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Periodical volume 21.Oktober 1899 Nr, 42

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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altertümlichen Sofa, das war die wesentliche Ausstattung des 
Arbeitszimmers. 
Nach einer freundlichen Verabschiedung von dem Feldmarschall, 
dessen Gastfreundschaft zu genießen mir noch weiterhin vergönnt 
sein sollte, verließ ich das Arbeitszimmer und folgte meinen beiden 
Führern, um die übrigen Gemächer und Sehenswürdigkeiten des 
Schlosses in Augenschein zu nehmen. Fast alle Zimmer, mit 
Ausnahme des im Rotokostil gehaltenen großen und schönen 
Speisesaales, sowie des altdeutschen Zimmers, waren, wie das 
Arbeitszimmer, sehr einfach und zeigten die große Anspruchs- und 
Bedürfnislosigkeit des greisen Feldmarschalls. 
Die Lebensweise des Feldmarschalls vollzog sich in seinem 
sommerlichen Tuskulum mit großer Regelmäßigkeit. Schon früh 
um 7 Uhr erhob er sich von seinem einfachen Lager, kleidete sich 
an, ohne dabei die Hilfe eines Dieners in Anspruch zu nehmen, 
nahm seinen Morgenkaffee zu sich, arbeitete dann einige Stunden 
und machte darauf bei schönem Wetter einen Morgenspaziergang durch 
den Park. Inzwischen war die Post angekommen. Der Feldmarschall 
las die Morgenzeitung durch und erledigte die eingegangenen Post 
sachen. Waren solche vom Generalstabe aus Berlin eingetroffen, 
so warf er alles andere als interesselos beiseite, vertiefte sich in 
diese und blieb oft, wenn sich Arbeiten daran knüpften, den 
ganzen Tag über angestrengt dabei sitzen. Die Beschäftigung mit 
dergleichen Arbeiten nahm ihn dann ganz in Anspruch. Hatte er 
auch in seiner großen Gewissenhaftigkeit dem verantwortungsvollen 
Amte als Chef des Generalstabes bei seinem hohen Alter kaum 
drei Jahre vor seinem Tode freiwillig entsagt, so sollte doch, den 
Wünschen des Kaisers zufolge, in allen wichtigen Fragen sein Rat 
eingeholt werden, und keine irgendwie nennenswerte neue Ein 
richtung des Generalstabes wurde getroffen, ohne daß sein früherer 
Chef davon genau unterrichtet wurde. Auch war sein Nach 
folger im Amte, Graf Waldersee, gehalten, dem Feldmarschall hin 
und wieder Vorträge über wichtige Fragen der Heeresorganisation 
zu halten, zu welchem Zwecke er einige Male während des 
Sommers nach Kreisau kam. Bei seinen schriftlichen Ar 
beiten, welche durch die Geschäfte, die ihm als Präses der Landes- 
verteidignngskommission erwuchsen, noch erheblich vermehrt wurden, 
bediente er sich der Hilfe seines Adjutanten, der ihm gleichzeitig 
die Stelle eines Sekretärs versah und ihm den größten Teil der 
Schriftstücke ausfertigte. Der alte Herr setzte dann seinen Namen 
darunter mit seiner klaren, festen charakteristischen Handschrift, von 
welcher wir durch die Liebenswürdigkeit des Feldmarschalls in den 
Stand gesetzt wurden, eine Originalprobe zu geben, die um so 
interessanter ist, als sie den bekannten Wahlspruch des greisen Helden: 
/ZsH? 
Das Alter des greisen Feldmarschalls wurde verschönt durch 
den steten llmgang mit der Familie seines Adjutanten und Neffen 
Helmuth von Moltke. Die junge und schöne Gemahlin, eine 
geborene Gräfin Moltke-Hoitfeld aus Schweden, deren interessantes, 
aristokratisches Gesicht mit der sein geschwungenen, etwas gebogenen 
Nase die unverkennbare Familienähnlichkeit der Moltke zeigt, war 
die Seele dieses kleinen, trauten Familienkreises, welcher seinen 
eigenen Reiz noch durch eine fröhliche Kinderschar empfing, die 
vier blühenden Sprossen des Majors. Immer liebenswürdig, 
immer heiter, immer neckisch und schelmisch, verstand es die Majori», 
dem alten Herrn den Rest seiner Lcbenstage angenehm zu machen, 
ihn immer heiter und munter zu stimmen, wenn die zunehmenden 
Tage seines Alters ihn einmal verdrießlich und unwirsch machten. 
Seine kleinen Launen nahm sie mit Geduld hin, bestanden sie 
doch meistens nur in dem eigensinnigen Widerstände, den der 
anspruchslose Feldmarschall den liebenswürdigen Erleichterungen 
und Bequemlichkeiten entgegensetzte, mit welchen die Gattin seines 
Reffen ihn die Last seines hohen Alters vergessen machen wollte. 
In offenbarer Fehde mit ihrem freundlichen Beginnen stand seine 
ungeheure Bedürfnislosigkeit, die es nicht einmal duldete, daß ihm 
des Abends sein Diener beim Auskleiden half: „Geh nur schlafen," 
sagte er, „ich kann mir schon allein helfen". Ebenso war dem Feldmar 
schall bei kleinen Unpäßlichkeiten auch schwer mit ärztlicher Hilfe beizu 
kommen. Er verschmähte alles, was auf ihn selbstBezug hatte, wassich 
um seine Person drehte, was ihm zur Bequemlichkeit diente. Hin und 
wieder entstand auch zwischen den beiden wegen irgend einer besonderen 
kulinarischen Wohlthat, die ihm die Frau Majorin erweisen wollte, 
ein kleiner Wortwechsel, etwa des Inhalts: „Nimm doch, Onkel 
Helmuth!" „Nein, ich danke, ich will nicht!" „Du mußt nehmen!" 
