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Periodical volume 7.Oktober 1899 Nr, 40

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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dings insofern nicht als vollkommen bezeichnet werden muß, als 
die Nachfrage nach den Pachtgrundstücken nur zum kleinsten Teile 
zu befriedigen ist. Die Ansiedelung in der Lanbenstadt gewährt 
die Gelegenheit zu einem einfachen und zwanglosen Leben, zu 
Beschäftigungen, die der Gesundheit zuträglich sind, und zu einem 
leichten Genuß der Natur, ganz abgesehen von den materiellen 
Vorteilen, welche die Andauung des Landes bringt. Der Wohl 
habende unternimmt im Sommer eine Reise ins Gebirge oder an 
die See, der Laubenstädter geht „aufs Feld". Wenn von einer 
Laubenstadt gesprochen wird, so ist das natürlich nur so zu ver 
stehen, daß in den allerseltensten Fällen die Pächter der Grundstücke 
auch über Nacht in ihren Hütten und Lauben zu verweilen pflegen. 
Eigentliche Wohnungen sind nicht vor 
handen, wohl aber mehr oder minder 
geräumige Buden, in die sich der 
Laubenbewohner mit seiner Familie 
flüchten kaun, wenn Wind und Wetter 
den Aufenthalt im Freien verbieten. 
Sehen wir uns einmal eine der 
artige Laube und das Grundstück, aus 
dem sie errichtet ist, näher an! Der 
„Hausherr", ein Cigarrenmacher, der 
in einer Fabrik thätig ist, empfängt 
uns am Eingang seiner Parzelle. Er 
hat, wie er uns mitteilt, ein 33 Quadrat- 
ruten umfassendes Stück Land für eine 
Jahrespacht von 6,60 Mark gemietet 
und sich in seinen Mußestunden seine 
Laube selbst gebaut. Wir treten zu 
nächst in einen Vorraum, der an 
beiden Seiten von einem Stacket ein 
gefaßt ist und in die eigentliche Laube 
mündet, eine aus Holzbrettern zu 
sammengefügte Hütte. In diese ist au 
der einen Wand ein niedriges, mit 
weißen Gardinen geschmücktes Fenster- 
chen eingelassen. Die Ausstattung, so 
primitiv sie ist, giebt doch dein schlickten 
Raum ein gemütliches Aussehen. Die 
Stelle der Gemälde müssen Plakate 
von Cigarrenstrmen und Bilderaus 
schnitte aus illustrierten Blättern ver 
treten. Das Mobiliar besteht nur 
aus einem rohgezimmerten, von drei 
Bänken umgebenen Holztisch. Unter 
einer der Bänke befinden sich längliche 
Kästen, in denen der Stadtagrarier 
seinen Viehstand, ein halbes Dutzend 
niedlicher Kaninchen, birgt. In der Nähe der Laube erblicken 
wir zunächst einen Schmuckplatz en miniature, ein winziges, 
mit allerlei Gartenblumen verziertes Rondell. Der Lauben 
bewohner zählte uns nun auf, was er ans seinem Landsitz 
anbaut: etwa die Hälfte des Grundstückes nehmen die Kartoffeln 
ein; dann folgen in bunter Reihe die verschiedenen Kohlarten, ferner 
Mohrrüben, Erbsen, Bohnen, grüner Salat, Sellerie, Petersilie, 
Zwiebeln, Schnittlauch, Pfefferkraut, Thymian, Gurken und 
Kürbisse. Sogar ein kleiner Spielplatz ist eingerichtet worden für 
die Kinder, die hier draußen ebenso gern wie die Erwachsenen 
weilen. Sie können sich nach Herzenslust umhertummeln, im 
Sande spielen, und sie erlernen zugleich die Besorgung von 
kleineren und leichteren Geschäften, wie das Ansäen und Ver 
pflanzen von Gewächsen, das Ausjäten des Unkrauts und das 
Begießen der Pflanzen. 
