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Periodical volume 18.November 1899 Nr, 46

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Berliner Wandellnlder. 
Weibliches, allzu Weibliches in der Reichshauptstadt. 
^^s war im Jahre des Heils 1877. Im Bürgersaal des Rat- 
WW Hauses tagte der Hausfraueuverein unter der Leitung der 
Frau Lina Morgenstern. Auf der Tagesordnung stand die Ein 
richtung von Theeabenden für die weiblichen Dienstboten. Die 
Sitzung verlief ungemein stürmisch. Die Antragstellerin hielt den 
ironischen Beifallsbezcngungen und Zurufen, mit denen man sie 
überschüttete, mutig stand, mußte aber schließlich einsehen, daß man 
dem geselligen Bedürfnis der dienenden Hansgenossinnen nicht das 
genügende Verständnis entgegenbrachte, oder — vielleicht nicht mit 
Unrecht — den bildenden Einfluß des stillschweigend geduldeten 
„Vetters", der zufällig in der Reichshauptstadt seiner Militärpflicht 
genügte, für unbesiegbar hielt. Seither haben sich die Verhältnisse 
merklich geändert. Die Hausfrau hat sich daran gewöhnen müssen, 
eine gewisse Gleichberechtigung den weiblichen Bediensteten zuzu 
gestehen und verhandelt mit ihnen wie mit einer anerkannten 
Großmacht, die sich durch herablassende Müren nicht imponieren 
läßt. Mit Theeabenden ist da nicht mehr auszukommen, es ent 
wickelt sich ein ernsthaftes Diskutieren der beiderseitigen Rechte und 
Pflichten. Nach kaum mehr zwei Jahrzehnten finden sich in 
einem öffentlichen Lokale in Berlin W. Hausfrauen und Bedienstete 
zusammen, um gemeinschaftlich zu beraten, wie man das gegen 
seitige Verhältnis auf rechtlicher Grundlage aufbauen könne. Nach 
dem man sich mit seltener Einhelligkeit über die Abschaffung der 
Gesindeordnung vom Jahre 1810 geeinigt, trennte man sich mit 
der Ueberzeugung, daß eine dauernde Harmonie zwischen Herrschaft 
und Dienerschaft nicht herzustellen sei. Es giebt eben Haus 
wirtschaften, in denen die Herrin nicht ohne Gefahr für Leib und 
Leben den Bereich der Küchenfee betreten darf, während in anderen 
das Recht der gelinden Züchtigung in ausgiebigstem Maße geübt 
wird. Ein interessanter Wandel hat sich unter dem Einffuß 
der sozialen Bewegung nur in den Formen vollzogen, in denen 
man zu einem rnodus vivendi zu gelangen sucht. Mit gesellschaft 
lichen Konzessionen ist ebenso wenig getban, wie mit theoretischen 
Auseinandersetzungen über Rechte und Pflichten. In letzter Instanz 
entscheidet auch hier im Einzelfall das Recht des Stärkeren. 
Daß dieses Recht über kurz oder lang vom Manne nicht 
mehr geübt werden wird, dafür sprechen eine Reihe untrüglicher 
Anzeichen. Die Zeiten, in denen man „alleinstehenden" Damen 
eine leise Anfforderuug zugehen ließ, das Lokal zu verlassen, gehen 
ihrem unvermeidlichen Ende entgegen. In der Konditorei Edelweiß, 
au der Kreuzung der Friedrich- und Mohrenstraße, erhält man 
auf die bescheidene Frage, ob man seinen Apfelkuchen mit Schlag 
sahne an einem Tischchen verzehren dürfe, die höfliche, aber be 
stimmt ablehnende Antwort: „Herren ohne Damenbegleitung ist 
der längere Aufenthalt im Laden untersagt." Es ist ein beschämendes 
Gefühl für den „Herrn der Schöpfung", sich so ungeahnt entbehrlich 
vorkommen und auf seine Selbständigkeit schon vor der Ehe ver 
zichten zn müssen. Will man in der Konditorei Edelweiß Apfel 
kuchen essen, so bleibt nichts anderes übrig, als sich bei Zeiten 
nach weiblichem Schutz umzusehen, falls man nicht zu solchem 
durch standesamtliche oder kirchliche Beglaubigung legitim berechtigt 
ist. Für unverbesserliche Junggesellen empfiehlt sich die Begleitung 
durch eine respektable und wohlvermögende Tante, die, ohne Auf 
sehen zu erregen, dann auch die Begleichung der Rechnung an der 
Kasse übernehmen darf. 
