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Periodical volume 21.Oktober 1899 Nr, 42

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Mädchen bekränzten die Pflugkarre mit goldenen Achren, Fritz 
Hartkuoch spannte seine Braunen davor und fuhr auf den hinter 
seinem Hanse gelegenen, mit Kohlstrunken bedeckten Acker, um mit 
drei Pflugscharen zugleich drei tiefe Furchen ins Feld zu ziehen. 
Als er dann durch einen Druck ans das Stahlrad die Pflugscharen 
über die letzten Schollen emporhob, riefen ihm die Arbeiter Bravo 
und Hurrah zu. Er hielt das Gespann an, und als die Festtcil- 
nehmer ihn freudig umdrängten, versicherte er in kurzer, aber warm 
herziger Ansprache, in ihm sei jetzt zum mindesten ein ebenso 
starkes Hochgefühl, wie es jemals in der Seele eines chinesischen 
Kaisers gelebt habe, während dieser, um den Ackerbau zu ehren, 
den Pflug führte. Heutzutage bedürfe die Kulturarbeit, welcher 
Art sie auch immer sei, keiner Ehrung mehr, wohl aber der 
Förderung und weiteren Ausbildung. Das Bewußtsein aber, der 
Landwirtschaft zehntausend Pflüge geliefert zu haben, die den 
Pflüger entlasten, die Leistung der Zugtiere verdoppeln und ver 
dreifachen, den ausgebrochenen Boden aber für die Saat weit 
nachdrücklicher und gedeihlicher herrichten, als dies je zuvor mit 
Menschenkraft geschehen sei, solch ein Bewußtsein müsse jeden, der 
bei diesem Werk frisch und ausdauernd Hand mit angelegt habe, 
zum Stolz erheben. Er aber verspürte jetzt in seinem Innern, 
neben der freudigen Genugthuung über das Erreichte, herzlichen, 
innigen Dank gegen alle Mitarbeiter, und diesen wolle er dadurch 
bethätigen, daß er sie fortan am Gewinn beteilige. 
Als diese unerwartete Ankündigung von den Arbeitern und 
deren Angehörigen mit Jubel aufgenommen wurde und viele 
nervige Hände sich ihm dankend entgegenstreckten, bemerkte Hartknoch 
lachend, dies sei keinem Ausfluß der Großmut zuzuschreiben, sondern 
seinem Bedürfnis nach gerechtem Ausgleich. Noch habe er keine 
Schätze gesammelt, um eine größere Summe für eine Kranken- 
und Altersversorgungskasse stiften zu können, darum habe er 
diesen Weg gewühlt, um eine innige Gemeinsamkeit der Interessen 
herbeizuführen. Er hoffe sich dadurch alle tüchtigen Arbeiter zu 
erhalten und ihnen einen Ansporn zu erhöhten Leistungen zu geben- 
denn nachdem die neue Fabrikhalle, dank der aufopfernden Thätig 
keit seines Schwagers, vollendet sei, habe er beschlossen, auch 
Dampfpflüge zu bauen, und er verhehle sich nicht, daß er bei 
diesem Unternehmen die gefährliche Konkurrenz der großen englischen 
Maschineubauanstalten zu überwinden habe. Das Vertrauen auf 
den rastlosen Fleiß, die Sorgfalt und Einsicht seiner Arbeiterschaft 
ermutige ihn aber, auch diesen schmierigen Kamps aufzunehmen. 
Er schloß mit der Einladung znm gemeinsamen Festmahl, das sie 
in einer der großen Restaurationen am See erwarte. 
Der Tag war sonnig, und das Festmahl fand im kleinen 
Park des schön gelegenen Restaurants statt. Hier verzehrten an 
laugen Tafeln die Arbeiterfamilien fröhlich ein einfaches Mahl, 
tranken Bier oder Limonade und saugen Volkslieder. Einer der 
Arbeiter sprach dazwischen dem Festgeber in herzlichen Worten den 
Dank aller Kameraden dafür aus, daß er ihnen stets ein für 
sorglicher Leiter und ein aneiferndes Vorbild, aber nie ein ge 
strenger Herr gewesen sei. Nie habe Hartknoch jemand durch 
ungerechten Tadel verletzt, sondern jeder Beschwerde, jedem ver 
ständigen Vorschlag seitens der Arbeiter in freundlichster Weise 
Gehör geschenkt. So habe Fritz Hartkuoch in seiner Arbeiterschaft 
den Geist der Kameradschaftlichkeit groß gezogen, und alle möchten 
ihm an diesem Tage die Versicherung geben, daß sie unerschütter 
liches Vertrauen zu seiner Führung hätten. 
Bettina erkannte zu ihrer Ueberraschung, daß der Schwager, 
dessen Rauhheit und Ironie stets abstoßend auf sie gewirkt hatten, 
die Liebe seiner Arbeiter besaß. Als der Sprecher ein Hoch auf 
Fritz Hartknoch und dessen Familie ausbrachte, stimmten Männer, 
Frauen und Kinder freudig mit ein, und alle Augen leuchteten 
warm auf. Bettina bemerkte ferner, daß der rauhe Mann auch 
warme Herzeustöne anschlagen konnte- denn er wehrte den Dank 
der ihn umringenden Hochrufer ab, und als es stiller um ihn 
geworden, sagte er mit weicher, umflorter Stimme und gewinnen 
dem Lächeln: „Zum Glück wußtet Ihr nicht, daß ich zweimal, 
seit Begründung unserer Fabrik, auf den Sand geraten und nahe 
daran war, das mir soeben bezeugte Vertrauen zu erschüttern, 
oder gar zu verlieren. In beiden Fällen hat der da, mein 
Srchwagcr, in seiner namenlosen Güte und seinem leichtsinnigen 
Vertrauen in meine Fähigkeiten mich wieder flott gemacht und 
sich selber die schwersten Beschränkungen auferlegt. Er hat mir 
nicht nur seine mühsam erworbenen Kapitalien, sondern gar seinen 
Kredit znr Verfügung gestellt. Wenn unser Unternehmen nicht 
gescheitert ist, wenn wir heute vielmehr auf einen schönen Erfolg 
zurückblicken können, so verdanken wir das Kourad Geisler; er ist 
bis zu dieser Stunde für unsere Fabrik thätig.gewesen, er ist ihr 
Mitbegründer. Seid, ich bitte Euch darum, dessen stets eingedenk!" 
