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Periodical volume 16.Dezember 1899 Nr, 50

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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?mmcr nötjci' und näher rückten ihm inzwischen die Schienenwege 
der Erdarbeiter, Meter um Meter tiefer sank der Boden rings um das 
Haus, wo vordem ein freundlicher Garten lag. 
Seit 1828 diente das Obergeschoß mit seiner Galerie den zu 
künftigen Kapitänen und Steuerleuten des alten Hanscortes als Navi 
gationsschule. Damals, als Lübeck noch stark unter den Nnchwehen 
der Kapitulation Blüchers litt und fast aller Barmittel entblößt war, 
hatte man^ dem strebsamen und anerkannt tüchtigen Astronomen und 
Nautiker Sah» hier mit wenig Aufwand gute Gelegenheit zur Aus 
bildung seiner Seeleute geschaffen.. 
Auf dem das Haus oben umgebenden Gange haben im Laufe 
dieses Jahrhunderts nahe au tausend Schiffsführer zuerst gelernt, die 
Zeit vom sternbesäten Zifferblatt der ewig richtigen, niemals stille 
stehenden Weltenuhr abzulesen und durch Messungen der Mcredianhöhen 
die Breite zu ermitteln. Hier an dieser unscheinbaren Siätte lernten 
die Schiffer Lübecks zuerst ihre Kunst, das anvertraute Fahrzeug, mit 
kostbaren Gütern und unschätzbare» Menschenleben befrachtet, sicher 
über die pfadlose Wnfferwüstc der Weltenmeere zu steuern. 
Als die Freilegung cndgiltig beschlossen, kam mancher Fremde, um 
die mächtigen, fast zwei Meter starken Maliern mit den winzigen Fenstern 
anzustaunen und dann hinabzusteigen von oben in die vielen unterein 
anderliegenden Keller, deren lange Reihe bis in den Erdmittelpunkt 
hinabzuführen schien. 
Mit Lichtern und Lämpchen bewaffnet ging's dann in die feuchten, 
kühlen Räume, vier Treppen nach einander hinunter. Manche kehrte» 
stieß. Auch den Schornstein und ein steiunmrahmtes Fenster, dicht am 
Rammgerüste oben, kann min auf dem Bilde wahrnehmen: sic führen 
zu der vorhin von uns besuchten Kasematte. 
Heute ist das Kaualbelt schoil vlit seinem Elemente angefüllt, der 
Schleppdampfer hat mit dem Schwimmbagger die Spaten führenden 
Erdarbeiter und die Kippkarren abgelöst, er fährt bereits unter der 
Mühlenbrücke, die auch in kurzer Zeit fertig sein wird, hindurch bis zu 
der berühmten Cnrstenschen Konservenfabrik, deren rauchender Schlot 
sich im Hintergrund deutlich abhebt. 
Auch vorn hat sich die Szenerie seit unserer Aufnahme etwas ver 
schoben. Hohe Baugerüste umgeben den sagenumwobenen Turm, der 
bis zum Walle herullter abgebrochen werden iliußte. 
Aber bereits wachsen die Mauern, getreu den alten Ilmrissen, wieder 
empor, um den Navigateuren eine der Neuzeit entsprechende Bildungs 
stätte zu umschließen. Dr. Fr. Schulze. 
Der erste drutlche Kabeldampfer. 
HVm 9. November hat auf der Werft der Firma David I. Tnnlop zu 
Port Glasgow der Stapellauf des ersten deutschen Kabeldampfcrs 
stattgefunden, der zu Ehren des Staatssekretärs des Reichspostamts auf 
den Namen „von Podbielski" getauft worden ist. 
Der ganz aus Siemens-Martiu-Stahl nach den Regclll des Ger 
manischen Lloyd gebaute Dampfer Hai 77,7 Meter Länge, 10,7 Meter 
Der Kaisertum tu Lübeck. 
um, denen die Lust zu kellerig, die Holzteile zu vermodert und die 
Fledermäuse zu dreist waren. 
