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Periodical volume 16.September 1899 Nr, 37

Full text: Der Bär Issue 25.1899

Leipheim nteldcn sollte. Ta er aber dein Leutnant verdächtig vorkam, 
ließ ihn dieser auf dem Wege dahin zu sich auf den Wagen steigen. 
Der Rekrut suchte zu entspringen und schrie, als mehrere Bauernwagen 
vorbeifuhren, aus vollem Halse. Herr von Heyden steckte ihm, um ihn 
am Schreien zu hindern, ein Tuch in den Mund und zog es erst wieder 
heraus, als sämtliche Bauernwagen vorüber waren. Aber der Rekrut 
war mittlerweile erstickt. Schnell stellte Herr von Heyden Wieder 
belebungsversuche an, aber sie waren umsonst, und es blieb ihm nichts 
weiter übrig, als den Leichnam bei Eintritt der Nacht mit Hilfe des 
Postillons im Walde zu verscharren. Diesen Vorfall erzählte der Postillon 
seiner Geliebten, die Köchin bei Herrn von Heyden war. Diese plauderte, 
der Magistrat von Ulm erfuhr davon, lieg den Leutnant einziehen und 
machte ihm den Prozeß. Bei der Entrüstung, die in Ulm wegen dieser 
Frcvelthat herrschte, war zu befürchten, daß man den Gefangenen aus 
hängen würde. Friedrich der Große legte sich nun ins Mittel, seinen 
unglücklichen Offizier zu retten. Er erhielt aber nur unbestimmte Ant- 
worten und beschloß, eigenmächtig vorzugehen. Der General von Zicten 
mußte ihm einen tüchtigen Ossizier seines Regiments vorschlagen, der im 
Stande wäre, seinen Kameraden zu befreien. Zielens Wahl fiel auf den 
Rittmeister von Seelen. Der König war darüber erstaunt, denn er kannte 
den Rittmeister nur als einen ruhigen, bescheidenen, zurückhaltenden 
Menschen, doch gab er nach, und in der Folge zeigte cs sich, daß Zielen 
recht gehabt hatte. Nachdem Herr von Seelen das Terrain sondiert hatte, 
machte er durch Vermittelung des preußischen Residenten dem Könige 
mehrere Vorschläge. Er wollte, durch ein recht grob gehaltenes, könig 
liches Schreiben auf den Magistrat einwirken oder den Obervogt von 
Leibheim, einen geborenen Ulmcr und Sohn eines Ulmer Stadtältesten, 
aus österreichischem Gebiete, das nahe an Ulm grenzte, entführen' alles 
dies fand den Beifall Friedrichs des Großen nicht. Zielen mußte einen 
Befreiungsplan ausarbeiten, den er genehmigte und dem Herrn von 
Seelen nach Ulm sandte. Der Leutnant von Heyden saß in einem 
hohen, an der Donau gelegenen Turm, streng bewacht von einem Feld 
webel, einem Korporal und 18 Grenadieren, von denen stets zwei vor 
seiner verschlossenen Thür, zwei an der Treppe und einer auf dem Hofe 
standen. Letzterer beobachtete des Nachts den Hof ans einem neben 
dem Gefängnis des Leutnants liegenden Fenster. Herr von Seelen 
ging trotzdem ans Werk. Er gewann einen Stadtlcutnant, wußte seinem 
Kameraden eine mit Schcidcwasser gefüllte Flasche in die Hände zu 
spielen, um damit das Eisengitter zu bestreichen, verschaffte sich den Ab- ‘ 
druck des Schlüssels zur Hofthür und ließ danach in Nürnberg einen 
Schlüssel fertigen, und seine als Bediente und Jäger verkleidete Husaren 
mußten eine Strickleiter drehen. Ein bestochener Schiffer wartete mit 
einem Kahne am Donauufer in der Nähe des Gefängnisses, ein Wagen 
am anderen Ufer. Die verabredete Nacht kam. Anfangs glückte alles. 
