Path:
Periodical volume 28.Januar 1899 Nr, 4

Full text: Der Bär Issue 25.1899

m 
über die Welt denkt, ja auch wohl, wie er sich über sic ein wenig lustig 
macht, so zeigt sich jetzt eine viel größere Reife, indem er malt, wie er 
die Welt schlicht ohne Nebengedanken sicht. Mit der Gesamtlebens 
auffassung der Gesellschaft seiner Vaterstadt entwickelt sich auch die seine 
zu einem neuen Stadium. Der Berliner, der solange doch nicht viel 
weiter sehen konnte als über seinen Stadtkreis hinaus, beginnt in der 
Welt herumzureisen, zu schauen, zu lernen. Er weiß, daß seine Vater 
stadt zur Weltstadt heranreift, er sucht sich tüchtig genug zu machen für 
diese kommende Zeit. Mit welchem Eifer das geschah, spiegelt sich in 
der Behauptung, daß man nirgends wo in der Welt sein könne, ohne 
einem Berliner zu begegnen. In Skarbinas Kunst ans dieser Zeit 
sehen wir all' diese Züge hervortreten. Sein satyrischer Geist hatte sich 
schon etwas abgeklärt, die Reife des Mannes macht sich gelten, der 
nicht mehr den Glauben des Jünglings besitzt, daß mit seinem Eintritt 
in die Welt alles anders werden müsse) der Mann sicht ein, daß 
eigentlich alles so bleibt, daß die Aenderungen in der Zeilen Strom in 
ganz kleinen Etappen geschieht) er sucht aus diesem Gefühl heraus die 
vergangene Zeit erst einmal zu verstehen. Dieses Ausreifen der Welt 
anschauung hatte sich bei Skarbina 
zwischen 1878 und 1882 in Rokoko- 
und Empirebildern gezeigt, die meist 
einen intimen Geist des Studiums 
der intimen Sittengeschichte dieser 
Zeit atmen. Nun aber beginnt er 
sich in der Welt umzusehen. Er 
niacht Reisen nach Belgien, Holland, 
Frankreich, England. Er sucht und 
schildert aus diesen Ländern nicht 
etwa die malerischen Winkel und 
Reste aus der Vergangenheit. Das 
flutende Leben der Gegenwart in 
teressiert ihn nur. ,.Straßenbilder", 
„Bilder aus den Seebädern", aus 
„Kneipen" und „Salons" sind seine 
Sujets. Aber vielleicht noch wichti 
ger, als diese Erweiterung seines 
Stoßkreises ist die Bekanntschaft mit 
der Freilicht- und Impressionismus- 
Malerei, die ihm diese Reisen 
bringen. Er ändert vollständig seine 
technischen Ausdrucksmittel, bleibt 
ein ganzes Jahr in Paris, dort aufs 
emsigste studierend und arbeitend. 
Und dann konimt, tvas sich in der 
ganzen geistigen Welt von Berlin 
vollzieht, das Besinnen auf die 
Heimat. Die reifen Früchte dieser 
Periode sind seine Pastelle, Aquarelle 
und Oelbildcr aus Alt-Berlin, voin 
Weihnachtsmarkt und das wunder 
bar rührende „ein Blick aus dem 
historischen Eckfenster". Dies Bild 
erhebt sich trotz seines kleinen For 
mats in seiner still schlichten Schil 
derung der ihrem alten Kaiser zu 
jubelnden Menge, zu einer echt 
historischen Auffassung. Eine Fülle 
von Studien, die mit intimstem 
Blick, die „Bannmeile" von Ber 
lin schildern, sind daneben entstanden 
(zu ihnen gehört unsere „Studie ans 
der Jungfernhaidc", wie auch 
der bekannte „Weg zwischen Schöne- 
berg und Wilmersdorf"). Dieser 
Gürtel um die Riesenstadt, wo sic wie 
das Meer mit seinen brandenden 
Wellen die Trümmer von dem aus 
wirft, was sieverschlungen hat, was 
in ihr untergegangen ist, wird von 
dem Meister ebenso gern als Motiv 
für seine Schilderungen benutzt, 
wie die innerste Stadt, wo das Neue mit dem Recht des Lebenden 
das ehrwürdige Alte von seiner Stelle drängt. Die idyllische 
Ruhe der Jungfernhaide ist bekanntlich durch die Anlage einer Haltestelle der 
Ringbahn auch schon gestört; auch hier branden bereits die Wogen 
des Großstadtlebens. 
Bildhauerei. 
f or einigen Jahrerr erregte auf der Großen Berliner Kunstausstellung 
eine überaus schöne Skulptur eines jungen Berliner Bildhauers 
Aufsehen. Sie stellte Friedrich den Großen in den letzten Tagen 
seines Lebens dar. Der greise König sitzt aus dem historischen Lehn 
stuhl, den er ja in den Tagen vor feinem Tode kaum noch verließ) 
der Oberkörper ist nur leicht mit einem Hemd bekleidet, um die Knie 
und Füße 'ist ein Tuch geschlungen. Die „besten Freunde" des greisen 
Herrschers, die treuen Windspiele, sind bei ihm. Eines liegt ruhig zu 
seinen Füßen, das andere schmiegt sich, geliemost von der linken Hand 
des Königs, an ihn, mit dem treuergebenen Blick zu ihm aufschauend, 
den Hunde für ihren Herrn haben. Der König hat sich leicht aus den 
Kissen aufgerichtet und stützt sich mit dem rechten Arm auf die Seiten 
lehne des Sessels. 
