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Periodical volume 11.November 1899 Nr, 45

Full text: Der Bär Issue 25.1899

7IS 
Bettina stottert. -if >>rr,:scht und errötend: „Wie, Sie sind 
schon da?" 
„Seit zehn Ul rar rwundere ich Sie; Sie aber hatten mich 
nicht bemerkt und wo!:'.er schon den Schauplatz Ihrer Thaten ver 
lassen, ohne mera. ihinft abzuwarten? Ihre Zeitangabe lautete 
doch: Vor Sw t? gang, und noch bescheint die Sonne Ihr 
in Glut getw G sicht und Ihr goldig flimmerndes Haar. 
Warum woll: . i'i? chon gehen, Bettina?" 
Er spie ) ,.ea Namen mit so weichem Klang, daß sie ein 
Erschauern n, rar o und nach kurzem Schwanken mit ehrlichem, 
fast kindl- .ifblick erwiderte: „Ich wollte mich aus dem 
Staubt, i . bangte mit einemmale vor dieser Begegnung." 
„Wt... 
„;L: >eil ich — mir vorgesetzt hatte, Ihnen Moral 
zu Prediger 
Srä w Worte zaghaft gesprochen und setzte dann hastig 
hinzu: , . werden das dreist, anmaßend, vielleicht gar lächerlich 
finden, . ' Sie müssen meiner Freundschaft für sie schon etwas zu 
gute ha':.r Als ich Sie gestern in Gesellschaft von Spielern sah —" 
B ' na stockte hier in holder Verwirrung; darauf ergänzte 
Hat' .fren Gedanken: „Da erging es Ihnen ähnlich wie Gretchen, 
als Faust in Gesellschaft des Satans sah, es that Ihnen in 
der Seele weh." 
Bettina blickte schüchtern in sein Gesicht, um sich zu ver 
gewissern, ob er spotte oder ernsthaft rede. Haller aber sagte mit 
wehmütigem Lächeln: „Bitte, fahren Sie nur fort! Ich befinde 
mich just in der rechten Stimmung, um eine mahnende Stimme 
zu hören. Klagen Sie mich an, schelten Sie mich aus — Ihr 
Wort soll einen guten Ort finden." 
Er befand sich in der That in elegischer Stimmung; denn er 
hatte das Gerichtsgebäude mit nagenden Gedanken in der Seele 
verlassen. Am kommenden Tage sollte er Deckung für einen auf 
fünftausend Mark lautenden Wechsel und für eine Spielschuld im 
Betrage von dreitausend Mark schaffen. Alle seine Versuche, ein 
Darlehen zu erhalten, waren aber fehlgeschlagen. Er schritt nun 
an Bettinas Seite durch den einsamen Park, hinter dessen ent 
laubten Bäumen die Sonne wie ein glühender Ball stand und 
ihre Purpurpfeile an den dunklen Stämmen vorbei auf die Schnee 
decke warf. Die Stimme der schönen Warnerin war von der sie 
beherrschenden tiefen Bewegung leicht umflort, hatte aber einen 
weichen, zum Herzen dringenden Klang. Haller achtete wenig auf 
den Sinn ihrer Rede; denn Bettina konnte ihm nichts sagen, was 
er sich nicht schon selber oft, aber stets vergeblich, vorgehalten 
hatte. Er gab sich ganz dem Reiz ihrer blühenden Schönheit und 
dem melodischen Tonfall ihrer Stimme gefangen. Als sie nun 
ihre Vermahnung mit der herzlichen Bitte abschloß, Haller möge 
alle unwürdigen Schmarotzer von sich abschütteln, möge dem Spiel 
und anderen ebenso flüchtigen wie gefährlichen Zerstreuungen ent 
sagen, damit er, getragen von der Achtung und Bewunderung 
aller Guten und Edlen, seine große Mission erfüllen könne, da 
regte sich sein heißes Blut. Er fühlte sich mächtig zu Bettina hin 
gezogen und gleichzeitig ergriff ihn ein an Verzweiflung grenzendes 
Mitleid mit seiner eigenen, in unwürdiger Lage besindlichen 
Person. 
Bei einer Lichtung des Parkes angekommen, warf Haller 
einen melancholischen Blick ans den Winterhimmel, an dessen 
Horizont die untergegangene Sonnenherrlichkeit nichts zurückgelassen 
hatte als einen blutroten Streifen auf grauer Wolkenschicht, dann 
sagte er mit leise bebender Stimme: „Ihre Warnung, meine liebe, 
verehrte Freundin, ist so berechtigt, so zutreffend, daß ich bei jedem 
Satz hätte ausrufen mögen: das Echo meines Gewissens! Jede 
Ihrer Vorhaltungen hab ich mir selber gemacht, aber nie zuvor hat 
eine davon so eindringlich auf mich gewirkt, wie eben jetzt, da ich sie 
aus Ihrem Munde vernommen. Ich danke Ihnen dafür — danke 
Ihnen tausendmal — denn ans Ihren Anklagen, Vorwürfen und 
Winken klang die tiefste Anteilnahme für meine Leiden, Kämpfe 
und Zukunftspläne hervor. Ach, wenn ich mich erheben könnte!" 