Die Selbständigkeit der Frau, die Entbehrlichkeit des Mannes 
hat seit einem Jahrzehnt in Berlin beängstigende Fortschritte 
gemacht. So wird cS sich beispielsweise nicht leugnen lassen, daß 
man in den Kreisen des „schwächeren" Geschlechts dem Klubwcsen 
mehr Verständnis entgegengebracht hat, als in denen der „stärkeren" 
Hälfte, d. h. das sich Zusammenthun Gleichgesinnter zur Verfol 
gung eines möglichst bedeutungslosen Zwecks außer dem Hause. 
Währendes hier nur eine andereFonn der Vereinsmeierei bedeutet, 
hat man dort überraschend schnell begriffen, daß der Klub einen 
Ersatz für die fehlende Häuslichkeit bieten soll. Der deutsche 
Frauenklub in der Schadowstraße mit seinen 20 Mark Beitrag 
mochte noch als ein Lurus für die Minderheit der Damen gelten, 
die daheim nicht genügende Beschäftigung finden. „Der Berliner 
Frauenklub von 1900" bietet ein bescheidenes Heim, in dem sich 
die Mehrheit der arbeitenden Frauen von des Tages Last und 
Hitze erholen können. 
Der Kampf um die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau 
wird überall der Sympathien sicher sein, die man dem Ringen 
nach bürgerlicher Gleichberechtigung versagt. Der Rektor der 
Berliner Universität, Professor Fuchs, hat Frau Lilly Brauu-Gizycki 
die Erlaubnis verweigert, im sozialwissenschaftlichen Stndenten- 
vcrein einen Vortrag über die „Frauenarbeit in Deutschland" 
halten zu dürfen; aber die Begründung dieses Verbotes mit der 
Bezweiflung des wissenschaftlichen Wertes der Leistungen der Dame 
will uns bedenklich erscheinen, zumal sie von der Frauenarbeit 
sicher mehr kennt, als sich Professoren- und Studentenweisfirst 
träumen läßt. Gleichzeitig veröffentlicht der Verein „Frauenwohl" 
eine Mitteilung folgenden Inhalts: „Die Regierung hat eine 
Enquete auf Veranlassung eines Reichstagsbeschlusses ausgeschrieben, 
betreffend die Ermittelung der Beschäftigung verheirateter Frauen 
in den Fabriken. In Berlin ist das Gewerbegericht mit dieser 
Ermittelung betraut worden; dasselbe hat sich an den Vorstand 
des Vereins Frauenwohl gewandt, um mit den Frauen gemeinsam 
diese Arbeit aufzunehmen." Man sieht, zuständigen Orts ist man 
über die Arbeitsleistung der organisierten Frauen wesentlich anderer 
Meinung als in der Hochschule Unter den Linden. 
Weniger empfehlenswert, aber immerhin geschäftsmäßig gut aus 
gedacht, will es uns erscheinen, wenn Hermione von Preuschen 
sich mit ihrem verstorbenen Gatten, dem Dichter Konrad Telmann, 
associiert, und seine und ihre Gedichte und Erzählungen im 
Römischen Hofe einem gerührtem Publiko mit trauergedämpster 
Stimme vorträgt. Wir zweifeln keineswegs an der Aufrichtigkeit 
der in der Sammlung „Roch einmal mors imperator, Requiem 
für Konrad Telmann" vereinigten Empfindungen; aber wenn die 
Frau nun doch einmal in die Oeffeutlichkeit hinaus muß, so soll 
sie sich doch für gewisse Stimmungen ihr stilles Kämmerlein 
reservieren. 
