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Periodical volume 25.November 1899 Nr, 47

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Illustrierte Wochenschrift für Geschichte und modernes Leben. 
25. Jahrgang. 
Sonnabend, 25. Uovember 1899. 
Ur. 47. 
Roman von Rudolf Llcho. 
(Fortsetzung und Schlutz.) 
ber liebste Bettina, es ist mein heiliger Ernst: Du siehst mich 
freudig und dankbar bewegt bei der langersehnten Nachricht, 
daß Gregor mich endlich freigeben will. Bis dahin war er 
taub gegen all meine auf eine friedliche Lösung unserer Ehe abzielenden 
Vorschläge und Bitten. Selbst 
als seine intimen Beziehungen zur 
Baronin Ferret im vorigen Winter 
bis zu einem Grade gediehen 
waren, daß ich mit meinen Kindern 
das Haus verlassen wollte, hielt 
er mich mit eiserner Zähigkeit fest, 
und doch besitzt die Ferret eine 
kleine Lebensrente, während Du 
— soviel ich weiß — kein eigenes 
Vermögen hast." 
Nun glaubte Bettina ganz 
sicher zu sein, daß Lona sie ver 
spottete und die Empörung da 
rüber, daß diese kaltherzige Person 
in dem Bestreben, ihre Rivalin zn 
demütigen, den Mann, den sie 
hätte verehren müssen wie einen 
Gott, erbarmungslos besudelte, 
gab ihr die Selbstbeherrschung 
wieder. Sie erhob sich, trat mit 
kalter Miene und einer stolze» 
Bewegung ihres Kopfes zurück 
und sagte: 
„Ich glaube Du: in Gregors 
Namen versichern zu können, daß 
er nach vollzogeper Scheidung 
mindestens die Hälfte seines 
reichen Einkommens Dir und 
Deinen Töchter» zuwenden wird." 
Lona lachte hell aus, müßigte 
dann aber ihre Heiterkeit und 
sagte: „Verzeih, Bettina, aber — 
nein, blicke nicht so desperat und 
gütig auf mich arme Sünderin 
— Deine vornehm - überlegene 
Miene und Haltung bildeten einen gar zu komischen Gegensatz zur 
Naivetät Deines Ausspruchs. Also, mein Kind, beunruhige Dich 
ja nicht um meiner Zukunft willen; mein vorsichtiger Vater hat 
einen Teil seines Vermögens für mich und meine Töchter sicher- 
gestellt. Ich komme durch ohne Eure Hilfe und will nur wünschen, 
daß Du mit Gregors voller Einnahme gleichfalls Eure Bedürfnisse 
bestreiten kannst. — Nur um eines möchte ich Dich noch bitten: 
den Roman Gregors zu schreiben überlaß mir, denn ich kenne den 
Mann besser als Du." 
Mit einer kordialen Bewegung streckte sie Bettina die Hand 
entgegen, die aber wich scheu und stolz zurück und verließ hastig 
das Zimmer. Sie kam sich vor wie ein in voller Blüte stehender 
Baum, auf den plötzlich ein Hagelschlag niederprasselte. Als sie 
auf dem Hausflur stand und Lonas harte Stimme verstummt war, 
blieb sie in einer halbdunkleu Nische stehen, schloß die Augen und 
rang nach Atem. Es vergingen 
einige Minuten, bevor ihre total 
niedergeschlagenen Lebensgeister 
sich wieder regten und ihr stockender 
Herzschlag regelmäßiger wurde. 
Aber es lag noch immer eine 
schwere, erdrückende Last auf ihr, 
und ein Frösteln ging durch ihren 
Körper, als wäre das Blut in 
ihren Adern durch Blei ersetzt 
worden. Gedanken irrten durch 
ihr Gehirn wie flackernde Lichter, 
und die Zukunft, die ihr vordem 
wie ein vom Purpurglanz um 
flossener Zaubergarten erschienen 
war, lag jetzt wie ein von 
Schlangen und eklem Gewürm 
bewohntes Labyrinth vor ihr. 
Durfte sie es wagen, hineinzutreten 
in seine Jrrgänge? — Stöhnend 
preßte sie die eiskalten Hände 
gegen ihr fieberndes Gesicht, und 
plötzlich schoß wie ein leuchtender 
Strahl der Gedanke durch ihren 
Du mußt sein 
strahlendes Auge sehen, mußt seine 
beruhigend klingende, vertrauen 
erweckende Stimme hören, um 
aus dem Dunkel wieder zum Licht 
emporzusteigen! 
Bettina raffte sich gewaltsam 
auf und schritt dem Bureau zu. 
Ein schmaler Raum that sich vor 
ihr auf, dessen Längswand mit 
einem riesigen Holzgestell bedeckt 
war; Aktenbündel und dickleibige 
Folianten füllten dessen Fächer. Vor einigen, den Ausblick auf 
einen düstern Hof gewährenden Fenstern des schmucklosen und ver 
staubten Zimmers standen Schreibtische, an denen ärmlich gekleidete 
Schreiber arbeiteten. Vor den Akten- und Bllcherständern saßen 
einige Personen, die den Rechtsanwalt zu erwarten schienen, 
und Bettina hörte einen Mann mit rauher Stimme sagen: „Det 
is doch keene Art, mir um elf Uhr herzubestellen, um mir dann 
stundenlang warten zu lassen. Ick habe doch mehr zu duhu, 
Schockschwerebrett!" 
Ein Schreiber war bei Bettinas Eintritt aufgesprungen und 
fragte jetzt in devoter Haltung nach ihren Wünschen. Der Mann
        
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