Path:
Periodical volume 30.September 1899 Nr, 39

Full text: Der Bär Issue 25.1899

623 
bezw. betn ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts und wurde 
vermutlich von einem wandernden Weber verfertigt. Der Teppich 
befindet sich in dem Besitz einer polnischen Adelsfamilie und stellt 
eine Jagdszene dar: in der Mitte sind die Wappen der lithauischen 
Fürstenfamilien Radziwill und Sapieha eingewebt. Auch bei diesem 
Stück ist die Aufgabe der Wiederherstellung in vorzüglicher Weise 
gelöst. Die Reparatur dauerte bei dem ersten Teppich l*/ 2 Jahre 
(auf eine Arbeiterin berechnet), bei dem zweiten 4 l / 2 Jahre. 
Die Ausbesserung der Gobelins nach erfolgter Reinigung 
geschieht je nach dem Umfange der schadhaften Stellen entweder 
im liegenden Rahmen mit der Sticknadel oder bei größeren zu er 
gänzenden Stücken auf dem Hautelissestuhl in der geschilderten 
Weise. Die Angaben und Entwürfe werden von dem leitenden 
Künstler, Maler Astfalck, gemacht, welcher auch den Mal- und 
Zeichenunterricht erteilt. Die Ausbesserungsarbeiten stellen an den 
Schönheitssinn und die künstlerische Empfindung der Arbeiterinnen 
ebenfalls hohe Ansprüche, und deshalb können zu den schwierigeren 
Stickereien nur wohlgeschulte Kräfte herangezogen werden. 
Die bisherigen Erfolge der Firma lassen erkennen, daß ihr 
Leiter, Wilhelm Ziesch, dem deutschen Kunstgewerbe einen 
großen Dienst geleistet hat, und daß seine Verdienste von den 
maßgebenden Kreisen auch anerkannt werden; denn der Ruf seiner 
künstlerischen Thätigkeit hat sich bereits über die Grenzen des deutschen 
Vaterlandes hinaus verbreitet. vr. Gustav Albrecht. 
m 
j 
peail 
lekoy d 
es ] 
Häp. 
Nepiyßsclopf. 
Von Willibald Alexis. — Aus dem Nachlasse des Dichters herausgegeben von I)r. Max Eivcrt. 
» ber die See war vielleicht der Freund jener alten Strandbewohner; 
sie tummelten sich auf derselben, was ihre herabgekommeucu Enkel 
nicht mehr tl>u», die nur mit Zagen und bei günstigem Wetter znm Fischfang 
in See stechen. Doch der Wald, und solcher Bergwald — denn die 
ganze Insel ist ein kupiertes Hügclterrain — übt seine Schauer auf 
jedes Gemüt. Wenn die Welle überfchlägt, muß der verspätete Wanderer 
die steilen Höben hinaufklettern, was hier mit Gefahr verbunden, dort 
geradezu unmöglich ist. Oben Wald, Gestrüpp und Dickicht, und zwischen 
Vn Hngrlkämmcu Seen, Moorgruud und unsicherer Boden, aber keine 
und der Totcnvogel schlägt an die Scheiben, wenn sie um das Bett 
eines Sterbenden auf seine letzten Atemzüge bang horchen. Ich spreche 
keine Regel aus, aber ich habe de» Fall selbst erlebt. Ein Laudmaiin, 
ein Fischer, der das erlebt hat — und er sollte nicht au einen wunder 
baren Zusammenhang der Natur draußen mit dem Innern im Menschen 
glauben! 
Sie glauben es alle, nur sprechen sie es nicht aus und grübeln 
nicht darüber nach. Jener giiomeuartige Krugwirt im Walde grübelte 
viel; aber das Rechte, was hilft, mußte er docy nicht crgrübcll haben. 
Mvlfr.rtshaulen bei München unter Waller. 
Wege. Laß dich noch heut von der Nacht überraschen, und dein Kutscher 
muß oft von, Wagen springen, um mit der Hand die Räderspureu zu 
suchen. Und solch ein Urwaid im Moudcuscheiu, wenn der Mond durch 
die Buchenkroncu auf das Farnkraut blinkte, das seine breiten Palmeu- 
fächer langsam wiegte, oder sein Strahl schoß nieder auf den tiefen 
schwarzen See, überhangen von düsteren Kiefern — wer hätte da das 
Walten von Natnrgeistern abgeleugnet! Selbst im Zauber einer lauen 
Jnlinacht! Aber in rauhe» Oktobcrnächteu spukt es noch heute wie vor 
Jahrhunderten. Wer sich verspätet hat im Bade, der schließe abends 
sein Ohr. wenn sein Weg ihn durch den Wald führt! Das Geschrei 
der Eulen ist herzerschütternd. Sic flattern um die erhellte» Fenster, 
wenigstens das nicht, was anderen hilft; sonst wäre lein Herr und 
vertrauter Gönner nicht zu Grunde gegangen. 
Aber die Natur läßt sich in ihren ewigen Gesetzen nicht ändern, 
und dahin gehört auch das, daß, wer sein Gut wie der Herr von Mcicn 
bewirtschaftet, untergehen muß. Er war eine Art Wegelagerer. Einen 
Schlächtcrgesellen, der, um Schweine zu kaufen, in seinen Hof gekommen, 
lockte er ins Zimmer, um auf den Kauf einen Trunk zu thun. Aber 
als der Schlächter hinauswollte, war das Thor verschlossen, sein Wagen 
ausgespannt und das Pferd anderswo untergebracht. Er mußte wieder 
hinein und trinken, und sie tranken und plauderten und sangen und 
tranken von neuem, drei Tage laug, bis die graue Nüchternheit sic zum
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.