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Periodical volume 23.September 1899 Nr, 38

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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Kunst und Wissenschaft. 
Thrsier. 
Berliner Theater. Gleich mit seiner ersten Novität hat das 
Berliner Theater seinen ersten Erfolg weg. Das dreiaktige Lustspiel 
„Dolly" von Christiernsson, deutsch von Emil Jonas, ist freilich nicht 
tief angelegt, es weist jedoch eine solche Fülle heiterer Momente auf, 
daß das dankbare Publikum in die heiterste Stimmung geriet und dem 
vortrefflichen Spiel des Ensembles, besonders aber dem der Gisela Pahlen 
als Dolly und Bassermanns als Graf Schütte bei offener Szene reich 
lichen Beifall spendete. Die Fabel des Stückes ist ebenso einfach wie 
unwahrscheinlich und kann mit wenigen Worten wiedergegeben werden. 
Ein vaterloses Kind, dessen Mutter früh verstorben war, wurde zu einer 
anständigen Frau in Pflege gegeben. Das ist allerdings nichts Un 
wahrscheinliches ; weniger glaubhaft ist es indessen, daß ein Maler, der 
selbst noch sehr jung ist, sich des Kindes annimmt und es großzieht. 
Dolly wächst in einem Kreise sehr leichtlebiger Künstler als Lilie auf: 
sie macht die geräuschvollen Sumposicn der bunt zusammengewürfelten 
Künstlerschar mit, ohne Schaden zu nehmen. Mit achtzehn Jahren 
weiß sie noch nicht einmal, was Liebe ist. In Schweden mag das ja 
übrigens möglich sein — das Stück spielt nämlich in Schweden — 
obwohl Dollys dunkle Herkunft beweist, daß Schwedin und Eiszapfen 
nicht gleichbedeutend sind. Eines Tages bricht nun das Verhängnis 
herein. Eine Verwandte des Mädchens reklamiert das freimütige, aber 
unschuldige Ding, die Gräfin Schütte, die wirklich ein Eiszapfen ist, 
oder wie sich Gras Schütte klasfiziercnd ausdrückt, eine Galathcc, was 
indessen nicht paßt, denn nirgends steht geschrieben, daß die griechische 
Statue neben ihrer Marmorkälte auch eine reichlich bemessene Portion 
Frömmelei besessen hätte. Die Gräfin nimmt sich der Dolly an, weil 
diese die Tochter des Grafen Schütte ist. Sie will Dolly „erziehen" 
lassen und bringt sie vorläufig in das gräfliche Haus. Da entspinnt 
sich ein heißer Kampf zwischen der Gräfin und Dolly, die sich sozusagen 
als weiblicher Naturbursch erweist. Schließlich brennt das Mädel 
durch zum Maler und verlobt sich mit ihm angesichts der ganzen 
Gesellschaft. 
Wie man sieht, ist es nicht der Stoff, der heiter stimmt. Christiernsson 
ist jedoch ein guter Beobachter und ein geschickter Theatermensch: er 
versteht es, Humor und Sentimentalität vortrefflich durcheinander zu 
schütteln, so daß die Mixtur ganz gut mundet und ihre Wirkung nicht 
verfehlt. Er beutet die Situation nach allen Regeln der heiteren 
dramatischen Kunst aus, erfteut hier durch chargierte Komik, rührt dort 
durch einige Naivetäten, die für sich genossen süßlich wie Rosinen wären, 
im ganzen aber den Napfkuchen verschönern und schmackhafter macken. 
Außerdem verfügt er indessen wirklich über ein feines dramatisches 
Talent. Der alte Graf Schütte mit seiner argen Vergeßlichkeit und 
seinen Jugenderinnerungen ist, ebenso wie der Malerzigeuner, der nichts 
als Hunde malt, eine prächtige Lustspielfigur, und eine Menge von 
Feinheiten heben das Lustspiel aus dem Niveau der Posse heraus. 
„Dolly" wird voraussichtlich sehr lange das Publikum des Berliner 
Theaters erheitern und rühren, aber an dem Erfolge sind neben dem 
Autor Gisela Pahlen, Basscrmann und Antonie Baumeister, diese in 
der ungenehmen Rolle der hochnäsigen Gräfin Schütte, geborenen 
Ericsen — „einfach Ericsen" — hervorragend beteiligt. 
Deutsches Theater. „Rosmersholm" von Henrik Ibsen wurde 
am 15. September im „Deutschen Theater" zum erstenmal ausgeführt. 
