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Periodical volume 16.Dezember 1899 Nr, 50

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Franziskanerkloslers. Im Jahre 1467 wurde den Barfüßer 
mönchen aus Wittenberg gestattet, in Jüterbog eine Kirche und 
ein Kloster zu errichten, um 1470 wurde mit dem Bau be 
gonnen, und nachdem die Feuersbrunst von 1478 einen Teil der 
Gebäude vernichtet hatte, um 1480 ein neuer Bau errichtet, der 
1510 vollendet war. Nicht lange nachher, gegen 1540, wurde 
das Kloster aufgelöst, und bei der Äircheuvisitation 1562 in 
ein Gymnasium umgewandelt. Bon den ehemals im Viereck er 
richteten Klostergebäuden ist nur die stattliche, dreischiffige Kirche 
mit Chor und nördlicher Seitenkapclle und der östliche Flügel des 
Klosters erhalten, die beiden anderen Flügel, sowie der Kreuzgang 
sind abgebrochen worden. Das mit Epheu und Wciulaub be- 
sponnene Ostgebände enthält die Schule und die Rektorwohnung: 
davor breitet sich ein schattiger Garten aus. Dieser Teil 
des Klosters gewährt, von dem Hag aus gesehen, einen idyllischen 
Anblick. Die stattliche Möuchenkirchc ist im Innern einfach, Wände 
und Pfeiler sind weiß getüncht, die mittelalterlichen Wandmalereien, 
unter ihnen der große Christoph an der fensterlosen Rordwaud, 
sind verschwunden, nur einige Spuren schimmern in den Gewölbe 
kappen durch. Ein von dem Bürgermeister Flemming 1710 ge 
stifteter Hochaltar mit den Gestalten des Moses und des Johannes 
Baptista erhebt sich im hohen Chor, ringsum blicken von den 
Wänden die Bilder evangelischer Pastoren der Mönchenkirche her 
nieder. Eine Steiukanzel mit figürlichen Reliefs aus dem 17. Jahr 
hundert, ein Taufstein aus dem 18. Jahrhundert und eine große 
Orgel von 1568 vervollständigen die innere Ausstattung der selbst 
in ihrer Nacktheit imponierenden Kirche. Interessant ist das aus Sand 
stein verfertigte Südportal welches unzählige Schleisrillen aufweist. 
Eine andere Klosterkirche befindet sich vor den Thoren der 
Stadt, die in der Dammvorftadt belegene Liebfrauenkirche, bei 
welcher 1282 von Magdeburg aus das Cistercienser-Nonuen- 
kl oster zum heiligen Kreuz errichtet wurde. Die Liebsrauenkirche 
wurde bereits um 1l60 vom Erzbischof Wichmann gestiftet und am 
29. April 1174 geweiht. Sie wurde 1180 von den Wenden zer 
stört und dann einige Jahre später von den holländischen Kolonisten 
als romanische Pscilerbasilika in Backstein wieder ausgebaut, 
während der erste Ban in Granit aufgeführt war, und wohl den 
allgemeinen Typus der Flämingkirchen gezeigt hat. Die Marien 
kirche wurde zur Hauptkirche der Jüterboger Diözese erhoben und 
hat diesen Rang inue gehabt, bis die Nikolaikirche in der Stadt 
erbaut wurde; da sank sie zur Vorstadtkirche hinab. Von der 
romanischen Basilika ist nur noch wenig vorhanden, die Seitenschiffe 
wurden um die Mitte dieses Jahrhunderts bei einer Renovation 
fortgerissen, obwohl die Regierung Patronin der Kirche ist, und die 
Arkaden zugemauert. Infolgedessen stellt sich die Liebfrauenkirche 
mit den späteren Anbauten jetzt als gotische Kreuzkirche dar. 
