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Periodical volume 21.Oktober 1899 Nr, 42

Full text: Der Bär Issue 25.1899

W- »r : 
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Das Röllnifche Rathaus. 
diesen Tagen, iin Laufe des Oktobers, wird das Köllnische 
)Rathaus an der Ecke der Breiten- und der Gertraudtenstraße 
abgebrochen werden, und damit wird 
wieder ein Stück Alt-Berlin oder 
besser gesagt, Alt-Kölln vom Erd 
boden verschwinden. Die Spitzhacke 
des Maurers hat in den letzten 
Jahren gewaltig aufgeräumt in 
dieser Gegend, und an Stelle jener 
kleinen, unansehnlichen Häuser und 
Häuschen, welche sich in anderen 
Straßen dieses Stadtteils noch viel 
fach finden, sind an der Gertraudten- 
brücke und am Spittelmarkt präch 
tige Kaufhäuser mit reichgeschmückten 
Fassaden entstanden. Die enge, den 
Stempel mittelalterlicher Beschränkung tragende Gertraudtengasse 
hat einer modernen, weltstädtischen Straße Platz gemacht, und mit 
in jener Gegend fordert breitere Wege, und so muß das Rathaus 
denn fallen. Mit ihm verschwindet, wie gesagt, ein'charakteristisches 
Stück von Alt-Kölln denn das Rathaus verlieh dem betreffenden 
Stadtteil ein ganz bestimmtes Gepräge, und man kann sich den 
Köllnischen Fischmarkt eigentlich gar nicht ohne das graue Gebäude 
mit dem abgestumpften Turm und dem mächtigen Wappenschilde 
denken. So mancher Vorübergehende, der sich jetzt den Kopf daran 
zu stoßen vermeint, wird es später vielleicht als alten, liebgewordenen 
Bekannten vermissen. 
Ist das Gebäude auch nicht als Schönheit oder als archi 
tektonische Zierde der Gegend zu bezeichnen, so paßt es doch mit 
seinen einfachen, massigen Formen vortrefflich in das zusammen 
gedrängte, altväterische Viertel hinein, und wie der Turm der ge 
brechlichen, greisenhaften Waisenkirche dem Uferbilde von Alt-Berlin 
sein charakteristisches Gepräge verleiht, so das Köllnische Rathaus 
dem Stadtteil Alt-Kölln. 
Und welche Erinnerungen werden beim Anblick des Hauses 
wach! Befinden wir uns doch hier auf althistorischem Boden, auf 
Das Köllnische Rathaus vom Köllnischen Fischmarkt aus. 
Wohlbehagen schaut man die Reihe der Prachtbauten hinunter bis 
zum Petriplatze, wo die schlanken gotischen Formen von St. Peter 
zum Himmel hinaufstreben. 
Hier hat die Pracht aber plötzlich ein Ende. Altfränkische, 
unansehnliche Häuser säumen die Straße ein, die sich als eine Art 
Engpaß zum Köllnischen Fischmarkt hinzieht: denn massiv schiebt 
sich' das Köllnische Rathaus in die neue breite Straßeuflucht hinein 
und zwingt den Verkehr zum Verweilen. Langsamen Schrittes 
schieben sich Geschäftsleute und Spaziergänger an einander vor 
über, und mit verringerter Fahrgeschwindigkeit suchen Straßen 
bahnen und Fuhrwerke den Engpaß zu überwinden; alles drängt 
und stößt und behindert sich, und jeder ist froh, wenn er den 
schmalen Straßenarm hinter sich hat und auf breiter Promenade 
seinem Ziele zueilen kaun. 
Das Köllnische Rathaus bildes ein starkes Verkehrshindernis; 
das hatte man schon lange erkannt und durch Abbruch einiger An 
bauten und durch Anlage eines Durchganges an der Südostecke 
des Gebäudes dem Uebel einigermaßen abzuhelfen gesucht. Aber 
es nutzte nicht viel; der unaufhörlich anwachsende Geschäftsverkehr 
! jenem Werder, wo deutsche Kolonisten zur Zeit Markgraf Albrechts II. 
neben dem Wcndendorfe Kollne den deutschen Marktflecken Kölln 
erbauten und um das kleine Holzkirchlein zu St. Peter ihre Block 
häuser aufrichteten. Damals mag sich schon das gemeinsame Be- 
ratungshaus und, nachdem Kölln Stadtrechte erhalten hatte, 
auch das Rathaus an der Stelle des heutigen Gebäudes erhoben 
haben, urkundlich überliefert ist es aber nicht. Indes, da die 
Schwesterstadt Berlin um das Ende des 13. Jahrhunderts ein Rat 
haus besaß und beide Städte bis 1307 eine getrennte Verwaltung 
hatten, so wird wohl auch Kölln sein eigenes Rathaus gehabt haben, 
welches vermutlich, gleich dem Berliner Rathaus, aus dem Plape 
des heutigen Gebäudes gestanden hat. Diese Annahme gewinnt au 
Sicherheit, da berichtet wird, daß nach der Trennung der gemeinsam 
geführten Verwaltung durch Kurfürst Friedrich ll. im Jahre 1442 
die Ratssitzungen von Kölln in einem Gebäude stattfanden, welches 
sich an der Ecke der Breiten- und Gertraudtenstraße erhoben hat. 
Man wird diesen Platz nicht erst damals ausgewählt und das Rat 
haus im Jahre 1442 errichtet haben, dasselbe stand vielmehr schon 
früher dort und hatte bis 1307 ähnlichen Zwecken gedient.
        
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