Aber als Herr von Heyden die Strickleiter bestieg, hörte die am Fenster 
danebenstehende Schildwache ein Geräusch und bemerkte, daß sich dunkle 
Gestalte» im Hose bewegten. Sofort gab sie einen Schuß ab, der sein 
Ziel verfehlte, durch das Fenster eines Seitengebäudes fuhr und dort 
eine im Bette schlafende Frau tödtcte. Unterdessen eilten Seelen und 
Heyden an das Donauufer. Aber hier war kein Kahn zu entdecken,' 
der Schiffer war, als er den Schuß fallen hörte. Hals über Kopf davon 
gefahren. Es gelang dem Rittmeister von Seelen, den befreiten Ge 
fangenen in seiner eigenen Wohnung zu verbergen. Der Ulmer 
Magistrat ließ den Entflohenen in der Umgegend, und als sich da keine 
Spur von ihm fand, in der Stadt suchen. Auch die Wohnung Seelens 
sollte visitiert iverden, aber er wußte sich dem mit einer so hobcilsvollen 
Miene zu widersetzen, daß der Magistrat wieder an einen inkognito 
reistcndcn Fürsten erinnert wurde und ehrerbietig davon abstand. 
Seelen verbarg dann seinen Kameraden in dem großen Magazin eines 
in Nürnberg gebauten Reisewagens, und brachte ihn glücklich auf Neben 
wegen nach Potsdam, wo ihn der König sehr, gnädig empfing. 
Vereins-Nachrichten. 
„Vrandrnburgia", Gesellschaft für Heimatkunde 
der Provinz Brandenburg zu Berlin. 
8. s3. ordcntl.) Versammlung des VIII. Vercinsjahres Mittwoch, 
den 27. September, abends 7% Uhr, im großen Sitzungssaale des 
Vrandcnburgischen Ständehauscs, Matthäikirchstraße 20,-21. Kleinere 
Vorlagen und Besprechungen. Vortrag des Herrn Dr. Gustav Albrecht: 
„Tie Schweden in der Mark (Erinnerungen und Denkmäler)". Nach 
der Sitzung freie Vereinigung im Schultheiß-Ausschank, Potsdamer- 
straße 13. 
Als Mitglied ist aufgenommen: Herr Rats-Zimmermcister Wilhelm 
Küster, N., Greifswalderstraße 6. Zum Eintritt sind angemeldet: Fräu 
lein Bergljot-Goltdammer, stöbt. Lehrerin, N., Wcißenbnrger- 
straßc 52. Einführende: die Herren E. Friedet und Thorner. Herr 
Paul v. Studnitz, Charlottenburg, Charlottenburger Ufer 3d. Ein 
führende: die Herren Burkhardt und Pniower. Ter Schatzmeister Herr 
Ritter ist bereu, rückständige Mtglieder-Bciträge in Empfang zu nehmen. 
Märkisches Provinzial-Musrmn. 
Wanderfahrt der Pflegschaft. 
Am 3. September fand eine Exkursion der Pflegschaft des Märkischen 
Museums unter Leitung des Geheimrats E. Friede! nach dem Schar 
rn üpelsee und dem Gräberfelde bei Wilmersdorf im Kreise 
Beeskoiv-Storkom statt. 
