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Periodical volume 30.September 1899 Nr, 39

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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mühte, die ihm untergestellten Offiziere auf seine Seite zu bringen. Bei 
einem ihm zu seinem Geburtstage vom Offizierkorps gegebenen Diner 
erhob er sich ganz am Schlug, als die Generäle schon etwas durch den 
Wein aufgeregt waren, hielt einen mit dem Porträt des Königs von 
Sachsen geschmückten, und von diesem zum Geschenke erhaltenen Becher 
in die Höhe und sprach kurz: „Der König!" Dann aber fuhr er weiter 
fort, redete von „Hermann" und „deutscher Freiheit" von der „hohen, 
heiligen Sache," forderte die Anwesenden zu „Einigkeit und Hingebung" 
auf, damit „der Feind vor Torgau ein zweites Thcrmopylä finde," und 
leerte den Becher „ans das Wohl der hohen Alliierten." Da stand der General 
major Karl Ludwig Sahrcr von Sahr auf und sagte: „Mein Herr General, 
ich habe ein Glas Wein mehr getrunken, als meine Gewohnheit ist, und 
bin also nicht in der Stimmung, mich ganz so auszusprechen, als ich 
es möchte. Ja, Herr General! Wir werden fechten und mit der mög 
lichsten Tapferkeit, mit den Franzosen gegen die Russen und Preußen, 
mit den Russen und Preußen gegen die Franzosen — wie unser König 
will! Nichts von Politik! Nur unser König soll leben!" Ein allgemeiner 
Tumult folgte diesen Worten. Thielmann kam nicht wieder zu Worte, 
nahm allein seinen Abschied aus den sächsischen Diensten und trat allein 
zu den Verbündeten über. 
Am 14. Oktober vor 150 Jahren starb als Gefangener auf 
dem Spielberge zu Brünn in Mähren vielleicht an selbst genommenem 
Gift, Preußens erbitterter Feind, der 1740 mit seinen wilden Panduren 
in Schlesien gesengt und gebrannt hatte, Franz, Freiherr von der Trenck, 
der Vetter des unglücklichen Friedrich von der Trenck. Sein Leben war 
völlig das eines Abenteurers. Mit vier Jahren stellte er mit seines 
Vaters Pistolen Schießübungen an und wurde durch eine von der 
Wand zurückprallende Kugel verwundet, und mit fünf Jahren trieb er, 
den blanken Pallasch in der Hand, an der Spitze seiner Spielgenossen 
die Obstweiber in die Flucht, um ihre Körbe ungehindert plündern zu 
können. Als Jüngling spaltete er einem Verwalter seines Vaters, der ihm 
Geld auszuzählen sich weigerte, ohne Weiteres den Schädel, entfloh und 
trat in russische Dienste. Zweimal wegen Insubordination zum Tode 
verurteilt, wurde er jedesmal von seinem Gönner, dem Fcldmarschall 
von Münnich, am Leben erhalten. Im Jahre 1740 errichtete er mit 
Erlaubnis der Kaiserin Maria Theresia ein Pandurcn-Frcikorps und 
begann mit diesem in der tapfersten, aber auch grausamsten und un 
menschlichsten Weise auf eigene Faust Krieg zu führen. Endlich ließ 
ihm die Kaiserin den Prozeß machen, und er wurde zu lebenslänglicher 
Gefangenschaft auf dem Spiclbcrge verurteilt. Wie er Einfluß ausübte 
auf das Schicksal seines Vetters Friedrich, ist aus des letzteren allerdings 
zum Teil romanhafter Selbstbiographie bekannt. 
