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Periodical volume 7.Oktober 1899 Nr, 40

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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des Toten mit allerlei Geschenken für ihre Teilnahme belohnt, der 
besonders die Weiber auf das eindringlichste Ausdruck geben, indem 
sie jede Panse in des Sohnes tagelang dauernder Klage durch 
wahnwitziges, entsetzliches Geheul ausfüllen. 
Bis die Leiche derart in Verwesung übergegangen ist, daß 
die Luft im ganzen Umkreise vollkommen verpestet ist, etwa 
fünf Tage, währt diese eindrucksvolle Ehrung des verstorbenen 
Häuptlings, und während dieser ganzen Zeit verlangt ein 
geheiligter Gebrauch, daß der Sohn durch strenges Fasten das 
Wohlgefallen der Götter erstehe, damit sie der Seele des Ab 
geschiedenen gnädig seien. Die Gefilde der Seligen werden, 
wenigstens auf Pap, durch einen sorgfältig gehüteten Hain, ein 
geheiligtes Gelände, das nur von den Priestern betreten werden 
darf, repräsentiert, in denen eine Eidechsenart gehalten und verehrt 
wird. In den Leib dieser bis zwei Meter lang werdenden, schwarz 
grünen, weiß gesprenkelten Eidechse fährt nämlich die Seele des 
Gerechten, die des Verdammten aber in den eines gräßlichen Meer- 
ungeheuers, nachdem der Leichnam, wenn die Verwesung genügend 
vorgeschritten ist, in feine Matten sorgfältig eingewickelt, aus dem 
in den Bergen gelegenen Friedhof begraben ist. Ueber dem Grabe 
werden einige Steine aufgerichtet,*) und mehrere Monate hindurch 
muß der Sohn hier oben in einer Hütte hausen, fern von aller 
Gesellschaft. Wegen seiner Erbschaft braucht er indessen nicht in 
Sorge zu sein, da das gesamte Eigentum des Toten während der 
Zeit der Abwesenheit des Sohnes für tabu gilt, in dem Grade, 
daß schon der Genuß einer einzigen ihm gehörigen Kokosnuß mit 
dem Tode bestraft werden würde. 
Sobald aber die Zeit abgelaufen ist, sucht der Sohn vor 
allem die Gunst der Priester des heiligen Haines zu gewinnen, 
indem er ihnen die köstlichsten Früchte seiner Bäume und seines 
Feldes, wie auch sonstige Geschenke, geschliffene Muscheln, Schild 
patt und dergleichen, darbringt' denn in ihrer Macht liegt es, daß 
auch ferner sein Eigentum gesegnet sei. 
So ist es Brauch bei dem heidnischen Teile unserer neuen 
Landsleute. Aber wenn auch sehr viele mit großer Zähigkeit 
am alten festhalten, wenn auch wieder andere, die schon die 
Taufe empfingen, nur dem Namen nach Christen sind und 
vielleicht mehr infolge einer gewissen Indifferenz und eines 
großen Phlegmas als aus besonders konservativer Gesinnung im 
Herzen ebenfalls den ererbten Gebräuchen oder noch häufiger aber 
gläubischen Vorstellungen aller Art anhangen, so ist doch nicht zu 
leugnen, daß, wie die Marianen nach mehr als hundertjähriger 
Thätigkeit der spanischen Missionare fast ganz katholisch geworden sind, 
auch auf den Karolinen die Mission in den letzten Dezennien ziem 
liche Fortschritte gemacht hat. Nach den PalaoS kamen früh die 
Franziskaner von Manila herüber, die auch auf Jap und Ponape 
Stationen gründeten, während auf Kusaie die evangelische ameri 
kanische Mission ihren Hauptsitz hat. — Und gerade die hier in 
den 50 Jahren ihrer Thätigkeit erzielten Erfolge sind sehr bedeu 
tend und in vieler Hinsicht erfreulich. Die dort eingerissene Vor 
liebe für berauschende Getränke, besonders für die ans gegohrener 
KokoSnußmilch bereitete Kawa, hat sie vollständig beseitigt, und 
von den gesamten Bewohnern der Karolinen, die freilich überhaupt 
gutgeartet und zur Trunksucht im ganzen wenig geneigt sind, sind 
die Kusaier die nüchternsten und relativ gesittetsten. 
