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Periodical volume 28.Oktober 1899 Nr, 43

Full text: Der Bär Issue 25.1899

gestellt. Jumingsfahnen und Embleme der Gewerke schmückten 
die Wände, dazwischen waren alte Gerätschaften und Handwerk- 
zeuge angebracht, und am Boden standen Trüben und Gewerks 
laden, in denen sich Humpen und Becher, Siegelstempel und 
Jnnungsszepter, Tabaksteller und mannigfache andere Kleinigkeiten 
des Jnnungswesens befanden. Quer durch die Vorhalle streckten 
mehrere Herbcrgsschilder ihre wundersam verschnörkelten Anne. 
Eins derselben, das Herbergsschild der Berliner Schlächter- 
gescllenschaft aus dem Jahre 1778, ist auf der Abbildung auf > 
S. 682 sichtbar; es ist im Rokokostil mit Blumen, Tieren und 
Rankenwerk reich ausgestattet und trägt eine vergoldete Jnschrifts- 
tafel. Am anderen Ende dieser Vorhalle waren größere kirchliche 
Bildwerke aufgestellt: überlebensgroße Kruzifixe und Heiligen 
gestalten, Altarbildgruppen und Holzschnitzereien, Armleuchter und 
Sanduhren, Kanzelteile und Wetterfahnen von Kirchtürmen, Uhr 
werke, eiserne Altargitter und ähnliches. Einen Einblick in diese 
Abteilung gewährt die Abbildung auf S. 682. 
(Ein weiterer Artikel folgt.) 
Professor Doktor August Garcke 
ZU seinem achtzigsten Geburtstage. 
* in weit über die Grenzen Berlins und der Mark hinaus 
bekannter und geschätzter Gelehrter, der Doktor der Theologie 
und Professor der Botanik, August Garcke, feiert am 25. Oktober 
seinen 80. Geburtstag. Durch einen Zeitraum von fast 50 Jahren 
hat er au der Berliner alma mater Generationen von Studierenden, 
zumeist Mediziner, Pharmazeuten und Botaniker, in die Lebens- 
bedingnngen und Erscheinungen der märkischen Flora eingeweiht. 
Auch zahlreiche Leser des „Bür" werden sicher noch mit Freuden 
der weiten Wanderungen an den wald- und wiesenreichen Spree- 
und Havelufern gedenken, bei denen der schier unermüdliche, gegen 
Dornengestrüpp, wie gegen die Unbilden eines 
Platzregens gleich unempfindliche Forscher mit 
langausholenden Schritten die T«te hielt. 
Wahrhaft erstaunlich aber war und ist noch 
heute der Orientierungssinn des Gelehrten, der 
ihn die lieblichen, häufig unscheinbaren Spröß 
linge der märkischen Erde an mitunter ganz 
engbegrenzter Stelle mit derselben Sicherheit 
auffinden läßt, mit welcher der Indianer der 
transozeanischen Pampas die Weideplätze seines 
Jagdgetiers wittert. Nur hinkt, wie die meisten, 
auch dieser Vergleich insoweit, als unser Jubilar 
den holden Kindern der Natur gegenüber eine 
zarte Schonung bekundete, die ihn nie zwecklos 
ein Pflanzenleben opfern ließ. Wohl aber hat 
er neben Matthias Schleiden zuerst auf die 
physiologischen Erscheinungen in der Botanik, 
aus die Einwirkung des Bodens ans die Ent 
wickelung des Einzesgewächfes, hingewiesen. 
Auch in der Pflanzengeographie hat Garcke 
mit der Exaktheit des Statistikers neue Bahnen 
eingeschlagen. Wahrhaft epochemachend find 
seine Forschungen auf dem weiten Gebiete der 
Kryptogamen; die Daseinsbediugungen für die 
Moose, Flechten, Algen und Pilze, ihrem 
innersten Wesen bis zur Zelle nachgehend, hal 
der nimmer ruhende, greise Gelehrte wie niemand vor ihm 
aufgeklärt. Doch nicht auf einzelne Zweige seiner Wissenschaft 
konnte ein Feuergeist wie der ihm innewohnende sich be 
schränken. Die „Flora von Halle und Umgebung", die später 
zur „Flora von Deutschland" ausgebaut wurde, steht an Umfang 
und präziser Bestimmung unistergittig da, ein Werk, so wohl an 
gelegt, so umfassend, wie es eben nur — ein Vergleich zwischen dem 
Jubilar und dem verstorbenen Professor Or. Daniel Sanders liegt hier 
nahe — deutscher Gelehrten-Eiser und Fleiß zusammentragen kann. 
Ueber den Werdegang unseres verehrten, hochverdienten Lehrers 
und Freundes möge hier folgendes seine Stelle finden: Professor 
Doktor August Garcke erblickte am 25. Oktober 1819 als Sohn 
eines Oberförsters zu Dräurode bei Mansfeld (Provinz Sachsen) 
das Licht der Welt. Der grüne Wald, der das Elternhaus rings 
umschloß, war sein täglicher Tummelplatz an des Vaters leitender 
Hand. Jugendliche Eindrücke und Gewohnheiten aber sind aus- 
I schlaggebend für das ganze Leben, und bis zum heutigen Tage ist 
dem rüstigen Achtzigjährigen am wohlsren in 
