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Periodical volume 4.November 1899 Nr, 44

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Der Brand des Ranbkierhausrs im Berliner 
Zoologischen Garten. 
» nt 17. Oktober früh um Vz6 Uhr wurde ich von einem Wärter 
herausgeklingelt mit dem Ruf: „Das RailbtierhauS brennt!" Ich 
kann mcht sagen, so schreibt der Direktor des Zoologische» Gartens, 
Dr. L. Heck, daß ich von diesem Augenblick an besonders aufgeregt ge 
wesen wäre; jedenfalls war ich aber so schnell in den notwendigsten 
Kleidern und unten im Freien wie noch nie in meinem Leben. Als 
ich im Laufschritt mich der Brandstelle näherte, sah ich gerade den ersten 
roten Feuerschein zum nebligen Hcrbsthimmel aufgehen, und das be 
flügelte selbstverständlich meine Schritte noch mehr. Mit unserem In 
spektor Havemann, der ohne Hut und nur leicht bekleidet bereits zur 
Stelle war, und zwei Wärtern drang ich ohne Besinnen in das Haus 
ein. Dicker Qualm schlug uns entgegen, der einem so den Atem be 
nahm, daß man kein Wort hervorbrachte. Da ertönten glücklicherweise 
das Rasseln und die Signale der Feuerwehr. Ich lief wieder ins Freie 
und rief dem Brandmeister Pistorius zu: „Glasdach einschlagen! Glas 
dach einschlagen!" Ins Haus zurückgeeilt, hörte ich auch schon die Axt 
hiebe der braven Feuerwehrmänner und sah die Scheiben niederprasseln. 
Jetzt gab es Luft, und man konnte einigermaßen eine Uebersicht ge 
winnen. Der Fußboden der Käfige war wie besäet mit Holzkohlen, und 
die Tiere, halb betäubt von dem Quält», drückten sich, ergeben in ihr 
Schicksal, vorn am Gitter in 
die Käfigecke. Der Jaguar 
in dem Käfig, zunächst der 
Heizung, in der das Feuer 
ausgekommen war, lag be 
reits tot auf der Seite. Da 
gegen die prächtige deutsch- 
ostafrikanischc Löwin tut 
nächsten Käfig, Wißmanns 
Geschenk, hielt den Kops 
noch hoch mit offenem, 
„hcchzendem" Maul. Rasch 
den Reiuigungsschlauch an 
den Hahn vor dem Gitter 
und einen Wafferstrahl über 
sie zur Linderung! Der 
schwarzmähuige Somalilöwe 
rannte auf den Glasscherben 
und den schwelenden Holz 
kohlen hin und her, hielt 
ab und zu einen schmerzenden 
Fuß hoch und stellte sich 
recht duitim an, ehe er 
merkte, daß wir ihm ins 
Freie helfen wollten. Tic 
übrigen Tiere waren — eine 
Zentnerlast vom Herzen! — 
ganz ungefährdet und un 
verletzt und folgten glatt 
unseren gewohnten Kom- 
mandostimmen in dieAußcu- 
käfige. Jetzt zurück zur 
Löwin! „Unisctzkasteu her!" 
Ein Schlüssel als Lassoring 
an ein Tau gebunden, das 
andere Ende durchgezogeu, 
die Schlinge um ihren Hals, 
mit einem Brett nach 
geschoben, hinein in den 
Kasten und heraus mit ihr 
in die frische Luft an einen 
stillen Platz! Dort überließ ich fie einem befreundeten Tierarzt aus der 
Nachbarschaft. Nun noch die beiden Kleinen, einen jungen Puma und 
einen jungen Jaguar, in die Kasten, die der Inspektor inzwischen herbei 
geholt hatte. Flugs ist unser kleiner Norweger, in dem ein Tierbändiger- 
verloren ist, im Käfig, hat sie gepackt, und sic sind schon im Kasten auf 
dem Wege nach dem kleinen Raublicrhause, ehe stc nur wissen, wie 
ihnen geschieht." 
Berliner Chronik. 
Am 20. Oktober feierte Professor Rudolf Virchow sein 40jährigcs 
Jubiläum als Stadverordnetcr von Berlin. Er hat sich als solcher namentlich 
um die Durchführung sozialer und hygienischer Reformen verdient gemacht, 
so um die Einführung der Kaualisation, um die Anlage der städtischen 
Krankenhäuser und um die Umformung der Berliner Elementarschulen. 
Am 2t. Oktober starb der frühere Direktor der Sophienschule, 
Professor Albert Ben ecke im 74. Lebensjahre. Er war Ostern 1897 
aus seinem Amt geschieden. Litterarisch ist er namentlich durch seine 
„Grammatik der französischen Sprache" hervorgetreten. 