Von Fürstenwalde ging die Fahrt über Ketschendorf und Langewahl 
auf der Chaussee nach Alt-Golm, von wo aus ein Feldiveg in der 
Richtung auf den Scharmützelsee eingeschlagen wurde. Durch dürftige 
Kiefernheide gelangte man über die Brandstätte des Vorwerks Annenhof 
nach dem am Ostuser des Scharmützelsees idyllisch gelegenen Dorse 
Pieskow. Hier wurde zunächst die alte Kirche besichtigt. Sie ist teils 
aus Fachwerk, teils ans Ziegeln errichtet und ringsum mit einer Blend- 
maucr aus Ziegeln bekleidet,' der Grundriß ist einfach rechteckig, die 
Chorseite durch drei Seiten aus dem Achteck geschlossen. Die Kirche ist 
auf den Grundmauern der früheren Feldsteinkirchc erbaut und stammt 
vermutlich aus dem 17. Jahrhundert; auf der westlichen Dachecke erhebt 
sich ein niedriger Aachwerkturm mit einem geknickten Wetterhahn aus 
der Spitze. Dieser Glockcnturm enthält zwei Glocken, eine neue kleinere 
aus dem Jahre 1851 und eine größere, welche die Inschrift hat: 
306lll.il V. LOSOHE88ANT — LVDEWICH BOCKHOLTZ ME 
FECIT 1623. Diese Glocke ist das einzige Erinnerungsstück, welches 
sich an die ehemaligen reichbegüterten Besitzer von Pieskow, die Herren 
von Löschcbrand, im Dorfe findet. Das Innere der Kirche, welches 
sehr nüchtern und einfach ist, enthält außer einem geschnitzten Altar und 
einem alten Taufstein nichts von Bedeutung. Kanzel, Gestühl und 
Emporen sind einfach grau gestrichen und ohne bildliche Verzierung. 
Der Altar, welcher laut Inschrift Anno Obristi 1661 die 24 Augusti 
errichtet und am 1. September geweiht wurde, zeigt drei von gedachten 
Säulen eingefaßte, offene Nischen, deren mittelste den gekreuzigte» Heiland 
und die knicenden Gestalten des Johannes und der Maria enthält, während 
in den beiden seitlichen Nischen Petrus mit den Schlüsseln und Paulus 
mit einer Hellebarde stehen. Die etwa 1 Meter hohen Figuren sind 
gut ausgeführt, ebenso die kleineren Gestalten der vier Evangelisten, 
welche sich mit ihren Attributen auf dem Deckbalken erheben. Ein 
verblaßtes Gemälde des Abendmahls in der Predella und eine Grab 
legung im oberen Teile der Hinterwand bilde» den weiteren Schmuck 
des Altars, der außerdem mit Blattornamenten und Löwenköpfen 
verziert ist. Eine Inschrift an der Seite des Altars nennt als Ver 
fertiger den Maler Daniel Schultz aus Colbcrg in Pommern. 
Tie andere interessante Rarität der LÜrchc ist ein Taufstein von ge 
drungener Kelchform, welche auf ein hohes Alter hinweist. Leider ist 
der Taufstein durch einen dicken Belag von Kalk überkleistert, so daß 
man nicht entscheiden kann, ob er aus Ziegeln ausgemauert ist oder 
aber aus Sandstein besteht; vermutlich ist das letztere der Fall und der 
Äalkbclag verdeckt vielleicht ein interessantes Werk mittelalterlicher 
Steinmetzkunst. 
Für die Geschichte von Pieskow findet sich also nichts von Be 
deutung in der Kirche, auch sonst scheint nian im Torfe nichts darüber 
zu wissen. Schon Theodor Fontane, der in seinem „Spreeland" 
(Ausg. v. 1892 S. 29 ff.) der Kirche von Pieskow eine längere Be 
trachtung widmet, beklagt- sich darüber, daß er nichts gefunden habe. 
Er weiß aber doch mancherlei von den Löschebrands und ihrem Reichtum 
zu erzählen. Rings um den See gehörten ihnen die Dörfer und die 
Waldungen, und auch der See mit seinem Fischreichtum war ihr 
Eigentum, aber seit Anfang dieses Jahrhunderts sind die Löschebrands 
vcrschivunden und nur in der Erinnerung des Landvolkes lebt ihr An 
denken fort. Pieskow gehörte den Löschcbrands seit dem 16. Jahr 
hundert und im Jahre 1554 erwarben sie auch die Wassermühle von 
den Hobccks zu Falkenbcrg durch Tausch. Bis gegen 1810 war das 
Gut in ihrem Besitz, um 1850 ist Gustav von Kuhlwein Besitzer des 
selben und zur Zeit gehört es einem Herrn Herbig. Die erwähnte 
Picskower Mühle, jetzt Thcrefienhof genannt, ist eine prächtige Be 
sitzung mit herrlichen Parkanlagen und einem kleinen Herrenhaus mit 
kostbaren Möbeln; sic gehörte eine Zeit lang der bekannten Berliner 
Schauspielerin Ernestine Wcgencr. 
