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Periodical volume 25.November 1899 Nr, 47

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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wußte offenbar, daß sie mit der Familie Haller intime Beziehungen 
unterhielt. Zögernd und verlegen gab die junge Frau zur Antwort, 
sie habe Herrn Haller persönlich zu sprechen gewünscht, allein, da 
dieser augenscheinlich sehr in Anspruch genommen sei, wäre es 
wohl besser, wenn sie zu gelegenerer Zeit wieder vorspräche. 
Der Schreiber erklärte ihr, daß sein Ches zwar noch nicht 
anwesend sei, aber sicher bald eintreffen werde; sie möge ihn doch 
in seinem Sprechzimmer erwarten. Er sprang zu der dem Ein 
gang gegenüberliegenden Thür und öffnete diese weit. Bettina 
solgle ihm, warf aber auf der Schwelle noch einen besorgten Blick 
: r tenden, worauf der diensteifrige Beamte mit spöttischer 
• "'s uflüsterte: „O, diese Klienten fertigt der Herr Rechts 
um ' beschleunigtem Verfahren ab." 
töemua ließ sich erschöpft in einem weichen Lutherstuhl nieder. 
Nach einer Weile erst schweiften ihre Blicke durch Hallers Sprech 
zimmer, und sie wurde betroffen von dem starken Gegensatz, den 
dessen üppige Einrichtung zu der armseligen des Bureaus bildete. 
Im englischen Kamin knisterte ein Kohlenfeuer. Bettina rückte 
ihren Stuhl nahe zu seiner Glut hin; denn ein Fieberfrost schüttelte 
sie. Sie wartete lange, viel zu lange für ihre verzehrende Un 
geduld. Endlich vernahm sie nebenan starke Geräusche, und ihr 
Herz pochte heftig; denn sie glaubte seine Stimme zu vernehmen. 
Sie wandte den Kopf nach der Verbindungsthür, über deren Be 
krönung die Statue einer Themis thronte und bemerkte, daß sie 
diese beim Eintreten halb offen gelassen hatte. Sie erkannte jetzt 
des Geliebten hohe Gestalt neben einem alten Herrn im Zobelpelz 
und vernahm den Ruf: „Herr Schneider!" aus Hallers Munde. 
Der Schreiber, welcher Bettina ins Sprechzimmer geführt 
hatte, sprang auf und trat vor Haller hin. Dieser wandte 
sich gegen den Alaun im Pelzrock: „Herr Komniissionsrat," 
sagte er mit einer Handbewegung gegen seinen Schreiber, „gestatten 
Sie, daß ich Ihnen den größten Konfusionsrat unseres Jahr 
hunderts vorstelle; er sollte den Kommis S. Reumann als Zeuge 
in der Ehescheidungssache des Fabrikanten Schmidt vorladen und 
ax Si. geladen. Ich bedaure, daß in meinem Bureau derartige 
Verwechslungen vorkommen und bitte Sie, Herr Kommissionsrat, 
um Entschuldigung." 
Bettina sah noch, wie Haller den Herrn bis zur Thür ge 
leitete, und wie der arme Schreiber gleich darauf noch einige harte 
Scheltworte über sich ergehen lassen mußte Der Auftritt berührte 
sie peinlich; denn sie hatte es sich nie träumen lassen, daß Haller 
seine Untergebenen so rauh behandele. Der Schreiber aber schien 
daran gewöhnt zu sein; denn obgleich er blaß und gebückt vor 
seinem Chef stand, erhob er doch, nach erhaltener Strafpredigt, 
den Kopf wieder, um ihm eine vertrauliche Mitteilung zu machen; 
er deutete dabei auf das Sprechzimmer, und Bettina verbarg ihren 
Kopf hinter dem Kamin, weil sie erriet, daß von ihrer Anwesenheit 
die Rede sei. Mit hochklopfendem Herzen sah sie dem Eintritt des 
Geliebten entgegen; der aber wandte sich znnächt an einen murren 
den Kassenboten, reichte ihm mehrere Geldscheine und sagte in 
wegwerfendem Tone: „Wegen dieser Lappalie hätten Sie über 
haupt nicht zu warten brauchen. Wenn der Wechsel gestern nicht 
eingelöst wurde, so lag das nur daran, daß ich im Drang der 
Geschäfte vergessen hatte, rechtzeitig einen Check nach der Bank 
zu senden." 
Nun wandte er sich in stolzer Haltung seinem Arbeitszimmer 
zu, und Bettina erhob sich bebend vor Erregung. 
* * * 
Gregor Haller würde noch einen Tag zuvor, auf die Nachricht 
hin, daß Bettina ihn erwarte, eine ganze Schar murrender Klienten 
hinter sich gelassen haben, um ihr entgegen zu eilen. In dieser 
Stunde aber schritt er langsam und nachdenklich der Schwelle zu, 
die ihm von „dem göttlichen Weib" trennte. Ein unerwartetes 
Erlebnis hatte sich am Morgen dieses Tages vollzogen. Durch 
ein duftendes, mit einer Grafenkrone verziertes Billet war er früh 
nach dem Kaiserhof gerufen worden, wo er Malwina Korsak und 
deren Mutter wiedersah, jene beiden Frauen, die er von der An 
klage des Vergistungsversuches entlastet hatte. Die Gräfin über 
reichte ihm dort einen aus zehntausend Mark lautenden Check ihres 
reuevollen Gatten für die erfolgreiche Verteidigung, und Malwinas 
dunkle Augen hatten ihn dankbar und verheißungsvoll angeblickt. 
