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Periodical volume 16.Dezember 1899 Nr, 50

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Städte- und Landschaftsbilder. 
Jüterbog. 
(Mit ?lbbtlbitncjcn nach Aufnahmen des Photographen Krause in Jüterbog.) 
Si. Nikolai von SW. aus. 
St. Nikolai von 80 aus. 
Mls uraltes Wahrzeichen ragen die 
beiden ungleichen Turmspitzen von 
St. Nikolai in Jüterbog weithin sichtbar 
in die blaue Luft hinein, und von welcher 
Seite man sich auch dem im flachen Lande 
liegenden Städtchen. nähern mag, stets 
steigen jene beiden massiven Granittürme, 
der eine mit einer Pyramidenspitze, der 
andere mit einem Kuppelbau gekrönt, lange 
vorher am Horizonte empor und weisen 
den Weg nach dem alten Wendensitze, dem 
ehemaligen Heiligtum des Sonnengottes 
Jutrebog. Jeder Haüdwerksbnrsche, der 
das Jüterboger Land ans Schusters Rappen durchzieht, kennt das 
ungleiche Turmbrüderpaar von St Nikolai, und wie der Roland 
von Brandenburg, der Kahlbntz von Kampelst und die Rippe am 
Molkenmarkt zu Berlin, so sind auch die Türme von St. Nikolai 
und die Keule am Thor 
zu Jüterbog in dem 
Wanderkatechismus 
der märkischen Walzen 
brüder verzeichnet. 
Jüterbog ist wohl 
eine Wanderfahrt wert. 
Wenige Städte der 
Mark Brandenburg 
haben eine solche Fülle 
alter Banwerke auszu 
weisen. wie Jüterbog, 
und wer vom Bahn 
hof her über den 
Damm auf die Stadt zuschreitet, der sieht neben und vor den 
Türmen der Nikolaikirche eine Anzahl runder und viereckiger Türme 
aufsteigen, Nebcrbleibsel der mittelalterlichen Befestigung von 
Jüterbog. Der Dammvorstadt zunächst steht das Dammthor, 
nach der unweit davon belegenen Liebfrauenkirche auch Frauenthor 
genannt, von dem das Augenthor und ein hoher Granitturm des 
Jnnenthors erhalten sind. Zwei runde Ecktürmchen schließen den 
mit Blenden und Friesen verzierten Backsteinban ein, über der spitz- 
bogigen Einfahrt erhebt sich die mit Zinnen und Schießscharten 
geschützte Brustwehr, und hinter dem Thorbogen zieht sich die mit 
Zinnen und Wehrgang versehene Mauer zur Verteidigung der Zug 
brücke noch ein Stück in die Stadt hinein. Wo einst das Jnnen- 
thor sich befand, steht ein gewaltiger Thorturm aus Granit mit 
Kegelspitze und unweit davon nach Süden zu ein kleiner runder 
Mauertnrm, an den sich ein gut erhaltenes Stück der alten Stadt 
mauer anschließt. Ein viereckiger Mauertnrm in der Nähe der 
Gasanstalt bildet den Abschluß dieser reizenden, von Bäumen und 
Sträuchern umrahmten Manerpartie. Einzelne 
Teile der Stadtmauer finden sich noch an ver 
schiedenen Punkten der Stadt: meist aber ist die 
Mauer niedcrgebrochen, die Wälle und Gräben 
sind eingeebnet und an ihrer Stelle Promenaden 
wege rings um die Stadt angelegt. Macht man 
aus dieser Promenade, dem ,,Hag", einen Rund 
gang um Jüterbog, so gelangt man von der 
geschilderten Manerpartie zunächst zu einem ver 
einzelt stehenden viereckigen Mauertnrm und 
dann zu einem runden Granitturm, welcher die 
stelle bezeichnet, wo sich das Jnnenthor des 
Neumarkthors erhob. Das Außenthor ist 
erhalten und stellt sich als ähnliches Backstein- 
gebäude wie das Dammthor dar, nur der 
Zinnenkranz ist bereits abgetragen,, und die 
einschließenden Ecktürme haben eine achteckige 
Gestalt. Von dem dritten nach Norden gelegenen 
Thore der Stadt, dem Zinnaer Thor, ist nur 
das innere Thor erhalten, eine einfache Einfahrt 
ans Backstein, welche von einem mächstgen Rnnd- 
tnrm mit Kegelspitze und einem viereckigen, mit 
Blenden gezierten Wachtturm eingefaßt wird. 
