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Periodical volume 2.Dezember 1899 Nr, 48

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Pecrilletor) des J|är. 
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Die Vloiyey-Nspie. 
Skizze von Tcv von Torn. 
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M^Uhre ricktigc Geschäftszeit war eigentlich nur von zwölf bis gegen 
<SX§U vier Uhr,' und dann noch ein halbes Stündchen, wenn die 
großen Geschäfte in der Nähe „englische Tischzeit" machten. Ohne auf 
die Normaluhr zu sehen —- vielleicht kannte sie sich gar nicht aus mit 
einer Uhr — merkte sie an der leisesten Veränderung ans den den Platz 
überflutende» Verkehrswegen, wie weit noch ihre Zeit entfernt oder ob 
sie gekommen war. Sic sah und beobachtete alles. Nicht mit einem 
bewußten oder reflektierenden Jnsichanfnchmen, sondern stumpf und 
mechanisch wie etwas, das ihr nur noch dann auffallen konnte, wenn 
Kundschaft ihre bunte, überblühte Ware an — Sommer und Winter — 
seit zwanzig Jahren — an ein und derselben Stelle 
Wenn der Cafetier die beiden Oleanderkübel vor die Thür stellen 
ließ, dann war es Frühling: wenn die beiden großen Fensterscheiben 
mit den milchweißen Glasbuchstaben „Cafe FEurope“ hochgewuuden 
und die Marmortischchen bis dicht an das Trottoir gerückt wurden — 
Sommer! Dann hatte die Blumen-Marie nach und nach sechs von den 
sieben Paar Strümpfen, die sie im Winter übereinander trug, abgelegt, 
und wenn sie zum Wechseln oder Herausgeben an ihre Kasse wollte. 
Die ötromschnellen des Tugelaflnlfcs an der Grenze von Zulnland und Natal. (S. 770.) 
sic es nicht mehr sehen würde. Das war die Gewohnheit. So sieht 
inan, wenn man zwanzig Jahre von demselben Punkte aus immer 
dasselbe sieht. Es haftet nichts und doch ist alles aufs Schärfste 
eingeprägt. 
So vielgestaltig, so bunt, wirbelig und regellos das Großstadttreiben 
dem flüchtigen Blicke erscheint — es ist etwas ehern Gesetzmäßiges in 
dem Milien der Gasse, in der Physiognomie der Straßen und Plätze. 
Selbst alles scheinbar Neue, Fremdartige, Spontane fügt sich dem Bilde 
ein, geht in ihm auf und giebt dem Ganzen sein festes, charakteristisches 
Gepräge. 
Die Blumen-Marie war so tief in den Charakter des kleinen, aber 
bewegten Platzes vor ihr eingedrungen, daß sie sich auf die Minute 
von dcnl Oleanderkübel erhob, auf dem der Cafeticr au der Ecke ihr 
ein gelegentliches Ausruhen gestattet hatte. Wenn die und die Personen 
der vom Schlesischen Thor herkommenden elektrischen Bahn entstiegen, 
dann war es Zeit, den dürftigen Blumenkram aufzufrischen. Sie blies 
kräftig in das Mundstück eines kleinen Blechkännchens, so daß ein sein 
zerstäubter Strahl die Rosen und weißen Nelken benetzte, und im 
nächsten Moment hielt sie auch schon einem Bekannten, von dem sie 
gewußt, daß er nun um die Ecke zu biegen hatte, einen Bund Blumen 
unter die Nase. 
„Heite vier Rosen sor zehn Fcnnige, Herr Professor!" 
Der Professor, welcher bei einem Rechtsanwalt Akten kopierte, kaufte 
entweder oder ging achtlos vorüber — je nachdem ob er mit seiner 
„kinderlosen Witwe" eine flüchtige Ucbermittagsbegcgnung verabredet 
hatte oder nicht 
Unbeirrt durch Enttäuschungen pries die Blumen-Marie ihrer aus 
lauter Grafen, Barone», Doktoren und Kommerzienräten bestehenden 
die sie in einer, ihrem rotbraunen Flancllunterrock aufgenähten Tasche 
verwahrte, so brauchte sie auch nur einen Rock auszuschürzen in ihrer 
ungenierten, geschäftigen Manier. 
Sie war dann ordentlich schlank, und unter dem verbogenen 
braunen Strohhut blickten ihre Augen ganz anders, viel lebhafter, 
betriebsamer, als im Winter unter der gestrickten Kapotte, die sie sich lief in 
das blaurot gefrorene Spitzmausgesicht zog, und deren defekte Kante oft 
mit einem weißen Reifrand versehen ivar von dem vielen: 
„Ein Sträußchen für die Frau Jräfin, Herr Baron!" — „Bitte, 
koosen Se mich eens ab." — „Hier wat int Knopplvch, schcener Herr!" — 
„Billig. Drei sor zwanzig!" — „Nehmen Se mich doch det ab, Herr 
Akzcssor, mir friert so an die Potentaten!" 
Und wenn sic in die klammen Finger hauchte, welche kaum zur 
Hälfte aus den zu Halbhandschuhen angestrickten Pulswärmern hcraus- 
lugten, dann war das so mitleiderregend, daß mancher ihr eine» 
Groschen in den Korb warf, unter Verzicht auf das erfrorene Röschen 
oder den kaltfteifcn Bund Reseden. 
Es war wieder Sommer geworden. Die elektrischen Bahnen hatten 
offene Anhängewagen. Auf den schtverfällig einsterrasselnden Omnibussen 
war's oben „'dicke'voll". Die Ladcnthüren standen sperrangelweit offen, 
und die kleinen „Gclbsterne", welche an der Normaluhr ihres gegen 
wärtigen Zukünftigen harrten, trugen Helle Blusen über der „tiefe 
schnürenden" Korsage. Auf den Stcinbänken um den Springbrunnen 
nickten Arbeiter, stellungslose Kommis und mittagsmilde Dro^-'m 
kutschcr: letztere unter schläfrigem Blinzeln zu ihrem Gespann hii 
deren Gaul meist mit krummen Kniee» und tief gesenkten Haupte im
        
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