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Periodical volume 7.Oktober 1899 Nr, 40

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Illustrierte Wochenschrift für Geschichte und modernes Leben. 
25. Instrgmry. Sonnabend, 7. Oktober 1899. Nr. 40. 
Roman von Rudolf Llcho. 
ampfer in Sicht! 
Dieser Ruf schallte von der Landungsbrücke zum hohen 
Ufer hinauf und übte dort eine alarmierende Wirkung auf 
die versammelten Badegäste aus. Der Vergnügungsdampfer 
„Hohenzollern" wurde erwartet, und nahezu hundert Personen 
hasteten der Landungsbrücke zu, um an einem Ausflug nach 
der vormaligen Hansastadt Wismar teilzunehmen. Zu den 
Ausflüglern gesell 
ten sich deren Be 
kannte und Ver 
wandte, welche die 
Rolle des Stehim- 
weg mit soviel Er 
folg spielten, daß 
die Bootsleute die 
Stirnseite derBrücke 
absperren mußten. 
Auf dem Rasen 
platz vor den Gast 
höfen standen jetzt 
nur noch zwei 
Frauen, von denen 
die ältere im breiten 
sächsischen Dialekt 
ausrief: „Nun kom 
men Sic aber Frau 
Baumeisterin, meine 
Kinder sind schon 
drunten, und zurück 
bleiben möcht ich bei 
dem schönen Wetter 
doch ja nicht." 
Die „Baumei 
sterin" blieb ruhig 
stehen und erwiderte: „Komme gleich, Frau Justizrat, ich will nur 
den anlaufenden Dampfer betrachten." 
„Aber wenn Sie sich verspäten!" 
„Ohne Sorge! Vergnügungsdampfer sind eifrige Geldsainmler; 
die lassen keinen Fahrgast am Ufer stehen." 
Während die ältere Dame nun über die Treppe zum Strand 
hinabstieg und durch die Rufe: „Julchen, Max, Adalbert!" die im 
Gewühl abhanden gekommenen Kinder wieder um sich zu scharen 
suchte, wandte sich „die Baumeisterin" mit spöttischem Lächeln von 
ihr ab und ließ die Blicke zum Dampfer hinüber schweifen. Wie 
ein stolzer Schwan glitt er über die blaue, vom heitersten Sonnen 
licht überstrahlte Flut. Vom Deck herüber schallte Musik. Ein 
Dutzend Blechbläser befand sich an Bord und gab im flottesten 
Tempo den Donauwalzer zum besten. Je mehr der Dampfer sich 
dem Landungsplatz näherte, desto brausender wurde die Musik. 
Diese übte im Verein mit dem frischen Morgenwind, dem sonn 
durchstrahlten Himmel und den leise plätschernden Strandwellen 
eine Lust erweckende Wirkung auf die Frau ans. Ueber ihr fein 
geschnittenes Gesicht flog ein Lächeln, und während sich ihre kleinen 
Füße im Walzertakt bewegten, sang sie leise die Melodie mit. 
Nach einer Weile nahm sie mit einem langsamen Rundblick das 
heiterschöne Landschaftsbild in sich auf und murmelte: „Nun denn, 
auf nach Wismar! Vielleicht ist in der alten Hansastadt noch ein 
Stückchen Romantik 
zurückgeblieben, oder 
die Fahrt wird zum 
Erlebnis." 
Sie erhob den 
weißen Sonnen 
schirm, auf den sie 
sich bisher gestützt 
hatte, spannte ihn 
aus und schritt lang 
sam zum Strand 
hinab. Auf der 
Landungsbrücke 
wartete sie geduldig, 
bis die Reihen sich 
gelichtet hatten. Sie 
erzielte damit den 
Vorteil, daß das 
große Boot, welches 
sie zum Dampfer 
hinüberführte, dies 
mal nur drei Passa 
giere enthielt, wäh 
rend es bei allen 
früheren Fahrten 
überfüllt war. Kaum 
hatte sie die Schiffs 
treppe erstiegen, so rief ihr die Frau Justizrat zu: „Frau Geislcr, 
kommen Sie nach obeU, Julchen hat Ihnen 'nen Klappstuhl 
reserviert!" 
Frau Geisler stieg zum Oberdeck hinauf, seufzte aber aus 
der schmalen Treppe: „Gott schütze mich! Run bin ich rettungslos 
dieser Zimmernachbarin verfallen!" 
Während der Fahrt fanden die meisten Ausflügler, daß das 
von einem Zeltdach überschattete Verdeck angenehmere Sitzplätze 
böte als das enge von der Sonne heiß beschienene Oberdeck: auch 
zog die gut verproviantierte Schiffsrestauration sie abwärts. 
Diesem Zug nach den Fleisch- und Bouillontöpsen der Schiffsküche 
schloß sich auch die Jnstizrätin mit der Bemerkung an: „Wissen 
Sie, Frau Baumeistcrin, an der Küste is doch nischt mehr zu seh»; 
das is Sie ja egal dieselbe Sache." 
Frau Geisler aber verblieb auf ihrem hohen Standpunkt 
und ließ die Ufer an ihren Blicken vorübergleiten. Mit einem-
        
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