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Periodical volume 25.November 1899 Nr, 47

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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abgab, hätte man auch für das unumgängliche Konzert sorgen 
sollen. 
Im übrigen hat man von den mit einem drohenden Welt 
untergang verbundenen Aufregungen in Berlin nicht viel gemerkt. 
Dem Eingeweihten wäre höchstens aufgefallen, wie ungewöhnlich 
zahlreiche Wohlthätigkeitsfeste in den letzten Wochen in Szene 
gesetzt wurden. Das gab zu denken. Am Ende wollte man zwei 
Fliegen mit einer Klappe schlagen, das Angenehme mit dem Nütz 
lichen verbinden, sich vor dem Ende aller Dinge noch einmal 
gründlich amüsieren und sein Konto auf der Seite der Aktiva 
vor dem allgemeinen Bankerott gleichzeitig ein wenig aufbessern. 
Der Weltuntergang wurde in den unterschiedlichen Bazaren und 
sonstigen humanitären Veranstaltungen für die Frauen zu einer 
Toiletten-, für die Männer zu einer Portemonnaie-Frage. 
Direkt an das Ende des Jahrhunderts und so mittelbar an 
das aller Dinge knüpfte der sin de sleele-Bazar zum Besten des 
Charlottenburger Kinderpflegevereins „Krippe" an, der überaus 
bezeichnend in der von jeher verkrachten Flora veranstaltet wurde. 
Drei Tage lang hat man da vergnüglich der Wohlthätigkeit ob 
gelegen. In einer Alpenlandschaft verkaufte eine Geisha Streich 
hölzer, zu denen in einem Palmenhain eine Dame in Salontoilette 
die Cigaretten lieferte und zwar unter musikalischer Begleitung der 
Zigeunerkapelle Hunyady Janos. Ohne Rücksicht auf das 
muhamedanische Weinverbot stand neben einer Sektbude ein tür 
kisches Cafe, und auf einer Spezialitätenbühne konnte man Mit 
glieder des Offizicrkorps als Komiker und Chansonnetten bewundern. 
Ein Festzug vereinigte Biedermänner, Bassermannsche Gestalten 
und Kolonialtruppen und gab so eine Uebersicht über die Ent 
wickelung des deutschen Reichs, von seiner festländischen Vergangen 
heit bis in seine überseeische Zukunft. Schließlich durfte man mit 
dem angenehmen Bewußtsein, sich im Dienste der Humanität redlich 
gemüht zu haben, dem Weltuntergang entgegen tanzen. 
Wenn es sich um Wohlthätigkeit handelt, steht die Berliner 
Presse in erster Reihe. Sie huldigt dabei dem altbewährten 
Grundsatz: „charity begins at hörne". Da sie einen Unter 
stützungsfond für ihre Mitglieder hat, sucht sie ihn naturgemäß zu 
mehren. Die Presse ist bekanntlich die siebente Großmacht, und 
wenn sie Geld braucht, so hat sie es vermöge ihrer Großmacht- 
stellung. Was Longchamps und Nizza für Frankreich, das ist das 
erste Pressefest der Saison für Deutschland. Man stellt die Winter 
mode fest oder bequemt sie wenigstens seinen körperlichen und 
pekuniären Mitteln an. Dazu war in den „Gesamträumen des 
Reichstages" reichliche Gelegenheit, zumal in jedem Saal für eine 
spezielle Temperattir gesorgt war. Zwischen den Steinplatten und 
Marmorsäulen der großen Wandelhalle ging es winterlich kühl zu. 
Das dort veranstaltete Promenadenkonzert vereinigte die Damen, 
die der vom Komitee vorgeschriebenen Gesellschaftstoilette ein Straßen 
kostüm mit Hut und schwedischen Handschuhen untergeschoben hatten. 