Berliner Studenten in den Befreiungskriegen. — Im 
Sommer von 1813 wurden in Berlin nur 28, im darauffolgenden 
Winter 29, im Sommer von 1814 nur 70 neue Studenten eingeschrieben, 
deren Zahl im Winter von 1814, als die Franzosen besiegt waren, 
ans 265 stieg. Von den Berliner Studenten, die hinausgezogen waren 
in den heiligen Kampf, waren 43 ihren Wunden oder Krankheiten 
erlege». Mit den Waffen in der Hand waren 28 gefallen, 4 bei Groß- 
görschcn, 3 bei Bautzen, 2 bei Großbeeren, 3 bei Dcnncwitz, 2 bei 
Leipzig, 1 bei Möckern, 2 vor Paris, 11 in kleineren Gefechten. Bei 
Denncwitz schlug dem Studenten Friedrich Wilhelm Schulze eine Kugel 
durch den Tschako und blieb in dem darin befindlichen Buche „Fichtes 
Religionslehre" auf der Seite stecken, ans der die Worte standen: 
„Denn alles, was da kommt, ist der Wille Gottes, und drum das 
Allerbeste, was da kommen konnte." Vor Paris wurde ihm die Hand 
zerschmettert, und er starb am 20. April 1814 im Kloster der dortigen 
barmherzigen Schwestern. Der Student Johann Friedrich Hermann 
siel bei Bautzen an seinem 24. Geburtstage. Ebendaselbst wurde der 
Theologe Daniel Wilhelm Kratz, Jäger im Colbergischcn Regiment, 
verwundet, dann zum Offizier befördert, wegen seiner bei Grostbccren 
bewiesenen Tapferkeit zum eisernen Kreuze vorgeschlagen und bei Tenne- 
witz getötet, als er mit seiner Kompagnie zum Stnrnr aus eine fran 
zösische Batterie vorging. Ter Theologe Wilhelm Goldclius, Oberjägcr 
tut Detachement des ersten Pommerschen Infanterie-Regiments, erhielt 
bei Wittenberg eine schwere Wunde: kaum geheilt, eilte er dem Heere 
nach, die Wunde brach wieder auf, und er starb im Kloster der Ursu- 
linerinnen zu Dorsten. Bei seinem Vater traf zugleich mit der Nach 
richt, daß er das eiserne Kreuz erhalten habe, auch die von seinem 
Tode ein. Auf dem Montmartre bei Paris fiel der Jurist Wilhelm 
Heinrich Kayscr, Leutnant im 2. westprcnßiichcn Infanterie-Regiment, 
Ritter des eisernen Kreuzes und des russische» St. Gcorgsordcns. Auch 
aus der Reihe der Berliner Professoren forderie der Befreiungskrieg 
zwei Opfer. Dem Nervensicber erlag am 12. November 1813 als 
oberster Leiter der Militärlazarette auf dem linken Ufer der Elbe der 
Professor der Medizin Johann Christian Neil und am 27. Januar 1814 
der berühmte Philosoph Fichte. 
Die Berliner und die Militärpflicht. Nach den Freiheits 
kriegen pochten die Berliner auf ihr altes Recht, vom Militärdienst frei 
zu fein, und richteten zweimal ein darauf bezügliches Gesuch an den 
König. Das zweite Mal erhielten sic am 2. Januar 1816 von Friedrich 
Wilhelm III. folgenden Bescheid: „Mit gerechtem Unwillen habe ich 
einen wiederholten Antrag der Stadtverordneten von Berlin aus Be 
freiung von der Verpflichtung zum Kriegsdienste erhalten. Es kann 
mich nur schmerzlich befremden, in der durch so viele Verhältnisse vor 
allen anderen begünstigten Hauptstadt meines Landes Einwohner zu 
finden, die sich von einem für alle Staatsbürger gleichen Gesetze los 
sagen und die Erfüllung einer heiligen Pflicht mit egoistischem Sinn 
aus ihre übrigen Mitbürger wälzen wollen. Nur in einer gleichen 
und willigen Erfüllung der zur Unterhaltung des Reichs nötigen Gesetze, 
nicht in ihrer eigenmächtigen Deutung oder in beliebigen Ansichten 
kann ich wahrhafte Beweise treuer Anhänglichkeit sinken. Ich gebe 
daher meinem Staatsministerium den Auftrag, allen denen, die den 
gedachten Antrag wiederholten, meine höchste Ungnade zu erkennen zu 
geben, und halte ich die wohlverdiente ernstere Behandlung dieser sträf 
lich erneuerten Vorstellung bloß deshalb zurück, weil ich mich nicht von 
der Hoffnung trennen mag, daß nur in einem kleinen, vielleicht noch 
dazu von einzelnen irre geleiteten Kreise, nicht aber unter allen Ein 
wohnern sich solche egoistische und unbesonnene Vorstellungen bilden 
konnten. Sämtlichen Behörden mache ich cs zur Pflicht, alle nötigen 
Maßregeln zu ergreifen, damit nicht solche unwürdige Gesinnungen sich 
weiter verbreiten, und sind mir nötigenfalls die Urheber derartiger 
Veranlassungen anzuzeigen, damit diese außer ihrer Bestrafung auch 
noch als traurige Ausnahmen von den guten Gesinnungen meines 
Volkes öffentlich bekannt gemacht werden können, da ich cs nie zugeben 
werde, daß die von mir wohlwollend verliehenen Verfassungen zur 
Zersplitterung der Kräfte des Staates und zur Befriedigung unpatrio 
tischer Gesinnungen gemißbraucht werden." 