Der Aberglaube kommt unter anderem auch in der sonder 
baren Art, wie sie das Schicksal besragen, zu Tage. Haben 
sie irgend eine Unternehmung, eine Meerfahrt, eine kriegerische 
Expedition vor, so suchen sie allen Ernstes die Meinung der 
Gottheit zu ergründen, indem sie an den Blattrippchen der 
Kokosnußblätter Zustimmung oder Ablehnung abzählen. Wenn 
letztere erfolgt, die Zeichen also nicht günstig sind, so verschieben 
sie wohl manchmal ihr Vorhaben auf bessere Zeit, häufig aber 
treiben sie die Naivetät so weit, so lange immer von neuem zu 
zählen, bis die gewünschte Zustimmung erfolgt, worauf mit größter 
Seelenruhe, im festen Glauben an das durch die Gottheit garan 
tierte Gelingen, der Plan ausgeführt wird. Auch manche von 
dichterischer Phantasie zeugende Sagen sind allmählich zu aber 
gläubischen Vorstellungen geworden, wie z. B. die auf einzelnen 
der kleinen Koralleninseln heimische, daß der böse Geist, der Teufel 
also, den Ursprung dieser Inseln veranlaßt und daher auch noch 
viel Macht über sie habe. Der Teufel, sagen sie, sei mit einem 
großen Sack voll Sand durch die Lüste geflogen; als er aber hier 
über dem weiten Weltmeer geschwebt habe, sei plötzlich der Sack 
geplatzt, und der Sand, herabstürzend, habe diese sandigen Eilande 
gebildet. Man sicht indessen hieraus, daß die große Frage 
„Woher?" auch diesen Kindern unter den Völkern nicht fremd ist. 
Ja, Kinder, harmlose, gutgeartete Kinder sind diese Völker 
schaften alle, bis auf ganz geringe Ausnahmen. Und auch mit 
diesen Ausnahmen ist es, heutzutage wenigstens, nicht mehr so 
schlimm. — Die Gerüchte über Grausamkeit oder Falschheit und 
räuberische Gelüste, die in den letzten Jahren noch hier und da 
aufgetaucht sind, gingen meist von Schiffbrüchigen aus, deren geringe 
Kenntnis des Landes, seiner Bewohner und ihrer Sprache, die 
*) Vergleiche die Abbildung des Begrübnisplahes auf Seite 880, Nr. 24 des „Bär". 
aus sehr vielen, ja den meisten dieser Eilande bedeutende Unter 
schiede zeigt, zu Mißverständnissen Anlaß gab. 
So strandete im Jahre 1895 ein dänisches Segelschiff Halnaker 
in der Nähe der 90 Meilen nordöstlich von Aap gelegenen Mackcnzie- 
oder Mogemog-Jnseln. Das Schiff war in einen Taifun geraten 
und hatte fünf Tage hindurch keine Observation gehabt, so daß es 
mit sämtlichen Insassen verloren schien. Durch den Taifun, jenen 
in diesen Gegenden so häufigen Wirbelstnrm, der sich in fort 
laufenden, riesigen Kreisen über das Meer dahinwälzt, wird die 
Flut in ihren tiefsten Tiefen aufgerüttelt und zu haushohen 
Wogen aufgetürmt. Aber die eigentliche Gefahr tritt erst ein, wenn 
ein Schiff aus dem eigentlichen Sturm heraus und in einen jener 
Kreise hineingerät. Denn in ihm herrscht vollständige Windstille, 
so daß dort das Segelschiff vollkommen manövrierunfähig den 
wütenden Wogen preisgegeben ist. Fast immer ist ein solches 
Schiff mit Mann und Maus verloren, und daß in unserem Falle 
der einzige Passagier, ein ans der Rückreise von den Marshallinfeln 
nach Deutschland begriffener Schulmeister, und die Mannschaft bis 
ans einen Matrosen gerettet wurden, war lediglich die Folge davon, 
daß das wehrlose Fahrzeug in eine heftige Strömung geriet, die 
es auf eines der jene Inseln umgebenden Korallenriffe jagte, 
wo es fest sitzen blieb. — Das erste Boot, das hinabgelassen 
worden war, wurde mit seinem Insassen, dem vorerwähnten 
Matrosen, sofort losgerissen und abgetrieben, doch gelang es, das 
einzige noch übrige glücklich zu Wasser zu bringen und sämtliche 
Schiffbrüchige zu bergen. Sobald sie nun in die Nähe des Landes 
gekommen und von den Bewohnern der Inseln bemerkt worden 
waren, fuhren diese ihnen in zahlreichen Kanoes unter großem 
Geschrei entgegen, kletterten zum Teil in das Boot und begannen 
unter freundlichen Grimassen die Unglücklichen alles dessen zu 
berauben, was ihnen in die Augen stach, vor allem sämtlicher 
Wertsachen, wie Ringe, Uhren u. s. w. Der Kapitän hatte nach 
geschehener Landung die größte Mühe, seine Matrosen zu beruhigen, 
die durchaus in das Wasser springen wollten. Denn die Art des 
ihnen bereiteten Empfanges ließ sie das Entsetzlichste befürchten. 