„Ich will nicht!" Und doch gelingt es bald ihrem liebenswürdigen 
Zureden, ihrem neckischen Schelten, den alten Herrn zu besänftigen, 
der dann, seine Niederlage freimütig einräumend, mit größter 
Galanterie zu sagen pflegte: „In Deinen Händen bin ich nun 
einmal wie Wachs." 
Der Umstand, daß dem Feldmarschall bei seinem hohen Alter 
doch einmal während der Nacht eine Unpäßlichkeit begegnen konnte, 
ohne daß jemand davon eine Ahnung hatte, ließ die fürsorgliche 
Gattin des Neffen öfters den Gedanken aussprechcn, das Schlaf 
zimmer des alten Herrn mit dem Zimmer des Dieners und den 
übrigen Wohnzimmern der Familie durch einen Hanstelegraphen 
zu verbinden. Moltke wollte allerdings nichts davon wissen, daß 
seinetwegen eine solche Ausgabe gemacht würde. Aber sein Sträuben 
half ihm nichts. Als er einst wieder von Berlin nach seinem 
Sommerheim hinauszog, überraschte ihn die kluge Hausfrau mit 
der vollständigen Einrichtung eines Haus- 
telegraphen. Etwas brummend über den 
unnötigen Luxus ergab sich der alte Herr 
in sein Schicksal. 
Die Freuden dieses schönen Familien 
lebens wurden dem Feldmarschall noch erhöht 
durch den Umgang mit den Kindern seines 
Neffen, von denen drei. Astred, Wilhelm und 
enthält und gleichzeitig eine 
des Schlachtenlenkers bietet. 
Elsa (das jüngste lag noch in der Wiege 
flund konnte mir seinen Namen noch nicht 
sagen) um den „Oh-Papa" herumsprangen, 
wie sie ihn zu nennen psiegten: sie schaukelten 
Schriftprobe aus dem 89. Lebensjahre j sich auf seinen Knieen, brachten ihm Blumen aus dem Park oder 
j spielten mit ihm Versteck.*) Hermann Müller-Bohn. 
*) Bergt. Graf Moltke. Ein Bild seines Lebens und seiner Zeit, von Herinann Müllcr-Bohn. Berlin, Paul Kittel, historischer Verlag. 
Vom südafrikanischen Kriegsschauplatz. 
^dz(orbcu und Monate lang kehrte alltäglich in den Spalten der 
Tageszeitungen das wechselnde „Krieg" und „Frieden" wieder. 
Endlich ist von den vielen hin und herwechselndcn Ultimatums das 
letzte erfolgt. Die Boeren waren klug genug, das diplomatische Spiel 
Englands zu durchschauen und mit dem Kriege nicht zu warten bis 
dieses ungczäbltc Massen von Soldaten und Material aus dem Kriegs 
schauplatz haben wird. Inder langen Zeit des Zögerns schlug 'in 
zwischen der Zustand der bangen Erwartung durch Vermittelung der 
Börsen dem Nationalwohlstand der verschiedenen Völker die schwersten 
Wunden. Gerade Deutschland ist finanziell im höchsten Maße in 
Transvaal interessiert, nicht nur durch die Anlage gewaltiger Kapi- 
lalien in Aktien der Goldbergwerkc, sondern auch durch die vielen 
Millionen, die in Gestalt von industriellen Unternehmungen aller Art, 
elektrischen Kraft- und Bclcuchtungsmcrken festgelegt sind. Da es sich 
gleichwohl immer nur um Anlage privaten Kapitals, um Aufwendung 
privaten Unternehmungsgeistes handelt, so hat natürlich der deutsche 
Staat keinerlei Anlaß oder Vorwand einzuschreiten, ebenso wie er auch 
• V - 
nicht für die deutsche Freischar eintreten kann, die sich unter Führung 
des Obersten Schiel gebildet hat. Daß die Sympathien Dcntichlands, 
ja ganz Europas, auf seiten der Boeren sind, ist ja nur natürlich, 
schon vom allgemein menschlichen Standpunkt aus. Das rücksichtslose 
Vorgehen Englands bei der Verwirklichung seiner großenglischcn Pläne, 
die Afrika vom Nil bis zum Kap englisch machen möchten, hat ihm ja 
die Sympathien beinahe aller kontinentalen Völker geraubt. Es ist ein 
alter Schachzug der englischen Politik, überall, wo es sich um einen 
unverantwortlichen Eingriff in die Rechte fremder Nationen handelt, 
sich hinter irgend einer Forderung der „Humanität" zu verschanzen. 
Der berühmteste Fall dieser Art mar wohl die Aufrollung der Frage 
des Skavenhandcls, durch die sie Frankreich und fast allen Naiioucu 
mit derzeitigem Kolonialbesitz unermeßlichen Schaden zugefügt hat. 
Dabei weiß jeder Jndicnkenner von dem entsetzlichen Zustand zu 
erzählen, in dem heute die indischen Kulis erhalten werden. 
Es ist begreiflich, daß dieses wunderbar reiche Transvaalland die 
Habsucht der Engländer reizt. Ganz abgesehen von den unermeßlichen 
J . M
        
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