Path:
Periodical volume 23.September 1899 Nr, 38

Full text: Der Bär Issue 25.1899

607 
Schiffe mit einander verbünde, so rasch nnd sicher schieben sie ihre 
schweren, massigen Rümpfe hierhin und dorthin, kürzen oder er 
weitern hier und dort ihren Abstand von einander, mäßigen oder 
beschleunigen ihre Fahrt, je nachdem ein Signal des Admirals 
dies befiehlt. 
Ein einziger Wille beseelt, eine einzige Hand lenkt und leitet 
all diese gigantischen, feuerschnaubenden Dämonen, die selbst den 
empörten Elementen ungescheut Trotz bieten; ein Schauspiel wahrlich, 
das an Großartigkeit seinesgleichen sucht. 
„Langsame Fahrt — doppelte Kiellinie formieren — Kurs West!" 
Die Uebung ist beendet, langsam rangieren sich die 
Panzer zur Marschformation, und vorwärts geht es, dem Hasen 
entgegen, wo ein — sicher wohlverdienter — Ruhetag den Be 
satzungen winkt. H. de Meville. 
Zur Erinnerung an Franz I. Naunyn. 
er 29. September 1899 ist ein besonderer Gedenktag für die 
Stadt Berlin: vor 100 Jahren erblickte sein langjähriger 
Bürgermeister Franz I. Naunyn, dessen Andenken noch heute in 
der ihm zu Ehren benannten Straße fortlebt, das Licht der Welt. 
Ostpreuße von Geburt, erhielt er seine Schulbildung auf dem 
Rastenburger Gymnasium, dieser Pflanzstätte des Wissens, die so 
viele bedeutende Männer, wie Hippel, Gottschall, und in der Neu 
zeit Professor Eugen Hahn, den chirurgischen Leiter des Kranken 
hauses am Friedrichshain, und Geh. Rat, Prof. Albert Guttstadt, 
für das Leben verbereitet hat. Da die pekuniären Mittel seiner 
Mutter, einer wenig begüterten Beamtenwitwe, nicht hinreichten, 
Franz Naunyn studieren zu lassen, so ging dieser, wenn auch mit 
schwerem Herzen, daran, unter der Leitung seines Verwandten, 
eines Rentamtsvorstehers, die „Schreiberei" zu erlernen. Doch 
seinem hochfliegenden Ehrgeize genügte, besonders wenn er sich mit 
den einstigen Schulfreunden verglich, die subalterne Beamtencarricre 
nicht) er vertraute deshalb seine Zukunftspläne seinen wohlhabenden 
Verwandten an, die, gerührt von des 18jährigen Jünglings 
Streben, ihm halfen, daß er seinen Wunsch, wieder auf die Schul 
bank zurückzukehren, zur Ausführung bringen konnte. Nun kannte 
lein Eifer keine Grenzen, spielend fast überwand er die Oberklassen, 
und es währte nicht lange, bis er die Königsberger „Albertina" 
Zwecks juristischer Studien bezog. Nach glänzend bestandenem 
Auskultator- und Referendarexamen wurde der vielversprechende 
Jurist, dem es jetzt zu statten kam, daß er bei dem Rentamtmaune 
von der Pike auf gedient hatte, als Syndikus in die General 
kommission zur Regelung der bäuerlichen Verhältnisse Ostpreußens 
berufen. Außergewöhnlich schnell zum Regierungsrat in Gum 
binnen avanciert, erscheint Franz Naunyn endlich in der Metropole, 
um sein drittes Examen abzulegen. Und hier in Berlin waren 
es ganz besonders seine Leistungen bei der Terrainregulierung 
des Köpenicker Feldes, welche die Aufmerksamkeit der Bürgerschaft 
auf ihn lenkten und sie bewogen, den inzwischen zum Geheimen 
Regierungsrate ausgerückten Franz Naunyn als Nachfolger Reh- 
feldts am 12. September 1843 zum Bürgermeister von Berlin zu 
wählen. Schon in die erste Zeit der Amtsthätigkeit Naunyns 
fällt die feierliche Einführung der Städteordnung, worüber die 
„Vossische Zeitung" vom 19. November 1844 folgendermaßen be 
richtet: „Die Einführung der Städte-Ordnung fand heute durch ein 
großes Festmahl statt, welches im neugebauten Jagorschen (später 
Milenzschen) Saale abgehalten wurde, der dadurch seine Einweihung 
erhielt." — Als Ehrengäste waren alle Staatsminister, der Ober 
präsident von Medem, der Polizeipräsident von Puttkammer, die 
Staatsminister von Arnim, von Boyen, Savigny, Eichhorn und 
von Bodelschwingh erschienen. Um 3 Uhr ging's zur Tafel. Den 
dritten Toast brachte der Bürgermeister, Herr Geh. Regierungsrat 
Naunyn, in zündenden Worten auf das Wohl Sr. Kgl. Hoheit 
des Prinzen von Preußen und des ganzen Kgl. Hauses aus u.s.w. 