Die Kartoffel feiert in diesem Jahre ihr 250jähriges 
Jubiläum in Berlin und in der Mark. Das Verdienst, sie ein 
geführt zu haben, gebührt dem großen Kurfürsten. Die ersten Kar 
toffeln wurden in Berlin 1649 im Lustgarten angepflanzt, den Kurfürst 
Friedrich Wilhelm seit 1645 durch den Gärtner Michael Hauff 
wieder herstellen ließ. In den ersten Jahren hat man die Kartoffel 
nicht als Küchenpflanze, sondern als Ziergewächs angebaut. In einem 
Werke, das der bekannte Botaniker und kürsürstlichc Leibarzt vr. Elßholz 
1657 erscheinen ließ, wird die Kartoffel nach als „Lustgartcnpflanze" 
angeführt, 1664 nennt Elßholz sie jedoch bereits cine Küchenwurzel 
und giebt über ihre damalige Zubereitung folgende Auskunft: „In 
den Küchen werden die Kartoffeln vornehmlich aus viererlei Art zu 
bereitet. Erstlich siedet man sie im Wasser mürbe, und wenn sie 
erkaltet, so ziehet mau ihnen die auswendige Haut ab, alsdann gießt 
man Wein darüber und läßt sie mit Butter, Salz, Muskatcnblumeu 
und dergleichen Gewürz von neuem kochen, so sind sie bereit. Darnach 
kann man sie mit Hühnern, Rind- oder Kalbfleischbrühe kochen und ab 
würzen, oder sie auch an Rind- und Hammelfleisch thun. Oder man 
schneidet die abgekochten Tartuffeln in runde Scheiben und bratet sie in 
der Pfanne. Oder viertens man schneidet Zwiebel und Essig daran 
und lasset es also durchbraten." Im Jahre 1682 war die Kartoffel — 
zuerst wurden die roten, dann die weißen Kartoffeln eingeführt — schon 
allgemein verbreitet. In dem „neuen Tischbuch", das in dem letzt 
genannten Jahre erschien, sagt vr. Elßholz von ihr: „Man ißt aber 
diese Tartuffeln teils zur Lust und Veränderung, teils als eine nährende 
Speise, weil sic numehr ziemlich gemein bei uns geworden." Die 
Einführung des Kartoffelbaus ist mit unter die Großthaten Friedrich 
Wilhelms zu rechnen; denn die Kartoffel ist nächst dem Roggen das 
wichtigste Kulturgewächs in unserer Mark und in den östlichen Pro 
vinzen, und über ihren Wert als Volksnahrungsmittcl braucht hier 
kein Wort verloren zu werden. —e. 