Diese Thore wurden erst gegen Ende des 
15. Jahrhunderts erbaut, nachdem eine ge 
waltige Fenersbrnnst am Martiniabend des Jahres 1478 den 
größten Teil der Stadt (300 von 356 Häusern) in Asche 
gelegt und auch die Thore beschädigt hatte. Die Granit 
türme sind zwei Jahrhunderte älter; denn bereits gegen Ende des 
13. Jahrhunderts wurde mit der Befestigung der Stadt begonnen, 
die im Jahre 1370 dann zum erstenmal urkundlich erwähnt ivird. 
Diese Befestigung war indes schon die zweite seit Bestehen der 
Stadt. Jüterbog erhielt im Jahre 1174 Stadtrecht vom Erzbischof 
Wichmann von Magdeburg, und nachdem dies vom Papste Lucius 
1184 bestätigt worden war, begann man sogleich mit der Errich 
tung von Befestignngswerken, welche in der ersten Zeit vermutlich 
nur aus Plankenzaun, Wall und Graben bestanden haben werden 
und dann um 1300 durch Mauer», Wachttürme und feste Thore, 
ersetzt wurden. 
An allen drei Thoren hängt eine hölzerne Keule, und daneben 
eine Tafel mit der bekannten Inschrift: 
„Wer seinen Kindern giebt das Brot 
Und leidet nachmals selber Not, 
Den schlag man mit der Keule tot!" 
Diese Keule — früher hing nur an einem Thor eine solche 
— soll infolge der Testamentsverfügnng eines Vaters, welcher 
seine Güter vorzeitig unter seine Kinder geteilt und nachher böse 
i Erfahrungen gemacht hatte, aufgehängt sein; da sich aber auch in 
anderen Städten, wie in Müncheberg, Guben und Sorau, solche Keulen 
an den Stadtthoren befinden und Luther in seinen Tischreden die 
Erzählung als warnendes Beispiel erwähnt, so scheint es sich um 
eine vielfach verbreitete Sitte zu handeln. 
Am Dainmthor zweigen sich die beiden Hauptstraßen, welche 
Jüterbog in der Längsrichtung durchziehen, ab, die Mönchenstraße, 
ivelche am alten Franziskanerkloster vorüber zum Marktplatz, und 
die Pferde-, später Große-Straße, welche zur Nikolaikirche und zuni 
Nenmarktthor führt. Die Straßen, abgesehen von einigen Neben 
gassen, sind breit angelegt und sauber gehalten, sogar das Pflaster 
ist einigermaßeu erträglich, die Häuser, meist einstöckige Steinbauten, 
zeichnen sich ebenfalls durch Sauberkeit und Einfachheit aus, und 
man gewinnt beim Gang durch die Stadt einen ganz guten Ein 
druck von Jüterbog. Wo sich, wie beispielsweise in der Mönchen- 
slraße, alte Fachwerkhäuser mit dem Giebel nach der Straße 
herauskehren oder hübsche Vorgärten vor den. Häusern ausbreiten, 
wird dieser Eindruck noch verstärkt, zumal fast an jeder Straßenecke 
das Mittelalter in Gestalt eines hochragenden Wachtturmes oder 
einer ehrwürdigen Kirche in das moderne Getriebe hineinschaut. 
In der Großen-Straße ist ein Fachwerkbau bemerkenswert, das 
Haus, in welchem der bekannte Ablaßprediger Tetzel während 
seines Aufenthaltes 1517 in Jüterbog wohnte, und dahinter steht 
in einer kleinen Gasse neben der modernen katholischen Kirche die 
Tetzelkapellc, in welcher er predigte und im Dienste des Kur 
fürsten Albrecht von Mainz die Ablatzgrvschen einzog. Am Plane- 
berg lenkt der Abtshof der Aebte von Zinna, ein Backsteinbau 
ans dem 15. Jahrhundert, die Aufmerksamkeit auf sich, und in der 
Mittelstraße, gegenüber der Nikolaikirche, steht ein unscheinbares 
Hans mit der Inschrift über dem Eingang: 
„Dieses Haus steht in Gottes Hand 
von Alters her die VISE genand," 
Nruinsrklttzor. 
ein Rest der zahlreichen, an jener Stelle sich einst hinziehenden 
Meßpriester- und Altaristenwohnungen von St. Nikolai. 
Die Zeiten, als hier die Priester geschäftig hin und her eilten, 
die Meßgesänge über den Nikolaikirchhof schallten und die Gläubigen 
in Andacht vor den 30 Rebenaltüren von St. Nikolai knieten, sind 
lange vorbei; aber die Uebcrreste des katholischen Kultus in den
        
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