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Periodical volume 23.September 1899 Nr, 38

Full text: Der Bär Issue 25.1899

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5. Torpedofahrzeuge. Die Torpedoflottillen setzen sich 
aus den kleinen, leichtgebauteu Booten und den größeren 
Fahrzeugen zusammen, von denen die ersteren nur auf 
die Torpedowaffe angewiesen sind, während die letzteren 
auch leichte Revolvergeschütze zur Vernichtung der feind 
lichen Boote tragen. 
Ueber Bau und Bewaffnung aller dieser Schiffsarten nähere 
Daten zu bringen, behalten wir uns für spätere Zeit vor; für heut 
wollen wir uns damit begnügen, uns die Thätigkeit einiger der 
selben im Geschwader zu betrachten. 
Als einst Englands berühmtester Admiral, Nelson, der „Lord 
vom Nil", auf dem Halbdeck seines siolzen Dreideckers seinen 
Kapitänen die letzten Verhaltungsmaßregeln für die Schlacht gab, 
die den Abschluß seiner Heldenlanfbahn bilden sollte, da sprach er 
unter anderem auch die für jene Zeit charakteristischen Worte aus: 
„Wenn einer von Ihnen während des Kampfes meine Signale 
nicht versteht, so wird er nie einen Fehler begehen, wenn er sich 
dem ersten besten feindlichen Schiffe Bord an Bord legt und es 
entert. — Das Geschützfeuer muß gespart werden, bis wir dem 
Feinde auf Pistolenschußweite gegenüberliegen!" Besser 
kann die Vervollkommnung des Geschützwesens dem Laien nicht 
veranschaulicht werden, als wenn man diesem Befehle die That 
sache gegenüberstellt, daß die „Victvry" Nelsons mit einer Breit 
seite immerhin etwa 600 Kilogramm Eisen in die Seiten ihres 
Gegners warf — auf Pistolenschußweite — und daß dieser trotzdem 
eine ganz gehörige Anzahl solcher Lagen vertrug, ohne kampf 
unfähig zu werden. Ein Linienschiff unserer „Brandenburg"-Klasse 
verfeuert mit einer Breitseite eine Masse von ungefähr 1530 Kilo 
gramm, und wenn mau in Betracht zieht, daß ein Dreidecker da 
maliger Zeit nur etwa alle sechs Minuten eine glatte Lage abgeben 
konnte, so wird der Unterschied zwischen einst und jetzt noch erheb 
lich größer; denn in dieser Zeit würde die „Brandenburg" ihrem 
Gegner schon ein Geschoßgewicht von mehr als 800() Kilogramm 
Stahl entgegenschlendern können. 
„Kiellinie formieren! — Große Fahrt voraus! — Klar zum 
Gefecht!" — 
Lustig flattern die kleinen, bunten Signalflaggen, die der 
Flotte diese Befehle des Admirals übermitteln, in der frischen, 
klaren Morgenluft, und, gehorsam dem Kommando, rangieren sich 
die Schiffe rasch und sicher zu einer langgestreckten Linie, eins im 
Kielwasser des anderen. Schrill klingen die hellen Glocken der 
elektrischen Telegraphen in den Maschinenräumen, und mit aller 
Kraft greifen die mächtigen Schrauben in das Wasser, die riesen 
haften Stahlkolosse mit einer Fahrt von 17 Meilen in der Stunde 
vorwärtstreibend. 
Oben am Deck raffeln die Trommeln den Generalmarsch, 
die schmetternden Klänge der Trompeten mischen sich hinein und ver 
künden, einer alten Sitte zufolge, daß scharf geschossen werden soll. 
Wie eine Horde losgelassener Dämonen rasen die Leute auf 
dies Signal hin plötzlich im Schiffe herum. Sand, Wasser, 
Granaten, Kartouchen, kurz, die verschiedenartigsten Gegenstände 
werden mit einer beängstigenden Geschwindigkeit treppauf und treppab 
befördert, und ein scheinbar völlig regelloses Durcheinander herrscht 
aus dem eben noch so stillen und friedlichen Schisse. 