Das Schauspiel ist für Berlin nicht neu, cs ist aber seit seiner aller 
ersten Aufführung im Residenz-Theater weder klarer in seiner Tendenz 
noch sympathischer oder ergreifender geivorden. Es ist wie es ist und 
wird wohl auch im Deutschen Theater trotz der vorzüglichen Darstellung 
keine bleibende Stätte finden. Darüber wird weder Pastor Rosmer 
noch Rebekka West grollen: denn es geht zum Winter, das Wasser im 
Mühlcnteich wird täglich kälter, so daß das Stcherträiikcn täglich un 
angenehmer wird. Die ausgezeichnete Darstellung bewies zur Genüge, 
daß „Rosmersholm" zu den schwächsten Schöpfungen des nordischen 
Meisters gehört, tzuock erat ckswouskrunckuiv. 
Lesfing-Theatcr. Eleonore Düse begann am 16. September 
ihr Gastspiel mit der „Kamelicndamc". Nach der dreihundertslen Aus 
führung des „Weißen Rößl" immerhin noch ein Ereignis, das ver 
zeichnet zu werden verdient. Das „Weiße Rößt" wird dadurch zivar 
in seinem Galopp zur vicrhundertsten Aufführung aufgehalten, aber 
das schadet nichts, es ist eben ein Hindernisrennen. Böse Zungen be 
haupten, einer der Väter des Zugstückes habe gesagt: „Wenn ich geahnt 
hätte, daß mein Weißes Rößl so abgehetzt würde, so hätte ich mein 
Theater an meinen Portier verpachtet." Angesichts der Abverniietung 
des Theaters an die unvergleichliche Künstlerin und ihre Truppe wird 
der witzige Lustspieldichter sich za der Ansicht bekehrt haben, daß sein 
Portier doch nicht genug Geist besessen hätte, — »nt das Geschäft mit 
der Düse glatt abzuschließen. Indessen wie dem auch sei, Berlin hat 
wieder Gelegenheit, die unvergleichliche Künstlerin als Kamclieudamc, 
als Magda in Sudermanns „Heimat" und in neuen Rollen zu 
bewundern. 
Theater des Westens. Die zweite Opernsaison unter Hofpaners 
Direktion hat das Tbeater in der Kantstraße am 15. September mit 
Bazins komischer Oper „Die Reise nach China" eröffnet. Tic Oper ist 
zwar reichlich fünfunddreißig Jahre alt, allein cs war doch ein gliick- 
licher Griff, mit dem sie aus der Vergessenheit hervorgeholt worden ist. 
Da ihre Entstehung in die Zeit der Ueberproduktion fiel, wo Ander 
und Offenbach ihre lustigen Weisen pfiffen, erscheint ihre stille Ab 
geschiedenheit wohl begreiflich. Heute aber im Zeichen der mageren 
Küche ist „Die Reise nach China" ein beachtenswertes Werk geworden. 
Wer Ander kennt, kennt freilich auch Ba,in, allein cs schadet nichts. 
Auch dem Bekannten eines Bekannten drückt man gern die Hand, und 
das Theater des Westens darf es sich als ein Verdienst anrechnen, daß 
es die angenehme Bekanntschaft vermittelt hat. 
Berliner Chronik. 
Am 8. September starb der Verlagsbuchhändler Ferdinand 
Hirschwald, der Mitinhaber des bekannten medizinischen Verlags, im 
71. Lebensjahr. 
Am 8. September starb im Alter von 77 Jahren der Genre- und 
Porträtmaler Professor Wilhelm Amberg. Der Verstorbene, ein 
Schüler von C. Begas, hat sich vorzugsweise als Genremaler aus 
gezeichnet. Die Berliner Nationalgalerie besitzt von ihm das bekannte 
Bild: „Vorlesung aus Goethes Werther". Auf dem Bilde erblickt man 
fünf Backfische, die sich in den schattigen Buchenwald zurückgezogen 
haben, um „Werthers Leiden" zu lesen. In demselben Genre sind die 
meisten Schöpfungen des verstorbenen Künstlers gehalten, von denen 
hier noch genannt seien: „Trost in Tönen" seine junge Dame lauscht 
dem Orgelspiel eines Geistlichen), „Der Fuchs und die Trauben", „Ein 
günstiger Augenblick", „Hand in Hand" und „Beim Forsthause". 
Am 9. September wurde in Berlin die erste Motor-Taxameter- 
Droschke in den Dienst gestellt. 
Am 12. September starb im 55. Lebensjahre der königliche Hof- 
buchhändler und Hofbuchdrucker Jakob Friedrich Wilhelm Mörser. 
Eine Professur für amerikanische Forschungen bei der 
Berliner Universität will der in Paris lebende Herzog Josef Florimond 
von Loubat aus Newyork stiften. Er will der hiesigen Universität ein 
Kapital von mehreren hunderttausend Mark zum Geschenk machen, aus 
dessen Zinsen ein Professor angestellt werden kann, der auf dem Gebiete 
der amcrikanistischen Forschungen als Autorität gilt. 