Man kann vier Bauperioden genau unterscheiden: die aus Granit 
erbaute Westwand des Turmes rührt von der ältesten Anlage von 
1174 her, das Langhaus mit den Rundbogenarkaden stammt aus 
dem Jahre 1184, die gotischen Onerschiffe von 1220 und der spät 
gotische Chor aus dem 15. Jahrhundert. Die Kirche zeigt daher ein 
etwas buntscheckiges Ansehen, und der mit Ziegeln bekleidete Turm 
dient auch nicht dazu, den Eindruck, den man zunächst erhält, zu 
verbessern. Das Innere ist dementsprechend unharmonisch gestaltet, 
Langhaus und Onerschiffe tragen Balkendecke, der Chor Kreuz 
gewölbe. An die Zeit des Nonnenklosters, das 1557 aufgehoben 
wurde, erinnert nichts mehr, die innere Ausstattung stammt zum 
Teil aus dem vorigen, zum Teil aus diesem Jahrhundert. 
In der Nähe dieser ältesten Kirche von Jüterbog liegt auch 
die älteste Burganlage und Ansiedlnngsstätte, ein wendischer 
Burgwall, der im Mittelalter von 1226 bis gegen 1426 ein 
Vogteischloß des Erzbistums trug. -Graue Gefäßreste mit wellen 
förmigen Ornamenten, Spinnwirbel von Thon, Kuochenteile und 
ähnliche Funde weisen auf die wendische Ausiedluiig, zahlreich" 
Mauersteiirrestc und Scherben von mittelalterlichen Gefäßen au 
die Burganlage hin. Hier an dieser Stelle, auf dem westlichen 
Zipfel der dreieckigen Insel, aus welcher Jüterbog erbaut ist, er 
hoben sich die ersten wendischen Hütten, während an dem entgegen 
gesetzten Ende, im jetzigen Vorort Neumarkt, ein in der ganzen 
Gegend berühmtes Heiligtum des Sonnengottes Jutrebog stand, 
welches der Stadt auch den Namen gegeben hat. Nach der 
Kolonisation durch Erzbischof Wichmann um 1160 und nach dem 
Wendenaufstand im Jahre 1179 wurden die Wenden aus der 
Stadt vertrieben und diese mit sächsischen und holländischen An 
siedlern besetzt. Jüterbog verblieb beim Erzbistum Magdeburg bis 
zum Beginn des dreißigjährigen Krieges, im Westfälischen Frieden 
wurde es Kursachseu zugesprochen und blieb nun sächsischer Besitz 
bis zum Jahre 1815, wo es au Preußen gelangte. Die Stadt 
hat in den Fehden des Erzbistums mit Meißen und Brandenburg, 
in der Ouitzomzeit, im dreißigjährigen und im siebenjährigen Kriege, 
sowie zur Zeit der Befreiungskriege sehr viel zu leiden gehabt; die 
Chronik weiß von vielen Drangsalen und großem Jammer zu 
berichten. Heutzutage genießt Jüterbog in der militärischen Welt 
eine hervorragende Bedeutung, da sich im Westen der Stadt 
hinter dem Bahndamm einer der größten Artillerie-Schießplätze 
ausdehnt. Dr. Gnstav Albrccht. 
General-Feldmarschall Henning Alexander von Kleist-Aaddah 
MMiner der tüchtigsten militärischen Lehrmeister Friedrichs des 
Großen war der Generalmajor, nachmalige General-Feld 
marschall Henning Alexander von Kleist-Raddatz. 
Als in den Jahren 1733—35 der sogenannte polnische Thron 
folgekrieg sowohl in Italien, wie auch am Oberrhein geführt wurde, 
sandte König Friedrich Wilhelm I. von Preußen dem Kaiser dort 
hin Hilsstruppen. Sogar der Kronprinz machte im Jahre 1734 
den Feldzug am Rhein mit, um sich in der Kriegskunst zu üben. 
Zu seiner beständigen Begleitung und Aufsicht aber gab der König 
dem Kronprinzen drei trefflich bewährte höhere Offiziere mit, da 
runter den oben genannten Generalmajor Henning Alexander 
von Kleist, welchem er besondere Verhaltungsmaßregeln einschärfte. 
Aus der „Instruction, wonach des Kronprinzen Liebden, auch 
die beiden General-Majors: Graf v. Schulenburg und v. Kleist, 
desgleichen der Oberst-Lieutenant v. Bredow sich während der 
Campagne am Oberrhein verhalten sollen d. d. Potsdam den 
13. Juni 1734", teilen wir einige charakteristische Stellen mit'): 
„Zu Seiner (des Kronprinzen) Gesellschaft geben Seine Kgl. 
