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Du bist wie eine Blume 
So hold und schön und rein, 
Ich schau Dich an, und Wehmut 
Schleicht mir ins Herz hinein. 
Ach, es gab auch sonst der Rosen genug, die Heine grüßen 
lassen konnte, ohne einen Gegengruß — besonders Unter den 
Linden, gerade wünschenswert zu finden. War er doch in 
zwischen zu einer bekannten, beinahe berühmten Persönlichkeit ge 
worden. Dafür sorgte der Varnhagensche Kreis, in dem er durch 
die Frauen verwöhnt wurde. Mit den Männern, besonders mit den 
litterarischen Konkurrenten, hatte er weniger Glück. Bei Lutter 
und Wegner scheint er eine ziemlich schweigsame Rolle gespielt zu 
haben. Grabbe verdunkelte ihn da mit seinen tollen Einfällen, 
E. Th. Amadeus Hoffmann und L. Devrient mit ihren phan 
tastischen Launen. Der Dichter des „Almansor" ließ sie mit 
stillem Lächeln seine Ueberlegenheit fühlen. „Während dem 
Schreiben war es mir, als hörte ich über meinem Haupte ein 
Rauschen, wie den Flügelschlag eines Vogels. Als ich meinen 
Freunden, den jungen Berliner Dichter», davon erzählte, sahen 
sie einander an mit einer sonderbaren Miene und versicherten mir 
einstimmig, daß ihnen nie dergleichen beim Dichten passiert sei." 
Der Dichterbnud in der Weinstube am Gensdarmenmarkt ging ohne 
Sang und Klang auseinander, und 1832 schrieb Grabbe an seinen 
Verleger, Schreiner in Düsseldorf: „Heine ist ein magerer, kleiner, 
häßlicher Jude, der nie Weiber genossen hat, sich deshalb alles 
einbildet. Sein Schmerz, so unnatürlich er ist, mag wirklich sein. 
Poesien sind seine Gedichte aber nicht." 
Im Jahre 1829, nach der italienischen Reise, kehrte Heinrich 
Heine noch einmal nach Berlin zurück, verweilte hier aber nur 
von Ende Februar bis Mitte April, um dann nach Potsdam übcr- 
zitsicdeln zur Vollendung seiner Reisebilder. „Ich sehe hier nichts, 
als Himmel und Soldaten. — Es ist ein fatales Wetter; die 
Frühlingsblumen möchten gern aufblühen, aber von oben bläst 
ein kalter Verstandeswind in die jungen Kelche, die sich ängstlich 
wieder schließen. — Ein ganz einsamer Robinson bin ich nicht 
mehr. Einige Offiziere sind bei mir gelandet, Menschenfresser. 
Gestern abend, im Neuen Garten, geriet ich sogar in eine 
Damengesellschaft, wie Apollo unter den Kühen des Admet. Vor 
gestern war ich in Sanssouci, wo alles grünt und blühet, aber 
wie! Du heiliger Gott! das ist alles nur ein gewärmter, grün 
angestrichener Winter, und auf der Terrasse stehen Fichtenstämmchen, 
die sich in Orangenbäume maskiert haben." In demselben Früh 
jahr fuhr Heine daim noch einmal nach Berlin, um sich einen 
Zahn ziehen zu lassen und — Ranpach an der Tadle d'hote mit 
dem gefürchteten Dentisten zu verivechseln. 
Die märkische Landschaft und Potsdam, Berlin und der Staat 
Friedrichs des Großen flößten Heinrich Heine stets eine Art un 
behaglicher Wertschätzung ein. „Durch Potsdams öde Straßen 
wandern wir wie durch die hinterlassenen Schriftwerke des Philo 
sophen von Sanssouci; es gehört z» dessen Oeuvres posthumes, 
und obgleich es jetzt nur steinerne Makulatur ist und des Lächer 
lichen genug enthält, so betrachten wir es doch mit ernstem 
Interesse und unterdrücken hier und da eine aufsteigende Lachlust, 
als fürchteten wir plötzlich einen Schlag auf den Rücken zu be- 
kommen. wie von dein spanischen Röhrchen des „alten Fritz." 
In Heinrich Heine steckte immerhin ein gut Stück Berliner 
Gamintnms, das sich gegen die poetische Stimmung auflehnte 
und den Witz dicht neben die Empsindnng stellte. Was sich liebt, 
das neckt sich. Heinrich Heine spöttelte von Paris aus bei Leb 
zeiten über die preußische Residenz, und ein Berliner Bürger brachte 
ein halbes Jahrhundert nach dem Tode des Dichters an dem 
Hause Tanbenstraße 23 — eine Denktafel ans Syenit an. 
Georg Malrowsky. 
Die Amrenschen Berge und die Warkgrasenlteine. 
» ü einem schönen Herbsttag führte uns der Vorortzng nach 
Fürstenwalde. Wenn man weiß, daß der Ort ein alter 
Bischofssitz war, erwartet man, altes Bauwerk zu sehen. Aber 
man ist enttäuscht, mir wenige Spuren mittelalterlichen Gemäuers 
zu entdecken. Die Stadl macht beu Eindruck eines Landstädtchens 
aus dem vorigen Jahrhundert. 