Nach der „Allg. Fleischerzeitung" wurden im Bctriebsjahre 1897/98 
dem städtischen Vieh- und Schlachthof 211195 Rinder, 856 859 
Schweine, 162 612 Kälber und 674 805 Schafe zugeführt. Der wöchent 
liche Umsatz beträgt über 2 7, Millionen Mark. Gegen 600—700 Eisen 
bahnwagen laufen wöchentlich auf dem Viehhof ein. 
Der Jahresabschluß der Stadthauptkasse von Berlin für 
das Etatsjahr 1898 schließt mit einem Ueberschusse von 7 848 465 Mark 
ab. Ten Einnahmen von 180 770150 Mark stehen 122 926 685 Mark 
Ausgaben gegenüber. 
Der Direktor der Luisen städtischen Oberrealschule Professor 
vr. Bandow tritt mit Ende des Sommcrseniesters nach 50jähriger 
Amtszeit in den Ruhestand. 
Märkische Chronik. 
Beestow. In Beeskow wird am 1. Oktober ein Kriegerdenkmal 
enthüllt. 
Hubertusstock sin der -Schorfheide). Die ehemalige Cementfabrik 
Wildau ist vom Kaiser angekauft worden: dieselbe befindet sich in un 
mittelbarer Nähe des Jagdschlosses. An der Försterei Spring wird 
eine Dampferanlagestellc für den Kaiser errichtet. 
Petershagen. Am 4. September starb der 1823 geborene 
Oekonomierat Hugo Schulz, dessen Grundbesitz über 17, Ouadrat- 
meilen umfaßt. 
Kleine Mitteilungen. 
Am 29. September vor 28 Fuhren starb der berühmte Historien 
maler Theodor Hildebrandt. Der Künstler wartn Düsseldorf eng befreundet 
mit Jmmcrmann, dem Verfasser des „Münchhausen" und der „Epi 
gonen", der die „Zwecklosia" gegründet hatte. Eines Abends gab 
Jmmcrmann folgendes Rätsel auf: 
Wer ist der Mann, vor dem die Majestät 
Und auch der Kinder Unschuld nicht besteht? 
Die Majestät läßt er im Schneee frieren, 
Und thut die Mörder zu den Kindern führen. 
Die Auflösung war damals leicht. Hildebrandt hatte soeben zwei 
Gemälde vollendet. Das eine stellte die Buße Heinrichs IV. in Canossa 
vor dem Papst Hildebrand VII., das andere die Ermordung der 
Söhne Eduards IV. von England durch gedungene Mörder vor. 
Neue Funde in der Mark. Bei Baggerarbeiten in der Spree 
zwischen Lübbenau und Lehde wurden im Anfang September ein 
mittelalterliches Schwert und ein Dolchmesser aus gleicher Zeit auf- 
gcfünden. Die Griffe sind vollständig vernichtet, auch die Metallteile 
stark zersetzt, die Schwertklinge ist aber noch sehr elastisch, weil sie aus 
gutem Material hergestellt wurde. Dieser Umstand, sowie die reichen, 
wenn auch primitiven Verzierungen und der massiv goldene Knopf des 
Schwertkuaufes deuten darauf hin, daß Dolch und Schwert einer an 
gesehenen Person, vielleicht einem wendischen Fürsten, gehört haben. 
Im Juni 1888 wurde in der Nähe der jetzigen Fundstätte ein Ringel- 
panzer gefunden, dessen Brust- und Rückenstück durch goldene Ringe 
verbunden waren. Vermutlich gehört dieser Panzer, auf dessen hohen 
Kunstwcrt damals Prof. Virchow aufmerksam machte, zu den neuen 
Fundstücken und hat mit diesen zusammen einem Besitzer gehört. Die 
beiden Gegenstände sollen für das neubegründete Museum in Lübbenau 
erworben werden. 
Bei einer Exkursion von Pflegern des Märkischen Museums nach 
der Oranienburger Forst (13. August) wurden in Wensickendorf im 
Privntbesitz mehrere Bronzegegenstände entdeckt und für das Museum 
erworben. Die betreffenden Gegenstände, eine schön erhaltene La uzen - 
spitze, eine kleine Zange bczw. Pinzette und ein kleines Bcigefäß, 
waren auf deut sogenannten „Steincrberge", westlich vom Dorfe an 
dem Wege auf Schmachtenhagen zu, beim Steinesuchen gefunden worden. 
Da außerdem verschiedene Scherben von Gefäßen ausgegraben wurden, 
so scheint es sich um einzelne Hügelgräber zu handeln. In Wandlitz, 
einige Kilometer östlich von der cbengcnanntcn Fundstelle, wurden bei
        
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