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Periodical volume 2.Dezember 1899 Nr, 48

Full text: Der Bär Issue 25.1899

T^as Haus ist leicht Veränderungen unterworfen, indem 
nämlich je nach Bedürfnis entweder die ganze Laube oder ein 
Teil zu Kammern und Zimmern zugebaut wird' es ist dann 
ecks _ ehemaliges Hallenhaus nur durch den Eingang und die 
Fenster an der Giebelseite zu erkennen. Bei dem Hanse des Be 
sitzers Sander in Zäckerick ist außer, daß der eine Raum zwischen 
den äußeren zwei Pfosten zu einer Kammer umgebaut ist, auch 
der ganze hintere Stallteil des Hauses fortgerissen, so daß der 
Schornstein, der sonst in der Mitte des Daches liegen muß, dicht 
an die hintere Giebelwand zu liegen kommt. Es geschieht dies 
oft, teils weil die Erhaltung des ungeheuren Strohdaches viele 
Kosten verursacht, teils weil das Vieh in eigenen Ställen neben dem 
Hauptgebäude untergebracht wird, woran man hier im einzelnen ein 
Hinstreben zur fränkischen Hosanlage erkennt. Hans Mützel. 
Eine Berliner Skiyr aus dem Jahre 1842 
einem kleinen, alten, vergilbten Zeitnngsblättchen, dem 
„Preußischen Volksfreund", der von C. G. von Pnttkamer 
redigiert ward, vom 11. Mai 1842, finde ich ein reizendes Berliner 
Stimmungsbild, eine anmutige Photographie des Berliner Lebens 
Laubenhaus in Zäckrerick a. d. O. 
jener Tage, die wohl durch Wiederabdruck aufzufrischen wert ist. 
Der Verfasser der Skizze ist Wilhelm Müller, nicht der in Dessau 
geborene Dichter der Griechenlieder, sondern der ans Rußland 
stammende Dichter Wilhelm Müller, der lange Jahre in Berlin 
lebte, und um dessen Vergangenheit ein geheimnisvolles Dunkel 
schwebte. Er war angeblich am 13. März alten Stils 1790 zu 
Petersburg als der Sohn eines kaiserlichen Baurats geboren, wuchs 
in sehr angenehmen Verhältnissen auf, machte große Reisen durch 
Rußland, das er, nach seinen Schilderungen zu schließen, nach allen 
Richtungen durchstreift haben muß. Dann wandte er sich der 
Bühne zu, trat 1812 in Reval zu Kotzebue in Beziehungen und 
wurde später Direktor einer Schauspielertruppe in Riga. Mit 
dieser kam er nach Pommern und erhielt hier die Konzession, die 
Regierungsbezirke Köslin und Stettin bereisen zu dürfen. Nach 
dem Tode seiner Frau und seines einzigen Sohnes trat er die 
Direktion an Wilhelm Bröckelmann ab und widmete sich lediglich 
der Schriftstellerci. So gab er vom Jahre 1835 ab ein Taschen 
buch heraus, das bis zum Jahre 1845 erschien und nur Erzählungen 
und Romane ans seiner Feder enthielt. Im Jahre 1841 siedelte 
er nach Berlin über, und hier lebte er mit einem Fräulein von 
Bouin in einem wahlverwandtschaftlichen Freundschaftsbande. Er 
lebte in guten Vermögensverhältnisscn, jedenfalls in besseren, als 
seine schriftstellerische Thätigkeit ihm gestattete, und es ging die 
Sage, daß sein Name „Wilhelm Müller" nur ein angenommener 
geivese» sei, er vielmehr von vornehmer Abkunft wäre und wegen 
eines Duells ans Rußland hätte fliehen müssen. Diese Rätsel, 
die er selbst noch unentwirrbarer inachtc, da er und seine genannte 
Freundin von allerlei trüben und düsteren Lebensschicksaleu erzählten, 
die hinter ihm lagen, löste auch sein Tod nicht, der am 20. April 1866 
in Charlottenburg erfolgte, wo er sich ein Hans gekauft hatte. 
