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Periodical volume 11.November 1899 Nr, 45

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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( 
reichen bis zur Tertia des Gymnasiums zurück. Wir unterhalten 
keinen regelmäßige» Verkehr, aber wenn wir uns auf der Straße 
oder in der Pferdebahn begegnen, schleichen wir uns abseits von 
unserem Geschäftswege in eine stille Weinstube und feiern den 
glücklichen Zufall je nach der Tageszeit mit einem Morgen-, 
Mittags- oder Abendschoppen. Wir verfügen beide über kein sonder 
liches Maß von BegeisternngSfähigkeit, aber schon nach dem ersten 
Glase Wein leuchten unsere Augen, wir lassen die Gläser an 
einander klingen und erzählen unS von unserer „goldenen Jugend". 
Wir sind wahrlich keine Duckmäuser und Stubenhocker gewesen, 
haben getrunken, geliebt und gefochten, wie es sich für den 
akademischen Bürger geziemt, aber wir haben uns und unser 
Treiben während dieser Zeit der holden Jugendeselei niemals 
ernsthaft genommen. Seither ist die „goldene Jugend" zur jsrmssss 
ckorss geworden, ungefähr wie das echte Gold durch das Talmi 
ersetzt worden ist. Georg Malkowsky. 
Schönebergs Entwickelung 
ii. 
'• >; ’! Answers über die Entwickelung der Besitz- 
<7%/ . : >»bt das 1591 vom Amtsschreiber Joachim 
Brau .’wnn: Georgs Befehl außerordentlich eingehend 
angele Erbregi'ler. Wjr finden da außer dem kurfürstlichen Vor 
werk, : r Lchärcres mit 800 Schafen, noch einen kurfürstlichen Garten: 
„Er is. Hopsen beleget, daneben etliche Länder zu Kohl, Zibollen 
undt anderer Küchenspeise gewonnen wird, wird von der Herrschaft 
gebraucht." Das Dorf zählte nenn Hufner, unter ihnen Peter 
Lorentz, „eingesetzter Schulze" und acht Kossäten. Außerdem 
existierte das Schlegersche Freigut und der Krug des Dorfes. Ueber 
die Eintreibung der Gefälle, Zehnten und Püchte giebt die Amts 
ordnung von 1617 Aufschluß, ebenso über die zu leistenden Hofe- 
dienste. Die letzteren waren recht bedeutende, und wenn sie auch 
teilweise gegen ein geringes Raturalienentgelt geschahen, so entzogen 
sie doch in beträchtlicher Weise die Arbeitskräfte und Gespanne der 
Bewirtschaftung des eigenen Landes. Die Bauern waren in dieser 
Beziehung entschieden schlechter gestellt als früher. Immerhin war 
rege Kultur und Wirtschaft im Orte. Alles Land ist unter dem 
Pfluge, wir hören von keiner wüsten Hufe, wie deren in den 
adeligen Dörfern, wo das „Bauernlegen" damals in schönster 
Blüte stand, genug zu finden waren, und daß der Landesherr 
auf ordnungsmäßige Erfüllung und Erhaltung seiner Gerechtsame 
bestand, war nur in der Ordnung und wird gewiß nötig gewesen 
sein. Ist doch die traditionelle „Bauernschlanheit", mit der der 
Märker sich unbequemen Pflichten zu entziehen verstand, aus 
zahlreichen zeitgenössigen Beispielen bekannt genug. 
Aus den für die Mark sonst so überaus ernsten Zeiten des 
dreißigjährigen Krieges ist für Schöneberg eine Episode zu ver 
zeichnen, die einen gewissen komischen Beigeschmack bat: die englische 
Einquartierung. Im Mai 1620 war in oder Elbe ein Heerhaufen 
von etwa 3000 englischen Sträflingen niib Abenteurern gelandet, 
den König Jacob I. dem Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, 
seinem Schwiegersöhne, zu Hilfe sandte. Dieser, der sogenannte 
Winterkönig, stand in Prag, und da der Brandenburger Kurfürst 
Georg Wilhelm mit ihm verschwägert war, so wählte das 
englische Hilfsheer den Weg durch die Mark. 
Am 30. Juni quartierten sich die Söldner in der Umgegend 
von Berlin in Britz,Tempel- 
hof und Schöneberg ein. 
Run ging aber in Berlin- 
Cölln eine furchtbare Auf 
regung an, die Bürger 
wählten eine Wache und 
ein paar Anführer, und 
„da war ein Trommel 
schlagen und Schießen, ein 
Platzen und Schreien in 
beiden Städten die ganze 
Nacht hindurch, daß ihrer 
wohl gar wenige werden 
geschlafen haben) denn es 
war alles betrunken, was 
da war." Den helden 
mütigen Engländern aber 
fuhr von all dem Schießen, 
Trommeln und Schreien 
hinter der Stadtmauer der 
Schreck in die Glieder, 
schleunigst marschierten sie 
in der Richtung auf den 
Spreewald ab. Die we 
nigsten werden ihr Ziel 
erreicht haben; denn in 
Massen fielen sie den herr 
schenden Seuchen zum 
Opfer, und viele wurden 
von den Bauern tot 
geschlagen. 
Aber die Zeiten werden 
schlimmer; in den fort 
währenden Durchzügen 
der Kaiserlichen wie der 
Schweden wurde die Mark 
ja so verwüstet, daß noch 
heut die Spuren davon 
zu Tage liegen. Wenn auch 
Schöneberg durch die Nähe 
Berlins und durch seine Eigenschaft als Eigentum des Kurfürsten 
einigermaßen im Vorteil gewesen sein mag, so hat es doch schwer 
leiden müssen. Rach Beendigung des Krieges heißt es in einer Eingabe 
des Teltower Kreises: „Eß scheinet, alß wen der Gerechte Gott daß 
goranß mit diesen armen, ruinirten Kraiß machen wollte." Wüste 
Dörfer und Höfe waren nichts Seltenes in märkischen Landen. Auch 
in Schöneberg lagen verschiedene Hufen jetzt wüst. Der Große Kur 
fürst, der sofort mit aller Energie an die Hebung seines Landes ging, 
mußte mit allen Mitteln für Ordnung sorgen und auf „Kon 
servierung" seiner Unterthanen bedacht sein; so zog er auch neue 
Ansiedler nach Schöneberg. Das Land wurde ihnen ohne jede 
Kaufsumme, der Hof und die Wirtschaftsgeräte nur gegen Ver 
pflichtung zu Abgaben und Diensten überlassen. Sie durften aber 
die Güter nicht, wie die ursprünglichen Hofbesitzer, verlassen oder 
letztwillig vererben. Sic wurden gewissermaßen an die Scholle 
gebunden. 
Daß der Große Kurfürst eine gewisse Vorliebe für Schöneberg 
besaß, beweist die Anlage des botanischen Gartens, den er im 
Jahre 1656 dem Botaniker L>i\ Elsholtz unterstellte. Ueber die 
weitere Entwickelung dieser Schöpfung hat der „Bär" in Rr. 29, 
S. 457 berichtet. 
Auch der Kurprinz Karl Aemil weilte oft in Schöneberg 
auf dem Gute des Rates Daniel Stephani, der 1662 zum 
„Direktor stuckiornin" des Prinzen ernannt worden war. Den 
jungen Fürsten ereilte bekanntlich 1674 in Straßburg ein früher Tod. 
Rekvriil-Gyniilalluln in Schöneberg.
        
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