Am 22. Oktober feierte der Sanitätsrat Dr. Neumann seinen 
80. Geburtstag. Er wurde 1819 zu Pyritz in Pommern geboren und 
ließ sich 1845 in Berlin als Arzt t,jeder. Der Berliner Stadvcrordneteu- 
Bersammlung gehört er seit 1859 an und hat sich namentlich um btc 
Statistik Berlins verdient gemacht: so sind die Berliner Volkszählungen 
von 1861 und 1864 von ihm bearbeitet worden. 
In der Nacht vom 22. zum 28. Oktober wurden in der Sicges- 
allcc durch Bubenhand die Seitcnfiguren der Standbilder Albrechts des 
Bären, Ottos I., Ottos II. und Albrechts II. in rohcsterWcisc verstümmelt. 
Am 27. Oktober hielt Professor Franz von Lißt, der berühmte 
Strafrechtslchrcr, seine Antrittsvorlesung an der Berliner Universität 
über das Thema: „Das Verbrechen als sozinlpathalogischc Erscheinung." 
Märkische Chronik. 
Potsdam. Am 1. November feierte das Große Militär 
waisenhaus sein 175jähriges Bestehen. 
Königsberg N.-M. Am 17. Oktober feierte Professor Dr. Bötlger 
das 25 jährige Jubiläum als Direktor des hiesigen Gymnasiums. 
Kleine Mitteilungen. 
Das Fürstenhaus in der Knrstrahe 52/53 war ein Bau 
Nerings, des Architekten des Zeughauses. Es wurde im Jahre 1674 
für den SMatsminister von Danckelmann erbaut. Als dieser in 
Ungnade fiel, kam der Palast an den Kurfürsten Friedrich III. und 
wurde nunmehr als Absteigequartier für fremde Fürstlichkeiten benutzt. 
So logierten im 18. Jahrhundert im Fürstenhause: Prinz Eugen, 
der Herzog von Marlborough, Fürst Menzikoff und Fürst 
Leopold von Anhalt, der „alte Dessauer". Vorübergehend befand 
sich hier auch die „Generalkriegskanzlei", das erste Kriegsministerium. 
Später gelangte das Fürstenhaus in den Besitz der Stadt Berlin, welche 
es dem Friedrichs Weiderichen Gymnasium zu Klassen und 
Lehrcrwohnungcn überwies. Ende 1884 verkaufte die Stadt das alt 
ehrwürdige Gebäude, das zuletzt noch der Handwerkerschule gedient 
hatte, an die Edisongescllschaft, und so versiel das an historischen Er 
innerungen reiche Gebäude leider dem Abbruch. 
Die öffentliche Bibliothek und Oesrhalle, welche zu un 
entgeltlicher Benutzung für jedermann im Gartenhaus des Grundstücks 
Alcxandrincnstraße 26 errichtet worden ist, wurde am Donnerstag, den 
26. Oktober der Benutzung übergeben. Die Lesehalle wird an den 
Wochentagen abends von 57 2 bis 10 Uhr, an Soun- und Festtagen 
von 9 bis 1 und 3 bis 6 Uhr geöffnet sein. Die Bibliothek wird dem 
Publikum zum Entleihen der Bücher an den Wochentagen abends von 
57 2 bis 9'/, Uhr, au Soun- und Festtagen von 9 bis 1 Uhr offen stehen. 
In der Bibliothek sind zur Zeit nur belletristische Werke und Werke über 
Kunst, Kunstgeschichte, sowie über ReäitS- und Staatswissenschaft vor 
handen. Alle anderen Disziplinen, insbesondere die Abteilungen über 
Geschichte, Geographie, Nationalökonomie, Nalurwisseuschaften u. s. w. 
befinden sich in Vorbereitung und werden im Lause der nächsten Zeit 
je nach Fertigstellung der Benutzung übergeben werden. 
Berliner Ferienkolonien. Mehr als 3400 armer, kränklicher 
Berliner Kinder habe» im letzten Sommer in Wald und Flur, au der 
See oder in Soolbädern Erholung und Kräftigung durch die Sammlungen 
des Komitees der Ferieukolonie» finden können; aber größer noch war die 
Zahl der Erholungsbedürftigen, die zurückbleiben mußten, weil die erforder 
lichen Mittel fehlten. Um allen Menschenfreunden Gelegenheit zu geben, 
das Liebeswerk der Ferienkolonien unterstützen und ihr Scherslein spende» 
zu können, sind heut schon in vielen wohlbekannten Bier- und Wein 
restaurants, Konditoreien, Hotels, Warenhäusern rc. Sammelbüchsen 
aufgestellt. — Wer die Not der Großstadt kennt und weiß, daß gerade 
in der Jugendzeit Geist und Körper gestärkt werden müssen, um später 
den schweren Kampf um das Dasein erfolgreich führen zu können, wird 
gewiß gern bereit sein, ciuc Gabe, und sei sie noch so klein, den 
Sammelbüchsen der Ferienkolonien zuzuwenden. Wenn von den fast 
1800 000 Berlinern nur jeder sechste Einwohner 10 Pfennig im 
Der Brand des Raubtierhausrs im Berliner Zoologischen Garten.
        
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