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Periodical volume 18.November 1899 Nr, 46

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Illustrierte Wochenschrift für Geschichte und modernes Leben. 
25. Jahrgang. 
Sonnabend, 18. November 1899. 
Ur 46. 
Roman von Rudolf Llcho. 
(F-rlsetziinj,.) . .. 
aller, der bis dahin schnell nnd leidenschaftlich gesprochen, 
's I hielt jetzt an und stieß einen tiefen Seufzer aus. Seine 
M ^ Blicke richteten sich auf Bettinas Gesicht, und dann sagte er 
nach langer Pause mit seiner sonoren, von wehmütigem Empfinden 
durchzitterten Stimme: „Ich weiß eine Frau, die mich erretten, erheben 
und zu großen Thaten begeistern könnte, und mein Herz schmachtet, 
verzehrt sich in Liebe und Sehnsucht nach ihr." — Er ergriff 
Bettinas Hand nnd fühlte, daß diese zitterte. Dadurch kühn ge- 
schleiern. Seien Sie ehrlich gegen mich und gegen sich selber, und 
gestehen Sie mir frei, ob Sie mich lieben. Diese Stunde kann 
entscheidend werden für unsere Zukunft, die Schicksalslose sind in 
Ihre Hand gegeben." 
Hallers, von sinnlicher Glut durchlohte Rede wühlte Bettinas 
Seele in ihren Tiefen auf. Trotz der Stille und Einsamkeit des 
Orts war es ihr, als erlebe sie eine Gewitternacht mit Donner- 
schlägen und flammenden Blitzen. Ihr ganzes Wesen war in 
Die Hubertusjagd im Grunewatd: Der 
macht, fuhr Haller leidenschaftlich fort: „Auch Sie, Bettina, hat 
das grausame Schicksal in eine unwürdige Stellung gebracht. An 
der Seite eines Mannes, der Ihre glänzende Begabung nicht zu 
schätzen, Ihre hohen Bestrebungen nicht zu fördern versteht, müssen 
Sie verkümmern und verderben wie ich selber. Vereint könnten 
wir uns erheben zum Sonnenflug; denn das weiß ich jetzt, daß 
unsere Seelen sich im vollen Einklang befinden, daß Sie meine 
Fähigkeiten richtig erkannt haben, und daß Sie mich für die 
höchsten Aufgaben entflammen könnten durch — Ihre Liebe. Ach, 
Bettina, Sie müssen es längst wissen, daß es mehr als Freund 
schaft, daß es heiße, brennende Liebe ist, die ich für Sie fühle. 
Wenn ich Ihren Namen höre, fliegt schon ein Schauer über meine 
Nerven, Ihr Anblick berauscht und entzückt mich, und für Ihren 
Besitz könnte ich die Welt aus ihren Angeln heben." 
Er zog sie ungestüm an seine Brust, und trotzdem sie sich 
sträubte und einen leisen Schrei ausstieß, preßte er seine Lippen 
auf ihre Wangen und den halbgeöffneten Mund. „Bettina," fuhr 
er hastig fort, „in dieser Stunde habe ich Ihnen mein Leid, mein 
heiligstes Gefühl, mein letztes Geheimnis offenbart, so darf ich 
denn auch von Ihnen fordern, daß Sie mir Ihr Inneres ent- 
Eber durchschwimmt den Grunrwsldsee. 
Aufruhr, und sie sagte sich das lautlos, was Haller ihr zugerufen: 
Diese Stunde kann entscheidend werden! Ja, sie stand am Wende 
punkt ihres Lebens. Der Gedanke erschreckte und überwältigte sie 
derart, daß sie die Augen schloß nnd ihren Kopf auf einen Augen 
blick gegen des starken Mannes Schulter sinken ließ) als er aber 
wieder ihre Wange küßte und in gepreßtem Tone die Frage 
wiederholte: „Bettina, liebst Du mich?" da raffte sie all ihre 
Seelenkräftc zusammen, richtete sich straff auf und wehrte seine 
Liebkosungen von sich ab. Ihre Stimme klang rauh vor innerer 
Erregung, als sie endlich Antivort gab: „Ja, ich liebe und be 
wundere Dich, Gregor Haller, und in diesem Augenblick weiß ich 
kaum, ob meine Liebe größer ist oder meine Bewunderung." 
Er stieß einen Freudenschrei aus und wollte sie wieder in seine 
Arme ziehen, sie aber trat zurück und sagte in weichem Ton: 
„Nicht so, Liebster! Demütige nicht das Weib in mir. Diese 
Stunde ist zu ernst, zu heilig, als daß wir unlauteren Gedanken 
Raum geben dürften. Ja, ich lebe der Ueberzeugung, daß wir für 
einander erschaffen sind. In Dir lebt die Kraft und Herrlichkeit 
des Uebermenschen, und wenn es meiner opferbereiten Liebe gelänge. 
Dich aus der Enge nnd Rot Deiner jetzigen Lage zu befreien.
        
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