Er umarmte und küßte Geisler, der vor Verlegenheit rot wurde, 
dann wandte er sich zu seiner Frau und sagte leise: „Was Du, 
liebe Alte, mir in diesen schweren Zeiten gewesen bist, wie viel 
Trost und neuen Mut Du mir eingeflößt, das will ich Dir nicht 
öffentlich ins Gesicht sagen, aber es steht da drinnen eingeschrieben 
— unverlöschlich." — Er ergriff ihre beiden Hände und sah ihr 
mit den hellen grauen Augen so warm in das erglühende Gesicht, 
daß Bettina den Mann mit dem kurzgeschorenen Kopf, der kupfer 
farbenen Haut und der rauhen Sprache schön fand. 
Nach aufgehobener Tafel marschierte die ganze Gesellschaft 
singend und plaudernd durch den Wald bis zu einer Uferwiese, 
von der aus man einen weiten Ausblick auf die Havelseen hatte. 
Hier fanden dann Spiele in mehreren Gruppen statt, und während 
Frau Hartknoch sich mit Freudigkeit daran beteiligte und später 
die Führung der Kleinsten übernahm, stand Bettina beiseite und 
wachte ängstlich darüber, daß ihr Walter sich nicht erhitzte und von 
den älteren Leuten umgerannt wurde. Die Aufforderung Hartkuochs, 
sich doch an den Spielen zu beteiligen, lehnte sie durch energisches 
Kopsschütteln ab. Ihre Befürchtung, daß das Spiel der Knaben 
zu Streitereien ausarten könne, sah sie zu ihrem Schrecken schon 
erfüllt, als ihr Schwager noch neben ihr stand. Konradin Hartknoch, 
der beim Ballspiel das Kommando führen wollte und alle Genossen 
überschrie, hatte einem andern Jungen, der etwas älter und sehr 
robust war, einen Puff versetzt. Dieser empörte sich, und es ent 
spann sich zunächst ein Wortgefecht, bei dem Lude Schmidt seinem 
Gegner Konradin gewachsen war. Als dieser dem widerborstigen 
Kameraden zurief: „Dir rufen se Lude, aber'n dummes Luder 
bist de," erwiderte jener prompt: „Dir rufen se Konradin, aber'n 
Konradau bist de." — 
Fritz Hartknoch, der, von einem Wachholdcrbusch halb verdeckt, 
mit Bettina die Streitszene beobachtete, lachte auf und überhörte 
seines Sprößlings Antwort, wohl aber vernahm er Lndes rauhe 
Stimme, die seinem Sohne zurief: „Du wirscht mit Deiner ver 
hauenen Schnauze noch eklig rinschliddern, un wenn wer heite 
nich 'n Fest feierten, käm Dir Dein Pnff uff 'ne blutige Nase zu 
stehn, verstehste mir, Mäuneken? Daderdruff, daß Dein Vater 'n 
großes Tier is, brauchst Du nich.zu findigen, verstehst de woll?" 
Zu Bettinas Erstaunen und Entrüstung ries ihr Fritz Hartkuoch 
mit unterdrücktem Lachen zu: „Ein famoser Beugel! Der kann so 
bleiben!" Und als Konradin auf seinen Gegner mit der geballten 
Faust eindringen wollte, stieß er einen scharfen Pfiff ans, trat 
hervor und rief seinen Sprößling zu sich, um ihm eine kurze, aber 
sehr nachdrückliche Strafpredigt zu halten und ihn aus die Pflichten 
der Gastfreundschaft aufmerksam zu machen. „Statt Lude mit der 
Faust zu bedrohen, solltest Du Dir seine Warnung zu Herzen 
nehmen. Und jetzt geh zu ihm, bekenne laut vor allen Spiel 
gefährten, daß Du ihm Unrecht gethan und reiche ihm die Hand 
zum Frieden." 
Konradin setzte eine trotzige Miene auf und zögerte, allein als 
der Vater ihm in schärfstem Tone ein „Sofort!" zurief, gehorchte 
er. Sobald der Knabe zu den Spielgenossen zurückkehrte, bemerkte 
Bettina spöttisch: „Wer seine Kinder mit Gassenbuben spielen läßt, 
darf sich nicht wundern, wenn sie eines Tages mit blutiger Nase 
heimkehren." 
Hartknoch sah sie überrascht an, dann erwiderte er lächelnd: 
„Hoffentlich holt mein Konradin sich die schon in den nächsten 
Tagen." 
„Aber Schwager," fuhr Bettina entrüstet fort, „wie kann man 
seine Kinder solchen Gefahren aussetzen! Kouradin neigt schon zu 
Ausschreitungen, in der Gesellschaft solcher Buben wird er vollends 
verwildern." 
„Ich befürchte das nicht," versetzte Fritz Hartknoch mit großer 
Seelenruhe. „Sieh, Bettychen, bei der Erziehung unserer Kinder
        
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