Für die Skizze Wilhelm Müllers, die wir hier mitteilen 
«vollen, ist cs wohl erwähnenswert, daß Müller in Berlin, Reue 
Jakvbstraße 3 wohnte, und daß die Dichtung, die im Eingang der 
Skizze erwähnt wird, Willibald j'llcxis Roman „Der Roland von 
Berlin" ist. Die Skizze lautet: 
„Mein Gegenüber! 
Wie ungerecht der Vorwurf ist, daß in der dürren Sandfläche, 
aus de.- Berlin sich erhebt, die wahre Dichtkunst nicht gedeihen 
könne, hat ein Hochbegabter vor kurzem durch seinen neuesten 
Roman widerlegt. Dieses Werk sondert und erhebt sich so ehren 
voll von den flachen Alltagsgeburten der Uebersetzungsfabriken 
unwissender und geschinackloser Buchhändler' und doch bewegt sich 
dieses Sitten- und Charaktergemäldc nur in und um Berlin. Auch 
können Land und Zone, und mögen sie noch so herrlich und schön 
prangen, doch nur Rahmen der Gemälde sein, in welche der Dichter 
seine Seelenbilder einreiht. Doch auch dieses nicht berücksichtigt, 
hat Berlin manches eigentümliche, ivas nur darum dem Ein 
geborenen nicht ausfällt, weil sein Auge daran gewöhnt ist, und 
der Mensch eher für die Nähe als für die Ferne erblindet. Ich 
«reiß nicht, ob in jedem Hause von Berlin Romane gelesen werden, 
aber ich bin fest überzeugt, daß beinahe in jeder Wohnung Romane, 
und zwar recht oft ernst und trauervoll gespielt werden. Das 
Haus, welches sich mir gegenüber erhebt, scheint in jedem Stock 
werk andere Weltbewohner zu enthalten. Still und ruhig liegt es 
noch mir gegenüber, wenn ich des Morgens — ich pflege recht 
früh aufzustehen — an das Fenster trete; alle Laden sind noch 
geschlossen, und nur oben in dem Dachstübchen glimmt schon eine 
matte Lampe. Jetzt schleicht durch die Holzthür ein Mann in 
einem dürftigen, abgetragenen Rock; er scheint noch nicht alt zu 
sein, aber sein Racken ist schon gebeugt, seine Wangen bleich und 
eingefallen, und das spärliche Haar beginnt bereits zu ergrauen. 
Er wirst einen scheuen Blick rings umher, und wenn er niemanden 
erblickt, eilt er zum Brunnen, wäscht sich Hände und Gesicht, trinkt 
ans der hohlen Hand ein-, zivei-, dreimal — es ist wohl sein 
einziger Frühtrnnk ■— und eilt dann schnell um die Ecke. Ain 
Tage sehe ich den Armen niemals, er muß wohl recht spät in seine 
Trauerivohnnng zurückkehren. Was der Arme treibt, was ihn be 
drückt, weiß ich nicht; aber gewiß, er ist der Glücklichen keiner. 
Run tritt mit Kristallkarassinen, mit grünbemalten Eimern 
und mit irdenen Krügen die weibliche Dienstivelt an den Brunnen. 
Die Mägde jung und alt, hübsch und häßlich, aber alle in nicht 
ganz dezenter Morgentoilette, stemmen die Arme in die Seite, und 
ein Geschnatter beginnt, als sollte das Kapitol zum zweitenmale 
gerettet werden. Wie die Vornehmen ihre Lästersoireen, haben 
diese ihre Lästermorgen, und sic verunglimpfen ihre Herrschaften 
Laulrcnhaub in Iärirerick a. d. O. 
noch mehr, als ihre abwesenden Freundinnen. Rachdcin sie ge 
endet und wieder begonnen, nachdem sie sich entfernt, und schnell 
auf dem halben Wege zurückgekehrt sind, um sich noch etwas Arges 
mitzuteilen, schleicht ein schläfriger, mürrischer Hausknecht, dessen 
breites Gesicht einem wohlgeschcnerten kupfernen Kessel gleicht, mit 
zivei Eimern langsam über die Straße dem Brunnen zu: er hängt
        
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