Dieser letzte Satz klang wie ein sehnsüchtiger Aufschrei. Er 
warf die Arme in die Luft wie ein Verzweifelter, und seine Augen 
füllten sich mit Thränen. 
Ein tiefes Erbarmen flutete durch Bettinas Herz, und sie 
fragte leise: 
„Was hindert — was fesselt Sie? — Fehlt Ihnen die Willens 
energie?" 
„O nein! Ich glaube, Ihnen und der ganzen Welt bewiesen 
zu haben, daß meine Unternehmungslust, mein Arbeitseifer und 
meine geistige Spannkraft so leicht nicht zu überflügeln sind. Wer 
als Rechtsanwalt Jahreseinnahmen von fünfzig- bis sechzig 
tausend Mark erzielt, der muß wohl Energie besitzen. Was mich 
aber niederdrückt, was mich hindert, meine Geistesschmingen frei 
zu entfalten, das ist die mich umgebende LebeuSsphäre, das ist eine 
Last, die ich mir in der Zeit jugendlicher Unerfahrenheit und Un 
reife aufgeladen, und die mich jetzt niederzerrt, ja völlig erdrückt. 
Sie, meine einzige liebe Freundin, sollen alles erfahren, alles wissen. 
Lassen Sie uns den einsamsten Pfad des Parkes aufsuchen." 
Er hatte ihre beiden Hände erfaßt und sie mit Blicken an 
gesehen, bei denen es Bettina heiß überlief. Run folgte sie ihm 
mit klopfendem Herzen und dem gemischten Gefühl von banger 
und schaurig süßer Erwartung. Haller schien die verschlungenen 
Pfade des Tiergartens genau zu kennen; denn er führte sie zu 
einem von Eichen- und Buchenstämmen bestandenen Weg, der 
Bettina im Abenddämmer so einsam erschien wie irgend ein stiller 
Waldpfad. 
Hier begann Haller seine Enthüllungen mit dem scharf 
accentuierten Satz: „Der Fluch meines Lebens heißt Lona." 
Bettina nickte leise mit dem Kopfe, und ihre Miene schien zu 
sagen: „Das wußte ich längst." 
Dadurch ermutigt, ließ Haller nun seinem Klagebedürfnis freien 
Lauf. Er sprach von der herben Enttäuschung, die ihm seine Frau 
schon in dem ersten Jahre ihrer Ehe bereitet habe. Durch ihre 
Schönheit, ihren Verstand und ihren Bildungsdrang irregeleitet, 
habe er geglaubt, eine für alles Große, Schöne und Erhabene 
erglühende Lebensgefährtin zu finden. Er habe gehofft, daß sich 
Lona willig ihm anschmiegen werde, daß sie seine hohen Aspirationen 
teilen, daß ihr Denken und Empfinden mit dem seinigen harmonieren, 
daß sie ihn zu kühnen Unternehmungen anspornen und durch Ver 
ständnis, freudige Anerkennung und — wo es Not thun sollte — 
auch durch Opferwilligkeit ermutigen, anfeuern, und vorwärts 
treiben werde. Von all diesen Erwartungen habe sich keine einzige 
erfüllt. Der Reiz von Louas Schönheit sei, durch ihre Nach 
lässigkeit in Kleidung und Haltung, bald verflogen, ihr Bildungs 
drang sei erlahmt, ihre Verstandesschärfe aber habe sich auf 
seine Kosten ausgebildet. Lona, bei der er Phantasie, und 
Gemüt vorausgesetzt, sei eine kritisch veranlagte Natur, eine 
Schwarzseherin, die nur die Schwächen und Fehler ihrer Nächsten 
in Betracht ziehe, nicht aber deren Vorzüge. Sie gleiche heute 
einem abgeblühten Rosenstock, an dessen Dornen sich jeder verwunde, 
der oft mit ihr in Verbindung komme. Er aber sei ein warm 
fühlendes Menschenkind, das für seine Reden und Handlungen des 
starken Widerhalls bedürfe. Da er bei seiner Frau aber nichts 
gefunden als kleinliche Lebensauffassung, Mißtrauen und spöttischen 
Tadel, so sei ihm das Familienleben verleidet worden, und er habe 
sich in den Strudel des weltstädtischen Gesellschaftslebens gestürzt. 
Um sich über sein Elend wegzutäuscheu, habe er wahllos lustige 
Leute um sich geschart, habe sein Einkommen vergeudet, sein geistiges 
Vermögen verzettelt und fühle sich gegenwärtig elender und ver 
zweifelter denn je zuvor. Ja, in dieser Stunde sehe er es mit 
aller Klarheit voraus, daß er an Lonas Seite einem Abgrund zu 
treibe. — Was ihn erretten, was ihn wieder erheben und für die 
erträumten Jugendideale wieder entflammen könne, das sei eine 
gleichgestimmte, starke Frauenseele, die ohne Rücksicht auf die land 
läufige Gesellschaftsmoral es wage — über alle Schranken und 
Hemmnisse hinweg sich mit ihm zu verbinden. 
(Fortsetzung folgt.)
        
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