Durch diese Begegnung war er in den Stand gesetzt, die dringendsten 
Schuldforderungen seiner Gläubiger zu begleichen, und seine Ge 
danken beschäftigten sich mit der abenteuerlustigen Komtesse, die 
ihm mit einem bezaubernden Lächeln und warmem Blick die Hand 
zum Abschied geboten hatte, während ihre Lippen „Auf Wieder 
sehen!" flüsterten. 
Diese Begegnung hatte seine bewegliche Phantasie weit ab 
von Bettina geführt; und als ihm diese jetzt entgegenflog, und 
mit dem unter heißen Thränen hervorgestammelten Ausruf: „Endlich! 
o, nun ist alles wieder gut!" seinen Hals umschlang, kam ihm 
dieser Gesühlsausbrnch übertrieben vor, und er sagte in besänftigen 
dein, aber kühlem Ton: „Na, na. Du bist ja in schauderhafter 
Erregung. Was hat's denn gegeben?" 
Er führte sie zu einem bequemen Sessel und fuhr dann, als 
Bettina heftig schluchzend auf diesen niedersank, mit einem be 
sorgten Blick auf die Thür fort: „Aber, mein Gott, Du bist ja 
außer Dir! Hat sich irgend ein Unglück ereignet? — So sprich 
doch! Du peinigst mich." 
Nach Fassung ringend, trocknete sie ihre Augen, und Haller, 
der jetzt ihr blasses, verweintes Gesicht, ihr vom feuchten Frühlings- 
sturm zerzaustes Haar und ihre gebrochene Haltung überflog, sagte 
sich, daß ihre Schönheit von jener der kühnen Malwina weit über- 
troffeu werde. 
Bettina wurde endlich ihrer Erregung Meister und sagte: 
„Verzeih, Gregor! Es war seit unserer Unterredung im Tiergarten 
gar so viel auf mich eingestürmt! Du begreifst; es galt das Eis 
zu brechen, und das war doch schwerer, als wir in unserm Glücks- 
taumcl uns träumen ließen. Ach, wir müssen so viel Teures, 
Liebes hinter uns lassen! Ich bin gar so weich geartet! — Und 
die Opfer haben mir das Herz wund gemacht. Aber freilich, wer 
Großes gewinnen will, muß viel einsetzen. Deine Liebe wird die 
Wunden bald vernarben lassen. Du wirst gut zu mir sein, nicht 
wahr, Gregor?" 
Er hatte ihr mit wachsender Unruhe zugehört, und als sie 
jetzt mit einem matten Lächeln und einem arglosen Kiuderblick 
flehend zu ihm aufsah, antwortete er: „Ja, gewiß, ganz gewiß, 
meine Liebe, allein ich verstehe Dich nicht recht. Was sprichst Du 
da von Opfern, von „das Eis brechen". Ich hab ja gar keine 
Opfer verlangt." 
Sie sah ihn verwundert und mit leisem Erschrecken an. „Das 
verstehst Du nicht? Run, ich habe das gethan, was . . . was 
geschehen mußte, damit wir uns auf ewig verbinden konnten — ich 
habe mit meinem Manne und mit Lona gesprochen." 
„Was?" — Diese Frage kam wie ein Aufschrei aus Hallers 
Munde, und er entfärbte sich. 
„Run .. . daß Konrad mich und Lona Dich freigeben müsse," 
bemerkte Bettina, und eine aufsteigende Bangigkeit preßte ihr die 
Kehle zusammen. „Da wir uns doch ehrlich liebten und die 
Folge " 
Sie brach entsetzt ab, denn Haller schlug sich vor die Stirn, 
lachte grell auf und stieß,' indem er wie ein Rasender durchs 
Zimmer lief, den Selbstoorwurf über die Lippen: „Da hast Du die 
Bescherung; das ist die Folge Deiner poetischen Wallungen!" 
Bettina erhob sich zitternd, und eine Blutwelle stieg ihr ins 
bleiche Gesicht. „Was soll das heißen?" stammelte sie und sah 
Haller groß und starr an, während ihr Busen sich hob und senkte. 
„Das soll heißen —" Seine Blicke fielen auf ihre Gestalt 
und er unterdrückte eine brutale Entgegnung, denn Bettina war 
ihm nie reizvoller und verlockender vorgekommen als in diesem 
Augenblick, wo die aufsteigende Scham und Entrüstung ihre 
Wangen mit Purpur färbten und die Iris ihrer Augen völlig 
schwarz erschien. „Das soll heißen," wiederholte er in mildem 
Ton und mit aufflackernder Leidenschaft, „daß wir unsern An 
gehörigen jeden Schmerz ersparen und doch unserer Neigung folgen 
könnten. Bettina, sei doch nicht kindisch. Wir können doch nicht 
durch alle Lästermäuler hindurch Spießruten laufen, um dann im 
Ehejoch dem alten Zwang anheim zu fallen. Laß uns doch in 
freier Wahl, in freier Liebe —" 
Mit einem gleißenden Blick und frivolen Lächeln wolle er sie 
in seine Arme ziehen, sie aber stieß ihn weit von sich und rief mit 
bebenden Lippen: „Elender — rühr' mich nicht an!"
        
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