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Periodical volume 18.November 1899 Nr, 46

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Die Hubertusjagd im Grunewald. 
^Mtadtbahn, elektrische Straßenbahn und Zweirad haben den 
MG Grunewald den Bewohnern der Reichshauptstadt sozusagen 
vor die Thüre gerückt. Zu jeder Jahreszeit sind die Restaurants 
in der alten Forst gefüllt, sobald das Wetter nur einigermaßen 
günstig ist, und der Grunewald unterscheidet sich wenig von den 
übrigen Waldbeständen in der Umgegend Berlins. Im Herbst da 
gegen, zur Jagdzeit, herrscht ein eigenartiges Leben und Treiben, 
s ~ s midi dem blasierten Großstädter eine willkommene Abwechslung 
ags kann er nicht akriv daran teilnehmen, aber seine 
Schaulust kommt dabei doch auf ihre Rechnung. Das 
einer Parforcejagd ist immerhin ein sehenswertes 
Schaigpier, wenn es sich auch wöchentlich einigemale wiederholt, 
also nichts Neues mehr bietet. Das Hauptvergnügen aber bildet 
die Hubertusjagd am 3. November. 
Ueber die Entstehung des Jagdschlosses Grunewald giebt die 
schwer zu lesende, von dem kurbrandenburgischen Wappen gekrönte 
Inschrift über dem Portal Auskunft: „Rach Christi Geburt 1542, 
unter Regierung des Kaiserthums Karl V. hat der Durchlauchtigste, 
Hochgeborene Fürst und Herr Joachim II., Markgraf zu Branden 
burg, des heiligen römischen Reiches Ober 
feldhauptmann, dies Haus zu bauen an- 
'gefangen, und den 7. Maerz den ersten Stein 
gelegt und zum grünen Wald genannt." 
Vollendet wurde es 1543. Der Baumeister 
war der um die Einführung der Renaissance 
sehr verdiente Kaspar Theyß, der auch einen 
Flügel des königlichen Schlosses in Berlin, 
Aber veritable Prinzen, Fürsten und hohen Adel findet man unter 
den Rotröcken vielfach vertreten. 
Auch einige Reiterinnen haben sich eingefunden, kühne Amazonen, 
die die nicht ungefährliche Jagd mitzureiten beabsichtigen. Im 
Vertrauen gesagt, die männlichen Jagdteilhaber machen sich gar 
nichts aus der Anwesenheit der Amazonen. Wenn nämlich Damen 
dabei sind, muß man sehr viel Rücksicht nehmen, sie womöglich 
immer vorausreiten lassen und stets hilfsbereit für sie sein. Der 
Parforcejäger muß hinter den Kavalier zurücktreten. 
Man erwartet den Führer der Jagd, den „Master". Sobald 
er eingetroffen und mit der Fanfare der Pikeure begrüßt worden 
ist, bricht die Gesellschaft nach der westlich vom Jagdschloß ge 
legenen Saubucht auf. Es ist dies ein Erziehungsinstitnt, in dem 
Wildschweine für die Parforcejagd vorbereitet werden, wo man 
ihnen auch die Gewehre — so nennt der Weidmann die Hauer, die 
gewaltigen gebogenen Eckzähne — alljährlich stutzt, damit sie nicht 
allzu viel Unheil anrichten können, wenn sie sich thörichterweise 
ihrem Beruf entziehen wollen, der darin besteht, erst gehetzt und 
dann abgestochen (weidmännisch „abgefangen") zu werden. 
Der Eber wird von der Meuke gedeckt. 
sowie die Schlösser in Oranienburg und Köpenick errichtet hat. 
An das Jagdschloß Grunewald knüpft sich die Erinnerung an 
eine interessante Begebenheit aus dem Ende der Befreiungskriege. 
Hier find, kurz vor dem Einzuge der Verbündeten in Berlin, die 
einzelnen Teile der aus Paris zurückgebrachten Quadriga vom 
Brandenburger Thor zusammengesetzt worden. 
Außer einem kleinen Saale im oberen, zweiten Stockwerk, be 
finden sich im Schlosse nur noch eine Anzahl Jagdzimmer, sowie 
die im Erdgeschosse gelegene Wohnung des Jagdzeuginspektors. 