Gottes freier Natur. Bereits im sechsten 
Lebensjahre sehen wir den schnell auf- 
geschoffencn Knaben das isoliert liegende Eltern 
haus verlassen, um unter der Leitung von 
seiner Eigenart keineswegs Rechnung tragenden 
Lehrern auf dem Gymnasium der alten 
Lutherstadt Eisleben seine Schulbildung zu 
erhalten. Nach dem Wunsche der Seinigen 
widmete er sich durch sechs Semester dem 
Studium der Gottesgelehrtheit, hörte aber 
dessen ungeachtet auch Botanik und Zoologie. 
Nach bestandenem ersten Staatsexamen und 
Erlangung der Doktorwürde trieb ihn seine 
innerste Neigung, den Buchstabenkultus mit dem 
von Gottes schönster Schöpfung, der blühenden 
Natur, zu vertauschen. Durch seine Flora Rord- 
und Mitteldeutschlands wurde das preußische 
Kultusministerium auf den damaligen Privat 
dozenten aufmerksam. Ihm wurde ein Lehrstuhl 
an der Berliner Universität eingeräumt, an der 
er seit fast fünf Dezennien als Professor der 
Pharmakogliosie und Botanik in seiner be 
scheidenen Weise aufs segensreichste wirkt. Ein 
Hauptfeld seiner Thätigkeit ist außerdem noch 
heute das Kustosamt im botanischen Museum in 
der Grnncmaldstraße, zu dem er in wunderbarer Frische den stunden 
weiten Weg von seiner anmutenden Behausung in der Gneisenanstraße 
fast ausnahmslos zu Fuß zurücklegt. Möge es August Garcke 
noch ein ferneres Dezennium und länger vergönnt sein, in körper 
licher und geistiger Rüstigkeit die Daseinsfreuden zu genießen, die 
er vor allem in fördernder Geistesthätigkeit erblickt! 
Emil Goeritz. 
prüfe Isar Doktor August Garcke. 
Der „goldene Anker". 
das Denkmal für weiland Kaiser Friedrich sich 
erheben wird, an der nordwestlichen Ecke der „Museums 
insel", stand viele Jahre hindurch das „Mehlhaus". Es gehörte 
der Berliner Bäckerinnung und diente in seinem ersten Geschoß als 
Mehlspeicher, in dem oberen als Fcstsaal; das wußte jeder Berliner. 
Was aber nicht jeder kannte, das war das Sockelgeschoß mit 
seinem „goldenen Anker". Eine ganz harmlose Schisserkneipe war's; 
die Gäste kamen sowohl von der Land- wie auch von der Wasser- 
seite. Der Eingang lag auf der, der jeglicher Zudringlichkeit abge 
wandten Seite — ein in gedrungenen Verhältnissen gehaltenes 
plumpes Rundbogenloch, nach echtem Troglodytengcschmack ohne 
jeden künstlerischen Schmuck. Jäh, wie die Sockelmauern des 
Hauses, das mit seinen Grundvesten im Spreeboden wurzelte, stürzte 
dicht daneben ein Bollwerk in die Fluten, gekrönt von einer wein- 
umsponnenen Laube. Davor ankerten stets einige „Gottliebs" oder 
„Zillen", über welche der von der Wasserseite kommende Gast erst 
hinwegturnen mußte — ein Aequivalent für das schlechte Pflaster 
auf dem Cantianplatz, das auf der Landseite die Ueberraschuugen 
einleitete. Die Treppe, die in die gähnende Tiefe führte, barg 
noch einige Tücken in sich; hatte nian diese aber glücklich über 
wunden, so umfing einen ein beruhigendes Halbdunkel, das dein 
ganzen Milieu dort unten eigen war. Die Lust ist verbraucht, 
aus der Küche dringt Essengeruch; Bierdunst, Tabaksqualm, 
Stimmengewirr füllen den niedrigen Raum. Zur Linken ein 
langer Schenktisch, auf dessen Gestelle Eßwaren aufgestapelt sind; 
von der Decke herab hangen Würste und Schinken; an der 
Wand dahinter stehen ungezählte Schnapsflaschen in der typischen 
Stundenglasform — man erkennt sie nur an den Glanz 
lichtern — rechts eine schmale Bank, ein einziger Tisch nur dicht 
an der hinteren Thür —; es sind mehr Menschen darinnen, als 
eigentlich Platz haben. Das ist der Vorraum. Hinter diesem liegt 
ein großes, weites Gastzimmer; an sonnigen Tagen hell und 
freundlich mit seinem blaugrünen Anstrich; zu kalter Winterszeit 
warm und mollig; an trüben Tagen düster und unheimlich. An 
der Tiefe der Fensternischen erkennt man die Dicke der Grundmauern. 
Die Fenster liegen nur wenige Fuß über dem Spreespiegel — 
wenn ein leerer Kahn draußen vorbeifährt, wird's dunkel im 
Gemach. Die kellermüßigen Entlastungsbogen erwecken mittelalter 
liche Vorstellungen; zu den kolossalen Tragepseilern passen nur so 
grobe, ungeschlachte Möbel, wie sie hier zu finden sind; ein mit 
Wachstuch bezogenes Sofa zeigt die älteste Konstruktion. Ver 
ständig waltete hier im Anker ein biederes Ehepaar, ein jeder
        
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