In den Räumen des Bundesrats herrschte die Wärme eines wohl 
temperierten Salons und demgemäß die vornehm bis an den Hals 
zugeknöpfte Robe. Die Tropenhitze der Restauration verlangte 
entblößte Schultern und Arme. Wer den ihm angemessenen Raum 
leichtsinnig wechselte, hatte es sich selbst zuzuschreiben, wenn er sich 
einen Schnupfen holte, ein Schicksal, das den Herren, die in Frack 
und weißer Binde befohlen waren, schier ausnahmslos blühte. Aber 
ernsthaft genommen, es zeugt von der Zerfahrenheit der Berliner 
Gesellschastszustände, daß niemand weiß, was er bei gegebener 
Gelegenheit anziehen soll. Ein Straßenkostüm ist keine Promenaden 
toilette, ein Visitenkleid keine Gesellschaftsrobe, und wenn die 
Herren einmal Frack und weiße Binde anlegen, haben sie ein 
wohl erworbenes Gewohnheitsrecht ans weibliche Dekolletierung. 
Einen schwedischen Handschuh küßt man nicht, und mit einer Frau 
im Hut unterhält man sich anders als mit einer Dame in ge 
puderter Frisur. (Test le ton, qui sait la musique, ein Sprichwort, 
das sich auch auf die Dichter anwenden läßt, die das Pressefest 
durch den Bortrag ihrer Werke ans einen litterarischen Ton zu 
stimmen die ehrenvolle Aufgabe hatten. Die drei Freiherren 
Liliencron, Ompteda und Wolzogen suchten vergeblich eine wärmere 
Stimmung hervorzurufen, weil dichten und deklamieren verschiedene 
Dinge sind, und es blieb dem bürgerlichen Herrn Fulda vorbehalten, 
sich über den passiven Widerstand unserer Bourgeois gegen alles 
Gute und Schöne, das über seinen Horizont hinausgeht, so 
harmlos lustig zu machen, daß besagte Lustigkeit selbst auf die 
von ihr Betroffenen ansteckend wirkte. „Herr Müller ist nicht ein 
verstanden", eine geistvolle Persiflage des Müller-Schulze- und 
Lehmanntnms bildete den Erfolg des Abends, weil Fulda nicht 
nur. zu dichten, sondern auch vorzutragen weiß. Er plauderte, wo 
seine Kollegen in Apoll rezitierten, und wenn sich einer der An 
wesenden beleidigt fühlen wollte, erinnerte er sich sofort, daß er 
gerade durch seine Anwesenheit zu den Ausgenommcnen zählte. 
Unter den sonstigen Wohlthätigkeits-Veranstaltungen wären 
noch die des „Frauenvereins für die Ostmarken" (Theater, Abend 
essen und Ball mit Skowroneks, Schwank „Die stille Wache"), eine 
Soiree des Weihnachtsbescherungsoereins in Moabit u. a. m. zu 
erwähnen, die alle dafür zeugen, daß der Grundsatz von der Heiligung 
des Zwecks durch die Mittel seine tiefsittliche Bedeutung hat. 
Wer die Wohlthätigkeit will, soll die Eitelkeit nicht verschmähen. 
Der in unseren Kirchen herumgehende Klingelbeutel ist ein unzu 
längliches Surrogat für den beim englischen Gottesdienst von Hand 
zu Hand gereichten offenen Teller. In dem schmalen Spalt des erstere» 
verliert sich ungesehen mancher Kupferpfennig, während man ans 
letzterem niemals etwas anderes als Silber zu sehen bekommt. 
Mit einem Schlaf heuchelnden Nicken ist es da nicht gethan, der 
Nachbar hält einem den Teller solange hin, bis ein metallischer 
Klang von dem vollzogenen Opfer zeugt. 
Georg Malkowsky. 
Moltke als Privatmann. 
Lin Besuch bei ZHoItfc. 
