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Periodical volume 7.Oktober 1899 Nr, 40

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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mals auf ihren Nachten Rundfahrten zu den nicht allzu entfernten 
Inseln zu unternehmen, um die von den Insulanern inzwischen 
gesammelten Vorräte an Kopra aufzukaufen, entweder durch Tausch 
gegen die europäischen Waren, die sie mitführen, Werkzeuge, Ge 
wehre, bunte Stoffe, Tabak u. a., oder gegen Zahlung in barem 
Gelde, das der Eingeborene dann meist gleich wieder durch Ankauf 
der erwähnten Gegenstände bei dem Händler los wird. Ge 
wöhnlich giebt es ein regelrechtes Wettjagen unter diesen alten 
Seebären, wenn sie früh morgens ihre Stationen verlassen; denn 
jeder will natürlich als der erste an Ort und Stelle sein, nach dem 
alten auch hier geltenden Grundsatz, „wer zuerst kommt, mahlt zuerst." 
Die aufgekaufte Kopra liefert der Händler wieder au den 
Hauptstationen der Jaluitgesellschaft, dich sich auf den größeren 
Inseln befinden, ab und entnimmt zugleich wieder jene'Tausch- 
gegenstände. Er erhält für seine Kopra einen bestimmten Preis, 
der natürlich höher ist, als er ihn bezahlt hat, und da er anderer 
seits die europäischen Erzeugnisse billiger bekommt, als er sie abgiebt, 
so verdient er auf zweifache Weise bei seinem Geschäft. Das 
Leben auf den Hauptstationen ist im allgemeinen recht einförmig, 
llm 6 Uhr früh ertönt die Glocke des Aufsehers, worauf nach ge 
meinsamem Frühstück die Beamten, gewöhnlich 10—12 an der 
Zahl, sich an die Arbeit begeben, teils ins Comptoir, teils an den 
Strand, um die Thätigkeit der Tagelöhner zu überwachen. Denn 
fast stets liegt eines der Schiffe der Handelsgesellschaft, die den 
Verkehr zwischen den Philippinen oder Hongkong und den Karolinen 
vermitteln, im Hafen, und da giebt es Ladung zu löschen und 
wieder einzunehmen. Zn diesem Geschäfte benutzen die eingeborenen 
Arbeiter, die im Durchschnitt täglich 2,50 M., oder wen» für länger 
angestellt, 16—20 M. monatlich bei freier Beköstigung verdienen, 
sogenannte „Leichter", europäische Ruderboote von flacher, sehr 
breiter Bauart. 
Um 8 Uhr erschallt das Zeichen zum zweiten Frühstück, das in 
warmen Speisen und Thee besteht, und, wie übrigens alle Mahl 
zeiten, wieder gemeinschaftlich eingenommen wird. Rach weiteren 
vier Stunden der Arbeit folgt gegen 12 Uhr das sogenannte 
„Lunch". Rach dem Schlüsse des Tagewerks, nachmittags um 
5 Uhr, erquickt sich der Europäer nach des Tages, Last und 
Hitze, und letzterer stets in des Wortes verwegenster Bedeutung, 
durch ein warmes Bad oder eine Douche, worauf eine neue 
Mageustärkung, die letzte freilich, aber auch die dauerhafteste, 
das „ckinnkAst folgt. Den kurzen Rest des Tages totzuschlagen, ist 
nun nicht leicht in dieser Abgeschiedenheit. Wohl wird zuweilen 
bei einem Glas Münchener Bieres, das fast immer vorhanden, eine 
Partie Schach oder Skat, oft auch eine Partie Kegel gespielt, wohl 
wird auch, was etwa au Büchern vorhanden, immer wieder als 
Trost in stillen Stunden zur Hand genommen, aber durch die not- 
gedrungene, ewige Wiederkehr dieser wenigen hier möglichen Zer 
streuungen verlieren sie doch sehr bald ihren Reiz. Nicht einmal 
ein Unterschied in den Jahreszeiten macht sich bemerkbar, und im 
allgemeinen bietet nur der Sonntag kleine Abwechselungen durch 
Segel- und Jagdpartien. Wild in unserem Sinne giebt es zwar 
nicht, aber sehr viele Vögel, vor allem wilde Tauben, deren Jagd 
nicht uninteressant ist. 
