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Periodical volume 7.Oktober 1899 Nr, 40

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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brandet, könnte ich monatelang Hausen. Die wonnigsten Tage 
meines Lebens habe ich an der bretanischen Küste in einem Fischer 
häuschen verlebt, das wie ein Schwalbennest über den Felsklippen 
hing. Unter mir brauste, donnerte und gurgelte die Brandung. 
Ach, war das eine Lust, sich dem Wogenschwall entgcgenzuwerfen, 
während über mir die Möven kreischten! Da konnt' ich stundenlang 
über die Felsenwände klettern, um die Seehunde zu beschleichen; 
da durste ich mich auch mit dem Segelboot weit Hinaustreiben 
lassen in die nimmer rastende See, die der prosaische Mensch eine 
Wasserwüste nennt, die mir aber belebt erscheint durch phantastische 
Traumgestalten in der Tiefe, und durch geheimnisvoll flüsternde 
und raunende Stimmen an der bewegten Oberfläche. Wind und 
Wellen gehören zusammen und bilden für Kerle meines Schlages 
den Jungbrunnen ihrer Lebenskraft. Wer nur einige Wochen lang 
mit ihnen gerungen, der kann sich wieder gestärkt und erfrischt in 
den Strudel des Großstadtlebens stürzen." 
„Sie scheinen das Meer sehr zu lieben?" 
„Ja, ich fühle mich zu ihm mehr hingezogen als zum Hoch- 
gebirg, dessen ruhige Erhabenheit mich auf die Dauer langweilt. 
In der Natur, wie im sozialen Leben, sehne ich mich nach Be 
wegung, nach Arbeit und Kampf." 
„Sie halten es also mit dem Wahlspruch aller Kraftnatureu: 
Auf Sonnenschein muß Regen kommen, 
Im Wechsel liegt der Wert des Glücks; 
Ein ewig Glück — wie kann Dir's frommen. 
Du blöder Wurm des Augenblicks? 
Zu beklagen sind nur die arinen Frauen, die mit abwechselnngs- 
bedürftigen Männern Ihrer Art einen Bund fürs ganze Leben ge 
schlossen haben; ihre Aufgabe ist unlösbar." 
Frau Geisler sprach diesen Vorwurf in scherzendem Tone aus, 
der Begleiter aber sah ihr mit schwermütigem Ernst in die Augen 
und erwiderte: „Ihre Aufgabe ist kinderleicht, sofern sie die In 
dividualität des Mannes gelten lassen und sich ihre eigene be 
wahren. Mein Frauenideal gleicht freilich nicht dem Epheu, der 
sich um die Eiche rankt. In einer Ehe, wie ich sie erträume, muß 
auch das Weib auf eigenen Füßen stehen, muß seine geistige Natur- 
selbständig entfalten, muß dem Manne so viel Anregung, Trost 
und Stütze bieten, wie er ihr giebt." 
„Sie suchen in derEhe also nichts weiter als guteKameradschaft." 
„Mehr als das. Da es sich hier um eine Kameradschaft 
zwischen Mann und Weib handelt, so muß ihr die Liebe Festigkeit, 
Glanz und Wärme geben." 
„Bei der Inferiorität des weiblichen Geschlechts wird sich Ihr 
Eheideal nur für eine sehr beschränkte Anzahl von Herren der 
Schöpfung verwirklichen lassen." 
„Gott sei's geklagt!" 
Dieser Seufzer verriet der jungen Frau, daß ihr Gefährte in 
seiner Ehe das erhoffte Glück nicht gefunden habe. — Der Dampfer 
fuhr an Seezeichen in Form von bunten Soldatenbüsten vorüber. 
„Das sind die Schwedenköpfe!" rief der Rechtsanwalt und fügte 
die Erklärung hinzu, daß diese martialischen Erscheinungen den 
Knauf von mächtigen Eichenpfählen bildeten, die vor den Untiefen 
der Bucht warnten und an die Schrecken des dreißigjährigen 
Krieges mahnten. Da sich jetzt an der Südseite des kleinen Meer 
busens die alte Hansastadt mit ihren roten Ziegeldächern, ihrem 
in bizarren Formen gehaltenen Fürstenhof, ihren stolzen Kirch 
türmen und schlanken Masten aus dem Duft der Ferne heraushob, 
so nahm der Rechtsanwalt Gelegenheit, die Geschichte der einst so 
blühenden Handelsstadt und ihre gegenwärtige, recht seltsam politische 
Lage darzulegen. Sie hörte ihm mit großem Vergnügen zu, denn er 
kannte die Geschichte Wismars, soweit sie mit jener der Hansa 
zusammenfiel, ziemlich genau und verstand es meisterlich, ihr die 
Kämpfe zu schildern, welche im fünfzehnten Jahrhundert der 
Unionskönig Erich heraufbeschwor, ferner die Verwüstungen, welche 
zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts eine dänische Flotte des 
Königs Hans vornahm, wobei alle Vorstädte und Schiffe des Hafens 
in Flammen aufgingen, und endlich die Schrecken jener furchtbaren 
Belagerung im dreißigjährigen Kriege, durch welche die Stadt zum 
Teil in Trümmer gelegt und ihres Wohlstandes beraubt wurde, 
bevor sie in die Hände der Schweden fiel. 
