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Periodical volume 30.September 1899 Nr, 39

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Da werden die kleinen, in geschmackvoller Einfachheit ausgestatteten 
Zimmer im Parterre auf das gründlichste in stand gesetzt. Hier 
hat jedes Mitglied aus dem Gefolge des Kaisers seinen eigenen 
Raum, der zugleich Schlaf- und Arbeitszimmer ist. Die Möbel 
sind durchweg in der Jägerfarbe, einem matten Grün, gehalten. 
Jagdbilder, meist Stiche des berühmten Tiermalers und Kupfer 
stechers Johann Elias Ridinger, schmücken die Wände, grüne 
Teppiche und Läufer bedecken den Fußboden, und durch die spiegel 
blanken Fensterscheiben fällt der Blick auf das Grün des Waldes, 
mit dem sich die Farbe der herbstlichen Landschaft malerisch vereint. 
Reicher ist der ebenfalls im Parterre gelegene Jagdsaal ausgestattet, 
dessen Wände größere Jagdgemälde zieren, während der hoch 
ragende Kamin mit zwei weißen Wildschweinen, Fabrikaten der 
Königlichen Porzellan-Manufaktur, geschmückt ist. Einen besonders 
charakteristischen Schmuck bilden die zahllosen Rieseugeweihe, die 
au der Außenseite der Hauptfront in malerischer Gruppierung an 
gebracht sind. Jedes Geweih trägt den Namen des edlen Tieres, 
dem es einst angehört, und die Bezeichnung des Jahres, in welchem 
es erlegt wurde. Die Hauptfront des eigentlichen Jagdschlosses 
ist bereits so reichlich mit diesen Jagdtrophäen geschmückt, daß auch 
die Außenwand des gegenüberliegenden Kastellanwohnhauses lange 
Reihen davon aufnehmen mußte. Hinter diesem Gebäude steht 
das Haus für die Dienerschaft, dessen einzelne Zimmer für jeden 
der Mitkommenden vorher bestimmt und mit Karten bezeichnet 
werden. Da liest man an einer Zimmerthür auf weißer Karte die 
Bezeichnung: „1 Wagenmeister", auf einer andern „1 Silberdiener", 
auf einer dritten „1 Küchenmeister", und ähnliche. Links vom 
Jagdschloß steht auf grünem Rasen ein kleines Bildwerk, das von 
weitem den Eindruck eines Heiligenbildes oder Bildstöckls, wie mau 
es in katholischen Ländern zu finden pflegt, macht; in Wahrheit 
aber ist es ein dem heiligen Hubertus, dem Schutzpatron der 
Jäger, gewidmetes Denkmal, das auf einer Tafel in bunten Farben 
die bekannte Jagdlegende des heiligen Hubertus mit der Erscheinung 
des kreuztragcuden Hirsches darstellt. Unweit des Jagdschlosses 
stehen die verödeten Fabrik- und Arbeiterwohnräume der ehemaligen 
Cementfabrik Wildau. Der Kaiser hat von dem früheren Besitzer 
Bernoully den ganzen Komplex käuflich erworben, aber noch keine 
Bestimmung getroffen, ob die Baulichkeiten stehen bleiben oder 
abgerissen werden sollen. Und so breitet sich auch hier, wo noch 
vor kurzem geschäftliches, industrielles Leben herrschte, die friedliche 
Poesie des Waldes aus, die nur durch Hifthornklang und Büchsen 
knall unterbrochen wird. 
Der Kaiser liebt es, auf seinen einsamen Pürschgängen durch 
die Schorfheide hier und da einen bestimmten Punkt aufzusuchen 
und dort in stiller Betrachtung zu weilen. Entweder trifft er un 
erwartet im Forsthaus „Stille Wiese" ein, oder er erscheint in der 
Försterei „Spring", beide malerisch am Werbellinsee gelegen, um 
den Bau der neuen Dampferanlegestelle zu besichtigen, welche aus 
schließlich für den Kaiser gebaut wird. Der hohe Jagdherr liebt 
es häufig, seine Streifzüge bis zu dem anderen Uferland des 
Werbellinsee auszudehnen, um auch dort in dem ebenfalls sehr 
wildreichen Belauf Altenhof und Belauf Joachimsthal dem edlen 
Waidwerk zu huldigen. Aber die bisher üblich gewesene Ueberfahrt 
sin Boot war dem Kaiser zu umständlich und zeitraubend, und so 
soll in Zukunft während des Aufenthalts des Kaisers in der 
Schorfheide der Regierungsdampser von Eberswalde durch den 
Finow- und Werbellinkanal auf den stillen Waldsee gebracht 
werden, um dem kaiserlichen Jagdherrn zur Ueberfahrt zu dienen. 