Nur die ziemlich ausgedehnten 
Fabrikgebäude in der Nähe des 
Bahnhofs können diesen Ein 
druck abschwächen. Ein Schmuck 
der Stadt sind die nenerbanten 
Kasernen des 3. sbrandeu- 
burgischen) Ulanenregiments 
und das Kasino. — Nach kurzer 
Umschau machten wir uns ans 
Heu Weg nach Rauen. Unser 
Weg führte »ns durch die 
Stadt am Rathanse vorbei; 
es erfreute unser Auge durch 
die gotische, nach der Straße 
hin belegene Halle, in deren 
Umgebung der Wochenmarkt 
abgehalten wird. Die alte 
„Dame der Halle" auf unserem 
Bilde war sehr ungehalten, 
als ein Vorübergehender ihr 
mitteilte, daß sie photographiert 
worden sei und packte als 
bald scheltend ihren Kram zu 
sammen. — Wenige hundert 
Schritte brachten »ns zu den 
Schleusen. Das gestaute 
Wasser treibt hier ein großes Mühlwerk. Zwei Schleusen, an 
deren einer die im Bilde wiedergegebenen altertümlichen Fisch 
behälter zu sehen sind, vermitteln den Schiffsverkehr. Die 
neuere, größere, ist für das Durchschleusen der großen 
10 000 Centner-Kähne, die, von der Oder kommend, den Oderspree 
kanal passieren müssen, gebaut worden. — Ein flotter, fröhlicher 
Marsch bei herrlichem Herbstsonnenschein führte uns in einer 
halben Stunde, während der wir allmählich bergan stiegen, 
zu einer Schmalspurbahn, auf der sich von rechts, der Spree, 
herkommend, ein Zug mit leeren Kohlenwagen quer über die 
Chaussee hinweg nach den Brannkohlengruben hin bewegte. Diese 
in den Raue,ischen Bergen belegene Gruben werden bereits seit 
1848 ausgebeutet und sind Eigentum der Aktiengesellschaft „Kon 
solidierte Brannkohlcnwerke, Berlin". Die Mehrzahl der Berg 
arbeiter wohnt in Ranen. Etwa 200 Rauener Einwohner sind 
Bergleute. Von der Kohlenbahn aus beginnt die Chaussee schneller 
zu steigen. Wir kommen durch den Einschnitt eines vorgelagerten 
Hügelrückens, und erreichen, immer sanft aufsteigend, nach abermals 
einer reichlichen halben Stunde das Dorf Ranen. Ans dem 
Dorf erhebt sich der massive Turm; dahinter sehen wir kiefern- 
bedeckte Höhen das Dorf überragen. Die Aufnahme einer 
Photographie der Kirche für eine bessere Beleuchtung —• die in 
einigen Stunden eintreten muß 
— aufschiebend, durchschritten 
wir das Dorf seiner ganzen 
Länge nach und wandten uns, 
von unserer kundigen Führerin 
geleitet, vor dein großen Schul 
gebäude auf einem Feldwege 
nach links. Ter Weg führt 
uns gleich hinter dem Dorfe 
in einen mit Tannen und 
einigen Birken durchsetzte», 
schönen Kiefernwald. Sein 
Boden, mit Beerengestrüpp be 
standen, ist angenehm gewellt. 
Nachdem wir ei» Vicrtcl- 
stündchcn gegangen sind, zweigt 
sich, steil aufwärts führend, 
ein Fußweg ab, und eine roh 
ans Rundhölzern angelegte 
Treppe bringt »ns zum so 
genannten „runden Tisch". Wir 
befinden uns hier auf dein 
höchsten Punkt der Rauenschen 
Berge und würden eine herr 
liche Aussicht haben, wenn 
diese nicht durch den Baum- 
wuchs in nächster Nähe ge 
hindert wäre. So interessiert uns nur, was auf der Höhe selbst 
zu sehen ist. In der Mitte steht ei» kreisrunder Tisch von etwa 
anderthalb Metern Durchmesser, um ihn herum vier Bänke. Tisch 
und Bänke sind ans Bruchstücken des großen Markgrafensleins ge 
hauen und, da sie seiner Zeit nicht poliert worden sind, zum Teil 
mit flachem Moos bedeckt. Wenn man nicht wüßte, wann sie zu 
recht gehauen und hier her gestellt sind, möchte man glauben, an 
einer uralten Gerichtsstätte sich zu befinden. 
Nun führt unser Weg uns wieder abwärts, und wir gelangen 
zu einem Schießstand. Der an seinem Ende im Berge gelegene 
Kugelsang macht, aus der Ferne gesehen, den Eindruck einer mit 
Moos bedeckten Wand, erweist sich aber beim Näherkommen als 
ein einziges gewaltiges Spaltsliick eines großen Findlings, — cs 
ist der Rest des „großen Markgrafensteins". Augenscheinlich ist 
er früher fast ganz mit Waldbode» bedeckt gewesen. Zum 
Zweck der Sprengung hat man ihn auf drei Seiten freigelegt und 
später den nach dem Bergabstieg zu gelegenen Teil der Spreng- 
An der Fürstrnwaldrr Schleuse.
        
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