Als Bettina Geislar seine Kenntnis der Lokalgeschichte Wismars 
bewunderte, bemerkte er lächelnd; „Das darf Sie nicht verleiten, 
meinen Wissensschatz hoch anzuschlagen; denn ich mußte mich nach 
der Vergangenheit erkundigen, als ich es übernahm, in dieser ver 
pfändeten Schwedenstadt die Reichstagkandidatur eines Partei 
genossen rednerisch zu unterstützen. Um in Wismar die Gemüter 
aufzurütteln, muß man die Trommel hanseatischer Seeschlachten 
rühren." 
„Warum nennen Sie den Hafeuort eine verpfändete Schweden 
stadt? Sie sehen, wie naiv ich dem Ziel unseres Ausfluges gegen 
überstehe." 
„Sie brauchen sich dieser Unkenntnis nicht zu schämen; denn 
in Wismar selbst giebt es Frauen genug, die keine Ahnung davon 
haben, daß ihre Vaterstadt schwedisches Pfandobjekt ist. Im 
Jahre 1903 darf Schweden Wismar zurückfordern, falls es die 
dafür erhaltene Summe von 5 600 000 M. mit den dreiprozentigen 
Zinsen für ein Jahrhundert wieder erstattet." 
Als er abbrach, um die junge Frau auf den hochgelegenen 
Badeort Wendorf mit seinen Parkanlagen aufmerksam zu machen, 
hafteten ihre Blicke noch unverwandt auf dem Architekturbilde der 
Stadt, dessen Umrisse immer klarer, dessen Farben immer leuchtender 
in die Erscheinung traten: „Wie sonderbar!" sagte sie nach einer 
Weile. „Run, da ich so viel über die Geschichte dieser Stadt er 
fahren, wachsen vor meinen Augen ihre Türme in den Himmel 
hinein, ihr Haff füllt sich mit fremdartigen Erscheinungen, und diese 
enge Bucht weitet sich. Besten Dank für Ihre Belehrung!" 
Der Dampfer legte am Onai an, und als Frau Geisler beim 
Verlassen des Schiffs auf die Justizrälin und deren Kinder stieß, 
schien es ihr, als werde sie aus einem Traum geschreckt. Ver 
schwommene, lockende Bilder zerflatterten vor ihren inneren Augen, 
und die hagere Dame mit der blechernen Stimme und den un 
aufhörlich sich streitenden Kindern versetzte sie mit einem Ruck auf 
deu Boden nüchterner Wirklichkeit. 
„Nu, sagen Sie mir aber, Verehrteste, wo haben Sie denn 
gesteckt?" rief ihr diese entgegen. „Sie war'n ja ganz von der 
Bildfläche verschwunden? Es ist Ihnen doch recht, daß wir im 
Hotel Hamburg zu Mittag essen? Hier der Herr Kommerzienrat 
Stobmeyer sagt mir üben, daß de Tadle d'hote dort vorzüglich 
und verhältnismäßig billig ist." 
„Aber erscht koofen wer Ansichtskarten!" ließ sich das Terzett 
der justizrätlichen Kinder in protestierendem Tone vernehmen. 
„Ru üben," erwiderte die Mutter und wandte sich, als just eine 
Papierhandlung in Sicht kam, der Auslage von Photographien zu. 
„Darf ich Sie von diesem Anhang befreien?" fragte der 
Rechtsanwalt, indem er mit seiner Reisegefährtin weiterschritt. 
Diese lachte und bemerkte nach kurzem Schwanken: „Wenn Sie 
kein Gewaltmittel anwenden." 
Als beide die Restaurationsräume betraten, schallte der Gong 
durchs Haus. Während Frau Geisler Hut und Jackett ablegte, 
sprach ihr Begleiter mit dem Oberkellner, der ihnen gegenüber 
liegende Plätze an der Tafel anwies. Rach der Suppe erst er 
schien die Justizrätin mit ihrem Gefolge im Speisesaal. Der 
Kommerzienrat ließ sich neben Frau Geisler nieder und erwies 
sich als ein redseliger Herr, die Justizrätin nahm an des Rechts 
anwalts Seite Platz, der ihr nach der üblichen gegenseitigen Vor 
stellung viel Höflichkeit erwies. Die fast vierstündige Seefahrt 
hatte den Appetit der Ausflügler geweckt, und da die Speisen wie 
die Rotweine gleich vorzüglich waren, so verflog eine Stunde im 
fröhlichen Genießen. Als sich dann die Gruppe, zu deren Be 
herrscherin sich die Justizrätin rasch erhoben hatte, in ein kleineres 
Zimmer begab, um den Kaffee einzunehmen, bestellte der Rechts 
anwalt mit lauter Stimme eine Ansichtskarte nebst Schreibzeug. 
Diese Ordre bot den Anlaß zur Etablierung eines Bureaus. Die 
Justizrätin und ihre Angehörigen zogen drei Dutzend Ansichtskarten 
aus ihren Taschen hervor; der Kommerzienrat hatte sich mit einem 
halben Dutzend begnügt. Während der Rechtsanwalt nun seine 
Tasse leerte und seine Karte mit der Adresse und einem Gruß 
versah, entwarfen ihre Gefährten eine Liste jener Bekannten, die 
sie durch eine Ansichtskarte aus Wismar zu beglücken gedachten. 
ein 
„Ihre Korrespondenz wird die Frau Jnstizrat wohl noch 
halbes Stündchen hier zurückhalten. Um zu stören, wol
        
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