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Periodical volume 28.Januar 1899 Nr, 4

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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in alle Häuser und Familien Zank und Unfrieden trug, als cs endlich 
gar zu einem Tumulte kam, in dem die Antirosenfeldiancr, das Haus 
des Glanz mit Steinen bombardierten und die Auslieferung des 
Propheten verlangten — und die Parteien sich anschließend hieran eine 
reguläre Schlacht lieferten, riß der Obrigkeit der Geduldsfaden. Die 
Regierung von Bicsenthal berichtete am 19. August 1768 über alle diese 
Vorgänge nach Berlin und erbat Verhaltungsmaßregeln, die auch nicht 
lange auf sich warten ließen und bestimmten: Roscnfcld gefangen zu 
setzen und vor Gericht zu stellen. 
Es geschah. Allein diese Maßnahme war weit entfernt den „großen 
Mann" seines Nimbus zu entkleiden. Bei seiner Abführung empfahl 
jener sich von den Seinen mit dem Bibelspruch: „Aus sechs Trüb 
salen will ich Dich er 
retten und in der sieben 
ten soll Dir kein Leid 
geschehen," und da diese 
Verhaftung die siebente 
war, die er erlebte, und 
da die Getreuen dies 
wußten, steigerte sich 
deren Glaube zum hellen 
Fanatismus. 
Bei seiner gericht 
lichen Vernehmung ver 
teidigte sich Roscnfcld mit 
großer Geistesgegenwart 
und Geschicklichkeit, und 
entwickelte eine Bibel- 
kenntnis, die geradezu 
verblüffend wirkte, er 
wußte durch Citieren 
von Bibclstellen alles 
scheinbar zu wiederlegen, 
was man ihm zur Last 
legte. 
Er griff auch hier 
das christliche Dogma 
und den christlichen 
Glauben an, und er 
klärte, den rechten hätten 
allein die Patriarchen 
besessen, denn cs sei eine 
Gotteslästerung zu sagen, 
daß alles zur Erlösung 
schon geschehen sei. Viel 
mehr stehe in der Offen 
barung Johannis, daß 
dies erst geschehen solle. 
Tic Priester greife er 
an, weil sie den Tod 
predigten; um diesem zu 
entgehen, brauche man 
nur wahre Frömmigkeit: 
kurzum — wiewohl vor 
sichtig modifiziert — wie 
derholte er seine sämt- 
lichen Glaubenssätze. Rur 
bezüglich seiner Stellung 
zu den Sakramenten be 
liebte er jetzt eine Aen 
derung. Er ließ auf ein 
mal die Taufe gelten — 
nur sei es gleich, ob 
diese mit Wässer oder 
Feuer vorgenommen 
werde: dagegen blieb er 
dabei, dem Abendmahl 
die Berechtigung abzu 
sprechen. Mt dessen 
Einsetzung sei nämlich 
nichts gemeint, als gut 
zu essen und dabei Got 
tes zu gedenken, daß er 
selber sich für den Mes 
sias ausgegeben habe, Drr Dom ;u 
bestritt er: er lebe nur in 
der Wahrheit, und das 
sei Messias, und da er nach dem Gesetze Gottes lebe, sei er, wie jeder, 
der das thue, König und Priester zugleich. Sein Versprechen auf König 
reiche sei nur so gemeint, daß die Gerechten über die Seele herrschen 
würden. König Friedrich kl. jedoch nannte er auch jetzt den „roten 
Mcerdrachc»". 
Aufgefordert, diese Bezeichnung näher zu erklären, antwortete er, 
während seiner Stellung als Förster des Markgrafen von Schwedt habe 
er diesem einmal ans die Frage, ob er sRoscnfeld) wisse, wer der Mark 
graf sei, erividert: ja, „der Drache"! worauf jener geäußert habe: 
„freilich, das bin ich auch". Da nun der König und der Markgraf 
eines Stammes seien, wäre auch Friedrich ein Drache. 
Während nun Rosenfcld, der seinen Anhängern nun als 
Märtyrer seiner Sache erschien, im Verhöre verurteilt ivurde, konnten 
jene, iiamcntlich Glanz, Beck und Seifert, cs absolut nicht erwarten, 
ähnliches leiden zu dürfen, und erreichten es durch ihr wahnsinniges 
Gebühren endlich auch, eingezogen zu werden. Glanz bat sogar, ihn 
zu verhaften, und schwur mit tausend Eiden, Rosenfcld sei der wahre 
Messias, und äußerte, über dessen Lebenswandel befragt: jenem sei 
alles, ivas anderen verboten sei, erlaubt: „denn als Gesalbter des Herrn 
besitze er einen gesalbten Geist." 