Wahrhaft meisterlich, war der Gegensatz zwischen dem verwelkenden 
Körper und dem geistigen Leben im Antlitz und in den Händen künst 
lerisch erfaßt und dargestellt. Der Kopf hat zunächst etwas befremdendes. 
da natürlich Perrückc und Zopf fehlen, ohne die man sich doch den 
„alten Fritz" beinahe kaum vorstellen kann. Nur an den Schläfen zeigen 
sich noch leichte Haarbüschel, so daß der gewaltige, hochgemülbtc Schädel 
in seiner Kahlheit um so imponierender in die Erscheinung tritt. Dieser 
mächtigen Stirne sieht man an, wie bedeutende Gedanken und Er 
wägungen hinter ihr bewegt und zu weltumwälzenden Entschlüssen 
umgeformt morden sind. Und doch ist sie nicht brutal, auch die geistige 
Feinheit des „Philosophen von Sanssouci" spricht aus ihr. Unglaublich 
rührend sind die Augen, müde, müde nach langem Schauen scheinen 
sic weit in die Ferne zu blicken. Es liegt in chncn schon ein Ahnen 
vom Jenseits. Die scharfe Adlernase des Königs ist durch die baldige 
Auflösung noch schärfer geworden und ragt, den ganzen unteren Teil 
des Gesichts beherrschend, weit hervor. Es drückt sich ein gut Teil 
noch nicht erloschener Energie in ihr aus. Das Kinn und der feine 
Mund mit den etwas abwärts gezogenen Winkeln sind ganz die Formen 
eines Mannes, dem das Geistige sein Leben lang höher gestanden hat, 
als alles Materielle, die Formen eines seinen Denkers. Und doch 
spricht auch aus dem scharfen Winkel des Kinns nach dem Halse zu 
noch energische Entschlossenheit. 
Vollendet in ihrer psychologischen 
Eharakterisicrung sind auch die 
Hände. Die erschlaffenden Sehnen 
der abgemagerten Formen lassen das 
baldige Ende ahnen) nur noch lcichr 
und lose ist der Griff, der einst 
wie Adlerfänge packic und hielt, 
was er gepackt hatte. Wunderbar 
ist, wie bei all dem Verfall des 
Menschen doch der Herrscher, der 
geistig überlegene König in der 
ganzen Statue ausgedrückt ist. 
Das Werk, das damals nur 
in einem Gypsabguß ausgestellt 
war, wurde auf der Kunstausstellung 
mit einer goldenen Medaille geehrt. 
Ter Künstler hat es nachmals in 
Marmor ausgeführt. Diese Aus 
führung, die vor einigen Wochen 
erst fertig geworden ist, sah Adolf 
von Menzel, gewiß der berufenste 
Beurteiler einer Darstellung Frie 
drichs des Großen. Der greise Meister 
hatte daraus beim Kapitel des 
fchivarzen Adlerordens Gelegenheit 
genommen, den Kaiser auf das 
Werk aufmerksam zu machen, und 
der Kaiser fuhr mit seiner hohen 
Gemahlin zum Atelier des .Künst 
lers. Lange betrachtete er das Bild- 
iverk, befahl schließlich, mit reichem 
Lob für den Künstler die frappante 
Wiedergabe des Geistigen anerken 
nend, den Ankauf und bestimmte als 
Aufstellungsort das Stcrbezimmer 
inSanssonci. Er stellte dem Künst 
ler auch weitere Aufträge für die 
Sicges-Allce in Aussicht. Harro 
Magnussen ist, woraus schon 
sein Name schließen läßt, friesischen 
Stammes. Künstlerisches Empfin 
den hat er schon von Jugend ans 
eingesogen) sein Vater war Maler 
und der Kaiser erinnerte sich, daß, 
als er einst als Knabe mit der Kai- 
serin Friedrich auf Führ war, er im 
Atelier von Magnussens Vater den 
jetzigen Bildhauer gezeichnet Hai. 
Das Zeichnen von Fischern und 
Schiffern hatte den Kindern des 
damaligen Kronprinzen auf die 
Dauer nicht mehr zugesagt. Dieser 
Erinnerung aus seiner Jugendzeit gab der Kaiser bei seinem Atelier- 
besuche in der leutseligsten Weise Ausdruck. Aus dem ehemaligen 
Knaben, der einmal zur Abwechselung Modell gesessen hat, 
ist iiizivischen ein ganzer Mann geworden. 
(Oljrsirr. 
S uch Hermann Sudcrmann segelt im Fahrwasser des modernen 
Romantizismus. Erst der „Johannes", und nun „Die drei 
Rciherfedern"; erst die Legende und nun das Märchen. Von der 
„Ehre" bis zn den „drei Rciherfcdcrn", die am vorigen Sonnabend 
zum ersten Male im Deutschen Theater gegeben wurden, ist zwar ein 
weiter Abstand, allein er überrascht nicht.' Sndermann ist nur dem 
Zuge der Zeit gefolgt, die für das „Stilisieren" eine besondere Schwäche 
hat. Neben den stilisierten Landschaften besitzen wir schon ziemlich lange 
auch stilisierte Dramen, und selbst die Franzosen, die als Hort der 
Realistik galten, sind der Romantik verfallen. Ob diese Wendung in 
der Bühnenlitteratur zu beklagen ist, oder nicht — wer wollte das jetzt 
schon entscheiden? Eine spätere Zeit wird darüber richten; uns aber 
bleibt nur die subjektive Empfindung und nebenbei die Ueberzeugung, 
daß ein Umschwung Halle kommen müssen nach den Ausschrcitnugen 
des Naturalismus. 
Harro Magnussen und sein Werk.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.