In wie hohem Grade Naunyns gedeihliches, lauteres Streben 
zum Besten aller Einwohner Berlins Würdigung fand, geht sowohl 
aus seiner im Jahre 1856 erfolgten Wiederwahl, wie aus dem 
Nachrufe hervor, welchen Magistrat und Stadtverordnete dem am 
30. April 1860 in voller Rüstigkeit durch einen Schlaganfall aus 
dem Leben Geschiedenen unter „voller und dankbarer Anerkennung 
seines segensreichen Wirkens in allen Zweigen der Verwaltung" 
widmeten. Unter allgemeiner Beteiligung der städtischen wie 
staatlichen Behörden bewegte sich am Morgen des 4. Mai 1860 
ein schier endloser Leichenzug vom Trauerhause, Hollmannstr. 18, 
zur Beisetzung Franz Raunyns nach dem Jerusalemer Kirchhofe 
vor dem Halleschen Thore. An der Gruft gab Prediger,Sydow 
ein tief ergreifendes Lebensbild des edlen Mannes, dem außer der 
untröstlichen Gattin, Julie, geb. Haebler, und seinen Kindern Marie, 
Franz und Bernhard, auch noch sein einstiger akademischer Lehrer, 
der Pandektist Professor Dirksen, Thränen aufrichtigsten Schmerzes 
nachweinten. Die in einem unserer westlichen Vororte heute 
noch dem Erinnerungskulte des teuren Toten lebende Tochter, 
sowie ein Sohn, der zu Straßburg im Elsaß eine Professur be 
kleidet, wandeln auf gleich humanitären Pfaden wie Berlins 
unvergessener Bürgermeister Franz I. Naunyn. 
Emil Goeritz. 
peoilkfoy des JJäi 3 . 
^airja. 
Erzählung von 
(Fortsetzung und Schluß.) m 
junge Eva," wiederholte er, „die aus Laune ihr Naschen in 
® allerlei staubige Folianten steckte, zum Spatz glauben machen wollte, 
daß das Seminar jemals aus ihr eine trockene, eckige Schulmeistert» 
formen könne, uns ksmms «avant«. — Ich habe es Ihnen auch nie 
geglaubt. 
„Mir war's Ernst, Ernst —" 
„Bis Sie sahen, daß das Leben Schöneres bietet als staubige 
Grammatiken. War's nicht reizend, wenn wir uns abends im Nerothal 
begegneten, Sic mit Ihrer Freundin, der blonden, zarten Kleinen mit 
dem sonderbaren Namen, hieß sie nicht Felicitas? — Ich mit nieinem 
Intimus Loxten? Und die Sonntagnachmittage auf dem Neroberg ganz 
hinten! Sie hatten immer eine Heidenangst, bemerkt zu werden. Wenn 
wir selbviert aus einer Düte Kirschen schmausten und dazwischen Schlag- 
sahnebaiscrs. Ich kann beides nicht mehr sehen! Aber damals! Der 
Appetit! — Ja, die Jugend! — Ich habe gewaltigere Freuden erlebt 
seitdem — etwas Reizenderes, harmlos Fröhlicheres als unsere heim 
lichen Picknicks nie, niemals! — Loxten, der arme Schelm, haben Sic 
davon erfahren? Ist nach Amerika gegangen, lange schon. Halte gcjent, 
kuise westkirch. 
m (Nachdruck verboten.) 
Ehrenschulden. Ter Vater wollte nicht mehr für ihn zahlen. Gestorben, 
verdorben. War schade um ihn. Und was ist aus Ihrer Freundin 
geworden, der blonden Felicitas?" 
„In den Rhein gegangen." 
Kurt von Dercnhofe» zuckte leicht zusammen. 
„Deswegen?" 
„Es scheint so." 
„Ja, sehen Sie, er und sie — unbedacht waren sic beide, jung. 
Gleichviel! Es war nicht korrekt gehandelt von Loxten. Das ist immer 
meine Meinung gewesen. In diesem einen Punkte wenigstens hatte ich 
Grundsätze. Und sehen Sie, weil ich nicht wollte, daß es mit uns 
denselben Weg gehen sollte wie mit den beiden, darum kam ich heimlich 
um meine Versetzung ein, und eines Tages war ich aus ihrem Leben 
iveggeschwunden, ohne Abschied — Abschiede sind immer gefährlich! — 
ohne Sentimentalität, mitten im Frohsinn und guter Laune." 
„— Nach einem lustigen Tiner aus dem Niederwald, bei dem Sie 
einen beredte» Trinkspruch auf unsere „ewige Freundschaft" ausbrachten."
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.