Aber diese Regellosigkeit, diese Verwirrung ist nur Schein. 
I» Wirklichkeit hat jeder Mann an Bord seine genau be- 
stimmte, eng begrenzte Obliegenheit zu erfüllen, und schon nach 
wenigen Minuten lichtet sich das Chaos. 
Die Geschütze sind geladen, alles, bis in die kleinsten Details, ist 
für das Gefecht vorbereitet, und lautlos, in strammer, militärischer 
Haltung stehen die Leute auf ihren Gefechtsstativnen, der weiteren 
Befehle des Kommandanten harrend. Nur das dumpfe, zitternde 
Dröhnen der mit voller Kraft arbeitenden Maschinen, das Rauschen 
des von dem mächtigen Rammsteven in hoher Bugwelle zur Seite 
geworfenen Wassers unterbrechen jetzt noch die herrschende Stille. 
„Lauffeuer von vorn" ist befohlen, und während auf dem 
oorandampfenden Flaggschiff, welches die Scheibe, ein mächtiges, 
auf den Wogen treibendes Holz- und Eisengerüst, bereits im Schuß 
bereich hat, schon die ersten Geschütze ihr Feuer abgeben, werden 
bei uns noch in aller Eile die letzten Vorbereitungen getroffen. 
Endlich, — die beiden Geschütze des vorderen Turmes, zwei 
stählerne Riesenrohre von über elf Metern Länge, 44 Tonnen 
(a 20 Centner) Gewicht und einem Kaliber von 28 ein haben 
Richtung. Langsam bebt der Bug des Panzers sich auf dem 
Kamm einer laugen Woge, jetzt senkt er sich wieder, und, den 
günstigen Augenblick abpassend, geben die beiden Geschützführer 
Feuer. 
Zwei lange, grelle Feuerstrahlen brechen ans den Mündungen 
der beiden mächtigen Geschütze hervor, weithin über die See rollt das 
dumpfe, donnernde Dröhnen der Schüsse, und mit heulendem, 
pfeifendem Sausen fliegen die Granaten, deren jede ein Gewicht 
von 2,25 Kilogramm repräsentiert, dem Ziel entgegen. 
Sie würden eine schmiedeeiserne Wand von 84 cm Dicke glatt 
zu durchschlagen imstande sein! 
Schlag auf Schlag folgen die übrigen Geschütze. In das 
dumpfe Brüllen der schweren Panzergeschütze mischt sich der kurze, 
helle, scharfe Schlag der Schnelllader, das rasselnde Knarren der 
Revolverkanonen, und binnen kurzem sind die Wogen bedeckt mit 
den Splittern der zerschossenen Scheibe. 
„Konzentrierte Breitseiten!" 
Lautlose Stille folgt plötzlich dem Signal. „Backbordbatterie 
konzentrierte Breitseiten, — Konzentration quer ab — 1200 Meter!" 
ertönen die Kommandos. Alle nicht unbedingt notwendigen Gegen 
stände an Deck sind geborgen und fortgeräumt, damit sie nicht 
durch den fürchterlichen Luftdruck zerstört werden; in den Geschütz 
ständen stehen die Schützen, die Abzugsleine in der hocherhobeneu 
Hand, und beobachten mit gespanntester Aufmerksamkeit ihr Ziel. 
„Fertig!" 
Die Kompaßrosen werden arretiert (festgelegt), und aller Augen 
richten sich nach der Brücke, dem Standort des Kommandanten. 
„Feuer!" 
Ein Meer zuckenden, blitzenden Feuers flammt an der Bord 
wand auf, das ganze, riesige, auS Stahl und Eisen gefügte Ge 
bäude erzittert in all seinen Teilen von der furchtbaren Erschütterung, 
während eine mächtige Rauchwolke Sekunden hindurch alles in 
ihre grauen Schleier hüllt. 