Die Wilden betasteten ihre Kleider, ihre Hände und ihr Gesicht 
unter fortwährendem freundlichen Grinsen und verheißungsvollem 
Schnalzen der Zunge, so daß die Schiffbrüchigen nicht anders 
glaubten, als daß sie zu leckerem Mahl bestimmt seien. Vorläufig 
aber geschah ihnen nichts. Sic wurden in ein leeres Hans gebracht, 
in dem sie die Rächt über bewacht wurden. Doch auch sie selbst 
wachten umschichtig, immer in der schrecklichsten Besorgnis. Allein 
es passierte nichts weiter, als daß verschiedene Insulaner den Ver 
such machten, sie ihrer Kleider zu berauben. So ging es die nächsten 
drei Tage und Nächte fort, eine lange Zeit für die vierzehn Menschen, 
die keine Rettung sahen, und denen als Nahrung im ganzen nur 
zwei kleine Fische und einige Kokosnüsse zugeteilt wurden. Endlich 
am vierten Tage fanden sie einen unter den Eingeborenen, der 
längere Zeit auf Iap gewesen war und einige Brocken englisch 
verstand, so daß eine notdürftige Unterhaltung möglich wurde. 
Dieser nnteruahm es auf ihre Bitte, nach dem noch immer auf 
dem Riss sitzenden Wrack zu fahren und ihnen den Kompaß zu holen, 
ein Wagnis, das wunderbarerweise gelang, während von den vielen 
anderen Insulanern, die ebenfalls die Fahrt versucht hatten, um das 
Wrack zu plündern, kein einziger zurückgekehrt war. — Die Schiff 
brüchigen erhielten also denKompaß und fuhren nun, von niemandem 
gehindert, bei immer noch wildbewegter See in ihrem kleinen 
Ruderboote ab, in dem sie nach höchst gefahrvoller Fahrt, die drei 
Tage und drei Nächte dauerte, glücklich Iap erreichten. Daß 
niemand ihnen hindernd in den Weg trat, nachdem sie sich mit 
einem einzigen Eingeborenen verständigt hatten, beweist schon, wie 
sehr sie sich trotz der diebischen Gelüste der Wilden in ihnen getäuscht 
hatten, und nach Aussage solcher Leute, die lange in diesen 
Gegenden gelebt haben, und die die Verhältnisse und dieSprachc dieser 
eher kindlichen als bösartigen Menschen genau kennen, würde ein 
einziges Wort in ihrer Sprache, ja schon die rechte Art der 
Behandlung, genügt haben, auch jene diebischen Gelüste zu ersticken. 
Die Furcht, aufgefressen zu werden, war jedenfalls ganz unbegründet 
und konnte nur durch ein Mißverstehen der geschilderten hand 
greiflichen Begrüßung aufkommen, durch die lediglich Freude über 
die Schönheit der weißen Menschen und ihrer Kleidung ausgedrückt 
werden sollte. 
Es ist ja bisher nur ein kleiner Teil der Inseln durch den 
durchweg deutschen Handel der Kultur erschlossen, aber es ist wahr 
scheinlich, daß dieser Handel bald auch die kleinen und kleinsten 
Eilande in seinen Bereich ziehen wird. Bei nicht allzuweit von 
den Hauptstationen entfernten Inseln geschieht dies schon jetzt, und 
zwar durch altgediente Seeleute, die sich hier als Händler oder 
vielmehr als Zwischenhändler niedergelassen haben. Es ist sonderbar, 
daß diese Leute, selbst wenn sie nach Jahren, einer augenblicklichen 
Sehnsucht folgend, die alte deutsche Heimat wieder aufgesucht haben, 
über kurz oder lang sich immer wieder hinausgezogen fühlen. Es 
ist das ungebundene Leben, das sie fesselt, das Gefühl der Freiheit, 
das Bewußtsein, keinen Herrn über sich zu haben. Oft haben 
sie eine Lebensgefährtin unter den Eingeborenen gesunden, die 
ihnen das Hauswesen aufs beste besorgt, und der sie von Herzen 
zugethan sind. Diese kleineren Händler pflegen allwöchentlich mehr
        
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