Doch die meisten folgten gerne und krochen, schließlich unten an 
gelangt, dann auch mit gelindem Grusel, gebückt, den eis Meter langen, 
gewölbten Gang hinein in den Wall, uni die große, bombensichere 
Kasematte niit ihren kleinen Ncbcngelassen, deren Zweck noch heute nicht 
aufgeklärt ist, zu bewundern. 
Groß war dann stets die Ueberraschnng, wenn nachdem eben die 
unterste Treppe wieder erklommen war, plötzlich eine vordem nicht bcmerkle 
Thür sich öffnete, und alle, geblendet von dem hereinflntendcm Tages 
licht, ins Freie treten konnten, während sic sich »och drei Stockwerk 
tief unter der Erde wähnten. 
Doch ein Blick giebt des Rätsels Lösung: Bor mehr denn 300 Jahren 
hat man den alten,' hohen Turm an der Spitze einer vorspringenden 
Bastion an drei Seiten unter den Erdmassen begraben. An der Hinler- 
srout jedoch, nach der Stndtseite zu, dem Dome gegenüber, waren die 
Mauern freigcblicbcn. Hier kann man also zu ebener Erde in den 
Turm gelangen, von oben gezählt demnach gleich in den dritten Keller. 
Auf unserem Bilde lugt zwischen der WaNböschung und dem Ramm 
bocke noch der oberste Abschnitt des wicdergeösfiieten Thorbogens hervor. 
Die kleinen Fensterchen darüber staken als Kelleröffuunge» vordem noch 
halb im Gartcnboden, der nun verfchivundcu. 
Groß war die Uebcrrnschuug, als mau vor dem bloßgclegtcn 
Turme, der erst licutc seine gewaltige» Abmessungen zeigt, die Reste 
eines zweiten Außemverkcs aufdeckte und außerdem noch auf mächtige, 
quer davorliegcude Blocke alter, anscheinend mit Gewalt zerstörter Mauern 
Breite und bei normaler Belastung einen Tiefgang von ö,S Metern. Tie 
j Ladefähigkeit beträgt 1300 Tonnen. Die beiden Schrauben werden 
durch zwei Maschinen von zusammen 1600 Pferdekräften bewegt. Tie 
Geschwindigkeit belauft sich auf 13 Knoten. Das glatt durchlaufende 
Oberdeck trägt vor und hinter den beiden Schornsteinen einen Aufbau 
mit den Käpitäus- und Kartcnzimniern, Vorrats- und Kücheuräumcn. 
Im Zwischendeck liegen hinten die Wohnungen der Offiziere, der .Kabel- 
ingenieure und Elektriker, vorn die Mannschaflsräuine. Das Schiff hat 
elektrische Beleuchtung und einen mächtigen Scheiuiverfer. Die Be- 
satzung beläuft sich einschließlich von 20 Elektrikern und Kabelarbeitern 
auf 70 Mann. Für die Kabelarbeit ist der Dampfer mit besonderen 
Maschinen ausgerüstet, von denen im Vorschiff — teils auf dein Ober 
deck, teils im Zwischendeck — eine kombinierte Maschine zum Aufnehmen 
und Auslegen, auf dem Achterdeck eine einfache Maschine zum Auslege» 
des Kabels aufgestellt ist. Das Kabel wird in drei mit Wasser gefüllte 
Tanks im Inneren des Schiffes aufgeschossen, die zusammen 600 Kubik 
meter fassen. Die drei Tanks sönne» 1100 Kilometer Tiefseekabel auf 
nehmen: die Größe des Schiffes genügt also nicht, um transatlantische 
Kabel zu legen, vielmehr ist hierzu ein Dampfer in Aussichl genommen, 
der 6000 bis 8000 Tonnen Raumgehalt besitzen soll. 
Die Hauptaufgabe des Dampfers „von Podbielski" wird außer der 
Legung von kleineren Kabclstreckcn darin bestehen, die Kabel der deutschen 
Reichspost zunächst in der Ost- und Nordsee auszubessern und instand 
zu halten. Diese Reparaturarbeite» mußte die Reichspost bisher durch 
englische Kabeldampfer ausführen lasse», da andere ihr nicht zur Ver 
fügung standen. Tic bislang vorhandene Kabelslotte besteht nämlich
        
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