Wer sich für das Tierleben im kleinen interessiert, wer Freude 
an der Beobachtung findet, dem ist freilich manche Abwechselung 
geboten. So findet sich hier der Einsiedlerkrebs. Er wird bis 
zwei Zoll lang und gehört zu den Mittelkrebsen, die durch die 
Bildung ihres Hinterleibes eine Zwischenart darstellen zwischen den 
laugschwänzigcn Krebsen und den kurzschwänzigcn Krabben. Sie 
sind eigentlich gefährliche Raubritter, nicht für den Menschen, aber 
für alles Getier, das in kleinen Häuschen wohnt, vor allem 
für Schnecken. Diese überfallen sie in ihrer Behausung und 
nehmen selbst von ihr Besitz, nicht, indem sie den Eigentümer ver 
treiben, sondern indem sie ihn einfach auffressen. Dann zwängen 
sic ihren unförmigen, wcichhäntigeu Hinterleib in das eroberte 
Haus, das sie nun so lange mit sich herumschleppen, bis es 
ihnen zu klein wird, und sie ein anderes suchen müssen, in das sie 
dann wieder mit großer Gewandtheit und Schnelligkeit hinein- 
schlüpfen. Langes Besinnen würde ihnen gefährlich werden können, 
da allerlei Fische sie mit besonderer Vorliebe verzehren. Sitzen 
sic erst wieder in ihrer Muschel, so kann es ihnen so leicht nicht 
ans Leben gehen; denn sic ziehen sich, wenn nötig, ganz in sie 
zurück und schließen den Eingang mittelst der größeren ihrer beiden, 
des Gleichgewichts wegen sehr verschieden großen Scheeren. Würde 
der Versuch gemacht werden, das Tier herauszuziehen, so würde 
es mit der kleinen Scheere die größere, die wieder neu wächst, ein- 
sach abschneiden. Diese Art, sich zu retten, wandte das Tierchen 
auch bei einem improvisierten interessanten Versuch an. Es ist 
nämlich nicht gerade wählerisch in Bezug auf seine Wohnung; mau 
hat gefunden daß cs einen Fingerhut, ja eine kleine Flasche, durch 
deren Hals es den Hinterleib gezwängt hatte, mit sich herumschleppte 
und sich darin wohl fühlte wie Diogenes in seiner Tonne. Wegen 
dieser Eigenschaft, sich als Behausung zu wählen, was ihm an 
geeigneten Dingen in den Wurf kommt, führt es denn auch den 
Namen Diogeneskrebs. In die erwähnte Flasche hatte der 
Krebs die große Scheere nicht mit hineinbringen können, und da 
reizte es den, der ihn so aufgefunden, zu ergründen, wie er sich 
bei drohender Gefahr wohl aus der Affaire ziehen würde. Er 
brachte seine brennende Cigarre in unmittelbare Nähe des weit 
vorragenden Gliedes, das reichlich so lang war wie der ganze 
übrige Leib des Tieres, und siehe da: ohne einen Moment zu 
zögern, entledigte es sich des schmerzenden Körperteiles mit raschem 
Schnitt der kleinen Scheere. — Auf den Meermuscheln, die dcr 
DiogcneSkrebs bewohnt, siedelt sich immer eine gewisse Art von 
Schmarotzertieren au, die gelbgestreifte aclinia effoeta, eine See- 
anemone, und es entsteht ein Verhältnis, aus dem beide Tiere Vorteil 
zieben. Durch die passive Bewegungsfähigkcit, die hierdurch der 
Aktinie ermöglicht wird, wird es ihr natürlich sehr erleichtert, 
Nahrung zu erhalten, während sie andererseits durch ihre nessel- 
artig wirkenden Fühler den Krebs gegen viele Angriffe schützt. 
Diese Aktiuien finden sich oft in so großer Zahl auf dem Gehäuse, 
daß sie es vollständig bedecken. 
