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Periodical volume 25.November 1899 Nr, 47

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Eine der originellsten und zugleich ältesten Grabschriften trifft 
man auf dem alten Sophienkirchhof in der Sophicnstraße an der 
gleichnamigen Kirche an. Auf einer an der Mauer angebrachten 
Steintafel liest man folgende, nur noch schwer zu entziffernde und 
bald ganz unleserliche Inschrift: 
Hier ruht an des Sohnes Seit gegen diesem Leichen steine 
Dorothe Elisabeth, so aus Kautschen's Fleisch und Beine 
Auf die Welt geboren wurde, da man sechszehnhnndert Jahr 
Kastanienbaum beschattet die Grabstätte, und daneben liest man 
auf einer Bronzetafel die Worte: 
Der Baum, der hier an Deinem Grabe steht, 
Du hast, als Du noch Kind warst, ihn gesäet. 
Du mußtest sterben, daß er Kräfte zieht 
Aus Deinem Körper, der so früh verblüht. 
So strebt denn Beide zu dem Himmel hin. 
Vielleicht ist todt für's Leben noch Gewinn. 
Usambara-Eikenbahn in Dcuttch-Slkasrilra: Vahnhoslrbrn in Wuhesa. 
Und noch sechsundachtzig zählte. Johann Wilhelm Finne war 
Ihr vertrauter erster Mann, bey dem sie in fünfzehn Jahren 
Von neun Kindern Mutter ward, aber auch den Riß ersahen. 
Daß der Mann, wie auch fünf Kinder gingen in die Ewigkeit 
Und sie also nur noch viere hier behielte in der Zeit. 
Doch nachdem sechs Jahre hin, daß sie Wittwe war gewesen, 
Kam ihr zweiter Ehemann, der sie sich ihm auserlesen 
Zur Gehülfin seines Hauses, Herr Johannes Daniel, 
So aus Schwarzeiihauers Stamme und trat an des Ersten Stell. 
Mit demselben zeugte sie binnen sechs und zwaichig Jahren 
Sohn und Tochter, welche Beyd schon voran zu Gott gefahren, 
Denen sie auch nachgefolget, als sie ward am achten May 
Siebzehnhundert zwey und fünfzig von des Lebens Banden frei. 
Da sie sechs und sechzig Jahr in demselben es geschehen. 
Daß sic von elf Kindern Hier, fünfzehn Enkel hat gesehen. 
Run mein Wandrer, gehe weiter, eile und errette Dich, 
Damit Du dereinsten sterbest, in dem Herrn seliglich! 
Und das helfe Gott »ns allen, 
Die wir noch in Liebe wallen, 
Durch den, der uns Heyl verschafft 
Und durch seynes Geistes Krassl. 
Aber auch Poesien von klassischer Schönheit findet man unter 
den Grabinschriften. Da ist beispielsweise das Monnment eines 
griechischen Freiheitskämpfers auf dem neuen DreifaltigkcitSkirchhof 
in der Bcrgmaiinstraßc. Ihm, der in Smyrna geboren, 1821 für 
die Befreiung Griechenlands kämpfte und 1847 in Berlin starb, 
hat man folgende Verse gewidmet: 
Sicher führet der Weg zum Hades, ob Du im Tode 
Von Ceeropias Flur oder von Meroö. kommst. 
Gräme Dich nicht, wenn fern vom Vaterland Klotho Dich abruft, 
Ueberall wehet der Wind, welcher zum Hafen Dich führt. 
Auf dem alten Dorotheenstädtischen und Friedrich-Werderschen 
Kirchhof in der Chausseestraße, ivv die ersten Geistesgrößen unseres 
Volkes, wie Fichte, Hegel, Beuth u. a. ruhen, befindet sich das 
Grab eines Serbischen Studenten, der hier als Kandidat der 
Philosophie starb. Seine Freunde widmeten ihm einen Denkstein 
mit folgender Dichtung im Versmaß der Antike: 
Fern aus dem herrlichen Süden vom Wehen nord'schcr Gedanken 
Kamst Du ergriffen hierher, sogest Begeisterung ein. 
Unter der rauhen Natur brach ach! das zartere Leben: 
Geistigen Daseins Genuß gab sie im Tausch Dir zurück. 
Einziger Trost ist in der Heim^h den Freunden geblieben. 
Daß auch im Tode noch DentscI en Denkern Du nah. 
Eine tiefe Poesie liegt ana in den Worten, die der Grab 
inschrift auf dem Denkmal eines f ühverstorbenen Knaben auf dem 
Petrikirchhof in der Friedenstrafe beigefügt sind. Ein hoher 
Die Muse Jean Pauls hat sich auf dem alten Französischen 
Kirchhof in der Chausieestraße mit folgender Grabschrift verewigt: 
Das Grab ist nicht tief, es ist der leuchtende Fußtritt 
eines Engels, der uns sucht. Wenn die uiibekannle 
Hand den letzten Pfeil an des Menschen Herz sendet, 
bückt er zuvor das Haupt und der Pfeil nimmt bloß 
die Dornenkrone von seinen Wunden ab. 
Am häufigsten unter allen Citaten deutscher Dichter findet man 
Victor von Scheffels Wort, das sich wohl auf jedem Berliner 
Kirchhof als Grabschrift wiederholt: 
Behüt' Dich Gott, es wär' so schön gewesen, 
Behüt' Dich Gott, es hat nicht sollen sein. 
Zum Schluß noch eine Reihe von Grabjchristen-Poesien, die 
teils hervorragenden Männern gewidmet, tei9S von bedeutende» 
Persönlichkeiten verfaßt sind. 
Am Grabe des großen Architekten Carl Friedrich Schinkel auf 
dein alten Dorotheenstädtischcn Friedhof Chanssecstraßc 119: 
Was vom Himmel stainnit. 
Was uns zum Himmel erhebet,' 
Ist für den Tod zu groß, 
Ist für die Erde zu rein. 
Am Grabe des Hofschauspielers Carl Stawinsky auf dein 
alten Dreifaltigkeitskirchhof am Blücherplatz: 
Tie wir strebten vereint mit dem Freund und wirkten im Leben, 
Ehren gemeinsam sein Grab. Dieser bescheidene Stein, 
Mahn' er, die nach uns kommen, daß unsres Toten Gedächtnis 
Schöner und würdiger ehrt, wer seine Tilgende» übt. 
Am Grabe des bedeutenden Sprachforschers, Professor Ludwig 
Heyse, des Vaters des Dichters Paul Heyse, auf dem Dreifaltig 
kcitSkirchhof in der Bergmannstraße: 
Frei in eignen Busens Schranken 
Suche Wahrheit ohne Scheu, 
In dem Wirrsal der Gedanken 
Finde Dich und sei Dir treu. 
Am Grabe der Charlotte von Kalb, der Freundin Schillers, 
auf demselben Friedhof: 
Ich war auch ein Mensch, sagt der Staub, 
Ich war auch ein Geist, sagt das All. 
Am Grabe des berühmten Hofschauspielers Carl Seydelmann 
auf dem katholischen St. Hedwigskirchhof in der Liesenstraße: 
Die Spuren dieses Lebens sind eingezeichnet in den 
Tand der Wüste und der Geist dessen, der sie zu 
ziehen gesendet war, ruft uns liebend und kräftig zu: 
tretet nach, achtet mein Erbe, indem Ihr es nützt. 
Am Grabe des frühverstorbenen Pianisten Carl Taussig auf 
dem Jerusalemer Kirchhof in der Bellealliancestraße findet sich 
folgende, von Richard Wagner verfaßte Inschrift:
        
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