Alle Räume sind sehr einfach eingerichtet und enthalten außer 
mehreren Gemälden aus der Zeit Friedrich Wilhelms I., welche 
in oft humoristischer Weise Episoden aus dem Jägerleben darstellen, 
schöne Geweihe, sowie verschiedener Jagdgeräte früherer Zeiten. 
Schließlich sind noch die rechts und links von dem Haupt 
eingange zum Schloß aufgestellten beiden Baumstämme zu er 
wähnen. Die Bäume rühren von zwei Baumriesen des Grune- 
walds her, unter deren Aesten im Jahre 1837 die russischen Groß 
fürsten Alexander und Nikolaus während eines Manövers gerastet 
haben. Mit den Buchstaben A. u. N. sind die Stämme erst nach 
ihrem Absterben versehen worden. 
Die Lage des Schlosses au der Südspitze des waldumrandeteu 
Grunewaldsees ist malerisch schön. Besonders wenn man auf dem 
am westlichen Seerande entlang führenden Uferpfade von Hunde 
kehle herkommt, vereinigen sich Schloß, Wasser und Wald zu einem 
jener stimmungsvollen Landschaftsbilder von intimem Reiz, wie 
sie in Deutschland nur die Mark Brandenburg bietet. 
Im Hof des Jagdschlosses Grunewald harrt vor Beginn der 
Parforcejagd die königliche Meute, in Ordnung gehalten von den 
Pikeuren, die gleich dem Oberpikeur gut beritten sind. Die Jagd- 
gäste im roten Rock bestehen zum größten Teil aus Offizieren des 
Gardekorps, und nur wenige Zivilisten von Beruf sind unter ihnen. 
Erwartungsvoll sehen Jagdgäste und Publikum nach dem Loch, 
aus dem der Keiler kommen soll, der frei gelassen wird. Da öffnet 
sich die Thür, und schwänzelnd und grunzend verläßt der Schwarze 
die bisherige Stätte stiller Beschaulichkeit. 
Eine bestimmte Anzahl von Minuten erhält er Vorsprung, 
dann wird die Meute „angelegt", und bald verkündet der Laut 
der Leithunde, daß der Keiler gefunden ist. Mit „hellem Geläut", 
wie der Weidmann sagt, setzt sich die Meute in Bewegung, und 
ihr folgt das „rote Feld". Aber auch die ungeladenen Gäste 
wollen ihren Anteil an der Jagd haben und machen sich auf den 
Weg. Nicht achtet der wohlbeleibte Jagdbummler der Strapazen, 
die er seinem Körper durch einen Dauerlauf zumutet; der Ritter 
von der traurigen Gestalt spornt leichtsiunigerweise sein Rößlcin 
zu schärferer Gangart an, und die Radfahrer jagen so eilig darauf 
los, daß sie mit den Bäumen kollidieren, und mehr als einer der 
Fahrer seine Hinterbeine im Sturz gen Himmel streckt. ^ 
Unterdes hat das kluge Schwein sein Heil in schleuniger Flucht 
gesucht, und es ist im Terrain einigermaßen im Vorteil gegenüber 
den Jägern, die mit ganz besonderen Hindernissen zu kämpfen 
haben. Diese bestehen nicht nur in glattem, unebenem Boden, in 
dichtstehenden Bäumen, in Sumpfstellen und steilen Hügelabhängen, 
sondern vor allem darin, daß sich quer durch den Forst, in schnur 
gerader Linie von Nordost nach Südwest die Berlin-Potsdamer 
Eisenbahn hinzieht, auf der beständiger Verkehr von Zügen statt 
findet. Der Bahndamm muß sich durch Herumsprechen unter den 
Wildschweinen des Grunewaldes bei diesen ganz besonderer Be 
liebtheit als „Wechsel" erfreuen; denn sie wechseln während der 
Jagd meist über den Damm hinüber. Keiler und Hunde vollziehen 
diesen Wechsel an beliebiger Stelle, während die Reiter mit Rücksicht 
auf den Bahnbetrieb und ihre eigene Sicherheit dies nur au be 
stimmten Stellen auf Wegübergängen thun dürfen. Einer dieser
        
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