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Periodical volume 23.September 1899 Nr, 38

Full text: Der Bär Issue 25.1899

I 
69S 
Sie sah mich groß an. „Nun hört aber Verschiedenes aus!" 
rief sie verwundert. „Ich habe mir immer eingebildet, daß Sie 
die besten Freunde wären —" 
„Man irrt sich bisweilen," versetzte ich trotzig; „doch nun lassen 
Sie uns den Reiseplan für morgen entwerfen — das ist mir 
interessanter als ein Gespräch über Herrn Süßkiud und Konsorten!" 
Wir sind dann am nächsten Morgen nach der „Hohen Sonne" 
und Ruhla weitergewandert und von dort per Bahn nach Fichten 
berg heimgekehrt. Am Sonnabend fahre ich nach Berlin zürück, 
ich bin dann genau vier Wochen hier gewesen — vier kurze 
Wochen nur, und was hat sich alles für mich in diese knappe 
Spanne Zeit zusammengedrängt! O, wäre ich in meiner Ruhe und 
Einsamkeit geblieben, bei meiner lieben Arbeit; langsam, numerklich 
für mich, wäre ich alt geworden, in Frieden und Ruhe des Herzens. 
Nun bin ich noch einmal jung gewesen — jung und vertrauens 
voll und glückselig — und muß mit vielen Thränen diesen Traum 
begraben 
Nein, glaube nicht, daß ich so schwach bin — es ist nur die 
erste Zeit, Agnes, ich will's schon überwinden, wenn ich nur erst 
meine Arbeit wieder habe. Im nächsten Jahre komme ich zu Dir, 
und dann lachen wir zusammen über den thörichten Frühlings 
traum einer angehenden, alten Jungfer — 
Lebe wohl, mein Herz, Du erwartest nun bald Deinen Gatten 
zurück, Gott erhalte Euch Euer Glück! 
Deine bald wieder ganz Verständige. 
IX. 
Am 26. Juli. 
Liebe Agnes, was für eine Mitteilung muß ich Dir heute 
machen! Ich wandle wie im Traume umher und bin kaum im 
stande, mich auf die Abreise vorzubereiten — wie wunderbar hat 
sich alles gelöst! 
Ich schrieb Dir vorgestern mit bitterem Herzen und brennenden 
Augen. Dann biß ich die Zähne zusammen und zwang mich, 
ruhig und heiter zu werden und brachte doch nichts zustande, 
als ein dumpfes Gefühl der Abgestumpftheit. Frau Fascher reiste 
gestern ab — ich hatte mich nicht entschließen können, ihr und 
Fräulein Lilienbeil das Gedicht Haßfurths zu zeigen. Ich ver 
suchte, mich körperlich zu ermüden und so auch seelische Ruhe zu 
erzwingen, forderte irgend eine der Damen im Hause zu laugen 
Spaziergängen auf oder ging stundenlang allein durch die Wälder, 
wenn mich des unfreundlichen Wetters wegen niemand begleiten wollte. 
Heute nachmittag nun sah der Himmel so drohend aus, als 
ich, zum Ausgange gerüstet, in die Veranda trat, daß Fräulein 
Lilienbeil mir ohne ein Wort zu sagen den Schirm aus der Hand 
nahm und mich mit einer ihrer energischen Armbewegungen zwang, 
neben ihr Platz zu nehmen. Sie malte an einer Studie, vor ihr 
auf dem Tische lagen zarte Farne aus dem Walde. Ihr gegen 
über saß Herr Süßkind, der gestern ebenfalls hierher zurückgekehrt 
ist, und arbeitete an seinem Tagebuche. Es wird von ihm mit 
größter Gewissenhaftigkeit geführt und ist ein Gegenstand un 
erschöpflicher Neckereien von seiten der alten Malerin. 
„Sie bleiben jetzt 'mal ruhig hier sitzen!" sagte sie streng; 
„das Unwetter muß gleich losbrechen — ich sehe nicht ein, weshalb 
Sie sich.zum Schlüsse Ihres Aufenthaltes hier noch mutwillig er 
kälten wollen — Sie sehen so wie so nicht mehr halb so frisch 
aus wie vor vierzehn Tagen. Sehen Sie, jetzt gcht's los!" 
Und in der That fegte ein heftiger Windstoß plötzlich über den 
Rasenplatz vor dem Hause und in die Veranda hinein, und zugleich 
fielen die ersten Tropfen. 
Der Wind hatte einen schönen, schlanken Farnzweig vom 
Tische geweht, und als Herr Süßkind und ich uns zu gleicher Zeit 
danach bückten, warf der kleine Mann durch eine ungeschickte Arm 
bewegung das Wasserglas der alten Malerin um. — Die trübe 
Farbenlache ergoß sich über den ganzen Tisch; Fräulein Lilienbeil 
rettete hastig ihr Malpapier, und ich griff nach dem Tagebuche 
des unglücklichen Süßkind, der völlig fassungslos auf der Erde 
hockte und den Farnzweig krampfhaft hochhielt. Einige Tropfen 
waren auf die aufgeschlagene Seite des Buches gespritzt, und 
während ich sie mit dem Tuche auftupfte, hafteten meine Blicke erst 
