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Periodical volume 2.Dezember 1899 Nr, 48

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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©cidjirr hing. Nur hie und da hob einer oder der andere dieser hin 
fälligen Ouadrupeden die Schnauze mit dem umgehängten Freßkober 
etwas empor, blinzelte sich die Fliegen aus den Äugen und stellte zur 
Abwechselung mal den linken Hinterfuß auf die Spitze des Hufes, um 
dann gleich wieder in das melancholische Vorsichhinbrüten zu verfallen. 
Ueber ^dcm Ganzen lagerte die grelle Sonne, die trockene, schlaff- 
machende L>onne der Großstadt, welche das spärliche Blattwerk grau 
färbt und wie Tabak zusammenrollt. 
Der kühle Segen der Sprengwagen verflüchtigt sich auf dem über 
hitzten Asphalt zu faden Spülwasserdünsten. 
Mit der Blumen-Marie war eine merkliche Veränderung vorgegangen 
seit dem verflossenen Jahre. 
An dem braunen Strohhute hatte sic ein funkelnagelneues, schwarzes 
Band. Dabei war ihre Haltung straffer: ja, sie schien ordentlich selbst 
bewußt, so daß es nicht ungerechtfertigt war, wenn der Zahlmarqueur 
vom Oats I Uuroptz von seinem Thürpfosten aus ihr zurief: 
„Na, Mutter Lehmann, Se sehn ja orndlich unternehmend aus!" 
^ „Bin ick ooch," erwiderte die Alte mit einer neckischen Kopfbewegung. 
Da es gerade um die Zeit war, wo das Geschäft nicht drängte, schritt 
sie über die Bordschwelle dicht an den Kellner heran, blickte sich »ach 
allen Seiten um, damit niemand sonst ihr Geheimnis erfahre und 
das andere schlug und nachdenklich mit dem Gelde in seiner Ledertaschc 
klimperte, „vorgestern hat se ja im Konzert jespielt. Es stand im Blatt." 
„Soo? Stand bet drin?! Richtig mit Hethe Lehmann un so?! 
Nee, sagen Se wirklich!" 
„Fräulein Hedwig Lehmann" nickte der Gefragte, „und 'ne feine 
Rezension." 
Die Augen der Alten füllten sich mit hellen Thränen. Sie faltete 
die Hände und preßte sie in überströmender Freude an die dürftige 
Brust. Dann fuhr sic sich mit den steifen Fingern über das Gesicht, 
und es klang wie ein Jauchzen unter Thränen: 
„Denn kann ick't Ihnen ooch sagen, Herr Kaschke — ick war ja da 
int Konzert! Jleich in die vorderste Reihe, auf'n Fotelch. Un fein 
jcmacht hatt' ick mir —! Aber die Hethe — die hätten Se sehen sollen! 
Wie 'ne Fee. Un jcspielt hat se!! —• 'N großct Bukett hat se jehabt, 
u» so weit ausjeschnittcn, un wat der Kapellmeister war, hat ihr am 
Arm reingefichrt. Un jeklatscht haben die Leite — jeklatscht da 
— war dat Ende von mech. — — Un ick, Herr Kaschke, ick — bin de 
Mutter — de leibhaftige Mutter davon. 
’ii Sträusken wie jestern, Herr Doktor? Jawoll, wer'n wir jleich 
haben, 'n bisken Jrünct zu, nich? Un denn lose, ohne Stanniol. — 
So. Dank ooch scheen, Herr Doktor: beehren Se mir wieder —“ 
flüsterte rasch mit hochgezogencu Brauen und freudig aufleuchtenden 
Augen: 
„Ru ist er dot —!" 
Dann trat sie wieder zurück und machte ein Gesicht, als wenn sie 
nichts gesagt hätte. 
„Nanu!" rief der Kellner, „Der Olle." 
Mutter Lehmann nickte zwei-, dreimal eimg, ordnete au ihrem 
Blumenkram, verließ dann abernials ihren Stand und erzählte ihrem 
alten Bekannten, indem ihre munteren Augen unablässig nach „kau,- 
vcrdäckstigen" Passanten ausspähten: - 
„März. In de Scharithec. 't war ooch Zeck, ,ag ick offnen, «eit 
drei Jahren konnt er nich mehr krauchen: un ick all die Malasien 
Dazu jrob, un jeschmissen hat er mir mit die Krücken lttdjt mehr 
scheen!" 
„Te te — so'n Ruppsack." „ 
Zwee for'n Fröschen. Herr Jcheimrat —" offerierte sie einem 
Vorübergehenden eindringlich, um dann aber wzort wieder und ohne 
jeden Uebcrgaug aus das große Thema zu kommen. 
Ja na — so warst!" Dann rückte sie mit emer cncrgüchcu Be 
wegung ihren Hut aus der Stirn. „Un nu is die Heche ooch for sich 
alleene jezogen, wie sc det immer jeivolll hat. So ne Kuistlenn — un 
denn mit uns untern Dach! Der Olle war >a verrickt. «owat zu 
verlangen! Nu - is sc in Neibabelsberg!" sagte sie dann ^weniger 
lebhaft und etwas curhümicrt „Da jiebt se Stunden, M de Jeige 
un immer drei Märker, sti Talent sag ,ck Ihnen hat det Machen 
.Mutz woll," erwiderte der Marqueur, indem er em -ein über 
Es war in der Abendstunde. Die Blumcn-Marie ordnete eben ihre 
Restbestände, als ein junges Mädchen an sie herantrat und ohne Gruß 
angelegentlich in dem Korbe suchte und wählte. 
„Du bist doch da gewesen, Mutter!" murmelte sic zornig zwischen 
den zusammengebissenen Zähnchen. 
„Aber Hethe —" stammelte die Alte erschrocken und beglückt zugleich. 
„Meine Hethe, ick wollte Dir doch so gerne sehn —" 
„Lächerlich hast Du mich gemacht," zischte das Mädchen, indem sie 
ein paar Blumen in den weißbehandschuhten Händchen zerdrückte. 
„Wie Du ausgesehen hast —! Es war ein Skandal! Das ewige 
Zunicken und „meine Tochter" hin und „meine Tochter" her! Lächerlich 
sag' ich Dir, einfach lächerlich war's!" 
„Sei man nich beesc, Hetheken, — ick willst ooch waraftig nich 
wieder dhun —; nimm die zwee Rosen hier, Kindchen, nee, wart mal 
— diese hier sind schcener! — Un wat ick noch sagen wollte, Hetheken — 
„Laß mich bitte, ich muß fort —* 
„Nee, Kindchen, ick will Dir ooch nich ufhalten — bloß schnell 
noch sagen: Det mit den Herrn Leitnant vou Liugcnberg, det wird 
richtig, Hetheken! 
„Pee! Wenn Du mich an allen Ecken und Enden kompromickierst! 
Da sollte er wohl —" 
„Aber ick weeß et nu jcwiß," versicherte die Alte leise aber eifrig, 
indem sie wie von ungefähr und ganz schüchtern die Hände ihrer 
Tochter zu berühren versuchte. „Ick war bei die Millern in die Aujust- 
straße, weeste, die mit den klugen Tisch. Den hab ick jcsragt, ob Tu
        
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