Aber auch der Geschmack ist in nnserem neuerungslustigen 
Jahrhundert einer Umwertung unterworfen. Das Korsett ist noch 
glücklich aus dem Ansturm gegen seine Nützlichkeit herausgerettet 
worden, die Schleppe scheint dagegen endgiltig dem Untergange 
geweiht zu sein. Der „Verein für Verbesserung der Frauenkleidung" 
hat sich unter wissenschaftlicher Assistenz des Geheimrats Rubner, 
unter Beihilfe des Malers Brockmüller und unter Beleuchtung der 
Frage durch Frau Professor Vehr dahin geeinigt, daß die Schleppe 
hygienisch, ästhetisch und praktisch eine Ungeheuerlichkeit ist, die 
von dem durch sie gefegten Erdboden verschwinden muß. Was 
wollen dagegen die Bedenken eines Schneidermeisters bedeuten, der 
den deutschen Frauen vorwarf, sie verständen nicht, ihr Geld in 
Toiletten anzulegen? Ein entrüsteter Protest der anwesenden Frauen 
war die gebührende Antwort, der sich gewiß mancher abwesende 
Ehemann mit aufrichtiger Ueberzeugung angeschlossen hätte. 
Gewinnt doch selbst der Juwelenschmuck unserer Damen in 
unserem ernsthaften Jahrhundert wirtschaftliche Bedeutung, seitdem 
der Preis der Diamanten unabhängig vom afrikanischen Kriege 
seit einem Jabre ungefähr um 33'/, °L gestiegen ist. Hat die Frau 
nicht ganz recht, wenn sie ihrem die Börse besuchenden Gatten die 
Frage vorlegt, ob er oft gleich gute Geschäfte in Papieren gemacht 
habe, wie mit dem Collier, gegen dessen Ankauf er sich Weihnachten 
vergangenen Jahres so ungalant sträubte und das nun durch die 
Preissteigerung der Diamanten um 33 l /»% mehr wert ist!? Erst 
die schlagfertige Antwort: „Wie wäre es, mein Kind, wenn wir bei 
der Unsicherheit der Zeitläufe den Gewinn schleunigst realisierten?" 
brachte die unbequeme Frageriu zum Schweigen. 
Wer das sogenannte „Rätsel der Frauenseele" mühelos lösen 
will, muß eben an dem Grundsätze festhalten: Weib bleibt Weib, 
wenn es sich auch noch so modern gebärdet. Da ist vor kurzem, 
von Paris importiert, auch in Berlin die Mode aufgetaucht, früh 
zeitig weißes Haar zu tragen, d. h. die schwärzesten Locken mit 
Silberpuder zu bestreuen. Sollte die Frau wirklich auf den Ge 
danken gekommen sei. der Vergänglichkeit aller irdischen Schönheit 
vorzugreifen? Das würde jeder Psychologie Hohn sprechen! Das 
Erstaunen weicht einem verständnisvollen Lächeln, sobald mau sich 
erinnert, wie reizvoll ein jugendliches Gesichtchen unter weißem 
Haar hervorlugt, und als mir neulich eine semme de trente ans 
in einer vertraulichen Stunde erzählte, wie ein großer Seelenfchmcrz 
in einer Nacht ihre bräunliche Haarsülle gebleicht, da begriff und 
entschuldigte ich alles. Weib bleibt Weib! Solange dieser Grund 
satz seine Giltigkeit behält, wird sich der selbstbewußteste Manu 
mit seiner unter dem Einfluß der Frauenbewegung zunehmenden 
Entbehrlichkeit abzufinden wissen. 
Die Mittel, interessant zu erscheinen, mögen in der Provinz 
andere sein als in der Reichshauptstadt. Der Zweck ist derselbe 
und heiligt in den Augen des Mannes die Mittel. 
Georg Malkowsky.
        
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