Majestät Ihm die beiden General-Majors: den Grafen von Schulen 
burg und den von Kleist mit, welche beide alte und wohlversuchte 
Soldaten sind, der eine von der Infanterie, der erstere aber von 
der Kavallerie. Es soll daher des Kronprinzen Liebden mit diesen 
beiden General-Majors beständig und vertraulich umgehen, die 
selben nach allem, so vorsüllet, fragen, mit ihnen davon fleißig 
raisonnieren und sich erkundigen, warum dieses oder jenes in der 
Armee geschieht. Wenn auch Ihm dieselben etwas sagen, so im 
Felde Manier ist und so Er solches noch nicht weiß, so soll Er 
ihnen gern und willig folgen, um so mehr, als Er versichert sein 
kann, daß gedachte beide General-Majors ehrliche, brave Leute 
seien, welche Ihm nichts vorsagen werden, als was mit Seiner 
Kgl. Majestät Sentiments übereinstimmt und daß nach Sr. Kgl. 
Majestät Wunsch und Verlangen daran liegt, daß aus Ihm, des 
Kronprinzen Liebden, ein großer und braver General werden möge." 
„Des Kronprinzen Liebden sollen dero Gesellschaft wohl 
choisiren, allen Umgang aber init jungen liederlichen Leuten ver- 
>1 Liehe die „Geschichte des Geschlechts mm Kleist", NI. Teil, Abschnitt I, ®. 81. 
meiden, dagegen mit Leuten umgehen, die sich zum Handwerk 
applicireu und eine gute Couduite liaben: als worauf die beiden 
Generalmajors: der Grafen von Schuleuburg und von Kleist mit 
acht geben und des Kronprinzen Liebden von allem bösen Umgang 
abmahnen sollen." 
„Insonderheit befehlen Seine Kgl. Majestät des Kronprinzen 
Liebden sowohl, als den beiden Generalmajors pp., niemalen zu 
gestatten, daß an Seiner Tafel und in Seiner Gegenwart etwas 
gesprochen werde, so wider Gott und dessen Allmacht, Weisheit 
und Gerechtigkeit, noch wider dessen heiliges Wort läuft, desgleichen 
denn keine groben Scherze noch schmutzige Zoten gesprochen werden 
müssen. Falls auch jemand sich vergäße, dergleichen in des Kron 
prinzen Liebden Gegenwart zu sagen, so sollen gedachte beide 
Generalmajors denselben in Sr. Kgl. Majestät Namen stillschweigen 
heißen und ihnen sagen: que ce ne sont point de discours, 
qu’en doit tenir en presence du Prince Rojal, et qu’il vau- 
drait mieux de parier d’autres affaires." 
„Wie denn überhaupt Seine Kgl. Majestät zu dero Kronprinzen 
Liebden sowohl als zu mehrerwähnten beiden Generalmajors das 
allergnädigste Vertrauen haben, Sie werden es bei Ihren so ein 
richten, damit alles honnet und ck)ristlich zugehe und des Kron 
prinzen Liebden ein wahres Muster vor der ganzen Welt, and; 
Ihre Conversation und Umgang so regulär sei, als dergleichen 
weit und breit nicht zu finden." 
„Dieweilen auch nach dem göttlichen Worte alles Huren, 
Saufen und Spielen ernstlich verboten ist, also verbieten Seine 
Kgl. Majestät solches alles auch dero Kroirprinzen Liebden und 
wollen dergleichen sich von Ihm ganz und gar nicht versehen noch 
vermuten. Falls aber doch wider alles Verhoffen sich ein Exceß 
finden und des Kronprinzen Liebden, so Gott verhüten wolle, in 
Sünden und Laster verfallen sollte, so befehlen dieselben denen 
beiden Geueral-MajorS pp.. Ihm dessen sofort gehörige Er 
innerungen zu thun und Ihn auch des höchsten zu bitten und zu 
vermahnen, davon abzustehn, zugleich aber auch ohne Raisoniren, 
erfolge nach ihren Vermahnungen Besserung oder nicht, solches 
sofort an Seine Königl. Majestät deshalb zu berichten u. s. w." —
        
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