Nach persönlichen Erinnerungen von H e r m a n n Nlüller - Boh n.*) 
II. 
ie in allen seinen Lebensbedürfnissen, so war der Feld 
marschall auch im Essen sehr einfach. Bei Tische plauderte 
man in zwangloser Weise über die harmlosesten Dinge und die 
gewöhnlichsten Vorkommnisse des Lebens. Der Feldmarschall 
wendete sich oft in liebenswürdiger Weise mit Fragen an seine 
Gäste, hörte auch gern von ihnen, wie weit sie sich schon in der 
Umgegend von Kreisau, für welches er ein großes Interesse zeigte, 
umgesehen hätten. Der alte Herr war trotz seines Rufes als 
„großer Schweiger" bei Tische durchaus ein Freund von Geselligkeit: 
er liebte auch sehr den Scherz, lachte herzlich über einen gelungenen 
Witz und machte häufig selbst eine trockene lakonische Bemerkung, 
die jeden Hörer unwillkürlich zur Heiterkeit stimmen mußte. 
Rach Tische wurden Cigarren und Kaffee herumgereicht. Die 
Unterhaltung ward "bann noch eine Weile fortgesetzt, bis der Feld 
marschall durch Aufstehen das Zeichen zur Aufhebung der Tafel 
gab. Bisweilen pflegte der alte Herr sich auch nach Tisch von dem 
Adjutanten etwas vorlesen zu lassen. Bei der Lektüre — die Kriegs 
wissenschaft war selbstverständlich hier ausgeschlossen — interessierten 
ihn in erster Reihe: schöne Litteratur, Reisen, Biographien, Ge 
schichtswerke von hervorragenden Historikern, von letzteren besonders 
Ranke, dessen Schriften er genau kannte. Ein hohes Interesse 
brachte er auch dem großen Werke Heinrich von Sybels: „Die 
Begründung des deutschen Reiches" entgegen, das er bis zu 
seinem Abschlüsse aufmerksam verfolgte. Auch für Romane von 
litterarischer Bedeutung hatte er ein reges Interesse. Er war ein 
tüchtiger Kenner der Litteratur und las auch gern humoristische 
*) Vorgl. Sir. 42 der „Sät", Seite 668. 
Bücher: namentlich ergötzten ihn die Sachen von Wilhelm Blffch. 
Nach Tisch nickte der alte Herr häufig bei der Lektüre der 
Zeitung ein, ohne einen eigentlichen Mittagsschlaf zu halten. Später 
begab er. sich gewöhnlich in den Garten, um mit den Damen — 
sehr häufig kamen zu dieser Zeit von dem etwa zwanzig Minuten 
entfernten sogenannten „Bergschlosse", einem kleinen Landhäuschen, 
die Mutter und die Schwester der Gebrüder Moltke zum Besuche 
herüber — eine Partie Krokett zu spielen, die der alte Herr, ein 
Meister in diesem Spiel, meist gewann. Bisweilen vergnügte er sich 
auch mit Kindern und Erwachsenen bei einer harmlosen Luftkegelbahn. 
Den Nachmittag verbrachte der Feldmarschall, wenn irgend 
wie das Wetter günstig war, mit Spazierfahrten in die Umgegend. 
Einen Schirm bei drohendem Regenwetter mitzunehmen, würde 
ihm weichlich erschienen sein. Einmal, als er von einem furcht 
baren Gewitterregen durchweicht, den Müller des Ortes trifft, sagte 
er diesem in ganz trockenem Tone: „Müllermeister, heute habe ich 
keinen trockenen Faden an mir, heute bin ich ordentlich durch 
geregnet." Nach einem ähnlichen Regen im Schlosse angekommen, 
wo man ihn schon ängstlich gesucht hatte und geradezu entsetzt 
war über die Erkältungsgefahr, welcher sich der alte Herr ausgesetzt, 
sagte er auf die Bemühung seiner Umgebung, ihm trockene Kleider 
aufzunötigen und ihn zu einer kalten Abreibung zu bewegen, in 
abwehrender Weise: „Ach Gott, die Sachen werden schon allein 
auf dem Körper trocknen! Ich bin doch nicht von Zucker." 
Um 7 Uhr abends nahm er den Thee ein und spielte b u 
größten Teil des Abends, sofern nicht Besuch anwesend war 
musikalische Genüsse seiner harrteu, mit einem seiner Neffen i 
Whist, welches Spiel er meisterhaft beherrschte. Dabei mußt
        
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