unwillkürlich, dann mit einer erschreckten Aufmerksamkeit darauf — 
war es ein Gespenst, was da plötzlich vor mir auftauchte? Goft 
im Himmel, diese Schrift kannte ich — mein durch unablässige 
Uebungen geschärftes Auge irrte nicht so leicht — es war Haßfurths 
Schrift, oder vielmehr mit Blitzesschnelle jagten mir die 
Gedanken durch den Kopf. 
Alles war in einer Sekunde geschehen. Herr Süßkind hatte 
sich wieder erhoben und überblickte stumm das Unheil, das er 
angerichtet. Fräulein Lilienbeil hatte ihm den Farnzweig aus 
der Hand gerissen und sich schimpfend mit ihren Malutensilien an 
den nächsten Tisch geflüchtet. Ich klappte das Buch zu und reichte 
es seinem Eigentümer, der es dankend in Empfang nahm und sich 
wieder zu Fräulein Lilienbeil setzen wollte. Sie wehrte sich aber 
mit großer Entschiedenheit dagegen und verbat sich so energisch 
jede fernere Gemeinschaft mit uns, daß der arme kleine Kerl 
demütig einen möglichst weit entfernten Platz in der jetzt fast ganz 
menschenleeren Veranda wählte. 
Ich folgte ihm entschlossen — ich mußte Gewißheit haben! 
„Herr Süßkind," sagte ich, indem ich mich zwang, ganz ruhig zu 
sprechen, „erlauben Sie mir einen Blick in Ihr Tagebuch? — 
Rur die Aufschrift möchte ich sehen," setzte ich schnell hinzu, als 
ich seinem erstaunten Blick begegnete. „Ich interessiere mich sehr 
für Handschriften." 
Er schlug geschmeichelt die erste Seite auf und überreichte mir 
galant das Buch. 
„Auf dem Wege zur Vollendung! Erlebnisse und Gedanken 
von Feodor Süßkind", las ich laut. Dann legte ich das Buch 
auf den Tisch nieder — es war dieselbe Schrift! — und sah ihn 
durchdringend an. 
„Haben Sie das selbst geschrieben?" fragte ich herrisch. 
Maßlos erstaunt blickte er mich an. „Aber natürlich, meine 
Gnädigste, wer denn sonst?" 
„Nicht Herr Haßfurth, Ihr Vetter?" 
„Nein, wie sollte er?" Die runden Aeuglein des kleinen 
Mannes öffneten sich weit. 
„Dann," sagte ich ruhig, mit einem tiefen Atemzuge, „dann 
haben Sie auch neulich das Gedicht für ihn kopiert und die 
Begleitworte auf seiner Visitenkarte geschrieben!" 
Sein Erstaunen verwandelte sich in tödliche Verlegenheit; 
stotternd fragte er: „Aber, gnädigstes Fräulein, was denken Sie?" 
„Sie können sich denken, daß ich mich darüber wundere!" 
versetzte ich. 
„Ja, wenn er doch aber nicht selber schreiben konnte!" rief 
Süßkind eifrig. „Wenn er doch den rechten Arm im Verbände 
hatte! Gerade quer über die rechte Hand geht ihm ja der dumme 
Säbelhieb! Wochen kann es dauern, bis er wieder eine Feder 
in die Hand nehmen kann, hat der Doktor in Eisenach gesagt; 
der niederträchtige Pole —" 
„Der Pole!" schrie ich auf und sank halb ohnmächtig auf 
meinen Stuhl zurück; bis dahin hatte mich die unsägliche Spannung 
aufrecht erhalten; ich fürchtete, eine Bewegung von mir könnte den 
kleinen Schwätzer daran hindern, seine Ausplaudcreien fortzusetzen. 
Durch meinen Ruf kam er auch sofort zur Besinnung und sah 
mich höchst verdutzt an. Erst jetzt fiel ihm anscheinend ein, was 
er gethan hatte. Er erhob sich mit dunkelrotem Gesicht, verlegen 
stotternd, und wollte ins Haus flüchten. Ich legte aber schnell 
meine Hand auf seinen Arm und sagte nachdrücklich: 
„Nun Sie so viel gesagt haben, Herr Süßkind, müssen Sie 
auch alles sagen. Ich gelobe Ihnen unverbrüchliches Stillschweigen." 
„Das hatte ich ja auch meinem Vetter gelobt!" rief er 
kläglich; ich konnte mich trotz meiner großen Aufregung nicht ent 
halten, zu lächeln. Jämmerlichen Tones fuhr er fort: „Und nun 
ist mir's doch herausgeflogen! Ich war aber auch zu verblüfft, 
als Sie meine Handschrift wiedererkannten! Sehen Sie, gleich 
damals auf dem Sommerfeste hat der Pole Streit mit meinem 
Vetter gehabt!" flüsterte er wichtig; „was es eigentlich war, weiß 
ich nicht, Franz sagte etwas von einem Dispute über Musik. 
Als Sie alle vor dem Gewitter flüchteten und wir Herren zurück 
blieben, nahm er mich bei Seite und sagte mir, daß er am nächsten 
Tage ein Duell haben würde, und daß er niemand zum Sekundanten 
hätte als mich. Es war mein erstes Duell!" schaltete der kleine 
Mann aufgeregt ein. „Der Pole war gleich in der Nacht ab»
        
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