Ein anderes der zahllosen interessanten Tiere, die man bier 
findet, ist der 20 ein lange Faltengecko, eine Echsenart, die ihren 
Namen trägt von ihrem leisen Ruf: „Gecko, gecko!" Die Zehen 
der kurzen Beine sind mit vielen Klebdrüscu versehen, die das 
behende Geschöpf Hefühigen, an senkrechten glatten Wänden und 
sogar an den Zimmerdecken sehr schnell entlang zu laufen. Da 
die Tiere sehr viel von dem lästigen Ungeziefer, das hier zu 
Hause ist, wie Mosquitos, Hundertfüßler und ziemlich große Vogcl- 
spinucn, mit großem Eifer vertilgen, so duldet auch der Europäer 
sie gern in seinen Wohnungen, und hei großem „Reinemachen" wird 
ihr Rest sorgfältig verschont, so daß sie zuletzt sehr zutraulich und 
zahm werden und selbst Lockrufen folgen. 
Ein unter Umständen recht lästiger Räuber ist die kopfgroßc 
KokoSnnßkrabbe. Sie lebt meist in den Wipfeln der Kokospalme 
und nährt sich von Früchten, doch verschmäht sie auch andere 
Nahrung nicht, wie folgender Vorfall beweist. Aus dem Tauben 
schlag eines deutschen Anwesens verschwanden lauge Zeit allnächtlich 
mehrere Tauben, deren Reste mau des Morgens unter dem Schlag 
auf der Erde fand. Mau fahndete aus den Räuber, von dem 
aber nicht einmal festzustellen war, welcher Art er sei. Als man 
zuletzt der Sache auf den Grund ging, fand man inmitten einer 
unglaublichen Verwüstung oben im Taubenschlag eine ungeheure 
Kokosnußkrabbe, von deren anhaltender Thätigkeit noch zahlreiche 
Taubengerippe in ihrer Umgebung Zeugnis gaben. Mit großer 
Mühe gelang es, das sich mit aller Kraft sträubende Tier aus 
dem Stall zu ziehen, worauf es sofort in den Kochtopf wanderte. 
Es giebt, richtig zubereitet, ein äbnlich wie die sogenannte Krebs 
butter schmeckendes, köstliches Gericht. 
Das höchste Vergnügen, die größte Freude, die dem Europäer- 
bier in der Fremde zu teil wird, empfindet er, wenn aus dem 
Munde des scharfseheuden Eingeborenen der Ruf „sail-oh!“ ertönt, 
der sich wie ein Lauffeuer von Mund zu Mund verbreitet. Denn 
er bedeutet das Nahen eines größeren Schiffes, das gewöhnlich 
langersehnte Kunde ans der Heimat bringt. 
Daun macht sich ein regeres Leben bemerkbar, dann giebt 
es endlich neuen Stoff zur Unterhaltung. Wie heiß und lauge 
aber hat man auch ^chon das Rahen des Schiffes herheigewünscht, 
wie oft ist man den Strand entlang gewandert, die rastlos suchenden 
Blicke auf den weiten,, unabsehbaren Horizont gerichtet! Hin und 
wieder läuft auch wohl ein Kriegsschiff die Häsen der Inseln an, 
und es entwickelt sich dann ein äußerst lebhafter Verkehr mit 
den Offizieren, der in Bällen, Festessen und Konzerten, die 
auf dem Lande wie auf dem Schiffe veranstaltet werden, zum 
Ausdruck kommt. Wochenlang noch, wenn das Schiff schon längst 
fort ist, beherrschen die Erlebnisse während seines kurzen Aufenthaltes, 
beherrscht alles das, was es an Neuigkeiten mitgebracht, das Ge 
spräch des Tages. Was sonst nur für den einzelnen Interesse 
haben würde, hier nebmcn alle daran teil; denn die Einsamkeit 
erhöht das Gefühl der Zusammengehörigkeit, und um die Wenigen, 
die hier in der fernen Abgeschiedenheit leben, schließt das gemein 
same Vaterland ein festes Band, und sei es auch nur das geistige 
Vaterland, die Bildung, die Kultur. 
Döbdelin und sein Theater. 
^or hundert Jahren wurde das von dem Theaterprinzipal 
Franz Schuch auf dem Hofe des Grundstücks in der Behreu- 
straße Nr. 55 erbaute Deutsche Schauspielhaus niedergerissen. Die 
letzte Schauspiel-Vorstellung fand da bereits am 3. Dezember 1786 
statt, als durch die Gnade Friedrich Wilhelm II. die Döbbelinschc 
Truppe das Königliche Rational-Theater auf dem GenSdarmen- 
markt zur Benutzung erhielt. In welchem jämmerlichen Zustand 
sich dieses den Musen geweihte Gebäude in der Behrcnstraße be-
        
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