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Periodical volume 23.Dezember 1899 Nr, 51

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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zeugender gewirkt als eine lange Rede, er begann sich selbst seines 
Verdachtes zn schämen; und so klang seine Stimme nicht mehr 
ganz so grimmig, als er fragte: „Habt Ihr das etwa öfter 
gemacht?" 
„Nein, ganz gewiß heute znm erstenmal, zum allererstenmal." 
„Habt Ihr den» nicht daran gedacht, daß Ihr durch Euer 
Benehmen den Ruf Eurer Schwester aufs Spiel setzt?" fragte der 
Postrat jetzt nachdrücklich. „Der da," er wies auf Hans, „ist ein 
dummer Bengel, der dergleichen noch nicht bedenkt, aber Du" — er 
faßte seinen Aeltesten an den Schultern und schüttelte ihn, „Dir 
großem Lümmel sage ich bloß das eine: Schäme Dich!" 
Und merkwürdig, jetzt wirkten bei Ernst diese zwei Worte 
ebenfalls besser, als eine lange Strafpredigt; er schlich, gefolgt von 
Hans, mit hochrotem Kopf zur Zimmerthür und schämte sich 
wirklich. Aber der Postrat rief beide noch einmal zurück. 
„Daß Ihr mir zu niemand von dem Vorgefallenen sprecht; 
die Mutter ist drüben in den Hinterzimmern und wird hoffentlich 
nichts gehört haben; aber auch nicht Dora, sie sogar am aller 
wenigsten darf davon erfahren. Und nun geht!" 
Ernst wie Hans ließen sich das nicht zweimal sagen; der 
Postrat war im nächsten Moment allein und schritt im Zimmer 
auf und nieder, — teils um seine erregten Nerven zu beruhigen, 
teils um zu überlegen, was in dieser Sache zu thun sei. 
Als nach einem Viertelständchen Dora von ihrem Besuch bei 
einer Freundin heimkehrte, war er schon bedeutend ruhiger ge 
worden, und als Hedda ihn zum Abendessen rief, war er bei Tische 
so unbefangen wie sonst, was zur Folge hatte, daß sich auch die 
beiden armen Sünderlein ganz unbefangen gaben. Nur Ernst mied 
so viel wie thunlich den Blick des Vaters, — er schämte sich immer 
noch weiter, was ja seinem Charakter auch nichts schaden konnte. 
Rach dem Essen pflegte der Postrat häufig noch ein Stündchen 
auf seinem Zimmer zu arbeiten; auch heute wandte er sich mit 
dem Auftrag an Dora, die Lampe in seinem Zimmer anzuzünden. 
Als sic seinem Wunsch nachgekommen und im Begriff war, wieder 
hinauszugehen, zog der Postrat plötzlich einen Stuhl »eben den 
seine» und forderte sie im gemütlichsten Tone ans, Platz zu uchmen, 
er habe mit ihr zu reden. 
Dora wechselte die Farbe und kam etwas zögernd der Auf 
forderung nach. 
„Ich habe seit einigen Tagen bemerkt," begann der Postrat, 
„daß dieser unangenehme Mensch, der Dr. Landmann, um unser 
Haus herumstreicht, wie der Fuchs um den Taubenschlag; es sieht 
beinahe aus, als wollte er Dir Fensterpromenaden machen. Ein 
junges Mädchen wird allein schlecht mit solchem kecken Lassen 
fertig, und deshalb wollte ich Dir nur sagen, daß Du Dich bei 
der geringsten Zudringlichkeit seinerseits an mich wenden sollst; 
ich werde ihm schon mit der nötigen Deutlichkeit beibringen, wie 
zuwider er Dir ist." 
„Zu — zuwider?!" stammelte Dora, die krampfhaft an dem 
Vater vorbei auf den Hermeskopf schaute, der auf dem Schreib 
tisch thronte. 
„Ach, Du meinst, das ist noch nicht scharf genug ausgedrückt? 
Also sagen wir meinetwegen: verhaßt." 
Jetzt wurde Tora zur Abwechselung wieder blaß. 
„Ich — nein — ja — ich muß gestehen, ich denke jetzt etwas 
anders über die Sache mit Schnurr —" 
„So?!" 
„Ja — ja, lieber Papa, siehst Du, eigentlich — eigentlich —“ 
„Bitte, fahre fort." 
„Eigentlich war er doch in seinem Recht —" 
„Tooo!" 
„Ja, — und eigentlich ist er ein ganz — ein ganz netter 
Mensch —" 
„Sieh einmal an! Seit wann denn? Und darf ich mir die 
Frage erlauben, woher Du das weißt?" 
„Ich bin doch jetzt öfters bei Schombarts mit ihm zusammen 
getroffen, ganz zufällig natürlich, aber ganz zufällig. Er verkehrt 
da seit einiger Zeit." 
„Und diese Thatsache war wohl so uninteressant, daß Du sie 
uns lieber gar nicht erzähltest?" 