Hinter Theresienhof befinden sich einige Mergelgruben, welche 
interessante „Aufschlüsse" enthalten, indem hier neben dem Diluvium 
das Tertiär offen zu Tage tritt. Aehnliche Erscheinungen finden sich 
in noch ausgeprägterem Maße in den Thongruben bei Silberberg auf 
der Westseite des Scharmützclsecs, und diese Beobachtungen haben den 
bekannten Geologen, Oberlehrer Dr. Zache, der auch an der Excursiou 
teilnahm, veranlaßt, neue Erklärungen bezüglich der Entstehung des 
Scharmützclsees aufzustellen. Da das Seenfcr rings um den See aus 
Diluvium besteht, während sich auf den Anhöhen Tertiär findet, so 
nimnlt Dr. Zache an, daß der Scharmützelsee ein „Graben" ist, d. h. 
ein Stück Erdrinde, welches herabgcsuuken ist, während in seiner 
weiteren Umgebung die Erdrinde stehen blieb. Man hat es also hier 
mit einer sogenannten „Verwerfung" zu thun, bei welcher die Kräfte, 
die in der Erdrinde thätig sind und sich beispielsweise im Erdbeben 
offenbaren, noch in jüngster Zeit eine Umformung der Erdoberfläche 
zustande gebracht haben. ' Diese Beobachtungen Zaches sind von großer 
Bedeutung und werden sicherlich ein ganz neues Licht auf die Geologie 
der Mark werfen, denn bisher nahm man an, daß bei der Thal- und 
Scenbildung in der Mark ganz allein die Schmelzwässer des großen 
Inlandeises eine auswaschende Thätigkeit ausgeübt haben, während 
nunmehr den Kräften im Erdinnern ein bedeutender Anteil dabei zu 
geschrieben wird. 
Von Thcrefienhof aus verfolgte man den Fahrweg am Ufer entlang 
bis Diensdorf, wo eine längere Raft gemacht wurde. Bei Diens- 
dorf genießt man einen hübschen Ueberblick über den nördlichen Teil 
des Scharmützclsecs bis nach Saarow und Pieskow hinüber und auf 
die gegenüberliegenden steilen Sandhöhen bei Silberberg. Noch schöner 
wie vom Ufer aus ist der Blick von den Höhen hinter Diensdorf, den» 
nun sicht man den See tief unten liegen, und ringsum steigen die 
teils bewaldeten, teils sandigen Hügelrückcn ans, und schließen die 
blaue Flut mit den an den Ufern liegenden Ortschaften ein. 
Von Diensdorf ans begab man sich in östlicher Richtung über 
Hartensdorf nach dem Gräberfeldc bei Wilmersdorf, wo verschiedene 
zerbrochene Gesäße und viele verzierte Scherben, die dort herumlagen, 
gesammelt wurden. Von der Begräbnisstätte, die an dieser Stelle mehr 
mals erwähnt worden ist (vergl. S. 466 und 547 dieies Jahrgangs), 
erfolgte die Rückfahrt über Pfaffendorf, Alt-Golm und Ketschendorf 
nach Fürstenwalde. Dr. Gust. Albrecht. 
Verantwortlicher Redakreur: Dr. M. Folticineano, Berlin. — Drua und Verlag: Friedrick Schirmer, Berlin SW., Reuenburger Stratze 14a.
        
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