Die Besoldung eines Baumeisters. Während in unserer 
Zeit die Auszahlung eines jeden Gehalts in Geld üblich ist, liebte man 
noch im 16. Jahrhundert die Auszahlung der Besoldung in Natur 
produkten. So erhielt im Jahre 1578 der brandenburgische Baumeister 
Gras von Lynar 2 Wispel Weizen, 12 Wispel Roggen, Futter für acht 
Pferde, 250 Tonnen Bier, 2 Fuder rheinischen Wein, 8 Fuder weißen 
Landwein, 1 Fuder roten Landwcin, 6 fette Ochsen, 50 fette Hammel, 
25 tzschafe, 20 Lämmer, 30 Kälber, 30 fette Schweine, 2 Tonnen Häringe, 
2 Tonnen Rotschcer, 20 Schock Schollen, 8 Zentner Hechte, 8 Zentner 
Karpfen, 4 Tonnen Butter, 6 Tonnen Käse, 4 Scheffel Hafergrütze, 
2 Scheffel Hirse, 8 Scheffel Buchweizen, 8 Scheffel Erbsen, 6 Tonnen 
Salz, 1V 2 Schock Gänse, 8 Schock Hühner, 8 Stein Talg, 60 Wispel 
Hafer, Heu und Stroh, außerdem Brennholz je nach Bedarf. Dazu 
kamen noch 1000 Thaler bare Münze, Hofklcidung für acht Personen 
und 100 Thaler zu frischen Fischen, Gewürz und Zucker (letzteres beides 
damals sehr teuer). Als dieser Graf Rochus von Lynar sich durch den 
Neubau des Berliner (Cülner) Schlosses, durch den des Bötzowcr (später 
Oranienburger) Schlosses, durch Verbesserung der Festungswerke von 
Spandau, Küstrin und (dem 1764 geschleiften) Pcitz, durch Anlegung 
voit Pnlvermühlen, Salpctcrsicdcrcien, Salz- und Eisenwerken verdient 
gemacht und viele tüchtige Künstler nach Berlin gezogeti hatte, vermehrte 
der Kurfürst Johann Georg sein Gehalt um 1200 Thaler und ließ 
ihm zehn Jahre lang Jahr für Jahr 3000 Thaler als Ehrengeschenk 
auszahlen. 
Nagler, Nltcnstein und Brymc. — Im Jahre 1810 trat 
Hardenberg wieder an das Steuerruder des preußischen Staates, und 
der Freiherr Karl Stein zum Altenstein, der Staatsrat Karl Ferdinand 
Friedrich von Nagler und Karl Friedrich von Bcyme traten aus dem 
Ministerium. Das erregte allgemeine Zufriedenheit, und die spottlustigen 
Berliner dichteten auf die drei Abgedankten folgendes Spottlied: 
Man nahm einen Nagler an, 
Ter einen Sarg vernageln kann, 
D'rauf setze man als Leichenstcin 
Denn ersten besten Alten Stein, 
lind endlich pflanz' man Bey me d'rauf, 
So steh'» die Toten niemals aus! 
Das Deutsch des alten Drffauers. Als letzter und einziger 
Sohn des Fürsten von Anhalt-Dessau, Johann Georg, und seiner 
Gemahlin, der Prinzessin Henriette von Oranicn, wurde Prinz Leopold 
äußerst nachsichtig und rücksichtsvoll erzogen. Man verschonte ihn mit 
Unterricht außer dem militärischen: nur das notwendigste und die 
franzöjische Sprache wurde ihm beigebracht. Dagegen zeigte sich sein 
Hang zum Soldatenstande schon früh. Desto größer war seine Freude, 
als er, noch nicht neunzehnjährig, zum erstenmale an einem Feldzuge 
teilnehmen durfte. Noch in späteren Jahren schrieb er über diesen 
Eintritt ins Heer in seincni mangelhaften Deutsch: „Es kann cs wohl 
kein Mensch begreifen, als der von Jugend auf so viel Lust zu dienen 
in sein wallendes Herz hat, wie ich beständig in das meinige befand, 
daß ich mir so vergnügt sahe, als ich es mir tausend- und tausendmal 
gewünscht hatte, das Glück zu erleben, was ich anjctzo völlig besaß." 
LcrimNvorllicher Redakleur: vr. M. Folticincuno, Berlin. — Truck und Verlag: Friedrich Schirmer, Berlin SW., Neucuburgcr etinjje 14a.
        
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