Der Sonntag ist der Empfangstag des Laubenstädters. Dann 
finden sich Verwandte und Bekannte ein; es wird musiziert, wobei 
die Ziehharmonika, von den Berlinern „Knautschkommode" genannt, 
die Hauptrolle iuue hat, auch unternimmt man wohl bei Kaffee 
oder Bier einen Skat oder ein Schafkopfspiel. Auch gemeinsame 
Feste feiern unsere Ansiedler, namentlich das Erntefest, das nur in 
diesem Jahre das Mißgeschick hatte zu verregnen und auch, als 
es auf den nächsten Sonntag verschoben wurde, wegen des schlechten 
Wetters nicht in der geplanten Weise abgehalten werden konnte. 
Die Dämmerung ist inzwischen hereingebrochen. Inmitten 
der Laubenstadt glimmt Licht auf Licht auf, der verschwommene 
altväterliche Glanz der Oellampen und Windlaternen. Drüben 
erscheint die Stadtbahn wie eine in der hellsten elektrischen Lichtflut 
erschimmerude Straße. Wir verlassen das Parzellenland, an dessen 
Ausgang sich der Sportpark Kurfürstendamm und eine Motor 
kutscherei befinden, Wahrzeichen der neuen Zeit, die auch der 
gemütlichen Kolonie vielleicht schon bald ein Ende bereiten werden. 
Noch einige Minuten, und wir geraten in den Strom der Spazier 
gänger, der in dem schon dicht bebauten, südlich von der Stadtbahn 
belegenen Teile der Wilmersdorferstraße nur langsam vorwärts 
dringen kann. Donnernd rollen die Züge über die Eisenbahnbrücke. 
Die Thür einer Kneipe öffnet sich, ein Betrunkener taumelt heraus, 
dichter Tabaksqualm, heiße Luft schlägt uns entgegen, wüstes 
Gebrüll ertönt — und es zeigt sich uns das Gegenstück des Idylls, 
das wir soeben noch geschaut haben, und von dem man nur 
wünschen kann, daß es — das Idyll — den kleinen Leuten noch 
recht lauge erhalten bleibe. Walter Grosse. 
Von unseren neuesten Kolonien. 
Nach Privatmitteilungen und Briefen. 
Von 
Paul Warncke. 
in 
M em „König" wird von allen seinen Unterthanen stets die seiner 
bevorzugten Stellung zukommende Achtung erwiesen. Richt 
nur während seines Lebens, sondern auch noch nach seinem Tode 
kommt das zum Ausdruck, da seine Bestattung unter ganz beson 
deren Feierlichkeiten vor sich geht. 
Sie erinnern an Schillers Gedicht „Radowessiers Totenlied", 
wenigstens in mancher Beziehung. Schon der Anfang: 
„Seht, da sitzt er auf der Matte, 
Aufrecht sitzt er da — 
Mit dem Anstand, den er hatte. 
Als er's Licht noch sah —" 
*) Sera'. „Lär" Rr. 24, Seite 873 imö Rr. SO, Seite 570. 
•*) 
stimmt vollständig; denn der Tote wird, nachdem der Körper dick 
mit nach unseren Begriffen nicht gerade wohlriechendem Oel 
beschmiert ist, auf eine bunte Matte gesetzt und au einen bunt 
bemalten, zuweilen auch geschnitzten Pfahl gebunden, so fest, daß 
die sitzende Stellung trotz der Leichenstarre erhalten bleibt. Der 
Sohn des Verstorbenen schmückt ihn unter fortwährenden Lob 
preisungen und in eintöniger Rede vorgetragenen Aufzählungen 
seiner Thaten mit den Schmuckstücken und Waffen, die er im 
Leben zu tragen pflegte, nur unterbrochen von der in dumpfem 
Tone von den anwesenden Häuptlingen und Weibern von Zeit zu 
Zeit herausgestoßenen Bekräftigung: sonnn! sonnn! sonnn! 
(wahr! wahr! wahr!). 
Die anwesenden Leidtragenden werden von den Verwandten
        
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