Unabhängig von Wind und See eilen heut unsere Schlacht 
schiffe dahin; nicht Sturm, nicht Windstille, dem Segelkriegsschiff 
unüberwindliche Hindernisse, vermögen mehr den Lauf der stahl- 
gepanzerten, dampsgetriebenen Riesen zu hemmen, und stolz blickt 
der Mensch, der Herr der Schöpfung, von der hohen Kommando 
brücke aus auf die empörten Wogen hinab, die machtlos, in ohn 
mächtiger Wut an dem festgefügten Bauwerke zerschellen, dessen 
scharfer Steven trotzig durch sie hindurchbricht. 
Aber gerade diese Unabhängigkeit in der Bewegung erfordert 
auch gebieterisch eine Meisterhand als Führer für den dahin 
stürmenden Riesen. Ein Fehler in der Ruderleitung, eine plötzliche 
Abnahme in der Dampfspannung in den Kesseln und tausend 
andere Kleinigkeiten können das im Geschwader manövrierende 
Schiff in die gefährlichste Lage bringen, und die Vornahme von 
Uebungen, welche geeignet sind, den Offizieren nach dieser Richtung 
hin Sicherheit und Routine einzuflößen, nehmen demgemäß einen 
beträchtlichen Teil der Manöverzeit in Anspruch. 
Langsam, in enggcschlosscner Kiellinie dampfen die mächtigen 
Panzer dahin. Heulend saust der eisige Rordwest über die See 
daher, sic aufwühlend zu hohen, dunkelgrünen, glasigen Wasser- 
bergen, schaumgekrönten Riesen, die, Vernichtung drohend, gegen 
alles anstürmen, was sich ihrem Laufe entgegenstellt. 
Gleich enternden Piraten erklimmen sie gierig die glatten, 
hohen Bordwände der Schiffe, um als gewaltige Brecher (Sturzseen) 
dumpf dröhnend aus das erzitternde Deck niederzusausen, das bis 
weilen unter einer Flut kochenden, tosenden Wassers fast begraben 
erscheint. Von der dunklen Wolkenbank am Horizonte löst sich 
bisweilen blitzesschnell ein schmaler, grauer Streifen, als eine Bö 
mit Regen und Hagel über die Schiffe hinwegbrausend, und wer 
es irgend kann, sucht unter den Vorbauten am Deck ein geschütztes 
Plätzchen zu finden. Aber dem Admiral ist das Wetter gerade 
recht. Plötzlich, unvermittelt erscheinen einige dunkle Bälle unter 
der Signalraa am vorderen Maste des Flaggschiffes; ein kurzer 
Ruck, und sie entfalten sich zu kleinen, bunten Flaggen, die knatternd 
in der steifen Brise auswehen. 
„Dwarslinie formieren!" heißt das Signal; die blaue 
Antwortsflaggc geht auf den Schiffen des Geschwaders auf, und 
sofort wird das Signal eingezogen, was als Ausführungskommando 
dient. Das Flaggschiff mäßigt seine Fahrt, während die übrigen, 
seitwärts ausschießend, sich neben den Leiter rangieren und so 
schnell wie möglich Richtung und Abstand korrigieren. 
„Aenßerste Fahrt voraus!" 
Eine forcierte Fahrt gegen Sturm und See! Mächtig stampft 
der Bug in die hochgehenden Wogen ein und verschwindet bis 
weilen fast völlig unter Wasser. Bis hinauf in die Masten spritzt 
der salzige Gischt, und furchtbar rollen und stampfen die schweren 
Kolosse in der hohen See. 
Ein Signal jagt jetzt das andere, unaufhörlich steigen die 
ominösen, bunten Fähnchen an den Masten auf und verschwinden 
wieder, nachdem sie ihre Schuldigkeit gethan haben, um anderen 
ihrer Art Platz zu machen. Gleich riesigen, triefenden Ungeheuern 
rasen die Schiffe umher. 
Zurück zur Kiellnie, zwei Kolonnen, — Keil formieren, — 
Schwenkungen und Wendungen nach allen.zweiunddreißig Kompaß 
strichen hin werden befohlen und ausgeführt, und es scheint, als 
ob ein ungeheures System gelenkiger, eiserner Stangen die einzelnen
        
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