„Lieber Pava —" 
„Und sonst habt Ihr Euch hoffentlich nicht gesehen?" 
Dora schluckte tapfer die Thränen hinunter und starrte weiter 
auf den Hermes, als solle dessen Anblick ihr Mut machen — sie 
hatte entdeckt, daß er eine entfernte Aehnlichkeit mit „ihm" besaß. 
„Ja, siehst Du, Papa, wir trafen uns doch manchmal zu 
fällig auf der Straße und da — da machte es Schnurr genau 
wie damals, er raste immer zwischen uns hin und her und bellte, 
daß alle Leute lachten, und — und da sind wir immer lieber 
bald zusammengegangen, bis wir in der Nähe unserer Wohnung 
waren — wir konnten uns doch nicht zum Gespött machen!" 
„Aber natürlich nicht! Daß Ihr gleich zusammengingt war 
ja das Gescheiteste, was Ihr machen konntet." Der Postrat 
würgte mühsam seinen Zorn hinunter und drehte plötzlich Doras 
Köpfchen zu sich herum. 
„Run thu mir bloß mal den Gefallen, laß den langweiligen 
Hermes sein und sieh mich an. Ich bin zwar weniger schön aber 
immerhin Dein Vater, der gegenwärtig mit Dir spricht. Möchtest 
Du einen Clown zum Schwager?" 
Dora fuhr zusammen. „Daran habe ich gar nicht mehr gedacht." 
„Heiliger Brahma," dachte der Postrat verzweifelt, „das ist 
ein bedenkliches Symptom für den Grad ihrer Verliebtheit." 
„Er mußte doch wissen, daß wir schlecht auf ihn zu sprechen 
sind wegen Schnurr," fuhr er fort. 
„Ja, deswegen hat er auch noch gar nicht gewagt, bei uns 
Besuch zu machen, aber jetzt —" 
„Was denn jetzt?" fragte der Postrat in ahnungsvoller 
Spannung. 
„Hat er sich entschlossen, uns Schnurr zu überlassen, er will 
es Dir morgen selbst sagen kommen." 
Jetzt war es aber mit der Fassung des Postrats vorbei. 
„So!" schrie er aufspringend, „den Hund will er mir bringen 
und mein Mädel will er mir nehmen!" 
„Aber Papa!" 
„Jawohl!" Er lief ein paarnial im Zimmer hin und her 
und rannte beinahe seine Frau um, die mit der Frage zur Thür 
hereintrat: „Aber Mann, warum schreist Du denn so?" 
Dora hatte ihre Mutter kaum erblickt, als sie auch schon auf 
sie zustürzte und sie mit wahren Thränenflnten überschwemmte. 
Der Postrat schickte schließlich seine Tochter ans ihr Zimmerchen 
und hatte dann mit seiner Frau eine längere Unterredung, die er 
endlich mit den Worten schloß: „Ja doch, er mag ja ein ganz 
netter Mensch sein, und wenn sie ihn gern hat — na, wir werden 
ja sehen." 
* * * 
Völlig ahnungslos, welche Vorgänge sich inzwischen im 
Günterschen Hanse abgespielt hatten, warf sich Dr. Landmann 
am nächsten Tage in Besuchstoilette. Er befand sich in ungemein 
gehobener Stimmung; denn nun war doch kein Zweifel mehr, daß 
Dora ihn liebte, deutlicher hätte sie das ja nicht zeigen können, 
als gestern mit dem Knßhändchcn. Eigentlich war er zuerst etwas 
betroffen gewesen, Dora war doch sonst immer so zurückhaltend 
— und der Gedanke, daß er diese ihre plötzliche Zärtlichkeit viel 
leicht nur seinem Versprechen, ihr Schnurr zu überlassen, zu danken 
habe, war der Wermutstropfen in seinem Freudenbecher. 
Während er dann vor dem Spiegel die letzte Hand an seine 
Toilette legte und unternehmend seinen hübschen Schnurrbart 
wirbelte, grübelte er wieder darüber nach, ivcshalb Dora gestern 
nach dem Knßhändchen so ganz plötzlich von dem Fenster ver 
schwunden, gleichsam versunken gewesen sei es hatte beinahe 
ausgesehen, als hätte man sie wider ihren Willen zurückgerissen 
— hin — sollte ihr Vater? • Bei diesem Gedanken wurde 
es dem sonst so tapferen jungen Mann, in Anbetracht des Uin- 
standes, daß er dem Postrat binnen kurzem Aug' in Auge gegen 
überstehen sollte, etwas schwül zu Mute. 
Schnurr, der frisch gewaschen, das zottige Fellcheu sauber 
gekämmt und mit einem blauen Schleifchen geschmückt, freude 
wedelnd und nngednldig an ihm emporsprang, weckte ihn aus 
seinem Sinnen. „Ja, Du hast recht. Schnurr," sagte er sich er 
mannend, setzte entschlossen den Cylinder auf, zog die Handschuhe 
an und wanderte, von dem Hunde begleitet, nach der Günterschen 
Wohnung.
        
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