Gern weilt der Kaiser auch an dem schlanken Askaniertnrm an 
der Einmündung des Werbellinkanals in den gleichnamigen See. 
Ab und zu besteigt wohl auch der Kaiser die Plattform des 
Turmes, um von oben einen Blick in das wogende und 
wallende Waldmeer zu werfen, das sich rings in meilenweiter Aus 
dehnung vor ihm erstreckt. Der Askaniertnrm steht jetzt gerade 
zwanzig Jahre an dieser Stelle, wie die folgende Inschrift über 
dem Portal besagt: „Zur Erinnerung an die Askanierburg Wer- 
bcllin 1247—1350 weihcte diesen Turm Prinz Carl von Preußen 
am 2. Oktober 1879." Die Burg Werbellin, wohl auch ein Jagd 
schloß in größerem Stil, war während der Regierungszeit der 
anhaltiuischen Fürsten in der Mark 
ein Lieblingsaufenthalt dieser 
Fürsten. Dort lebten sie nicht 
nur den Freuden der Jagd, sondern 
veranstalteten auch glänzende Hof 
feste, bei denen Minnesänger und 
schöne Frauen eine Rolle spielten. 
Unter den bayerischen Markgrafen 
dürfte die Askanierburg Werbellin 
durch Feuer zerstört worden sein. 
Friedrich Wilhelm IV. war 
es, der unweit des einstigen Jagd- 
und Lustschlosses Werbellin das 
still-bescheidene JagdschloßHubertus- 
stock errichten ließ, das ihm und 
seinen Nachfolgern nur als ruhiges 
Absteigequartier galt, wenn sie sich 
für einige Tage fern von den 
Regierungsgeschäften in die Stille 
des Waldes zurückziehen wollten. 
Bon höfischem Glanz ist nichts 
mehr zu spüren in der poesie 
durchwehten Schorfheide und an 
den Ufern des waldumsäumten 
Werbellinsees. Aber noch immer 
vereinigen sich hier Geschichte und 
Sage mit dem sonnigen Leben der 
Gegenwart, und es giebt wohl in 
der ganzen Mark Brandenburg 
keinen zweiten Punkt, der so wie 
Hubcrtusstock am Werbellinsee das 
charakteristische Merkmal, die 
träumerische Melancholie der mär 
kischen Wald- und Seelandschaft 
darstellt. Die richtige Stimmung 
trifft der märkische Dichter Fritz Eichberg, wenn er in seinem Saug 
vom Werbellin also anhebt und schließt: 
Umrahmt vom dunklen Buchengrün, 
Begrenzt von stillen Bergeshöhen, 
Prangt märchenschön der Werbellin, 
Die Perle uns'rer märk'schen Seen. 
Mit Schilfes grünem Kranz geschmückt, 
Umwoben von dem Duft der Sage, 1 
So liegt er träumend, weltentrückt. 
Ein Zeuge ruhmerfüllter Tage. 
Die frommen Rehe friedlich ziehn 
Zum Ufer nieder von den Hügeln, 
Und stille schwebt am Werbellin 
Frau Sage hin mit sanften Flügeln. 
So wird die Schorfheide am Werbellinsee auch späteren 
Generationen erzählen von vergangenen Tagen, und ihre uralten 
Baumriesen im Verein mit jungen Sprößlingen werden, von keiner 
Axt bedroht, hineinrauschen in künftige Jahrhunderte. 
P. Kunzendorf. 
Bauerngehöft in Wendisch - Drehn«. 
(Zum Artikel „Städte- und Laudschaftsbilder.")
        
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