In Biescnthal feierte der Fanatismus der Gläubigen indessen wahre 
Orgien, aber trotzdem fehlte auch der Jndas nicht, indem ein Mann, 
Richter mit Rauien, plötzlich nöfiel, und den Meister der Lüge und der 
Aufreizung und persönlicher Versündigungen zieh. 
Für das Gericht ivnr cs nun wahrlich nicht leicht, in diesem merk 
würdigen Prozesse ein Urteil zu fällen. Majcstütsbeleidigungen ließ 
Friedrich II. nicht verfolgen. Weder Eigennütziges noch Gewaltthätig«:? 
hatte der Angeklagte begangen, und zu dciti kam, daß seine Anhänger 
mit Begeisterung von ihm sprachen. Wie also entscheiden, und das 
Aergcrnis beseitigen? Schließlich nach langem Hin und Her gelangte 
die Behörde zu der Ansicht, 9fofcnfclb könne unmöglich geistig gesund 
sein, da nur ein Irrer Satzungen wie die seinen aufzustellen imstande 
sei, und verordnete da 
her den Meister zur 
Beobachtung in das Ber 
liner Irrenhaus, die;zn- 
hängcr jedoch ans ein 
Jahr nach Spandau ans 
die Festung zu schicken, 
was denn auch im Jahre 
1769 geschah. 
Tic Gerichtsverhand 
lung hatte auch Rosen- 
felds Personalien und 
Lebenslauf festgestellt. 
Es ergab sich, daß er 
aus reichem und durch 
gute Beziehungen aus 
gezeichnetem Hause 
stamme. Infolge viel 
facher häuslicher Zwistig 
keiten, welche schließlich 
die Scheidung der Eltern 
herbeiführten, hatte der 
Vater den Knaben früh 
zeitig zu einem Geistlichen 
in Pension gegeben. 
Dieser scheint seinen 
Pflegling jedoch schlecht 
behandelt zuhaben, denn 
dessen späterer fanatischer 
Haß gegen alles, was 
de» Talar trug, stammte, 
wie manche Aeußerun 
gen beweisen, bereits 
aus jener Zeit. Größer 
geworden, widnicre er 
sich dem Jügerleben, 
dessen llngebunden- 
heit seinem unruhigen 
Geist besonders zusagen 
mochte. Nach manchen 
Wechselfüllen nahm ihn 
schließlich der Markgraf 
von Schwedt in seine 
Tienste, woselbst er sich 
verheiratete und mit 
seiner Frau vier Kinder 
zeugte. Diese Ehe war 
höchst unglücklich. Zank 
und Streit gingen nicht 
aus — es war das 
selbe Lied wie in seinem 
Elrernhansc. Er behaup 
tete, die größte Schuld 
an dem Unfriede» trage 
ein Geistlicher, der die 
Frau gegen ihn verhetzt 
habe. Zu alledem drückte 
ihn Armut. Ais endlich 
seine Mutter starb, ver 
machte diese ihr großes 
Vermögen auch nicht ihm, 
sondern legte solches für 
Magdeburg. seine Kinder fest. Alles 
dies vcrinchrtc feinen 
Unmut. Dazu kam noch, 
daß man ihn der Untreue im Amt bezichtigte und ihm gefänglich einzog. 
Obwohl seine Unschuld zu Tage kam, kehrte er nach seiner Haftentlassung 
tveder zu seiner Frau noch ans seinen Posten zurück, sondern begann 
jenes abenteuernde Leben, das vorstehende Zeilen schildern. 
Zugegeben, daß die behördlichen Maßnahmen gegen Rosenfeld viel 
leicht richtig waren, so blieben doch die gegen seine Jünger immerhin 
ein schwerer Fehler der Regierung, da jene statt die Bewegung im 
Keime zu ersticken, schließlich nur dazu dieitten, die. weitere Verbreitung 
zu bewirken. In ihrer Isolierung verbissen sich die Spandauer An 
hänger nur nm so fester in ihren Wahn, nitd hatten bei ihren Mii- 
gefangen mit Proselytcnmachcrei großen Erfolg: namentlich durch Ge 
winnung eines Schlvssermcisters Zimmermann, der hier eine kleine 
Strafe abzubüßen hatte. 
Auch in Biesenthal blieb cs nicht ruhig. Sogar Richter, der Apostat, 
kehrte reumütig' zurück und wurde von nun an Haupt der Gemeinde. 
Er, erließ als solcher Hirtenbriefe, und sogar einen von Insulten 
strotzenden Fchdcbries gegen Fehland: ja noch mehr, er predigte, nachdem 
er die Kruzifixe in der Kirche geschmäht, die religiösen Zeremonien ver 
höhnt, u. s. w. den offenen Krenzzug gegeit das Pfarrhaus und 
dessen Bewohner.
        
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